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(c) Pester Lloyd / 46 - 2010 KULTUR 15.11.2010
Puppenblut und Mickey Mouse
Die Faszination des Banalen: der Art Market Budapest
Zeitgenössische Künstler, auch in Ungarn, sinnieren in ihren Werken über die zentralen Fragen des Menschen, seinen Lebenswelten und seinem
Streben.Ausschnitte davon waren am Wochenende auf dem Budapester Art Market im Krisztina Palast zu sehen, Ungarns einziger Messe, welche sich ausschließlich
zeitgenössischer Kunst widmet und eine Art Vorbote der Art Fair Budapest Ende des Monats ist.
Insgesamt 13 Galerien präsentierten die Werke ihrer Künstler in jeweils durch
aufgestellte Trennwände separierten Bereichen in der 3000 m² großen Halle des Krisztina Palastes und gaben den Besuchern so einen Eindruck darüber, wie junge
moderne Kunst in Ungarn aussieht. Gezeigt wurden aufwühlende, ästhetische und kritische Bilder, Collagen, Fotografien, Videos, Skulpturen und Modelle, die für Preise
zwischen 30 000 und über 1 Million Forint (zwischen 100 und 4000 Euro) erworben werden konnten.
Alle die nur schauen wollten, konnten
sich manche der Bilder als Postkarten mit nach Hause nehmen, auch das Fotografieren war erlaubt. Einige Galerien boten für einen Unkostenbeitrag Katalogbüchlein mit
Hochglanzfarbfotos ihrer Stücke an. Die Künstlerin Anna Gyurkovics erübrigte diese Notwendigkeit durch den Hinweis auf die kostenlose Verfügbarkeit ihrer realitätsabbildenden, ungeschönten
Halbakte auf der Onlineplattform flickr.com. Bei den ausgestellten Fotografien stand generell die authentische Darstellung des Menschen im Vordergrund, sichtbar gemacht in
verschwommenen Szenen fremder Lebenswelten, in denen die Abgebildeten dem Betrachter scheinbar näher gebracht werden, als es durch eine Biografie je möglich
wäre. Ein heimlicher Blick durchs Fenster des Nachbarn. Banales wird mit einer Offenheit und Intimität widergespiegelt, wie sie sich in der Öffentlichkeit abseits der
künstlerischen Darstellung nicht mehr vorfinden lässt.
Puppenblut und Mickey Mouse
So auch in Evi Oravecz Serie halbdunkler,
diffuser Aufnahmen orientierungsloser junger Menschen bei Nacht mit dem treffenden Namen „We should sleep“. Farbenfroher und plakativer wurde es auf Donát Kékesis
amüsanten und zugleich nachdenklichen Abbildungen entstellter Spielzeugpuppen mit Blutflecken und Zigarette im Mund. Provokant waren auch die überdimensionalen, an Werbe-
und Filmplakate angelehnten Druckwerke von Kriszta Nagy, auf denen die 38-jährige mitunter selbst zum dargestellten Objekt wird, eines davon gespickt mit handgeschriebenen,
kritischen Botschaften an Premierminister Orbán. Im letzten Jahr sorgte die durch die Godot Galerie betreute Künstlerin mit ihrer „kleinen ungarischen Pornographie“ für Aufsehen.
Die einzige Landschaftsmalerei der Ausstellung wurde von der Viltin Galerie mit den
Ölbildern Lehel Kovács´ präsentiert, wobei auch die Intention dieser von nächtlicher Dunkelheit durchzogenen Motive nicht im reinen schönen Anblick lag. Neben
Druckerzeugnissen, Fotografien und Gemälden gab es auch einige Skulpturen zu begutachten, unter anderem im Innenhof des Krisztina Palastes. Bei der Materialauswahl
waren hier keine Grenzen gesetzt, von einer Variation verschiedener Metalle, über Plastik und Textil bis hin zu Streichhölzern. Bei den Collagen überwiegten wie bei der
generellen Auswahl bunte und lebhafte Darstellungen, mit Einflüssen rebellischer Street Art und trivialer, alltagskultureller Pop Art-Elemente. Exemplarisch hierfür waren die aus
Mickey Mouse, Markensymbolen und neonfarbenem Plüsch zusammengesetzten Werke der in Deutschland lebenden Viola Boros, betreut durch die Saatchi Galerie.
Aussagekräftige Kunst in würdigem Umfeld
Die Atmosphäre im Krisztina Palast war ganz im
Sinne einer umfassenden Betrachtung und Interpretation der vorgeführten Objekte. Leise Musik, anregende Getränke, eine Kinderspielecke verströmten eine Athmosphäre, die zu längerem
Verweilen einlud. Für Fragen oder nähere Informationen standen die Galeristen, welche sich an kleinen Tischen oder in den breiten
Fensterbrettern inmitten ihrer Stücke niedergelassen hatten, persönlich zur Verfügung. Damit gab der Budapester Art Market einen aufschlussreichen Abriss zeitgenössischer
Kunst, der das Interesse an Ungarns künstlerischen Potentialen weckt und damit einen vielversprechenden Vorgeschmack auf die vom 25. bis zum 28. November stattfindende
Budapester Art Fair, die größte Kunstmesse des Landes, gibt. www.budapestartfair.hu
Luisa Stock
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