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(c) Pester Lloyd / 46 - 2010 BUDAPEST 18.11.2010
Heilen, Planschen und Parlieren
Das Széchenyi Bad: Flaggschiff einer speziellen Budapester Stadtkultur
Dampfschwaden in der Dunkelheit, Statuen, die das Wasser und die Badegäste bewachen und ein palastartiges Gebäude in Gelb und Weiß, das die Außenbecken
umschließt. Männer, die im dampfenden Wasser Schach spielen und Jugendliche, deren Treffpunkt das Thermalbad ist, dominieren, die Szenerie. Ganzjährig
geöffnet ermöglicht das Széchenyi-Thermalbad das Schwimmen bei strahlendem Sonnenschein oder pulvrigem Schnee.
Die Stadt der Bäder
Das Stadtbild Budapests wird nicht nur von architektonischen Meisterwerken wie dem
Parlament, der Burg sowie Kirchen und Synagogen geprägt, auch die diversen Heil- und Thermalbäder leisten einen wichtigen Beitrag zur Lebensqualität und zum Tourismus in
der ungarischen Hauptstadt. Budapest kann sich so als größte Kurstadt Europas bezeichnen, denn es verfügt über 120 Quellen, deren heißes Wasser mehr als zwanzig
Bäder speist, die nicht nur der Gesundheit guttun sondern mit ihrem stilvollen, pompösen Auftreten und ihrer langen Historie auch Auge und Geist erfreuen und Teil des
sozialen Lebens, der Budapester Stadtkultur sind.
Zwischen Prunk und Schach
Prunkvoll und pompös, reich verziert in hellem Gelb und weißen Ornamenten wird der
Badbesucher vom Széchenyi-Jugendstilbad erwartet, ruhig und erhaben gelegen inmitten des Stadtwäldchens. Die mit Säulen verzierte Eingangshalle und deren kunstvoll und
detailverliebt bemalte Kuppel erwecken hohe Erwartungen, denen das Innere des Thermalbades mit Leichtigkeit gerecht wird. Der Innenhof wird vom
neubarock-beeinflussten Gebäude umsäumt, die Wände sind geschmückt mit Stuck und weißen Skulpturen, die die Badenden zu bewachen scheinen.
Die in den Außenbecken angebrachten
Schachtische sind immer besetzt, sodass das Reiseführer-Klischee des im Wasser sitzenden Schachspielers gelebte Wirklichkeit wird. Als erstes Heilbad Budapests und größtes Europas besteht
das Széchenyi-Bad aus Schwimm- und Spaßbad mit Thermalwasser und ambulanter Klinik. Ganzjährig geöffnet und mit angenehmen Temperaturen von fast vierzig Grad erlauben drei
Außenbecken das Verweilen bei Kälte, Dunkelheit und Schnee, verschiedene Becken mit unterschiedlichen Temperaturen sorgen für Abwechslung.
Antike Badekultur
Die Geschichte der Thermalbäder in
Budapest ist alt, so alt wie das Römische Reich. Schon in Aquincum, dessen Ausgrabungsstätte heute vor den Türen Budapests zu besichtigen ist, gab es im zweiten Jahrhundert mehr als
zehn Thermen. Zusammen mit dem Römischen Reich untergegangen, erlebte die Badekultur durch die Besetzung der Türken im sechzehnten und siebzehnten
Jahrhundert einen Aufschwung und lebt bis heute in den türkischen Bädern weiter. Ende des neunzehnten Jahrhunderts nahm die Art und Weise des Badens eine Wende, als
palastartige Bäder wie das Géllert- oder Széchenyi-Thermalbad erbaut wurden.
Heißes Quellwasser ermöglicht riesigen Badekomplex
Nachdem der Bergingenieur Vilmos Zsigmondy sich 1866 sicher war, im Stadtwäldchen
artesische Brunnen mit Thermalwasser gefunden zu haben begannen 1868 Bohrungen, die zehn Jahre anhalten und fast einen Kilometer tief gehen sollten. Als der artesische
Badekomplex schließlich 1881 eröffnen konnte, sollte er zunächst nur temporär sein, erfreute sich mit der Zeit aber immer größerer Beliebtheit, wurde zum Heilbad
erweitert und schließlich abgerissen um ein komplett neues, für die ungarische Hauptstadt adäquates, Badehaus nach den Plänen von Győző Czigler zu errichten.
Als das Heilbad als erstes in Pest 1913 in Betrieb genommen wurde bestand es aus
mehreren Komplexen: Neben den Privatbädern gab es sowohl Dampfbäder als auch Volksbäder die geschlechtlich getrennt waren aber nicht genügend Gewinn
erwirtschafteten, weswegen eine zusätzliche Erweiterung des Széchenyi-Thermalbades erwogen wurde. 1927 eröffnet hatten fast 4000 Badegäste Platz in acht Thermalbädern,
14 Salonbädern, mehreren Freibädern und Volksbädern und über 30 Wannenbädern die nicht nur zum Schwimmen sondern auch für Wasser- Schlamm- und Kohlensäurebehandlungen genutzt werden konnten.
Von anhaltenden finanziellen Schwierigkeiten gezwungen machte sich die Stadt bald
darauf an eine erneute Bohrung im Stadtwäldchen, die in etwa 1200 Metern die St. Stephans Quelle zutage förderte. Diese liefert bis heute genug 75 Grad heißes Wasser,
um die Heizanlage des Széchenyi-Bades abstellen zu können und so die Kosten gewinnbringend zu senken.
Nur geringfügig im zweiten Weltkrieg beschädigt konnten nach Beseitigung der
Trümmer das Freibad sowie die Volksbäder noch 1945 wieder in Betrieb genommen und einige Jahre später diverse Schlammbehandlungen und Elektrotherapien angeboten
werden. Vom Alter gezeichnet begann 1998 eine grundlegende Renovierung, sodass das Széchenyi-Thermalbad heute eine moderne und zeitgemäße Einrichtung samt
Tageskrankenhaus mit Physiotherapie-Abteilung ist.
Seinen Namen hat das Széchenyi-Thermalbad dem Staatsreformer Graf István Széchenyi
zu verdanken. Der Unternehmer bemühte sich den Wirtschaftsstand Ungarns dem des Westens anzupassen und wurde aufgrund seiner herausragenden Bemühungen von
Konkurrent Lajos Kossuth mit dem Spitznamen „Größter Ungar“ versehen, der bis heute verwendet wird.
Eine Fülle an medizinischen Anwendungen
Das Széchenyi-Bad bietet vielseitige Unterhaltung, komplexe Anwendungen und
verschiedenste Dienstleistungen.
Mit zwölf Innen- und drei Außenbecken offeriert das Heilbad insgesamt fünfzehn Becken
mit Temperaturen zwischen sechzehn und vierzig Grad. Das Quellwasser des Sank-Stephan-Brunnens ist reich an Mineralien wie Kalzium, Natrium, Magnesium und
Natrium und hilft bei der Heilung verschiedener chronischer und akuter Gelenkerkrankungen, chronischer Nierenbeckenentzündungen, Harnwegsinfektionen und
bei der Vorbeugung wie auch Behandlung von Erkrankungen des Knochengerüstes.
Neben dem Heilwasser in den Becken verspricht auch das Wasser aus dem Trinkbrunnen
Fluorid, diverse Mineralien und Salze, die den Körper gegen Entzündungen und Magen- und Darmerkrankungen stärken, die Gallenfunktion und die Genesung bei
Atemwegserkrankungen unterstützen, sowie den verhassten JoJo-Effekt beim Abnehmen verhindern. Das Trinkwasser kann auch außerhalb des Bades in der Trinkhalle getrunken und gekauft werden.
Die Tagesklinik betreibt eine komplexe physiotherapeutische Abteilung.
Bewegungsbäder, Schlammbehandlung, Kohlensäurebad oder Elektrotherapie sind nur einige äußerliche Anwendungen, die das Széchenyi-Bad zum Beispiel zur orthopädischen
Behandlung anbieten kann. Heilgymnastik für Gruppen oder einzeln, sowie Unterwasser-Gymnastik und medizinische Heilmassagen helfen zusätzlich bei
Kreislaufleiden oder Beeinträchtigung der Bewegungsorgane.
Die Széchenyi-Badeanstalt als Spaßbad
Neben den zahlreichen medizinischen Anwendungen präsentiert sich das Széchenyi-Bad
außerdem als Unterhaltungsbad. Das modern ausgestattete Fitnessstudio sowie die Teilnahme an rhythmischer Wassergymnastik stehen dem Besucher kostenlos zur
Verfügung. Verwöhnen lassen kann man sich mit Thai-oder Fußmassagen, Fußpflege und verschiedenen Work-outs. Auch die kulinarischen Freuden kommen nicht zu kurz, denn
man kann den Heilbad-Besuch durch den Genuss eines Buffets abrunden. Saunen, Dampfbäder und Heiß-Raum, sowie ein Gruppenthermalbad und unterhaltsame Strudel,
Strömungen und Whirlpool tun ihr Übriges um den Besuch des Széchenyi-Bades so angenehm und entspannend wie möglich zu gestalten.
Tagestour im Stadtwäldchen
Da sich das Széchenyi-Heilbad mitten im Stadtwäldchen befindet, bietet sich auch ein
Besuch der anderen Sehenswürdigkeiten an. Der Zoo mit Botanischem Garten bietet verschiedenste Tiere in mehreren Gebäuden sowie unter freiem Himmel und eine
Bonsai-Sammlung, der Vergnügungspark „Vidámpark“ kann mit mehreren Attraktionen, deren Highlight ein historisches Karussell ist, aufwarten. Außerdem zu sehen gibt es den
Staatszirkus, das Ungarische Landwirtschaftsmuseum und die Burg Vajdahunyad, ein mittelalterlich aussehendender Gebäudekomplex, der für die Millenniums-Feierlichkeiten
erbaut wurde und verschiedene Baustile spielerisch miteinander vereint.
Sarah Schäfer
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