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(c) Pester Lloyd / 47 - 2010 KULTUR 24.11.2010
Hilferuf aus dem OFF
Die unabhängigen Theater in Ungarn fürchten um ihre Existenz
Ungarn, vor allem Budapest, kann zu recht stolz sein auf eine zwar stetig klamme, dafür aber künstlerisch umso reichere unabhängige Theaterszene, die es in den
letzten Jahren zumindest schaffte, dem Staat eine Grundförderung abzutrotzen. Diese Arbeitsgrundlage sehen die OFF-Theater durch die neue Regierung nun in
Gefahr und fürchten um das Ende des unabhängigen Theaters in Ungarn. In einem Brandbrief wendet sich die unabhängige Szene daher auch an das Ausland und
hofft mit ihrem “letzten Hilferuf”, Aufmerksamkeit für ihre existenzbedrohende Situation zu finden, um noch eine "Korrektur" im Inneren herbeizuführen.
Unabhängigkeit war ein Akt von Widerstand
Unabhängiges Theater, das war in Zeiten des Staatskommunismus ein Zeichen von
Aufbegehren und führte ganz zwangsläufig in Gefilde des Dissidententums, dennoch, so erklärt es László Hudi, Vorsitzender der Allianz der Unabhängigen Theater in Ungarn,
gab es seit den 60er Jahren den zaghaften Beginn einer Szene. "Unabhängig sein in Zeiten einer Diktatur meinte immer eine Art von Widerstand." Denn auch die kreativen
Strukturen der "offiziellen" Häuser liefen stets unter Staatskontrolle.
Dieses Monopol des Kulturlebens, mit einem eigenen Beamtentum und ausufernden
Strukturen, behielt der Staat weitgehend auch nach der Wende bei. Dennoch explodierte gerade in Budapest, aber auch i Städten wie Szeged, Miskolc, Debrecen, Pécs oder Györ
die Kreativität geradezu und es entstand eine lebendige, wilde Theaterszene, die das ganze Spektrum des OFF-Bereichs abdeckt. Manche schätzen das unabhängige Theater
in Budapest sogar als vitaler und vielfältiger ein als jenes in der Theaterstadt Wien, wo die Platzhirsche wenig Raum an den Rändern gelassen haben.
Off-Theater spielten 36% der Vorstellungen, bekamen aber nur 2,6% des Budgets
Nicht wenige dieser Truppen, die im Nachwendebudapest wie die Pilze aus dem Boden
schossen, gingen bald wieder ein, doch einige schafften auch den Sprung aus ihrem Quartier und den Kellerbühnen auf die großen Independent-Festivals Europas und sind
heute genauso Teil einer internationalen Szene wie eine Bereicherung für das Stadt- und Nachtleben der ungarischen Hauptstadt.
László Hudi, selbst Theatermann, Autor und Regisseur, sieht die "Demokratisierung an
den Theatern vorbeigegangen", doch Mitte der 2000er Jahre wurd die Lage "unhaltbar". Das öffentliche Interesse wuchs stetig, aus dem Ausland kamen immer Einladungen,
doch die Unterstützung und die Infrastruktur konnten da nicht mit. Immerhin sah man erste zaghafte Kooperationen zwischen staatlichen Stellen und unabhängigen Bühnen
entstehen, doch es musste bald eine strukturelle Lösung her. Daten von 2007 zeichnen ein interessantes Bild: Während die alternative Theaterszene rund 15% des jährlichen
Theaterpublikums anlockt und auch rund 15% des Theaterpersonals stellte, betrug der Anteil der Unabhängigen an allen gespielten Aufführungen immerhin 36%. Gleichzeitig
verfügte die Szene zu dieser Zeit aber nur über 2,6% des Budgets im Vergleich zum "offiziellen" Theater.
Durchbruch 2008: Kleine, aber "garantierte" Sockelfinanzierung
2008, 18 Jahre nach der Wende, kam der späte Durchbruch, die unabhängigen Theater
saßen bei den Budgetverhandlungen mit am Tisch, ihr Anteil an den Theatersubventionen wurde auf 6% am Gesamtbudget angehoben und garantiert. Das
sind umgerechnet rund 4,4 Mio EUR, nicht viel, aber immerhin. Ebenso wichtig war es den Theatern, dass sie nun als gleichberechtigte Kooperationspartner, als Mitspieler im
Kulturbetrieb anerkannt wurden.
Gefördert wird nur noch, was der "Nation" dient
Doch die verhaltene Freude währte nur sehr kurz. Ende 2008 folgte Krise und erneutes
Bangen, dann die Wahlen. Erstere zeigte die finanziellen Grenzen Ungarns schmerzlich auf, letztere brachte eine nationalkonservative Regierung an die Macht, die schon bei
den großen Staatstheatern und Kultureinrichtungen ihren totalen Kontrollanspruch demonstrierte, Direktoren nach Belieben feuert, mobbt oder zurechtweist. Das Kulturministerium ist nun ein Teil des Ministeriums für "Nationale Ressourcen" geworden
und die Prioritäten liegen bei der "Volkskultur", der Förderung der auslandsungarischen
Kultur und allem, was im weiteren Sinne der "Nation" dient. Off-Theater steht nicht auf dem Plan, die ohnehin grenzwertige Finanzierung steht nicht mehr im neuen
Haushaltsentwurf. Die Förderung für Kultureinrichtungen der "Kategorie 6", wie amtlich die Unabhängigen heißen, soll eingestellt werden.
Rückkehr in die Zeiten des Untergrunds?
László Hudi sieht sich in die Zeiten des "staatskapitalistischen Systems" der Kádár-Zeit
zurückversetzt. Denn wieder nutzen die Machtzirkel der "offiziellen Theater" ihre "Übermacht, für eine konsequente Ignorierung, ja Unterdrückeung der unabhängigen
Theaterszene". "Sie wollen die unabhängigen Theater verbannen", meint Hudi. Es gibt seitens der neuen Machthaber weder eine öffentliche Debatte noch persönliche
Gespräche, alles wird "im Hintergrund ausgehandelt". "Wir stehen vor einem Bann und einer Stigmatisierung" sagt Hudi und meint damit "über 140 unabhängige
Theatergruppen", die sich in der Allianz zusammengeschlossen haben. 2000 Leute leben von und mit diesen kleinen Bühnen und Komödiantenscharen, die jährlich immerhin
800.000 Zuschauer anlocken. Nur noch verzweifelt klingt da Hudis Ruf in die Welt: "Bitte helft uns, die unabhängigen Theater in Ungarn zu retten!"
Grundsätzliches Existenzrecht der OFF-Szene
Den unabhängigen Theatern geht es finanziell nirgendwo so richtig gut, das
widerspräche in gewisser Weise auch ihrem Anspruch nach Unabhängigkeit. Doch in vielen Städten Europas, Amerikas und sogar in "Entwicklungsregionen" wie Südamerika
ist die OFF-Szene als junge, avantgardistische, experimentelle, auf jeden Fall gegen den Strich gebürstete Facette des sonst eher tradiert-bürgerlichen oder rein komerziellen
Theaterlebens willkommen und wird auch staatlich gefördert. Man sieht die verrückten Theaterleute dort selbst im bürgerlich-konservativen Lager als Bereicherung und
Ausdruck der Freiheit, über den man zwar streiten und sich herzhaft ärgern kann, dessen Existenz man aber nicht mehr grundsätzlich in Frage stellt.
Eine Petition zur Unterstützung der Unabhänigen Theater in Ungarn kann hier
unterzeichnet werden: http://www.petitions24.com/hatoskategoria
red.
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