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(c) Pester Lloyd / 48 - 2010  KULTUR 02.12.2010

 

Putin in Öl und konferierende Hunde

Ein Rundgang über die Art Fair Budapest

Eine Woche nach der Art Week in Wien fand am Wochenende die 17. Budapester Art Fair statt, auf der zwar nur 28 nationale und internationale Galerien Werke zeitgenössischer und moderner Kunst aus Zentral- und Osteuropa präsentierten, denen aber eine große Vielseitigkeit gelang. Länder und Orte, aus denen Künstler, Galeristen, Sammler und Kunstfreunde angereist sind, bestätigen die steigende Attraktivität der Veranstaltung im Ringen um eine Positionierung im kleinen, aber umkämpften Kunstmarkt Osteuropas.

Nachdem bis 2007 eher die klassische und antike Kunst im Mittelpunkt Ungarns wichtigster Kunstmesse stand, fokussierte sie sich diesmal ganz auf das Zeitgenössische und tritt damit in direkte Konkurrenz u.a. zur Viennafair, die sich gern als die wichtigste Messe für zeitgenössische Kunst in CEE darstellt.

Russische Fotografie aus der Art Fair Budapest - (c) siehe am Ende des Textes

(ost)europäische Kunstprotagonisten in der Heroes Corner

Um die Spezialisierung der Budapester Messe zu stärken, wurde in diesem Jahr eine neue Abteilung eingerichtet, die Heroes Corner. Damit soll neben den Leistungen der Künstler und Galerien Osteuropas auch der Veranstaltungsort der Messe, die Kunsthalle Belle Epoque Mücsarnok auf dem Heldenplatz, gewürdigt werden. Zugleich trennte man die klassische Kunst von der zeitgenössischen, sowohl zeitlich als auch räumlich, was eine bessere Konzentration aufs Wesentliche ermöglichte.

Eine Installation am Stand der Gat Galerie

Die Heroes Corner präsentierte 25 populäre Kunstgalerien, die sich auf osteuropäische Kunst spezialisiert haben, durch jeweils ein exemplarisches Werk. Auf diese Weise soll sie einen einzigartigen Überblick über das weitreichende künstlerische Talent geben, welches seit dem Fall des Eisernen Vorhangs aufgeblüht ist. Es fanden sich Werke aus den letzten 75 Jahren, von Galerien aus Sarajevo, Riga oder Bukarest, aber auch aus Kunstmetropolen wie Paris und New York. So konnte man an der knallpinken Wand im Zentrum der „Heldenecke“ das Bildnis von „Madonna on Stage“ oder „Putin“ auf Leinwand aus der „Russian Tea Room Gallery“ auf sich wirken lassen. Um die neue Abteilung aufzubauen und das internationale Profil der Art Fair zu entwickeln, wurde der Kunsthistoriker Simon Hewitt als internationaler Betreuer engagiert. Der anerkannte Kunstkritiker schätzt die Gelegenheit, „durch die Akquise internationaler Künstler, Galeristen und Sammler zum Heroes Square dabei zu helfen, die Messe in Budapest, der schlafenden Schönheit einer Stadt mit Potential zu einem ökonomischen Kraftwerk Zentraleuropas, als Topevent für die moderne und zeitgenössische Kunst zu etablieren“.

Eine, bzw. die Madonna bei der Rigas-Galerie

Picasso, Dalí und Hundertwasser

Vor dem Betreten der Heroes Corner passierte man den Eingangsbereich der Art Fair mit einer Installation der New Yorker Janos Gat Galerie aus vier schwarz gekleideten, um einen Tisch sitzenden menschlichen Puppen mit visierlosen Motorradhelmen, eine Weitere liegt am Boden, die Leinen eines von der Decke hängenden Fallschirms umgeschnallt. Im nachfolgenden Raum präsentierten sich Galerien mit Schwerpunkt auf Werken des früheren 20. Jahrhunderts. Der meiste Andrang herrschte hier bei der Londoner Gilden´s Arts Galerie, die bereits zum fünften Mal auf der Budapester Art Fair vertreten war. Hier gab es vielleicht am wenigsten Neues, aber dafür die Meister der modernen Kunst, eine Sammlung originaler Drucke von Picasso, Chagall, Dali und Matisse über Hundertwasser und Rene Magritte.

“Originale Zweifel” der G13 Art Galerie

Sonderangebote auf der Kunstmesse

Betrachtete man diesen Bereich jedoch erst nach dem Besuch der restlichen Ausstellung mit ihrer wilden Mischung aus Genres, Farben, Formen und Stilen, vermisste man unter den in erdigen Tönen gehaltenen, ordentlich an der Wand aufgereihten Ölgemälden die Kreativität und Vielseitigkeit, in der sich anschließend die ungarischen Galerien präsentierten, vom konservativen Auftritt der im Anzug gekleideten Galeristen der Kalman Maklary Galerie bis zur knallig-bunten Gesamtpräsentation der Step 1 Galerie. Darin fand sich ein wilder Genremix, Metallmasken, umgestaltete Bierflaschen, eine von der Decke herunterbaumelnde Pappmascheespirale, dazwischen das Foto einer großbusigen Frau vor ihrer spartanischen Küche und das entstellte Grinsen von Batmans Joker.

Putin in Öl, aus der Russian Tea Room Gallery

Hier fand auch die einzige Sonderangebotsaktion der Messe statt, der Großteil der Arbeiten war für 50 000 HUF (ca. 175 Euro) „For Sale“. In der Abteilung der Knoll Galerie fielen vor allem die überdimensionalen Abbildungen menschlicher Lebensszenarien von Csaba Nemes ins Auge, verzerrt wie die nackte, korpulente Frau, die sich gegen das Schaufenster ihres Büros presst, oder schlichtweg realistisch wie die blassgesichtige Familie, die nachdenklich am Wohnzimmertisch sitzt. Besonders jung und modern wirkten die popkulturellen Elemente der Spiritusz Galerie, wie auf dem Gemälde des niedlich-makaberen Rubber Rabbit, eine dunkelblaue Hasengummipuppe aus deren an einschlägigen Körperstellen befindlichen Ventilen tiefgelbe Flüssigkeit tropft oder der dreiteilige „Wolf auf dem Eis“, der schließlich blutend darauf zusammenbricht, umtanzt vom schlittschuhlaufenden Jungen.

Innovative Skulpturen: Adam & Eva aus Schreibwaren

Die G 13 Galerie repräsentierte ihre anthropozentrische Ausrichtung mit den nostalgisch gestalteten, 2500 Euro teuren Schwarzweiß–Fotos der dreiteiligen Serie „Originale Zweifel“von Csilla Babinszky, deren bei zuneigungsvollen Szenen beim Fahrradfahren oder auf der Picknickdecke abgebildetes Pärchen sich erst auf den zweiten Blick als rein weiblich herausstellt. Die Skulpturreihe „erweichter Militarismus“ zeigte währenddessen militärisches Zubehör wie Helm und Gasmaske, beklebt mit Federn, in Minischaukästen von Andreas Böröcz konnten aus Holz gefertigte, surrealistische Szenarien begutachtet werden, ein dominospielender Kaktus und Adam und Eva gefertigt aus Schreibwaren. Mit einer reinen Skulpturenpräsentation war die Budapester acb Galerie vertreten, welche Pilze und verstümmelte Astronauten aus Porzellan und Ton in großzügigen, mit schwarzem Teppich ausgekleideten Nischen darbot, vor deren Betreten man durch Gerhes Gábors von der Decke herabhängende, mit Hut, Pfeife und Grinsen ausgestattete „Silly World“ aus schwarzem Plastik begrüßt wurde. Die Skulpturen der 2B Galerie aus nostalgischen Metallverpackungen wurden um bewegliche Elemente und die Fähigkeit zur Geräuscherzeugung erweitert, wie die „Kehrschaufel“ von Bori Balints.

Zurückhaltung gegenüber neuen Trägermedien

Im aufstrebenden Bereich der Medienkunst wagt sich der osteuropäische Kunstmarkt offensichtlich sehr zaghaft vor, war solche doch nur vereinzelt und in eher unscheinbarem Präsentationsrahmen zu finden. Ein Vertreter dieses in den letzten Jahren durch die Digitalisierung stark weiterentwickelten Genres war die Amadeus Galerie, auf deren kleinformatigen LCD Monitorsäulen die voyeuristische Perspektive auf zwei Frauen in ihrer privaten Umgebung gezeigt wurde, bei der Arbeit am Schreibtisch und der körperlichen Inspektion vorm Spiegel. Die erst vor drei Jahren eröffnete Videospace Galerie widmet sich gänzlich dem progressiven Genre der audiovisuellen Kunst. Hier konnte man einen Eindruck über dessen vielseitig mögliche Erscheinungsformen erlangen, die Bandbreite reichte vom selbstgedrehten, diffusen Schwarzweiß-Video in den Tunneln von Budapests Metronetz bis zu speziellen Techniken wie Eszter Szabós wasserfarbenbasierte Single-Channel-Videos frustrierter, vom Alltag übersättigter Ehepaare beim unerfüllten gemeinsamen Flanieren mit Spareinkaufstüte und Hamburger, die Hände aus reiner Gewohnheit nacheinander ausstreckend. In der „Triology on a contemporary Ass“ verschmilzt ein nacktes menschliches Gesäß in hoher Frequenz mit verschiedenen Hintergrundbildern und lässt so unterschiedliche optische Eindrücke und Täuschungen entstehen.

Entstellte Dobermänner und russische Fotografie

Den meisten Platz beanspruchte in diesem Jahr die Bumbum Galerie, welche gleich über einen kompletten Raum im linken Flügel der Kunsthalle verfügte, der zum größten Teil von der Installation „Dante Conference“ eingenommen wurde. Ein großer Tisch, umringt von neun aufwendig gearbeiteten, überlebensgroßen Dobermännern, gefertigt aus schwarzem Tape, alten Elektronikteilen, Plastikschläuchen, Stoff- und Fellresten, zombiehaft dargestellt mit freiliegenden Knochen, Messern, die sich durch Kiefer bohren, der Leib von einer Säge durchstoßen, einem Tier wurde der Kopf gänzlich durch die Klinge einer Kettensäge ersetzt, ein weniger lädierter Hund trägt ein mit Orden gespicktes Uniformoberteil.

“Die Hundekonferenz” in der Bumbum-Galerie

Künstler Szöke Gábor Miklós, der auch die vor dem Eingang der Mücsárnok/ Kunsthalle aufgestellte, meterhohe Hundeskulptur entwarf, lieferte nicht nur damit eines der aufsehenerregendsten Werke der Art Fair, auch seine riesengroßen, in rosarot gehaltenen, pornografischen Ölgemälde intimer Szenen homosexueller junger Männer fokussierten die Aufmerksamkeit der Besucher. Eine in den Raum integrierte Installation zeigte auch die VILTIN Galerie, deren „Kulissza-demo“ von Zsolt Tibor die Wände der Ausstellung durch darauf aufgebrachte Bleistiftzeichnungen unmittelbar in das Exponat einband. Hier war auch das in diesem Jahr eher seltene Genre der Papiercollage vertreten, „Terra cognito“, eine aus landschaftlichen Ausschnitten aus Hochglanzmagazinen zusammengesetzte Atombombe als Kritik an der Gefährdung der irdischen Landesflächen durch das rücksichtslose Handeln des alles vereinnahmenden Menschen.

Der letzte Ausstellungsraum war den Beiträgen zum Themenschwerpunkt „Die russische Fotografie der zwanziger und dreißiger Jahre“ gewidmet. Unter dem Titel “The Age of Optimism“ wurden in einem separierten Raum insgesamt achtzig Abbildungen von originalen Negativen dieser dramatischen und lebhaften Periode in der Fotografie des 20. Jahrhunderts vorgestellt, die privates Leben, Kultur und Propaganda dokumentieren. Die meiste Aufmerksamkeit galt dabei dem russischen Konstruktivisten Alexander Rodtschenko, der durch seine ungewöhnlichen Perspektiven und die grafische Wirkung seiner Aufnahmen eine neue Sprache in der Fotografie entwickelte. In zwei in der Mitte des Ausstellungsraumes aufgebauten Kabinen wurde die 25minütige Dokumentation „Alexander Rodtschenko - Geniuses and Criminals of the passing Age“ über Videoprojektion in einer Endlosschleife ausgestrahlt.

Zusatzprogramm ganz im Sinne der Kunst

Der Besuch der Messe wurde außerdem durch zahlreiche zusätzliche Programme abgerundet. In einer Paneldiskussion des Artmagazin Forum über „Neues Geld in der Kunstförderung“ wurden die Vorgehensweisen und Erfolgsaussichten der zunehmenden Zahl von Unternehmen debattiert, die sich am Sponsoring ungarischer Kunst beteiligen. Ein Kinderprogramm wurde ebenfalls angeboten, mit interaktiven Spielen und kreativen Workshops, in denen das Wissen über zeitgenössische Kunstwerke geschult und künstlerische Techniken und Prozesse ausprobiert werden konnten. Positiv hervorzuheben ist besonders die gemeinsame Initiative der Kunstmesse und der Bator Tabor Stiftung für Kinder mit Krebs oder Diabetes, in der von den Kindern zusammen mit Künstlern auf der Art Fair gemalte Bilder ausgestellt und versteigert werden. Auch die weitere Gestaltung der Messe wurde dem großen Motto Kunst bis ins Detail angepasst, im Bistro gab es auf Gemälden basierende Torten, die akustische Untermalung wurde von kunstaffinen Musikern bereitgestellt.

Am 8. Dezember können im Ludwig Museum und im Palast der Künste (MÜPA) außerdem Werke von insgesamt 150 Mitgliedern der Russian Union of Art Photographers ersteigert werden. Diese wurden im Rahmen einer Charity Aktion auf der Art Fair für das Museum für ungarische Fotografie in Kecskemét, der wichtigsten Fotografiesammlung des Landes, gespendet. Ausgewählte Arbeiten aus dem Museum, wie die amüsante Abbildung zwei auf der Bank sitzender Zwillingsmädchen mit Sonnenbrillen und jeweils spiegelverkehrt eingegipstem Arm, waren auch auf der Art Fair ausgestellt.

Luisa Stock

Fotocredits: OriginaleZweifel, G13Galerie © G13 Art Gallery, Hundekonferenz © Szoke Gabor Miklós, Skulptur Gerhes Gábor, acb Galerie © acb Galeria, Madonna on Stage, RigasGalerie, Putin, RussianTeaRoomGallery, Russische Fotografie Installation, Gat Galerie © Budapest Art Fair

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