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(c) Pester Lloyd / 50 - 2010  GESELLSCHAFT 16.12.2010

 

Vegetarische Suppenküche

Die Hare Krishna-Gemeinde in Ungarn tut mehr für Bedürftige als der Staat

Wenn die kahlköpfigen Männer und die in wallenden, bunten Tüchern gekleideten Frauen der Glaubensgemeinschaft Hare Krishna durch die Fußgängerzone tanzen, unter ständiger Wiederholung der monotonen Mantra-Gesänge, ernten sie meistens neugierige Blicke, werden dabei oft belächelt, nur die Wenigsten wissen um die Hintergründe ihres als skurril wahrgenommenen Auftretens. In Ungarn leisten sie mit ihrer internationalen, vegetarischen Non-Profit-Lebensmittel Hilfsorganisation Food for Life einen wichtigen Beitrag zur Versorgung hilfsbedürftiger Menschen auf der Straße.

Fotos © Hare Krishna Food for Life

Trotz der Allgegenwärtigkeit von zufluchtslosen, in Decken gehüllten Menschen in ganz Budapest, die in Unterführungen, Fenstersimsen, auf Parkbänken oder Baustellen verharren, gibt es keine zentrale städtische Hilfseinrichtung. Im Gegenteil, die Orte, welche von den Obdachlosen gehäuft als Schlafplatz genutzt werden, sollen laut Budapests Oberbürgermeister Istvan Tarlós „gesäubert werden, um die Sicherheit zu erhöhen“. Dazu gehört auch der Blaha Lujza tér in der Rácóczi út, auf dem in diesen Wochen die Präsenz zwischenmenschlicher Hilfe und Solidarität steigt. Menschen reihen sich in meterlange Schlangen ein, um sich ihre oft einzige warme Mahlzeit seit Tagen abzuholen, ihr vielzähliges Erscheinen gibt eine Vorstellung von dem tatsächlichen Ausmaß der Obdachlosen-Problematik in Budapest. Denn nachdem sich der Menschenauflauf entsprechend der Geschwindigkeit seiner Entstehung auch wieder aufgelöst hat, machen sich die Anwesenden nicht unbedingt auf den Weg in ein zu Hause, sondern auf die Suche nach einem Ort, an dem sie der Kälte etwas länger standhalten können.

Hilfe ohne kulturelle Grenzen

Sie sind auf die Unterstützung der privaten Wohltätigkeitsorganisationen angewiesen, auf ehrenamtliche Helfer wie die Mitarbeiter von karitativ.hu, die sich mit ihren kleinen Transportern und weißen T-Shirts, aus denen Essen verteilt wird, kaum von vergleichbaren karitativen Organisationen wie dem Roten Kreuz oder den Johannitern unterscheiden. Doch bei einem Besuch der entsprechenden Homepage gelangt man nicht zur Präsentation einer der konventionellen Hilfsinstanzen, sondern zum Internetauftritt der weltweit größten vegetarischen Non-Profit- Lebensmittel Hilfsorganisation Hare Krishna Food for Life, die Bedürftige in über 60 Ländern mit kostenlosen Mahlzeiten und materieller Hilfe versorgt.

Mit dem humanitären Dienst soll dem auf Nächstenliebe und der Gleichheit aller Lebewesen basierenden Grundgedanken der durch die Einflüsse des Hinduismus geprägten Hare Krishna-Bewegung entsprochen und die alte vedische Kultur der Gastfreundschaft praktiziert werden. Die vegetarische Ernährung symbolisiert dabei das Streben nach der Vereinbarung einer friedlichen Welt mit einer flächendeckenden, für alle ausreichenden Nahrungsmittelversorgung. Gegründet im Jahr 1974 in Indien vom Food for Life Mental Health Program und der International Organization for Krishna Consciousness (ISKCON), begann Food for Life seine Arbeit mit der Bereitstellung von Mittagsmahlzeiten für mittellose indische Schulkinder. Mittlerweile haben die freiwilligen Mitarbeiter weltweit schon mehr als 140 Mio. Schüsseln mit kostenlosen vegetarischen Mahlzeiten aufgetischt. In insgesamt 150 Städten wurde eine reguläre Lebensmittelausgabe eingerichtet, über die täglich rund 30.000 hungrige Menschen versorgt werden, so auch in Budapest, wo die Organisation ihre Tätigkeit im Jahr 1999 unter der Nutzung von Fördermöglichkeiten aufnahm.

Zusätzliche Tätigkeiten über Weihnachten und Neujahr

Ungarns größtes Problem mit der Armut sehen die Glaubensanhänger in der mangelhaften sozialen Betreuung gesellschaftlich und finanziell benachteiligter Mitbürger. Um diese Situation zu verbessern, teilt Food for Life in Ungarn insgesamt ca. 200 000 Tonnen warmes Essen pro Jahr aus. So können sich in der zugehörigen Kinder- und Familien-Beratungsstelle in Obuda, einem sozialen Brennpunkt, bis zu 300 Bedürftige täglich von Montag bis Freitag mit heißem Tee, manchmal einem vegetarischen Abendessen versorgen lassen, jeden Samstag wird ein kostenloses Mittagessen für bis zu 400 Personen organisiert, welches besonders für Familien eine große Unterstützung darstellt, welche auf das hier gesparte Geld angewiesen sind.

Bei der Rezeptur der Gerichte wird in Anbetracht der zahlreichen Mangelerscheinungen der Konsumenten großer Wert auf die Nahrhaftigkeit gelegt, so werden trotz des Fleischverzichts besonders deftige, sättigende Gerichte wie Eintöpfe, vor allem auf Hülsenfruchtbasis, oder indische Currys angeboten, manchmal ergänzt durch frisches Obst, Süßigkeiten oder Joghurt. Für ihre Arbeit zur Verbesserung der Lebenssituation im III. Bezirk wurde die Wohltätigkeitsorganisation im Oktober von der Bezirksleitung mit dem Augustinus-Fischer-Preis für soziale Leistungen in Óbuda ausgezeichnet.

Neben diesen permanenten Maßnahmen bietet Food for Life weitere temporäre Hilfsprogramme an, wie die im Rahmen des Winter-Krisenmanagements am Blaha Lujza tér, wo in Zusammenarbeit mit 17 weiteren sozialen Organisationen jeden Tag von November bis April eine Essensausgabe stattfindet. Über die Weihnachtsfeiertage steigt die Zahl der Hilfesuchenden hier auf bis zu 1000 Menschen, dann erhalten sie von Food for Life ihre meist einzigen Geschenke, neben dem warmen Essen zur akuten Versorgung werden dann auch zusammengestellte Pakete mit verpackten Lebensmitteln wie Brot und Nudeln, sowie Kleidung, Sanitärprodukten und Zeitschriften verteilt. Am Neujahrstag gibt es eine New Year´s Day-Schüssel mit Linsen.

Zunehmend Familien und Rentner unter den Hilfsbedürftigen

Die Zusammensetzung der Menschen, welche diese Angebote nutzen, hat sich laut Food for Life in den letzten Jahren verändert, so ist neben ca. 30% Obdachlosen eine zunehmende Zahl von Familien, Rentnern oder Arbeitslosen zu beobachten, die unterhalb der Armutsgrenze leben müssen und deren Situation sich seit der Wirtschaftskrise meist verschlechtert hat. So hilft die Organisation nicht nur explizit bedürftigen, heimatlosen Menschen, sondern auch anderweitig benachteiligten Randgruppen wie Jugendlichen mit Suchterkrankungen, kinderreichen Familien, Studenten oder Behinderten. Für Kinder wurde ein spezielles Hilfsprogramm entwickelt, kombiniert aus der Unterstützung geistig und/ oder körperlich benachteiligter Schüler, der Bereitstellung von Notunterkünften, sowie gezielten Lebensmittelspenden an Kinderheime und mittellose Familien.

Lebensmittelpakete für die Menschen auf dem Land

Neben der Essensausgabe organisieren die Mitarbeiter von Food for Life auch Veranstaltungen, wie die Sommerfeste, in deren Intention nicht nur die materielle Versorgung, sondern vielmehr die Schaffung einer seltenen Gelegenheit zum Zusammentreffen und Feiern steht, bei der den Gästen mit einem Catering-Menü und Weinproben ein Moment von Unbeschwertheit ermöglicht werden soll. Außerdem ist die Glaubensbewegung bei zahlreichen Kultur- und Jugendfestivals präsent, wo Sozialarbeiter und Psychologen junge Menschen mit psychischen Problemen oder Drogenabhängigkeit beraten. In Budapest sind jährlich auf dem Sziget-Festival verschiedene Projekte der Hare Krishna vertreten.

Doch die Krishna-Anhänger engagieren sich nicht nur in der Stadt, sondern auch in den stärker von Armut betroffenen ländlichen Regionen Ungarns, vor allem um Kecskemét, Pécs, Miskolc und Ozd. An die Bedürftigen, welche aufgrund der logistischen Umstände nicht die Möglichkeit haben, täglich an einer der Hilfsstationen zu erscheinen, werden in Zusammenarbeit mit anderen zivilen Einrichtungen neben warmen Mahlzeiten jährlich tausende lang haltbare Nahrungsmittelpakete mit Konserven, Reis, und Kartoffeln ausgegeben. Auch in den von der Rotschlammkatastrophe betroffenen Dörfern Kolontár und Devecser half die Organisation nach Anfragen der Regierung mit der Lebensmittelversorgung aus.

Alternative Lebensgemeinschaft im Krishna-Valley

Als Non-Profit-Unternehmen ist Food For Life auf Geld- und Sachspenden angewiesen. Um dabei den konkreten Nutzen der eigenen Spende zu erfahren, können unterschiedliche Hilfsmaßnahmen für Bedürftige „gekauft“ werden, so kann mit 1000 Forint (3,60 Euro) eine Woche lang das Mittagessen einer Person finanziert werden, 250 000 Forint (knapp 900 Euro) tragen die Gesamtkosten für eine Woche Lebensmittelversorgung am Blaha Lujza tér. Für die Weihnachtsprogramme werden neben Lebensmitteln besonders Kleidung, Hygieneartikel und Vitamin C-Tabletten benötigt, außerdem werden für den Zeitraum vom 18. bis zum 27. Dezember noch freiwillige Helfer zum Zusammenstellen von Paketen, sowie der Zubereitung und Verteilung der Mahlzeiten gesucht.

Food for Life Budapest ist im Gebäude des 2006 erbauten Hare Krishna Tempels in Obuda ansässig. Hier befindet sich auch das kulturelle Zentrum der Budapester Hare-Krishna-Gemeinde, wo Interessierte die Möglichkeit haben, Kontakte zu knüpfen, sowie die indische Küche zu probieren und indische Produkte zu erwerben. Dreißig Kilometer südlich vom Balaton, ca. 2 Stunden von Budapest entfernt, befindet sich außerdem das sogenannte Krishna-Valley, ein in reichhaltige Natur eingebettetes Ökodorf mit 150 Einwohnern, die sich nach ökologischen Prinzipien soweit als möglich selbst versorgen, neben der Krishna-Kirche gibt es hier unter anderem eine Schule, eine Bio-Gärtnerei, eine Meierei und eine Imkerei. Für neugierige Besucher werden täglich von 10.00 bis 17.00 Uhr Führungen über das 260 Hektar große Areal angeboten, auf dem sich auch eine Pension für mehrtägige Gäste befindet. Jedes Jahr im Juli wird dort außerdem die Krishna-Valley-Fair veranstaltet, ein dreitägiges Festival auf dem Gelände.

Luisa Stock

Weitere Informationen: www.karitativ.hu http://krisna.hu

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