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(c) Pester Lloyd / 03 - 2011 WIRTSCHAFT 19.01.2011
Hoffnung nur für Mittelschicht
Beschäftigung und Gehälter in Ungarn 2010 und danach
Nicht die Inflation oder Gehaltserhöhungen bestimmen in Ungarn über den Lebensstandard und den Binnenmarkt, sondern einzig der Kurs des Schweizer
Franken zum Forint. Die Beschäftigten- und Gehaltsstatistiken zeigen eine leichte Erholung, aber auch eine Vergrößerung der sozialen Ungleichgewichte, die sich durch
die Flat Tax in diesem Jahr noch steigern werden.
Beschäftigte bei Audi in Györ. Sie können sich kaum beklagen. Die qualifizierten Auto- und
Motorenbauer sind sehr gefragt, ihre Gehälter lagen schon immer über dem Schnitt. Im Gegensatz zu den Wenigverdienern profitieren sie auch von der neuen Flat Tax von 16% auf alle Einkommen.
Die Zahl der Beschäftigten verblieb in Ungarn auch 2010 auf einem einzigartig niedrigen
Niveau, wenn man auch insgesamt einen Anstieg um 1,5% registrieren konnte. 2,7 Millionen Menschen waren in Unternehmen mit mehr als fünf Beschäftigten und dem
öfffentlichen Dienst registriert. Die freie Wirtschaft hatte danach durchschnittlich 1,826 Mio Menschen unter Vertrag, der öffentliche Dienst 774.000, davon rund 80.000 in
temporären Arbeitsmaßnahmen. Die Zahl der Stammbeschäftigten in den durch die öffentlichen Haushalte getragenen Institutionen sank 2010 somit um 0,2%. Dies meldete
das Ungarische Zentralamt für Statistik KSH am Dienstag.
Der durchschnittliche Bruttolohn eines Vollzeitarbeiters in Ungarn betrug 2010 (Daten bis
November) 201.800 Forint (heute ca. 741 EUR), der Unterschied in der Durchschnittsbezahlung zwischen Privatwirtschaft und öffentlichem Dienst betrug nur ca.
32 Euro pro Monat zu Gunsten der freien Wirtschaft. Damit stiegen die Bruttolöhne um 2% zum Vorjahr an, wobei die freie Wirtschaft 3,8% mehr zahlte, der öffentliche Dienst um
2% weniger, was auf den statistischen Einfluss der Niedriglöhne bei den Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen zurückzuführen ist. Die Topliste der Gehälter führt nach
wie vor der Finanzbereich an, mit 433.700 Forint Durchschnittsbrutto, danach die IT- und Kommunikationsbranche(368.700). Am Ende stehen weiter die Gastwirtschaft (122.600)
sowie die Landwirtschaft mit knapp über 140.000 Forint brutto pro Monat.
Diese Ungleichgewichte werden sich in diesem Jahr weiter verschärfen. Die seit 2011
geltende Flattax bringt erst Einkommen ab ca. 300.000 Forint brutto einen positiven Effekt (je mehr Verdienst, umso deutlicher), womit sich die Gehaltsschere, ganz offenbar
gewollt, zwischen einfachen Arbeitern und qualifizierten Tätigkeiten weiter öffnet. So wird die untere Mittelschicht zum Profiteur, auf Kosten der gehaltsmäßigen Unterschicht.
Allerdings ist anzumerken, dass etliche Arbeitgeber ihre Angestellten bisher nicht auf letztlich ausgezahlte Summe angemeldet haben. Meist wurde nur ein Minimalgehalt
vereinbart, der Rest schwarz bezahlt. Die Flat Tax, die auch die Arbeitgeberanteile an den Abgaben verringert, soll das eigentlich ändern.
Im letzten Jahr lag das durchschnittliche Nettoeinkommen bei 132.300 Forint, körperliche
Arbeit wurde mit 97.200, Büro- und Servicetätigkeiten mit 170.000 Forint entlohnt, letztere Gehälter stiegen somit um 7,5%, erstere blieben fast gleich. Seit dem zweiten
Halbjahr hat sich der Anstieg der Realeinkommen wegen der steigenden Teuerung deutlich verlangsamt, im November musste man erstmals wieder einen 0,5%igen Rückgang bei den
Realeinkommen verkraften, was die Nationalbank in ihrer Warnung vor erhöhten Inflationsrisiken zu bestätigen scheint.
Analysten sehen in den Zahlen den Trend einer sehr langsamen, aber sichtbaren
Konsolidierung auf dem Arbeitsmarkt und bei den Einkommen bestätigt. Ein positiver Effekt auf die Kaufkraft hängt aber nicht in erster Linie von einem weiteren Anstieg der
Löhne oder den entlastenden Effekten der Steuerreform für die etwas besser verdienenden Ungarn ab, sondern fast ausschließlich vom Wechselkurs des Forint zum Schweizer Franken,
so die allgemeine Einschätzung. Wenn dieser zumindest stabil bleibt, haben die Leute eine Chance ihre Schulden zu bedienen und Mittel für Konsum frei zu bekommen, andernfalls
drohe noch weit mehr als den bisher rund 700.000 Haushalten der Zahlungsnotstand.
Um die Inflation einzudämmen, erwarten viele eine weitere Erhöhung des Leitzinses um
25-50 Basispunkte bei der Sitzung der Zentralbankführung nächste Woche. Gleichzeitig könnte das aber der letzte Zinsschritt in diesem Jahr gewesen sein, denn für März laufen
die Mandate der externen Entsandten des Währungsrates aus. Die Fidesz-Regierung hat durch eine Gesetzesänderung dafür gesorgt, dass sie die Nachfolger bestimmen kann.
Damit könnte es in dem Entscheidungsgremium zum Stillstand kommen.
red.
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