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(c) Pester Lloyd / 04 - 2011 KULTUR 24.01.2011
Blühende Träume
Eine Insel – zwei Ausstellungen: Doppelausstellung mit taiwanesischer Kunst in Budapest
Asiatische Kunst begeistert in den letzten Jahren immer mehr Interessierte in Europa. Die Kunsthalle Budapest und das Ludwig-Museum präsentieren zeitgenössische
taiwanesische Kunst als in Form, Medium und Inhalt vielfältigen Ausdruck eines Landes im Umbruch.
Die taiwanesische Kunstszene hat sich in den letzten
Jahrzehnten erneuert: Von einer Dominanz traditioneller Genres wie der Kalligraphie führte ein Weg über Orientierungen an
„westlichen“ und japanischen Stilen in eine neue experimentelle Phase, in der Installationen und Videokunst wichtige Rollen spielen. Die Kunsthalle (Mücsarnok) Budapest und das
Ludwig-Museum haben nun in Zusammenarbeit mit dem National Taiwan Museum of Fine Arts und dem Centre Culturel de Taiwan à Paris die erste großräumige Ausstellung
zeitgenössischer taiwanesischer Kunst in der Region Mittel- und Osteuropa organisiert.
Die beiden Ausstellungen („The Phantom of Liberty“ in der Kunsthalle und „Elusive Island“
im Ludwig-Museum) umfassen Zeichnungen, Fotografien, Video-Installationen, bearbeitete Textilien, Raum-Installationen und Skulpturen von insgesamt 25 KünstlerInnen. Einige sind
in beiden Ausstellungen vertreten. Das Ludwig-Museum präsentiert Arbeiten von seit dem Zweiten Weltkrieg geborenen KünstlerInnen, die Kunsthalle nur Arbeiten von VertreterInnen
jüngerer Generationen.
Die meisten Werke setzen keine besonderen Kenntnisse über die Geschichte und aktuelle
politische Lage Taiwans voraus, Interessierte können aber in den Begleittexten mancher Werke diesbezüglich fündig werden. Viele der Arbeiten verbindet das Thema realer und
konstruierter Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen „Ost“ und „West“ sowie Taiwan und seinen Nachbarn.
The Phantom of Liberty: Blühende Träume
Eine Einstimmung auf dieses Thema bietet Yang
Mao-Lins „Tataka Tale Series” im ersten Ausstellungsraum. Yang kombiniert Figuren aus „östlicher“ und „westlicher“ Kinderliteratur und Popkultur, darunter „Alice im Wunderland“, „The
Bionic Woman“ und „King Kong“. Gezeichnet in einem eher heiteren Mangastil, folgen die Bilder in der Komposition Traditionen buddhistischer Kunst.
Im ersten Ausstellungsraum befinden sich ebenfalls Mia Liu Wen-Hsuans aus Eintrittskarten des New Yorker Guggenheim-Museums geformte beeindruckende und detailreiche Kreisskulpturen in
Form von Gärten und Lotosblüten.
Yuan Goang-Ming schickt die BetrachterInnen seines
Videos „Disappearing Landscape – Scotland“ mit schnellen Kamerafahrten auf eine Reise durch eine schottische Whisky-Destillerie und ihre Umgebung.
Unter den Raum-Installationen fällt vor allem Wu Chi-Tsungs „Wire II“ auf, eine
Vorrichtung aus einem mit einem Gitternetz umspannten, sich drehenden Rad und einem Projektor, der die Verformungen des Gitternetzes an der Wand zu Berglandschaften
ähnlich altchinesischer Tuschezeichnungen verwandelt.
Elusive Island: Spiele mit Sprache und Raum
„Elusive Island“ im Ludwig Museum enthält mehr Videoarbeiten als die erste Ausstellung.
Im Eingangsbereich der Ausstellungsräume erwartet die BesucherInnen Yu Cheng-Tas Videoreihe „Ventriloquists“. Der Regisseur gibt Personen aus anderen Ländern Sätze auf
Taiwanesisch vor, die sie anschließend wiederholen. Aus Fehlern in der Wiedergabe ergeben sich teilweise komische Bedeutungsverdrehungen.
Auch Chang Chien-Chi beschäftigt
sich mit Personen aus einem anderen Land, die nach Taiwan gekommen sind, wenngleich in einem wesentlich ernsteren Rahmen. Die aus einem Video und mehreren Fotografien bestehende
Arbeit „Double Happiness” zeigt Stationen vietnamesischer Frauen, die für Heiratsvermittlungen mit taiwanesischen Männern ausgewählt werden.
Tai Han-Hong präsentiert in
seinem Video innovative Veränderungen an einem verlassenen Haus in den Außenbezirken einer Großstadt. Bewegliche Terrassen und Wände erlauben die Anpassung an verschiedene Tageszeiten und
Bedürfnisse und erinnern in ihren Mechanismen an das Wohnungsdesign in Jacques Tatis Film „Mein Onkel“ (1958).
Die von Wahrnehmungsgewohnheiten abweichende Gestaltung und Aneignung von Räumen
greift Wun Jyun-Yang ebenfalls auf. Eine im Ausstellungsraum aufgehängte Hängematte vertritt das „Tourist Hotel”, die angeblich günstigste Unterkunft für Reisende in Taiwan
mit illustriertem Routenvorschlag.
Auch in dieser Ausstellung gibt es ein Highlight Wu Chi-Tsungs zu sehen, das sich etwas
versteckt in einem kleinen Nebenraum befindet.
Wettkampf der Töne
In beiden Ausstellungen wurde Bildern und Skulpturen ausreichende Flächen eingeräumt.
Allerdings laufen in beiden Ausstellungen manche Videos zu nahe beieinander ab, sodass Töne aus einem Video die des anderen überdecken und auch bei der Rezeption anderer
Werke stören können. Für manche Videos stehen allerdings auch eigene Kopfhörer zur Verfügung. Als ungünstig für internationale BesucherInnen kann sich erweisen, dass in der
Ausstellung „The Phantom of Liberty” manche der Begleit- und in Videos verwendeten Texte nur auf Ungarisch vorliegen. „Taiwan Calling“, ein Ruf mit vielfältigen Stimmen,
dem sich FreundInnen zeitgenössischer Kunst nicht entziehen sollten.
Simon Rahdes
The Phantom of Liberty, noch bis zum 13. Februar in der
Kunsthalle Budapest, Dózsa György út 37. (Heldenplatz), 1146 Budapest www.ernstmuzeum.hu
Elusive Island, noch bis zum 06. März im
Ludwig Museum, Palast der Künste, Komor Marcell út. 1, 1095 Budapest www.ludwigmuseum.hu
Tickets sind für beide Ausstellungen gültig. Der Preis liegt bei 1400 Forint (ca. 5,20 Euro), ermäßigt 700
Forint (ca.2,60 Euro). Das Ludwig-Museum bietet kostenlose Führungen auf Englisch mit variierenden Zeiten. Aktuelle Informationen sind auf der Webseite zu finden.
Fotos: Jataka Tale of Extraordinary Love Vajradhara © Yang Mao-Lin;
Wild Fire 31 © Tzeng Yong-Ning; In Her Dreams © Mia Wen-Hsuan Liu; Representa © Chou Yu-Cheng.
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