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(c) Pester Lloyd / 07 - 2011  WIRTSCHAFT 17.02.2011

 

Kein klarer Trend

Ökonomische Daten für Ungarn zeigen keinen geraden Weg aus der Krise

Während einige Branchen sowie der Staatshaushalt noch klar von den Auswirkungen der Wirtschafts- und Finanzkrise gezeichnet sind, die auch strukturelle Ungleichgewichte ans Licht brachte, steht die gesamtwirtschaftliche Erholung noch relativ auf der Stelle. Allmählich ist es keine Beruhigung mehr, dass es "wenigstens" nicht mehr schlechter wird. Solange die Strukturen nicht reformiert sind, kann man kaum auf substantiellen Aufschwung hoffen.

Denn während das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts sich im letzten Quartal 2010 ganz leicht beschleunigt hat, stiegen die Verbraucherpreise trotz sinkenden Konsums weiter, was eine sehr ungesunde Entwicklung darstellt und wofür die Ursache ganz eindeutig in der katastrophalen privaten Schuldenlage besteht, die mehr als 10% der Erwachsenen am Rande oder unter der Zahlungsfähigkeit hält. Die Bauwirtschaft kämpft weiter mit sinkenden Aufträgen und während sich der Staatshaushalt mit brutalen Einzelaktionen aus der Schuldenfalle müht, versinken die Kommunen in ihren Verbindlichkeiten. Die Industrieproduktion liefert ein Zick-Zack-Bild, allein die Exportwirtschaft dürfte die BIP-Erwartungen in diesem Jahr erfüllen.

BIP 2010 um 1,2% gewachsen

Nach Angaben des Zentralamtes für Statistik, KSH, stieg die Wachstumsrate des Bruttoinlandsproduktes (BIP) im vierten Quartal 2010 auf 2.0% gegenüber 1.7% im dritten Quartal (unjustierter Jahresvergleich). Das Volljahreswachstum für 2010 lässt sich damit auf 1.2% festlegen. Analysten hatten das Wachstum im vierten Quartal auf 1.8% geschätzt. Das für den Kalendarjahresvergleich angepasste Wachstum stieg ebenfalls geringfügig auf 1.8% im vierten Quartal gegenüber 1.7% im dritten an. Dem Quartalsvergleich zufolge verlangsamte sich das BIP-Wachstum im vierten Quartal auf 0.2% von revidierten 0.6% im dritten, 0.2% im zweiten und 1.4% im ersten. Unter Anpassung an Saison und den Kalender lag der Anstieg bei 2.4% im vierten nach 2.2% im dritten Quartal. Das KSH wird am 11. März eine zweite Lesung der Daten des vierten Quartals vorlegen.

Inflationsprognose ist bei 4%-5% anzusetzen

Das KSH veröffentlichte zudem Veränderungen in der ungarischen Verbraucherpreisinflation. Deren Anstieg verlangsamte sich dem auf zwölf Monate bezogenen für Januar ermittelten Wert entsprechend auf 4.0% gegenüber  4.7% im Dezember. Verbraucherpreise im Januar lagen 0.7% höher als im Dezember, nach einem Anstieg von 0.4% von November auf Dezember. Von der ungarischen Presseagentur MTI in London befragte Analysten und eine von der ungarischen Wirtschaftszeitung „Napi Gazdaság” durchgeführte Untersuchung hatten einen Schätzwert von 4.3% für den für Januar zu errechnenden zwölfmonatigen Verbraucherpreisindex errechnet. Das Inflationsziel ist in Ungarn ein Politikum, da sich daran die Geister hinsichtlich von Zinsschritten der Nationalbank scheiden. Während der Währungsrat eine langsame Zinserhöhungsphase für geraten hält (und derzeit auch in 0,25er Schritten durchführt), will die Regierung ihre ab März zu entsendenden vier neuen Mitglieder im Währungsrat zumindest auf "Halten" einschwören.

Anhaltende Krise für Bauwirtschaft

Für Ungarns Baugewerbe sieht es nach wie vor schlecht aus. Den Angaben des KSH zufolge sank seine Leistung im letzten Jahr um 10.1%, generell ist seit 2006 ein Rückgang zu verzeichnen. Im Dezember 2010 betrug der Rückgang gegenüber dem Vergleichsmonat im Vorjahr 12.3%. Die Herstellerpreise für das Bauwesen waren im vierten Quartal um 1.6% im Jahresvergleich gestiegen, bleibe damit also deutlich unter der Teuerungsrate. Unter den Sparten des Baugewerbes fiel die Leistung des Gebäudesegments um 3.7% im Dezember (Jahresvergleich) nach einem Anstieg von 6.4% im November, 2010 insgesamt um 5.2%. Für den Kommunalbau beträgt der gesamte Rückgang 2010 15.2%, im Dezember 21.3%. Als einen wichtigen Grund dafür nennt das KSH die geringere Zahl an Aufträgen des Straßenbaus. Lageraufträge gingen im Dezember um 13.3% gegenüber dem Vergleichsmonat zurück, neue Aufträge insgesamt um 27.9% (im November 23.4%).

Überraschendes Ausmaß der Haushaltslücke der Kommunen

Das Nationalwirtschaftsministerium veröffentlichte am Dienstag einen Bericht über den Haushalt der ungarischen Kommunen. Deren Defizit sei im vierten Quartal des letzten Jahres auf einen "unerwartet" hohen Wert von 247.7 Milliarden Forint (ca. 916.5 Millionen Euro) angestiegen. Damit besteht für 2010 eine in diesen Maßen noch nie da gewesene Haushaltslücke. Die Staatsregierung war von 190 Milliarden Forint (ca. 703 Millionen Euro) ausgegangen. Dabei ist zu ergänzen, dass die ungarischen Kommunen aufgrund des zentralisierten ungarischen Staatswesens viel weniger geldwerte Aufgaben erfüllen als beispielsweise in Deutschland, weshalb die Schulden absolut nicht so hoch erscheinen mögen, es relativ - wegen der geringeren Einnahmemöglichkieten - aber sind.

Die ungarische Staatskasse musste 2010 rund 1.280 Mrd. EUR an Krediten aufnehmen, 4,75 Mrd. EUR bzw. 4,7% des BIP, mehr als das doppelte beträgt der jährliche Schuldendienst, der durch die Abzahlung des IWF-EU-Notkredites bis 2014 auch noch ansteigt. Dass Ungarn sein veröffentlichtes Defizitziel für 2011 von "unter 3%" dennoch erreichen wird, daran zweifelt derzeit nicht einmal Brüssel, sorgen doch Krisensondersteuern, vor allem aber die Einmaleinnahmen aus der eingezogenen privaten Rentenversicherung für ein dickes, wenn auch trügerisches Polster.

Was Märkte und Partner viel mehr interessiert und auch die Ungarn viel mehr interessieren sollte, sind die lange angekündigten und nun schon mehrfach verschobenen Strukturreformen, die einen langfristigen Weg aus der als Grundübel erkannten "Schuldenfalle" weisen sollen. Angekündigt sind sie für öffentlichen Dienst, Staatsbetriebe und Einsparpotentiale in der Verwaltung teilweise nun für den 15. März, eine zweite Welle, die Sozialkassen betreffend, soll erst im Herbst folgen. Nur wenn diese Rahmenbedingungen greifen, können auch die Konjunktur- und Investitionsprogramme für den Mittelstand (Neuer Széchenyi Plan) greifen und das erreichen was sie sollen, Arbeitsplätze schaffen.

Simon Rahdes / red.

Mehr zum Thema in der WIRTSCHAFTSPOLITIK sowie spezifischer in nachfolgenden Beiträgen:

Der ungarische Einzelhandel setzte 2010 weniger um als 2009
http://www.pesterlloyd.net/2011_04/04einzelhandel/04einzelhandel.html

Autohändler in Ungarn hoffen auf Erholung 2011, 2010 nochmals -27%
http://www.pesterlloyd.net/2011_03/03automarkt/03automarkt.html

Dreifache Hypothek
Preise für Wohnungen in Ungarn sollen 2010 noch stärker sinken als 2009 / Jahreszahlen der FHB Bank
http://www.pesterlloyd.net/2010_07/07fhb/07fhb.html

Ein Drittel der Wohnungen in Budapest sind unverkäuflich
http://www.pesterlloyd.net/2010_43/43wohnungenbudapest/43wohnungenbudapest.html

Gesamtstatisitik des KSH zur ungarischen Ökonomie , Januar-November 2010 (externer Link, pdf-Datei) http://portal.ksh.hu/pls/ksh/docs/eng/xftp/gyor/jel/ejel21011.pdf

 

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