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(c) Pester Lloyd / 08 - 2011  KULTUR 21.02.2011

 

Fischer im “Exil”

Iván Fischer wird neuer Chefdirigent am Konzerthaus Berlin

Der ungarische Dirigent Iván Fischer, bisher Chef des renommierten Budapester Festivalorchesters, wird neuer Musikdirektor des Konzerthauses und Chefdirigent des Konzerthausorchesters Berlin. “Nur eine Nebentätigkeit” kommentiert die Leitung seines Budapester Orchesters, dabei will die neue ungarische Regierung ihm das Budget für 2011 um 20% kürzen, ganz offensichtlich aus politischen Gründen.

Die Neuverpflichtung von Iván Fischer verkündete heute der Intendant des Konzerthauses Berlin, Sebastian Nordmann, auf einer Pressekonferenz. Die Zusammenarbeit beginnt mit der Spielzeit 2012/13. Der Vertrag, der vorbehaltlich der Zustimmung des Berliner Senates am 22. Februar unterschriftsreif ist, läuft drei Jahre mit der Aussicht auf Verlängerung. Als designierter Chefdirigent wird Iván Fischer bereits in der Saison 2011/12 mit dem Konzerthausorchester zusammenarbeiten.

Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, der auch die Funktion des Kultursenators wahrnimmt, empfängt Fischer mit offenen Armen und sagte dazu: "Es ist dem Konzerthaus gelungen, mit Iván Fischer einen weltweit geschätzten Top-Dirigenten nach Berlin zu holen. Das unterstreicht einmal mehr, wie gefragt Berlin als internationale Musikhauptstadt ist." Kurt Sanderling, Ehrenmitglied des Konzerthausorchesters Berlin reagierte ebenfalls: "Mit überwältigender Mehrheit hat sich das Orchester für Iván Fischer entschieden, der mit seinem Budapest Festival Orchestra bewiesen hat, dass er ein junges, hochmotiviertes Orchester in die internationale Spitze führen kann. Die Musikerinnen und Musiker des Konzerthausorchesters Berlin freuen sich auf einen Chefdirigenten, der die Fähigkeit besitzt, das künstlerische Potenzial des Orchesters an die Leistungsgrenzen zu führen und damit einen hohen internationalen Standard als Maßstab zu definieren."

Ungarische Regierung kürzte Budget des Festivalorchesters

Die Regierung hatte das Jahresbudget von Fischers Budapest Festival Orchester für 2011 um 20%, d.h. 175 Millionen Forint (fast 650.000 EUR) gekürzt hatte, wie Fischer auf der Webseite seines Orchesters mitteilen ließ. Erst am 18. Februar beklagte Fischer dort, dass es “keine Rechtfertigung für diese Beschneidung” gibt, denn das Orchester bringe “dem ganzen Land Ruhm”. Die von der Regierung angeführte Begründung von “einer budgetären Notlage” kann er nicht gelten lassen, da andere Orchester “höhere Mittel” als vorher erhielten. (gemeint ist damit die Nationalphilharmonie von Zoltán Kocics, der kürzlich in einem Interview die Regierung als vollkommen demokratisch feierte und keinen Antisemitismus bemerken will). Nun versuchen die Abonnenten und Fans des Orchesters die fehlenden Mittel zu sammeln.

Festivalorchester: Berlin nur eine Nebentätigkeit

Der Geschäftsführer des Budapest Festival Orchesters, Tamás Körner, bekräftigte auf Anfrage des Pester Lloyd jedoch, dass “die Vereinbarung in Berlin in keinster Weise seine Arbeit mit dem Budapester Festivalorchester beeinflussen wird.” Er habe bis vor kurzem auch parallell als Musikdirektor an der Oper Lyon gearbeitet oder beim National Symphony Orchestra in Washington, seine Nebentägtigkeiten seien daher “nichts neues”, so Körner, mit den geplanten Kürzungen der Subventionen habe das nichts zu tun.

Der ebenfalls weltweit als Dirigent (u.a. in Bayreuth) anerkannte Bruder von Iván Fischer, Ádám Fischer, hatte vor einigen Monaten verärgert und frustriert seinen Posten als Generalmuskdirektor der Ungarischen Staatsoper abgegeben und dies mit der "ständigen Einmischung der Politik" in den Betrieb begründet. Vor wenigen Tagen bedauerte er zudem die “Gleichgütigkeit” der ungarischen Gesellschaft und das Schweigen des Kulturbetriebes gegenüber wachsendem Antisemitismus. Iván Fischer hatte seinerseits in einer deutschen Zeitung vor einer “nationalistischen Diktatur” in Ungarn gewarnt. Beide müssen sich - nicht erst seitdem - als Nestbeschmutzer beschimpfen lassen.

Seit der Machtübernahme durch das Fidesz, sieht sich der ungarische Kulturbetrieb mit einer Art “Nationalisierung” der Kultur konfrontiert, wofür wir hier viele Beispiel dokumentiert haben. Unabhängig davon, ob Iván Fischer sein Orchester in Budapest behalten wird, ist sein Engagement in Berlin ein deutliches Zeichen an die Regierung in Budapest, dass sie mit ihrer ideologisch gefärbten Kulturpolitik letztlich nur dem Land schadet, denn Künstler sind bei ihrer Tätigkeit nicht an die Landesgrenzen gebunden.

Auf die Arbeit in Berlin freut sich Fischer sichtlich: “ Ich finde, dass dieses wunderschöne Haus im Herzen Berlins und dieses hervorragende Orchester mit seinen loyalen Abonnenten ein ungeheures Potenzial haben. Die durch Kurt Sanderling geprägte Musiktradition weiter zu pflegen, ist eine der schönsten Aufgaben die ich mir vorstellen kann. Ich freue mich besonders, dass mich in dieser Arbeit Dmitrij Kitajenko als erster Gastdirigent unterstützen wird.”

red.

Foto: Konzerthaus Berlin, © Marco Borggreve

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