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(c) Pester Lloyd / 10 - 2011 BUDAPEST
08.03.2011
Ohne Masterplan
Suche nach Perspektiven im VII. Bezirk von Budapest
Mit der Fidesz-Verwaltung sind neue, viel versprechende Impulse in die Debatte um die Entwicklung des geschichtsträchtigen VII. Bezirks Budapests gekommen.Was dabei
am Ende konkret herauskommt, hängt vom Willen und der Ernsthaftigkeit der Administration ab, die Buntheit der Interessen der Anrainer zu berücksichtigen. Keine
leichte Aufgabe, zumal angesichts der kommunalen Finanzlage die Hoffnungen nicht zu hoch gesteckt sein sollten.
Neu und alt mitten im VII., das eine oft hässlich, das andere verfallen....
Nur wenige Minuten Fußweg von der Prachtstraße Andrássy útca entfernt bietet der siebte
Bezirk Budapests (Erzsébetváros/Elisabethstadt) ein Bild aus renovierten oder gut in Stand gehaltenen Altbauten, Altbauten in noch praktikablen Zuständen, eindeutig verfallenden
Gebäuden sowie architektonisch oft wenig zur Umgebung passenden Neubauten, meistens Bürogebäuden. Darin und dazwischen liegt nach wie vor ein Zentrum religiöser (hier
befindet sich das historische und seit einigen Jahren seine Identität wieder stärker in den Vordergrund stellende jüdische Viertel und kultureller Aktivitäten sowie eine lebhafte
(gerade auch bei ausländischen Besuchern beliebte) Partyszene (wobei der „Szimpla kert“
weiterhin zu den erfolgreichsten unter den verbliebenen „Ruin Pubs“ zählt.
Seit Oktober 2010 befindet sich eine neue, Fidesz-kontrollierte Verwaltung unter Zsolt
Vattamány im Amt, unter deren Aufsicht es etwas ruhiger mit neuen Immobilienprojekten geworden ist, nachdem in den letzten Jahren in Zeiten der MSZP-Verwaltung viele große Bauvorhaben oft mit Skandalen in der Vergabe von Aufträgen und der geduldeten
Umgehung von Denkmalschutzvorschriften verbunden waren.
Das jüdische Leben im VII. gibt dem Bezirk das Besondere, es dominiert aber nicht
Die Renovierung des historischen Hofkomplexes Gozsdu Udvar, der sich seit 2004 im Besitz
der Autóker Holding befindet, ist inzwischen abgeschlossen: Die Anlage zwischen Dob útca und Király útca beherbergt neben Wohnungen und Büroräumen mehrere Galerien, Ateliers
und Cafés, die zu der schon früher gestarteten Umgestaltung der Király útca passen.
Der Kontrast zwischen diesem Gebäude und der wenige Meter entfernt parallel
verlaufenden Kis Diófa útca, deren immer wieder mit Hausrat zugestellte Winkel für manche Obdachlosen notgedrungene Unterkünfte bieten, dass sich der Bezirk noch weit
entfernt von dem Ziel guten Wohnraums für alle (das die Grundlage mancher Kritik an Gentrifizierungsprozessen bildet), befindet.
Wer sich derzeit Wohnraum leisten kann, kommt in die Vorzüge eines in mehreren Straßen
kostenlos nutzbaren öffentlichen W-Lans, der Nähe zur Innenstadt und öffentlichen Verkehrsmitteln und einer gute Sicherheitslage - die allerdings nicht uneingeschränkt gilt:
Als ein weiteres Zeugnis des ungarischen Antisemitismus kann gelten, dass in der Großen Synagoge in der Dohány útca nach wie vor strenge Sicherheitskontrollen nötig sind und
nachts Polizisten das Gelände überwachen.
Gelungene Sanierung und jede Menge Hofkultur...
Dagegen wird die 1872 errichtete Synagoge in der Rumbach útca von städtischer Seite
vernachlässigt, die jüdische Gemeinde kann die Kosten für die Renovierung allein momentan nicht tragen, sodass die entsprechenden Arbeiten seit einigen Jahren ruhen.
Ausdrücklich nicht nur auf die Interessen jüdischer Mitbürger zielen die Bemühungen der
Organisation „Marom“, alternative Nutzungen der alten Gebäude voranzubringen. Ádám Schönberger, Sprecher Maroms und Betreiber des Kulturzentrums „Sirály“ betont die
Notwendigkeit eines neuen Konzepts für die Entwicklung des siebten Bezirks, das alle Akteure vereint.
Nach schlechten Erfahrungen mit den früheren Verwaltungen zeigt er sich von der
Gesprächsbereitschaft der neuen Administration positiv überrascht. Diese habe aktiv den Dialog mit mehreren Gruppen gesucht und angekündigt, ein Forum zum Erarbeiten einer
gemeinsamen Lösung einzurichten. Eine Expertengruppe aus drei Personen soll dafür eine Bestandsaufnahme erstellen, wobei eine Nähe dieser Experten zur Wirtschaft nicht
ausgeschlossen sei. So lobenswert sich diese Schritte auch darstellten, darüber hinaus sei noch nicht viel geschehen, auch die Zielrichtung bleibe noch unklar: „Vielleicht wollen sie
bloß Ideen aus verschiedenen Quellen aufgreifen, aber letztlich ihr eigenes Programm umsetzen“. Befürchtungen, zur Legitimierung eines solchen beizutragen, ließen sich noch
nicht ausräumen. Möglicherweise werde es sich auch als „problematisch“ erweisen, dass noch „der gleiche Planungsarchitekt wie zuvor für den sechsten und siebten Bezirk zuständig“ ist.
Marom und die weitere NGO „Óvás“ („Einspruch“) fahren nichts desto trotz mit ihren
Bemühungen fort, den Abriss weiterer Gebäude zu verhindern, aus Erfahrungen nütze es wenig, dafür auf die Straße zu gehen; entscheidender sei der Versuch, alle Beteiligten für
ein Konzept zu gewinnen. Dafür betont Marom den „Charme der alternativen Kulturszene“ vor Ort, die längst ein „einzigartiges Markenzeichen“ ausmache, dass von offizieller Seite
noch besser unterstützt und herausgestellt werden sollte, worin „eine der besten Gelegenheiten für Budapest” liege, Tourismus zu fördern und den sozialen Zusammenhalt
zu stärken. Zur Unterstützung des Letzteren arbeitet Marom zudem an Plänen, Gemeindezentren einzurichten, die sich nicht auf Kultur im typischen Sinn des Wortes
beschränken, sondern z.B. auch Bildungsimpulse liefern sollen. Für die Finanzierung steht Marom in Kontakt mit US-amerikanisch-jüdischen Organisationen.
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und noch sehr viel zu tun... Mangelnde Ressourcen und komplizierte Besitzverhältnisse, vor allem aber
auseinanderdriftende Interessen verhindern einen echten Masterplan
Daneben verfolgt die Gruppe zurzeit das Projekt der Errichtung eines Holocaustmahnmals
auf dem Klauzal tér. Marom strebt dabei die enge Kooperation mit der Bezirksverwaltung an, etwa in der Ausschreibung für die künstlerische Gestaltung. Über die Geschichte des
jüdischen Viertels soll auch eine Audiotour informieren. Kompatibel für mobile Geräte mehrerer Hersteller wird sie Angaben zu etwa 30 Gebäuden und Plätzen auf Ungarisch und Englisch bieten.
Laut Gergely Koó, Leasing-Chef in der ungarischen Abteilung des österreichischen
Immobilienvermittlungs- und -managementunternehmens EHL und zuständig für ein Bürogebäude an der Wesselényi útca, ist das Interesse an Büroräumen von Seiten der
Kunden und damit auch das Interesse vieler Immobilienunternehmen am siebten Bezirk in den letzten zwei Jahren deutlich zurückgegangen. Gegenden wie der Váci-Korridor
erwiesen sich als wesentlich beliebter. Autóker beispielsweise konzentriert seine neuen Entwicklungsaktivitäten auf den dreizehnten Bezirk.
„Leute mögen die Gegend, aber es ist nicht die beste Umgebung für Business-Immobilien.“
Auf eine hervorragende Anbindung an öffentliche Verkehrlinien komme ein nur sehr geringes Angebot an Parkmöglichkeiten, außerdem wäre es in vielen Fällen günstiger, alte
Gebäude in schlechten Zuständen abzureißen und etwas Neues zu bauen als sie zu sanieren, allerdings wirkten dann die strengen Monumentauflagen (eine Aussage, die dafür sprechen
könnte, dass die neue Verwaltung tatsächlich sensibler als ihre Vorgänger agiert; auf die Frage, wie das erwähnte Bürogebäude entstanden sei, konnte oder wollte Koó keine
konkrete Antwort geben, da EHL es 2007 fertig übernommen habe).
Die Stadt stehe selbst in der Pflicht, den Bezirk auch als Wohngegend weiter zu verbessern.
Wohngebäude im Besitz der Bezirksverwaltung (ähnliches sei im sechsten Bezirk zu beobachten), die nur niedrige Mietpreise verlangen, erwiesen sich als vor- und nachteilig:
Während die niedrigen Preise sozial benachteiligten Gruppen entgegenkommen, können die Verwaltungen so kaum Geld für übergreifende, sich nicht auf die notwendige kurzfristige
Erhaltung des Gebäudes beschränkende Sanierungspläne einziehen.
An dieser Gesamtlage werde sich in den nächsten Jahren wahrscheinlich nicht viel ändern,
neue Verwaltungen kündigen zwar stets an, vieles besser als ihre Vorgänger zu tun, aber realistisch erscheint das in diesem Fall nicht. Koó wusste nichts von Plänen Maroms oder
ähnlicher Organisationen. Für die Wahrscheinlichkeit einer weitgehenden Beibehaltung des aktuellen Status´ trotz möglicherweise bald aufgenommener Forumsgespräche sprechen
vor allem die knappen Kassen der Bezirksverwaltung (wie der gesamten Stadt).
Die Bezirksverwaltung selbst stand - entgegen ersten Bekundungen - letztlich doch nicht für
ein Interview zu diesem Thema zur Verfügung. Auch ein Statement, kein ermutigendes.
Simon Rahdes
Weiteres zum Thema:
Zerbröckelnde Schmuckkästchen. Budapests VII. Bezirk http://www.pesterlloyd.net/budapest2009/hoefeVII/hoefevii.html
Vom Ghetto zum Trendbezirk.
Im jüdischen Viertel von Budapest ist nicht nur die Vergangenheit bewegt http://www.pesterlloyd.net/2010_10/10juedviertel/10juedviertel.html
Lebendiger Kiez.
Das „Sirály“, ein echter Multi-Kulti-Szenetreff im Jüdischen Viertel von Budapest http://www.pesterlloyd.net/2010_11/11siraly/11siraly.html
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