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(c) Pester Lloyd / 14 - 2011 KULTUR
04.04.2011
KOMMENTARE
Nachklänge
Frühling im Palast der Künste - Nachlese zum Frühlingsfestival Budapest
Auch das diesjährige XI. Frühlingsfestival war in Budapest und der Provinz wegen der jahreszeitlich bedingten Aufbruchstimmung des Publikums und der nach wie vor
attraktiven Programmangebote magnetisch. Der Palast der Künste (MÜPA) bot dabei die meisten Highlights, die Reihen waren gut gefüllt gewesen, auch, weil reizvolle
Programmschwerpunkte mit herausragenden internationalen und nationale Orchester und Solisten das Fest bereicherten.
Ein großer Ausländeranteil durch Kulturtourismus macht das möglich, da die Kartenpreise
nicht für alle Ungarn beim Festival erschwinglich sind. Im internationalen Vergleich sind die Preise wegen der auftretenden Stars dennoch sehr attraktiv. Es ist hier schier unmöglich,
das gesamte Programm zu kommentieren, deshalb sollen nur ein paar Höhepunkte folgen: Im Liszt-Jahr traten renommierte Pianisten wie Grigorij Sokolow oder die Cello-Legende
Mischa Maisky mit dem Prager Kammerorchester hier auf.
Der Trend, internationale Stars mit ungarischen Klangkörpern vorzustellen, wie z.B. das
Festivalorchester unter Iván Fischer in einem Wagner-Abend mit der deutschen Mezzosopranistin Petra Lang, war genauso gegeben wie die Kombination international
bekannter Solisten, Ensembles oder Dirigenten aus zahlreichen Ländern. Die Wiener Symphoniker waren mit der deutsch-japanischen Pianistin Alice Sara Ott angereist und
spielten unter der Stabführung von Ádám Fischer. Viele Künstler aus dem deutschsprachigen Kulturkreis waren mit hervorragenden Leistungen hör- und erlebbar,
was für Ungarn mit seiner reichen und langen deutschen Tradition in Sprache und Musik eigentlich selbstverständlich sein sollte, aber lange nicht mehr selbstverständlich im
Bewusstsein vieler Kultur- und Bildungsentscheider hierzulande ist.
Als herausragend muss hier auch das
Mozart-Konzert der Camerata Salzburg mit dem deutschen Bass Thomas Quasthoff genannt werden. Das Kammerorchester, originaler Aufführungspraxis verpflichtet, zum Teil mit ventillosen Posaunen
besetzt, hat in seiner Entwicklungsgeschichte über Jahrzehnte viel dem ungarischen Geiger Sándor Végh zu danken, der Mozart und Haydn temperamentvoll, aber ohne die heute oft üblichen
Perforce-Mätzchen spielte. So war im Mozart-Konzert vom Klangkörper zwar Substanz fördernde Tempi-Ausgewogenheit
vorhanden, aber auch manche vermeidbare Betulichkeit zu hören, die Mozart tänzerische, spielerische Dramatik in der C-Dur Sinfonie oder der „Haffner-Sinfonie” gelegentlich
behinderte, verschmierte. Dem italienischen Dirigenten Andrea Marcon fehlte es allerdings an überspringendem Esprit.
Bei der Führung von Orchester und dem Solisten
Thomas Quasthoff gelang ihm jedoch Einfühlsamkeit. So gelangen die vier berühmten italienischen Konzertarien Mozarts, KV 432, 612, 513 und 584, zu Demonstrationen stilvoller Musikalität,
ausgewogener Gestaltung der Inhalte und stimmlicher Ausdruckskraft. Woher der Protagonist oft die Kraft nimmt, den Umfang der Arien zu bewältigen, bleibt sein Geheimnis. Substanz und
meisterhafte Stimmführung, angenehmes Tumbre und kraftvolle Charakterisierung ohne extreme Forcierungen waren Demonstrationen der Schönheit der Komposition. Die Zugabe mit Mozarts „In diesen
heilg´en Hallen” aus der „Zauberflöte” zeigte die Fülle dieser Stimme und die Schönheit deutscher Sprache gleichermaßen, - vom Inhalt für dieses Land mal ganz abgesehen!
Ein weiterer Schwerpunkt im diesjährigen Festival, der bei dem oben genannten
Wagner-Abend und dem Mozart-Abend bereits anklang, nämlich Ensembles, die Oratorien oder Opernaufführungen präsentieren. So war Händels „Judas Maccabäus” (Ungarns Purcell
Chor, das Orfeo Orchester, Solisten) genauso zu hören wie der „Krisztus” von Franz Liszt (Debrecener Philharmonie, Chor des Csokonai Theaters sowie der Kodály Chor). Dadurch
gereicht dem Festival das Verdienst, nationale Ensembles an internationalen zu messen. Zu solchen Veranstaltungen gehörte auch das französische Ensemble alter Musik Les Arts
Florissants unter William Christie mit Rameaus „Anacréon” und „Pygmalion”. Hervorragende Solisten und stilsichere Interpretationen standen hier vor Starkult. Der
Dirigent, kenntnisreich in alter englischer Barockoper, führte kongenial.
Zu einem Höhepunkten geriet die Aufführungen von Maggio Musicale Fiorentino unter Zubin
Meta, der weltweit zu den profiliertesten Operndirigenten gehört und in seinem Ensemble junge Solisten mit internationalen Spitzenniveau vereint. Das Festival schloss im Palast der
Künste mit dem Europäischen Jugendsinfonieorchester der EU unter Wassilij Sinajskij mit Werken von Wagner und Liszt.
Der Palast der Künste würde seinem Namen nicht
gerecht, gehörten zum Festival nicht auch inzwischen selbstverständlich hervorragende Solisten und Ensembles der so genannten leichten Muse. Unter dem Stichwort
„deutscher Kulturkreis” sei hier der Auftritt von Max Raabe mit seinem Palastorchester hervorgehoben. Das Programm brachte Schlager der „Goldenen Zwanziger”-
und der weniger goldenen dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Die elf Musiker des Orchester mit ihrem Solisten Raabe begannen relativ puristisch die auch hier sehr bekannten Titel zu
interpretieren und steigern sich zu wahrhaft meisterlicher Arbeitsteilung zwischen Sologesang und instrumentaler Vielfalt. Max Raabe, ausgebilderter
Opern-Bariton, ist in der Tiefe präsentabel und gelangt mit schwindelnder Leichtigkeit in die Kopfstimme, um Liebessehnsucht und Schmachten mit Selbstironie über die Rampe zu bringen.
Als Gesamtkunstwerk und inzwischen Stilikone seiner Richtung ist Raabe lange etabliert und so gelingen ihm die
Ansagen in deutsch, englisch und auch ungarisch sowie seine besonders verhalten gesungenen Titel als Verweis auf eine Zeit, wo die Tage vieler jüdischer Texter und
Komponisten in Deutschland gezählt waren und der als androgyn geltende Gesang bald als unmännlich geschmäht ward. Die Steigerungen der Musikexzentrik im Palastorchester bis
zum A Capella-Chor des Solisten mit den Musikern beim Abschiedsgesang riss die Zuhörer von den Sitzen. Nicht nur deutsche „Zugabe”-Rufe und die Begeisterung der Ungarn für
diese hohe Qualität alter deutscher Tanzmusik, die längst international geworden ist, ließen die Leichtigkeit des Seins in schweren Zeiten, - früher so wie heute - zufrieden aufscheinen.
E. Figura
www.mupa.hu
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