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(c) Pester Lloyd / 19 - 2011 WIRTSCHAFT 12.05.2011
Diät im Freien
Teuerung in Ungarn: Was man wirklich braucht, wird wirklich teuer
Die Teuerung in Ungarn nimmt an Fahrt auf und liegt übers Jahr schon bei 4,7%, bei den Grundbedürfnissen bei beängstigenden 12%. Vor allem Wohnen und Essen
sollten die Bürger in nächster Zukunft vermeiden, es ist einfach zu teuer. Das Inflationsziel von Zentralbank und Regierung hat sich längst erledigt. Wird der Staat
gegensteuern, kann er es überhaupt oder kokettiert er gar mit etwas Geldabwertung?
Die aktuellsten Zahlen des Statistischen
Zentralamtes in Budapest belegen, dass sich die Verbraucherpreise in Ungarn wieder schneller erhöhen. Für den April wurde ein Anstieg des Consumer Price Index (CPI) von 0,6% gegenüber dem
März sowie von 4,7% für die letzten 12 Monate registriert, im ersten Quartal lag der Anstieg noch bei 4,3%. Der EU-Schnitt ist 3.1%, Irland und Schweden hatten die geringste Teuerung mit 1,2
bzw. 1,4%, Rumänien mit 8% die höchste, gefolgt von Estland mit 5,1%. Eine spezielle Rechnung für ungarische Rentner zeigt, dass die Teuerung in deren Warenkorb bei 5,7%
auf Jahresbasis und damit 18% über dem Bevölkerungsschnitt lag. Die Durchschnittsrente in Ungarn beträgt rund 300.- EUR.
Preisvergleiche auf Monatsbasis
Bei Lebensmitteln war die Teuerung auf Monatsbasis mit 1,2% doppelt so hoch wie im
Gesamtindex. Saisonware, z.B. Gemüse, Obst, Kartoffeln stiegen binnen 30 Tagen um 4,1%, Brot um 2,8%, Margarine um 12%, Milch um knapp 2%. Pflanzenöle und Eier
verbilligten sich um 1,5%. Etwas überraschend erscheint angesichts der Konsumflaute der Preissprung bei Bekleidung und Schuhen von 4% (neue Berechnungsgrundlage).
Medikamente und Treibstoffe legten um 1,8% zu, Dienstleistungen lediglich um 0.3%. Gas- und Strompreise blieben nahezu unverändert, hier wird es erst im Juni wieder die üblichen
Sprünge geben. Alkoholische Getränke und Tabakprodukte wurden um 0,5% günstiger.
Ein vergleichender Blick nach Rumänien: Hier steht die Jahresinflation schon bei 8,34 %.
Zwischen März und April war eine Preissteigerung bei Lebensmitteln um 0,92 % zu messen, während die Preise von Nonfood-Artikeln um 0,87 % stiegen. Sehr stark werden
die Konsumenten die Inflation beim Erwerb von frischem Obst (7,7 %), sowie von Kartoffeln und Zucker (4,99 % und 4,5 %) bemerken, auch der Preis für Mehl stieg
überdurchschnittlich (1,6 %). Ein weiteres Leck in die Geldbeutel könnten die Strompreise schlagen: um 5 % höher lag der Preis im April verglichen mit dem vorangegangenen Monat.
Die Inflationsrate im Verlauf der letzten zwölf Monate bis April (oben)
und unten für die letzten 30 Jahre.
Was man wirklich braucht, wird wirklich teurer
Besonders eindrücklich, bei Grundnahrungsmitteln beänstigend, sind die
Preisveränderungen im Jahresvergleich, hier wieder die Zahlen aus Ungarn: Zucker legte auf bereits hohem Niveau nochmals um 68% zu, Mehl verteuerte sich im Einzelhandel um
62,1% (Weizen im Erzeugerpreis übrigens um mehr als 100%), Pflanzenöl wurde um 23,5% teurer, frisches Obst- und Gemüse um 20%, Milch um 12,7%, Brot um 12%. Eier wurden
binnen 12 Monaten um 6,3% billiger, Schweinefett um 5,2%. Strom, Gas für Privathaushalte und der Treibstoff an der Tankstelle stiegen zusammen um 8,4%, Erdgas
um 16,5%, Fernwärme um knapp 10%, Benzin um 16%. Das Leben für den Durchschnittsbürger wird weiterhin besonders durch "Nebenkosten" verteuert, so stiegen
die Abwasserpreise um 10%, Müllabfuhr um 5,4%, Wasser kostete 4% mehr. Preise für Kleidung und Schuhe stiegen moderat um 2,2%, Dienstleistungen um 2%, Tabak und
Alkohol blieben nahezu unverändert. Rechnet man "nur" "Wohnen und Essen" heraus ist
man bei einem "satten" Plus von 12%! Es wäre also Zeit für die Frühjahrsdiät am Busen der Natur.
Jahresinflationsziel hat sich wohl erledigt
Die Zahlen dürften das "Jahresinflationsziel" der Nationalbank wie der Regierung, das
interessanterweise gleich war, von 3% endgültig erledigt haben, zumal noch vom Staat angehaltene Preisrunden bei der Energie bevorstehen, auch wenn es immer noch
behauptet wird. Die Preisstabilität und damit die Erhaltung des Geldwertes als zentrale Aufgabe der Zentralbank würde hier neuerliche Zinsschritte beim Leitzins nahelegen.
Diese sind aber aufgrund politischer Einflussnahme derzeit eher unwahrscheinlich. Nachdem die Nationalbank vor einigen Monaten nach einer längeren Abwärtsstufung zwei
zaghafte Zinsschritte nach oben gesetzt hatte (heute 6,5%), wurden die freiwerdende "externen" Plätze im Währungsrat von der Regierungspartei mit Ökonomen besetzt, die
zwar als unabhängig dargestellt werden, sich aber an die Minimalforderung des Wirtschaftsministeriums halten, die Zinssätze nicht weiter anzuheben.
Kokettiert der verschuldete Staat mit ein bisschen Inflation?
Die Regierung will den Kreditfluss für die mittelständische Wirtschaft beleben und riskiert
damit nicht nur eine erhöhte Inflation (die ihr beim Thema Staatsschulden und Exporte sogar entgegenkommt) und damit auch eine Abwertung des Forint (was auch den
Exporten weiterhilft, aber die Ausslandsschulden wieder verteuert, vor allem aber die vielen Schuldner von Fremdwährungskredite in zusätzliche Not brächte). Viele halten den
Forint, der seit Wochen um die 265 firmiert ohnehin für völlig überbewertet, so dass Korrekturen auch stärker ausfallen könnten. Der Staat sieht sich also im Dilemma Geld in
seine Kassen, aber auch in die Unternehmen und unter die Leute zu bringen, ohne die Inflation ausufern und den Forint abstürzen zu lassen. Das geht zusammen und
gleichzeitig alles gar nicht, er kann nur ein wenig tarieren, muss sich sonst aber in Gottes Hand, sprich jene der internationalen Hochfinanz und Konjunktur legen.
Eine steigende Inflation, allein das kokettieren damit, ist vor allem angesichts der sozialen
Spannungen überhaupt keine gute Entwicklung. Die Realeinkommen sind seit der Krise so gut wie nicht gestiegen, selbst bei den etwas besser verdienenden Ungarn würde eine
Inflation die "Gehaltserhöhung" durch die neue Flat tax auffressen, die untersten Einkommensschichten zahlen durch die Flat tax sogar drauf, weil die Steuerbemessung,
das sogenannte Superbrutto (also inkl. der Arbeitgeberanteile an den Sozialabagaben) ihnen in absoluten Zahlen höhere Steuern abzieht als zuvor.
Was kann der Staat?
Teilweise muss der Staat schon in den untersten Gehaltsgruppen des öffentlichen Dienstes
Lohnausfallskompensationen zahlen, er gibt Preismoratorien für Energieversorger heraus, will möglicherweise sogar eine Gewinnobergrenze für Strom-, Gas- und Wasserversorger
gesetzlich verankern (bisher gab es sowas wie eine Gewinngarantie), denkt an die Rückverstaatlichung bzw. Wiedereingemeindung von Wasserwerken nach und will eine
Qualitäts- und Förderinitiative für die heimische Landwirtschaft starten, u.a. durch einen staatlichen Bodenfonds, aus dem junge Gründerfamilien - fast so wie im früheren
Lehnswesen - mit günstigem Boden bedacht werden, um die heimische Scholle wieder aufzuwerten. Die Ausländer will er weiter vom Landkauf abhalten, die würden zuviel
spekulieren, dass sie mitunter mehr Effizienz in die Landwirtschaft bringen, interessiert da nicht. Das Kartellamt versucht das seinige, Preisabsprachen zumindest einzudämmen,
der Konsumentenschutz steckt jedoch noch in den Kinderschuhen. Und dann ist ja da noch der große Széchenyi-Plan, der Arbeitsplätze zu Hunderttausenden schaffen soll...
Viele der genannten Maßnahmen sind jedoch nicht hart durchgerechnet und die Experten ließ man bisher immer
erst an die Konzepte, wenn sie ein Minister bereits mit nationaler Inbrunst öffentlich vorgetragen hatte. Immerhin ist diese Regierung nun schon ein Jahr an der Macht, doch
der sie tragenden Mehrheit geht es genauso bescheiden wie vorher. Die Macht des Staates ist und bleibt gegenüber dem Markt eng begrenzt, auch wenn die heutige Regierung
daran arbeitet, diese Macht zu stärken.
red.
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