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(c) Pester Lloyd / 28 - 2011 FEUILLETON 11.07.2011
Das letzte Opfer der Monarchie
Was zum Tode von Otto Habsburg noch zu sagen ist
Der kürzlich verstorbene Sohn des letzten Kaisers von Österreich, Otto Habsburg-Lothringen, hat vor seinem Tode verfügt, dass sein Herz in Ungarn zu
bestatten sei. Das ist eine edle, nostalgische Geste, aber auch ein dynastischer Imperativ. Neben dem verdienten, konservativen Europapolitiker, der nun allerorten
verehrt und auch verklärt wird, gab Otto als verbal schrulliger Operettenkaiser mit sehr skurrilen Ansichten auch immer eine lebendige Warnung vor der Monarchie.
Tempi passati - Otto Habsburg-Lothringen vor diversen Memorablien seiner Familie
Der Körper in Österreich, das Herz in Ungarn. So verfügte es Otto Habsburg-Lothringen,
letzter Erbprinz der Habsburger, so wird es geschehen. Sein Sohn Karl begründete den Wunsch des Vaters mit dessen "besonderer Beziehung zu Ungarn". Die Beisetzung des
Herzens wird also am 17. Juli in der Erzabtei Pannonhalma im "engsten Familienkreis" geschehen, nach einer mehraktigen Trauerzeremonie, die einem Kaiser würdiger scheint
als dem Bürger, der zu Grabe getragen wird. So wird am Tag zuvor der Sarg aus der Villa Austria im bayerischen Pöcking am Starnberger See, wo Otto mit 98 Jahren verstarb,
nach einem Requiem in das Klosterstift Mariazell überführt, gleichzeitig werden die sterblichen Überreste seiner Frau Regina (gest. 2010) aus Thüringen gebracht, es folgt ein weiteres Requiem.
Requiem eterna und überall
Die im Tode Wiedervereinten gelangen
sodann nach Wien zu einem Requiem im Stephansdom, anschließend findet die Beisetzung in der Kapuzinergruft statt, seit Jahrhunderten der traditionelle Bestattungsort des ehemaligen
Herrscherhauses. Die beiden belegen dann die Bestattungsplätze 149 und 150, darunter ein Dutzend Kaiser und noch mehr Kaiserinnen, die Kapuziner melden damit
endgültig volles Haus. Dass das Herz getrennt vom Körper bestattet wird, ist in jenen Kreisen nichts ungewöhnliches,
schließlich gingen auch Herz und Verstand bei den Habsburgern nicht selten getrennte Wege. Sowohl die Kapuzinerkapelle als auch die Augustinerkirche verfügen über ein
eigenes "Herzgrüftl".
“Kaiserjäger” und andere Kostümierte halten Wache in der Kapelle in Pöcking in Bayern
Protokollarische Pflichterfüllung von der ungarischen Regierung
Die ungarische Regierung veröffentlichte ein mehr protokallarisch pflichtschuldiges als
wirklich herzlich klingendes Statement zum Tode des 98jährigen "Chefs der Habsburger-Dynastie", den man als "Anwalt Europas und universeller Werte" ehrt sowie als
"einflussreiche Figur der Bewegung, die zur Einheit unseres Kontinents führte" und als "aktiven Unterstützer unseres Landes". Die ungarische Regierung betont "sein
konsequentes Wirken und seine resolute Verteidigung von Menschenrechten", ob es "gegen das Naziregime oder die kommunistische Dikatur" ging. Als CSU-Abgeordneter im
Europäischen Parlament habe er sehr viel zur Vertiefung der Beziehungen zwischen Deutschland und Ungarn beigetragen. Man werde sein Andenken lebendig halten.
In Wien freut man sich auf eine “schöne Leich`”
In Österreich spricht man vom "Ende einer Ära", ohne genau benennen zu können, welche
Ära man nun meint. In Wien freut man sich jedenfalls über eine "scheene Leich`" und dass
"die Kaiserin" nun auch zurück nach Österreich kommt. Nun muss nur noch Kaiser Karl von Madeira herbeigeholt werden, eine Fingerkuppe hat es bereits als Reliquie in die
Dorfkriche von Wien Kaisermühlen geschafft. Sieben Kinder Otto´s immerhin werden auch hinfort für eine habsburgische Endlosschleife im boulveardisierten Kaiserreich sorgen, ob
die es wollen oder nicht.
Verdienter Europäer als Trostpreis für den verhinderten Monarchen
Kritische Stimmen gegenüber dem streitbaren Politiker Otto Habsburg-Lothringen, mit
seinen vielen skurrilen Ausrutschern ins Vorgestern, sind angesichts seines Ablebens weitgehend verstummt, ganz zu Unrecht, denn nur sie vervollständigen ja das Bild dieses
hochinteressanten Menschenlebens. Sein Einsatz für Europa (Paneuropaunion, EU-Parlament, Picknick etc.) war ihm quasi in die Wiege gelegt und letztlich die einzige
(legale) Möglichkeit für ihn, seine "Bestimmung" zu erfüllen.
Otto als strammer CSU-Abgeordneter in den Fünziger Jahren
Der verdiente Europäer war sozusagen der Trostpreis für den verhinderten Monarchen,
Otto Habsburg wurde aus historischer Verlegenheit zum europäischen "Bürger", woraus dann bald eine tiefe europäische Überzeugung erwuchs, die sich in einen für ihn schwer
aufzulösenden Widerspruch zur damit einhergehenden Bürgerlichkeit stellte. Dass bei allem Einsatz für eine friedliche Vereinigung, in einem möglichst christlich-wertkonservativen
und auch weiterhin national gegliederten Europa, im Hintergrund eine schwere geistige Erblast auf das als königlich geplante Haupt drückte, beweist die
Shortlist der peinlichsten verbalen Ausrutscher Ihro Majestät:
- er verglich die Kritik an seinem Sohn Karl mit der Judenverfolgung im Dritten Reich,
(World Vision Austria-Spendenskandal 1996)
- fabulierte über den Einfluss der amerikanischen Juden und Schwarzen auf die Politik und
wie die Weißen in Rücklage gelangten
- meinte, dass er mit der Abschaffung der Demokratie im Austrofaschismus unter Kanzler
Dollfuß kein Problem hatte, da diese ja dem Lande diente
Österreich als erstes Opfer des Nationalsozialismus... Habsburg im Parlament in Wien,
im Hintergrund der applaudierende, sptäer korrigierende Kanzler Schüssel
- benannte Österreich als das Land, dass
"wie kein anderes" das Recht habe, sich als Opfer des Nationalsozialismus zu bezeichnen, im übrigen sei das Gejubel für Hitler 1938 auf dem Heldenplatz nichts weiter gewesen
als etwas, was man bei jedem Fußballspiel erleben könne, (Skandal im öst. Parlament, die ÖVP jubelte seinen Thesen heftig zu, doch sogar der mit der rechtsradikalen FPÖ
koalierende ÖVP-Kanzler Schüssel sah sich zu einer Korrektur genötigt und merkte an, dass Österreicher auch unter den Tätern waren...)
- legte sich für eine rechtsradikale Gazette ins Zeug, als diese von der Leipziger
Buchmesse ausgeladen werden sollte
- sagte, dass "wenn die Vernunft wieder in die Politik einkehrt, auch die Monarchie"
wieder eine Perspektive sei (gesendet passenderweise auf dem Sender "Phoenix" 2006)
- verklärte das k+k-Reich u.a. anlässlich des 100jährigen Jubiläums der Annektion
Bosniens als funktionierenden Vielvölkerstaat, nach dessen Vorbild man Europa bauen könne. Dabei verstieg er sich unter anderem zu der These, dass die Balkanpolitik der
Habsburger im wesentlichen Infrastrukturprojekte waren und humanistischen Fortschritt brachten.
Er vermied Dünkel, wie es dünkelhafter kaum sein konnte
Überhaupt fehlte Otto - zumindest seinen öffentlichen Äußerungen nach - meist die
kritische Distanz zu den historischen Fehlleistungen, zu dem geschaffenen Elend und der Mitschuld an etlichen Kriegen des Herrscherhauses. Er beklagte, dass man als Habsburger
in Sippenhaft genommen wird, bezog sich aber in jeder nur erdenklichen Situation (wenn auch stets geschickt indirekt) auf das Erbe und die Leistung seines "Hauses" und nahm
auch die Speichelleckereien seines Umfeldes so huldvoll wie dezent an. Er verneinte den Dünkel auf eine Art, die dünkelhafter kaum sein konnte. Auf der anderen Seite erkannte
er die Europäische Union als das Gerüst, das den Bau eines endlich stetig friedlichen Kontinents ermöglicht, sogar ohne Allmacht einzelner Familien.
Wie soll man ein Freund der Republik sein, wenn der Präsident im
Schlafzimmer der eigenen Ururgroßmutter (Maria Theresia) residiert... Otto mit dem österreichischen Bundespräsidenten Heinz Fischer.
Was für den geborenen Bürger logisch, war für den gelernten Bürger Otto ein großer Erkenntnisprozess.
Bei obigen Bonmots aus kaiserlichem Munde möchte man sich nicht einmal ausmalen, welche Politik Otto als Alleinherrscher einer Großmacht betrieben hätte, zum Teil jedoch
spiegeln sie auch den angesammelten Trotz eines von der eigenen Sendung und seinen Fans Getriebenen, auch ein gewisser Altersstarrsinn spielte zuletzt eine entschuldigende Rolle.
Die Monarchisten setzten Otto mehr zu als die Republikaner
Otto unterzeichnete zwar 1961 die Erklärung zum Machtverzicht nach dem
Habsburgerparagraphen, um überhaupt wieder nach Österreich einreisen zu können, blieb aber zeitlebens ein Legitimist, der sich "im Auftrag Gottes" wirken sah und schloss somit
direkt an das "Gottesgnadentum" seiner Vorgänger im Amte an. Eine nicht so kleine Gemeinde von Monarchisten, im Ganzen eine ziemlich lächerliche Truppe von Claqueren,
folgte "ihrer kaiserlichen und königlichen" Hoheit und noch seinen absurdesten Ansichten. Als Gallionsfigur des katholizistischen Konservativismus erfüllte er vor allem für die CSU
seine Rolle blendend, die dem Volk mit dem Kaisersohn etwas zu bieten hatte, einen flüchtigen Schatten der "guten, alten Zeit", auch wenn die eigentlich nur alt, weniger gut war.
Diese Gruppen trieben mit Otto ein gar grausames Spiel, sie operettisierten ihn zum
Marketinginstrument ihrer Politik. Er ließ es geschehen. In gewissem Sinne kam Otto ja nie aus der Haut seiner Vorfahren heraus, er zahlte den Preis mangelnder persönlicher
Autonomie gegenüber "seiner" Geschichte, nahm seine ihm vermeintlich zugedachte Rolle an und füllte sie bis zum Ende konsequent aus. Otto Habsburg war in gewisser Weise das
letzte Opfer der Habsburger-Monarchie. Die Freunde dieser Monarchie setzten ihm letztlich mehr zu als die Republikaner, weil ihnen der Kaisersohn und was er angeblich
repräsentierte wichtiger war als der Mensch. Humanisten ist so etwas fremd.
Emanzipation vom Kaiserhaus noch nicht beendet
Diese sehr persönliche Last so produktiv umgesetzt zu haben, dürfte die größte Leistung dieses
Menschen gewesen sein, auch da sie den nachfolgenden Generationen, seinen Kindern und Enkeln, wertvolle Hinweise für die Gestaltung ihrer eigenen Leben und Karrieren gegeben haben wird,
die so schon in jungen Jahren von größerer innerer Entscheidungsfreiheit geprägt sein dürften als beim "Kaisersohn", - zumindest in Teilen der Familie...
Die Abschaffung des Habsburgerparagraphen ist bei dieser gegenseitigen Emanzipation aus den Fängen der Geschichte hinsichtlich des passiven Wahlrechts
ebenso überfällig, wie eine nochmalige Inventur des durch verschiedene Hintertüren mutmaßlich in "Herrscherhand" verbliebenen eigentlichen Volkseigentums der Österreicher.
Die kasierliche Familie auf ungarisch aufgeputzt vor dem Panorama von Budapest.
Neben Kaiserin Zita der Thronfolger Otto, hinter ihm der letzte Kaiser Karl I.
Seine Beziehung zu Ungarn - Otto sprach sehr gut Ungarisch - war gleichsam
historisierender, nostalgischer und besonders herzlicher Natur, obwohl das - heute wieder erstarkte - nationalistische Ungarn nie müde wird, Habsburg als "Fremdherrscher" und
"Kerkermeister" für den eigenen nationalen Mythos zu benutzen. Erst kürzlich wurden diverse Statthalter aus den Ehrenbürgerlisten getilgt. Die Herzbestattung in Pannonhalma
ist eine so aufrichtig-persönliche Geste wie sie gleichzeitig ein dynastischer Imperativ bleibt, auch hier setzt sich der in gewisser Weise schizophrene Dualismus der Person Otto
von Habsburgs fort, den man tragisch nennen müsste, wenn er seinen Träger unglücklich gemacht hätte. Einer seiner Söhne, Georg bzw. György (heute nach Karl und Zvonimir
Dritter in der "Thronfolge") lebt übrigens in Ungarn, denn man weiß ja nie, wie die Geschichte weitergeht...
Marco Schicker
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