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(c) Pester Lloyd / 13 - 2011 KULTUR
01.04.2011
KOMMENTARE
Weihevoller Krach
Verdis „Macbeth“ an der Ungarischen Staatsoper, ein künstlerischer Rückschritt
Mit Verdis „Macbeth“ ist die Ungarische Staatsoper wieder weit hinter die bisherigen zaghaften Erfolge als international anerkanntes Musiktheater zurückgefallen. Der
Ex-Direktor und als Regisseur eigentlich schon abgechriebene Miklós Szinetár hat den brisanten Shakespeare-Stoff als statuarisches Bühnenweihefestspiel und damit sowohl
an Shakespeare als auch am Verdi-Librettisten Piave vorbei inszeniert.
Man hätte es wissen können, dass eine Inszenierung vom
ehemaligen Intendanten Szinetár über das einst hier unter seiner Leitung gewohnte verstaubt-konservative Pathos nicht hinaus gehen wird. Und dennoch hegte man Hoffnung,
dass er vielleicht diesmal jene Tragödie vom Aufstieg des machthungrigen königlichen Heerführers Macbeth zum König von Schottland sowie seinen
Wandel zum blutrünstigen Tyrannen und schließlich dessen unausweichlichen Fall zum Anlass nehmen würde, um auf aktuelle Ereignisse – z.B. in der arabischen Welt – wenigstens aber
auf die darin offengelegten Mechanismen hinzudeuten.
Stattdessen erlebten wir eine Art mittelalterlichen Wagner-Pomp, der eher an ein
Bühnenweihefestspiel erinnerte und nur wenig an Shakespeares großes Königsdrama, das auch heute und hier nichts von seiner historisch-aktuellen Brückenfunktion eingebüßt hat.
Warum also greift man auf eine derartige Regie-Ikone für einen solch wichtigen Stoff zurück? Ganz einfach, weil man die progressiven Künstler, allen voran den ehemaligen Chefregisseur Balázs Kovalik in die Wüste bzw. den Westen geschickt hat.
Ob es allerdings Verdi gelungen ist, diesen Stoff überhaupt musikalisch zu fassen, darf
durchaus bezweifelt werden. Das ist aber eine Frage, die noch immer unter den Musikwissenschaftlern nicht ausdiskutiert ist. Fest steht, dass sein mitunter aufdringliches
Hummtata vor jeder Arie störend, ja sogar lächerlich im mittelalterlichen Sujet wirken kann. Insbesondere dann, wenn es der Dirigent des Werkes, György Ráth Györiványi, nicht
vermag, bei wesentlichen Passagen als begleitendes Orchester und nicht als lautstarker Krachmacher aus der Wanne zu wirken.
So wurden manche Piano- und Mezzoforte-Stellen auf der Bühne nicht selten durch ein
unbegründetes und unsensibles, ja geradezu unkollegiales Forte übertönt. Dabei konnten sich sowohl der Chor als auch das Solistenensemble durchaus hören lassen, selbst dann,
wenn das Geschehen fast nur an der Rampe stattfand. Also von einem Musik-Theater, wie es hier kurzzeitig Einzug gehalten hatte, kann nicht mehr die Rede sein. Viel Geld wäre in
der klammen Opernkasse geblieben, wenn man sich konsequent für eine konzertante Aufführung entschieden hätte, wie das z.B. der Palast der Künste (MÜPA) mit wachsendem
Erfolg praktiziert. Das aufwendige Bühnenbild, die voluminösen Kostüme sowie der Nichtregisseur wären dann so nicht erforderlich gewesen.
Schließlich können sich die Protagonisten auf der Bühne auch selbst inszenieren, oder
bringen darstellerische Vorgaben aus anderen Inszenierungen mit, wie das der großartige rumänische Gast-Sänger Alexandru Agache in der Titelrolle unter Beweis stellte. Sein sowohl
in der Höhe als auch in der Tiefe wohlklingender, kräftiger und sehr ausgewogener Heldenbariton, der bereits auf fast allen großen Opernbühnen der Erde erklang, aber auch
sein hochdramatisches Spiel ernteten berechtigt starken Applaus mit zahlreichen Bravorufen durchsetzt. Nahezu gleichwertig der elegante Bass des Péter Fried in der Partie
des Banquo, der selbst als blutbeschmierter Geist noch eine gute Figur machte.
In der hochdramatischen Sopranpartie der Lady Macbeth konnte Gyöngyi Lukács nur
bedingt an frühere Glanzleistungen anknüpfen. Ihr Registerwechsel, insbesondere in der tiefen Mittellage, kommt hörbar unvermittelt über die Rampe. Ebenso haben die
Koloraturen in den Kadenzen der Arien ihren alten Glanz mitunter hörbar eingebüßt, was in der zweiten Premiere sogar ein paar - für hiesige Verhältnisse - mutige Buhs vom Rang
provozierte. Unter den kleineren Partien fiel der Macduff des albanischen Tenors Rahme Lahaj - insbesondere im zweiten Teil der Oper - positiv auf.
Von hoher gesanglicher Qualität auch diesmal wieder der Chor unter der über Jahre
bewährten Leitung von Direktor Máté Sipos Szabó. Dem sehr differenziert singenden Klangkörper spürte man aber in fast allen Akten an, dass der ihm eigene Bewegungsdrang,
ihre bekannte Spiellaune bei dieser Inszenierung kaum gefordert ist. Von daher muss man der Choreographie unter er Leitung von Zsófia Nemes dankbar sein, dass sie an manchen
Stellen – insbesondere beim nahezu durchgängigen Hexenballett – etwas vom auch heiteren mittelalterlichen Hofleben auf die ansonsten statuarisch behandelte Bühne gebracht hat.
Bei allen hervorzuhebenden Einzell- und Ensembleleistungen, konnte dieser Verdische
„Macbeth“ musik-theatralisch nicht überzeugen. Vielleicht wurden wir bei dieser Inszenierung Zeugen einer Entwicklung an der hiesigen Staatsoper, die wir in ihrem
ursprünglichen konservativen, schwerblütigen Nationalgehabe bereits überwunden glaubten. Schließlich konnten wir die Oper kürzlich noch mit solchen Inszenierungen wie z.B.
„Xerxes“, „Fidelio“, „Elektra“ oder „Rosenkavalier“ nahezu bedenkenlos in die Reihe der großartigen internationalen Musik-Theater einreihen.
Der ehemalige Generalmusikdirektor und weltweit anerkannte Dirigent, Ádám Fischer, warf vor kurzem entnervt das Handtuch, wegen der ständigen Einmischung der Politik in die Kunst. An seine
Stelle trat der oben beschriebene Györiványi, der schon in der ersten Fidesz-Regierung den Takt schlagen durfte. Die Opernleitung wurde - aus ideolgogischen Gründen - entfernt, begründet mit Finanzschieflagen und ersetzt durch einen Regierungskommissar. Was dabei
herauskommt, wenn die Politik “inszeniert” und den Takt angibt, konnte man nun erleben. Sollte das mit „Macbeth“ erlebte als Synonym für das künftige Kulturkonzept der hiesigen
Oper verstanden werde, dann hätte Ungarn auch international eine weitere Reputation eingebüßt.
G.B.S.
Nächste Aufführungen von „Macbeth“ in der Ungarischen Staatsoper: 3.4./8.6./11.6./15.6./19.6.2011
Infos: www.opera.hu
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