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(c) Pester Lloyd / 32 - 2012     FEUILLETON 06.08.2012

 

Trugbilder

"Helden, Könige, Heilige": Propagandaschau in der Nationalgalerie Ungarn

"Helden, Könige, Heilige", dies ist das Personal aus dem die offizielle ungarische Geschichte gestrickt ist. In der gemeinsamen Ausstellung der Ungarischen Nationalgalerie und der Stiftung Munkácsy auf der Budaer Burg können Besucher noch bis zum 26. August die amtliche Version von 1000+ Jahren Action im Karpatenbecken erfahren. Die Schau, ein Ikonastase konstruierten Nationalstolzes, spiegelt nicht die Geschichte, sondern mehr den Zeitgeist und die Ideologie ihrer Erschaffer, was ebenso lehrreich wie beängstigend ist.

Mihály Munkácsys “Landnahme”, eine romantische Interpretation des ungarischen Gründermythos´ im Zentrum der Ausstellung in der Nationalgalerie

Verschiebbare Lügen

Ministerpräsident Viktor Orbán schafft es in seinen Reden immer wieder, das Pathos in Höhen zu schrauben, wo ihm zwangsläufig die Luft ausgeht und nur noch ein dünnes lächerliches Pfeifen zu vernehmen ist. Zu offiziellen Eröffnung der Ausstellung "Helden, Könige, Heilige", die er sich womöglich schon deshalb nicht nehmen ließ, da er ja praktisch für alle drei Kategorien nominiert ist, schaffte er wieder so einen Moment besonderer Komik: „Wir bestaunen hier große Ereignisse, […], die uns zeigen, dass die zwei ungarischen Ordnungsprinzipien, das Christentum und die Idee der staatlichen Souveränität, so stark sind, dass die Stürme von zehn Jahrhunderten es nicht geschafft haben, das Schiff zu versenken“.

 

Die Historie als allgemeines und spezielles Schiffeversenken zu sehen, mag ein bisschen verkürzt erscheinen, zumal Orbán das seinige selbst wieder in besonders raue Gewässer geführt hatte. Der Anlass dieser Ausstellung über die möglichst ruhmreiche Vergangenheit des Landes war übrigens das Inkrafttreten der neuen Verfassung und diese Schau hatte als einzige Aufgabe, diese mit historisierenden Schaubildern und anderen verschiebbaren Lügen zu legitimieren. Die Nationalgalerie und liebdienerische Maler, unterwürfige Kuratoren, emporstrebende Neulinge einer gleichgeschalteten Kulturadministration und eine willfährige Presse, liefern den illustrativen Rahmen für die Politik dieser Regierung.

Ungarn beim großen “Schiffevesernken” nicht unterzukriegen. Orbán hält seine Eröffnungsrede vor blutigem Hintergrund.

Nation building über das Ausschlussprinzip

In den Räumen zur rechten Seite erwarten den Besucher die "tragischen Helden", die sich in schweren Zeiten für ihr Land eingesetzt oder gar geopfert haben. Alles beginnt mit der Landnahme, jenem zentralen monumentalen Gemälde Munkácsys, das in seiner romantischen Verklärung als bare Münze gehandelt wird. Hier sei am Rande vermerkt, dass auch die Herkunft der Magyaren sich einer neuen Theorieerfreut, nicht zuletzt der Orbánsche Sager von "uns Halbasiaten" zeigt, dass sich auch der Premier mit dieser These anfreundet, die nation building über die Ausgrenzung alles Nichtmagyarischen betreibt, sei es jüdisch, zigeunerisch oder einfach so andersartig. Das Dumme dabei ist, dass es eben nicht beim Spleen von rechten Phantasten bleibt, sondern diese Rassentheologie Auswirkungen auf die konkrete Politik und damit direkt auch auf Menschen hat. (im unteren Teil dieses Textes gibt es eine Aufstellung zur Mitverantwortung der Regierungspartei für wachsenden Antisemitismus und Rassimus in im Lande)

Mehr Artefacte, statt Fakten. Museumsbesucher stöbern in der Heldenchronik...

Helden, die kaum litten

Doch lassen wir uns nicht durch Kleinigkeiten aufhalten, die Phalanx der Helden geht weiter: wir begegnen in den Räumen György Dózsa, dessen Bauernaufstand gegen das Feudalsystem 1514 blutig niedergeschlagen wurde, Pál Tomori, dessen Heer 1526 bei Mohács eine schmachvolle Niederlage gegen die Türken einstecken musste und, und, und. Ferenc Rákoczi versuchte es gegen die Habsburger, auch Lajos Kossuth, der Verlierer der Revolution 1848/49 wird hier vereinnahmt und in einem Atemzug mit ihren Gewinnlern, den Grafen Széchenyi, Andrássy usw. genannt, die jedoch unter den Habsburgern alles andere als litten.

Wie schon immer und auch in den Geschichtsbüchern der Schüler wird Geschichte hier ganz selektiv als Geschichte der Eliten, der Herrschenden gezeichnet. Alles war gut, so lange es Ungarisch war und gemeinsam kämpften "die Ungarn" gegen die verschiedenen Fremdherrscher. Kein Wort davon, dass es gerade auch unter den ungarischen Fürsten und Magnaten ganz formidable Menschenschinder gab, kein Wort auch von den Leiden des Volkes, die - immer - wenn die sie Erhöhenden in Kämpfe zogen, den Preis dafür zu zahlen hatten, so wie sie es bis heute tun.

Der Staatskünslter Imre Kerenyi erläutert dienstfertig sein Werk, es wird dadurch nicht besser...

Krieg als farbenfrohes Stelldichein schnauzbärtiger Männer

Und genau unter diesem Duktus der "reinen Heldenlehre", unbefleckt von unbequemen Fragen, von Dialektik nicht belästigt, wandelt der staunende Besucher durch die Türkenkriege in den Ersten Weltkrieg. In hellen Farben gehalten, präsentieren sich fröhliche schnauzbärtige Männer in bunten Husarenuniformen, fast wie zu einem Volksfest. Feinde sind zunächst keine zu sehen. Der Krieg als ehrenvolle Angelegenheit, als Männerspaß, was waren das noch für Zeiten.

Trianon und die geheimen, fremden Kräfte

Dann kamen die französischen Spielverderber. Die vorangegangenen Farborgie kippt ins Finster Trianons. Das dazugehörige Bild, ganz in Braun- und Grautönen gehalten, zeigt eine symbolische Hinrichtung. Der Delinquent, Graf Albert Apponyi, der erzreaktionäre ungarische Delegationsführer, steht im Mittelpunkt der Szene. Aufrecht und stolz erwartet er sein Schicksal, das ihn in Form von vier Henkern erwartet. So geht er, da er den Vertragsschluss nicht verhindern kann, tapfer in den Heldentod. Die nicht sehr diskret in den Bildhintergrund eingefügten Symbole der Freimaurer, lassen darauf schließen, dass Ungarn hier einer höheren Verschwörung anheim gefallen ist…

Horthy: ein Massenmörder als Nationalheld

Ein weiteres Beispiel für die neuste (Um)deutungsgeschichte ist die Darstellung von Miklós Horthy. Dem Besucher begegnet ein stolzer Admiral in Paradeuniform, der auf einem prachtvollen Schimmel nach vorne preschen möchte. Aber was ist das? Nebelhafte, scheinbar aus dem Nichts erscheinende Hände fassen ihm in die Zügel und hindern ihn am Vorankommen. Hätte Horthy Ungarn etwa vom „Schmach“ von Trianon befreien können, wären da nicht unheimliche, staatsfeindliche Kräfte gewesen, die dies verhindert haben?

Horthy, der Held. Wollte man sein Wirken wahrheitsgetreu darstellen, müssten alle Bilder blutrot gefärbt sein. Dazu brauchte es noch nicht einmal einer Debatte über seine Rolle bei der Judenverfolgung oder die Massaker in den annektierten Gebieten, es genügte eigentlich schon der Hinweis darauf, dass Horthy 100.000 Ungarn Hitler schon 1941 als Kanonenfutter übersandte, nur um eitel auf seinem Schimmel nach Oberungarn, Siebenbürgen, in die Vojvodina einreiten zu können. Die meisten zahlten den Wahn dieses Königs ohne Krone und ohne Verstand mit dem Leben, als die deutschen "Kameraden" sie am Knie des Don 1943 verbluten ließen. Mehr zum ungarischen Stalingrad, dessen Verbrämung längst nicht erste eine Leistung der Nationalkonservativen ist.

Laut Orbán war Horthy kein Diktator, die Benennung von Straßen und Plätzen nach ihm, sei Sache der Kommunen, keinesfalls eine politische Frage. Wer sie zu dieser macht, gar behauptet Horthy und der Holocaust, da gäbe es doch Zusammenhänge, der wird gefeuert.  Überhaupt, der Zweite Weltkrieg? "Ein Bürgerkrieg unter christlichen Nationen", so Orbán. Der Kommunismus war "das größte Verbrechen des 20. Jahrhunderts" und Faschisten waren Deutsche, nicht Ungarn.

Im Internet macht sich das Publikum so seine eigenen Gedanken
über die Fortschreibung der Heldengeschichte
Könige und Heilige zusammengefasst

In den Räumen gegenüber diesen Helden finden sich die Könige und Heiligen, die man der Einfachheit halber gleich unter einem Kapitel zusammefasste, womit das Gottesgnadentum geschickt impliziert würde, wollte man den plumpen Geschichtsschreibern solch Subtilität unterstellen.

 

Hier findet der Besucher „die friedlichen und konstruktiven Zeiten der ungarischen Geschichte“ untergebracht, die doch immerhin mehrere Räume füllen können. Der Besucher bekommt Einblicke in den Renaissancehof von König Matthias Corvinius, der zwar auch ein blutiger Krieger war, aber - wie wir lernen dürfen, ist das für Magyaren völlig o.k. - lernt Mitglieder der Aristokratie, Künstler und einige „furchtbare Einzelschicksale“, wie das des so heldenhaften wie tragischen László Hunyadi kennen, der erst kürzlich mit bunten Fontainen für seine gewonnene Schlacht vor Belgrad geehrt wurde.

Nebel der Selbstbeweihräucherung

Ergänzt werden die Bilder durch bedeutsame Dokumente des ungarischen Staates, wie z.B. Gesetzestexte, Friedensschlüsse etc. sowie Bücher, Manuskripte, Karten. Einiger dieser Ausstellungsstücke sind Originalartefakte, die der Öffentlichkeit zuvor nicht zugänglich waren, auch dies ist - neben den klimatisierten Räumen - durchaus ein Grund, sich diese Ausstellung anzusehen.

Die Nebel der Selbstbeweihräucherung wird man dennoch kaum durchstoßen, in einer Ausstellung, die eine klare propagandistische Aufgabe hat, die Legitimation der neuen Verfassung durch die Behauptung einer historischen Kontinuität. Hier wird durch Trugbilder begründet, warum im Parlament die Königskrone liegen muss, aber verschwiegen, warum das Kreuz darauf ganz schief ist. Dabei wird schamlos alles umgebogen oder weggeräumt, was nicht in das gewünschte Bild passt.

Einer der absurden Höhepunkte der Schau: ein Polizist ersticht im Gestus Georg des Drachentöters eine ungarische Maid, es weinen die Patrone. Eine Interpretation der zum Demokratieanschlag hochstilisierten Polizeigewalt unter der MSZP-Regierung im Jahre 2006. Nur, ist Georg nicht ein Erzheiliger?

Staatkitsch in stalinistischer Tradition

Absoluter Höhepunkt sind die ebenfalls in die Schau integrierten aktuellsten Auftragswerke zur jüngeren ungarischen Geschichte. Ein Dutzend "Künstler" bekam die Aufgabe, "wichtige Ereignisse der letzten 150 Jahre ungarischer Geschichte zu interpretieren", einschließlich der "Polizeigewalt 2006" etc. Was dabei herauskam, ist eine direkte Fortsetzung stalinistischen Staatskitsches mit nationalkonservativen Mitteln. Das offizielle Ungarn sieht sich - wie damals die sowjetgelenkten Regimes - in einem andauernden Krieg um Selbstbehauptung. Die Wahrheit war schon immer das erste Opfer des Krieges. Diese Ausstellung bestätigt diese These und die Politik trägt die Trugbilder der Vergangenheit in die Gegenwart.

Eva Gärtner, red.
 

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