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(c) Pester Lloyd / 06 - 2013   KULTUR 06.02.2013

 

Final Cut II

Filmförderung in Ungarn als Beute der Nationalisten

Erst fällt ein Filmfestival mangels Filmen aus, nun soll die gesamte Filmförderung unter das Dach einer schwarzbraunen "Kunstakademie" gebracht werden. Da platzte sogar einem Orbán-Freund, dem Hollywood-Produzenten Vajna der Kragen. Doch nicht, weil der Mann des "final cut" plötzlich zum weißen Ritter der freien Kunst geworden ist, sondern weil ihm nun offenbar die eigenen Felle wegschwimmen...

Nun wurde es sogar ihm zu viel. Der von der Regierung mit viel Liebenswürdigkeit und manchem Bonbon bedachte "Regierungsbeauftragte für die Filmförderung", der Hollywood-Produzent Andy Vajna (Terminator, Stirb langsam etc.) (Foto) hat nun gedroht, seinen Job hinzuschmeißen, wenn die Filmförderung ebenfalls unter das Dach der "skandalösen" MMA, der Ungarischen Akademie der Künste, unter der Leitung "dieses Innenarchitekten György Fekete" gerät. Sollte das geschehen, "dann stehe ich auf und gehe", so Vajna.

Der auch für die Kultur zuständige Minister für "Humanressourcen", Zoltán Balog, hatte angekündigt, die MMA zur "führenden öffentlichen Körperschaft für die Kulturförderung" zu machen, einschließlich der Filmförderung. Bisher wurde ihr bereits die renommierte Kunsthalle (
wegen “Nationalblasphemie”) und der Pester Vigadó unterstellt, letztlich sollen sämtliche weitere staatliche Museen und auch viele Theater folgen.

Die MMA, ursprünglich eine Privatgründung von erzkonservativen Künstlern, wurde von der Orbán-Regierung immer mehr offizialisiert, wobei es für dieses Outsorucing nie eine wirkliche, rationale Erklärung gegeben hatte und alles auf eine Kulturzensurbehörde hindeutete. Der 80jährige MMA-Chef Fekete verlangt von seinen Mitgliedern und den Leitern der Einrichtungen zwingend eine "nationale Einstellung", wer dem nicht folgt, "müsse gehen." Gegenüber Imre Kertész und György Konrád hatte sich Fekete bereits dahingehend geäußert, dass sie eigentlich keine Ungarn seien, ein klar antisemitischer Ausfall.
Hier mehr dazu.

Während mehrere Künstler der MMA - auch nach weiteren internen Eklats - die "Akadmie" verließen, andere noch schnell beflissen eintraten, darunter einige namhafte Ex-Opernsängerinnen (was ein Hinweis auf eine baldige erweiterte Zuständigkeit für Festivals etc. ist), stellte sich Minister Balog klar an die Seite Feketes. Inzwischen verlangten sogar MMA-Mitglieder Feketes Rücktritt.

Vajna, der als Beauftragter für eine Neuordnung der Filmförderung geholt wurde, weil die Vorgängerregierung den Fonds praktisch zur Plünderung freigegeben hatte, erschuf eine streng zentralsistische auf "nationalen Mehrwert" ausgerichtete Förderstruktur, die jener der MMA gar nicht so unähnlich ist. Diese brachte es u.a. zu Stande,
dass die diesjährige Filmwoche mangels neuer Filme erstmals abgesagt werden musste, während sich die Regierung ein eigenes "Internationales" Fimfestival mit Preis ("Goldene Kettenbrücke") spendierte. Vajna legte zudem fest, dass der Staat als Förderer das Recht des "final cut" behält, also eine Art Endzensur, weshalb seriöse Filmemacher gleich gar keine Förderungsanträge mehr einreichten. (Andy Vajna im Interview mit dem PL: hier)

Vajna kann mit seiner Kritik an der MMA-Unterstellung also kaum als ein Protagonist der Freiheit der Kunst gelten, schon eher sieht er nun seine eigenen Felle wegschwimmen. Er sagte, "ich werde offenbar nicht mehr gebraucht". Stimmt, denn zensieren und Aufträge verhaberern können andere auch ganz gut, dazu braucht es keine ausländischen Berater. Der Abschied dürfte ihm durch die
Erteilung einer der sehr raren Casino-Lizenzen in der Budapester Innenstadt versüßt werden. An der Sache ändert das letztlich nicht so viel: während die staatliche Filmförderung früher die Beute der Verbandsgranden war, ist sie heute Beute der Parteigranden. Immerhin wurden früher aber noch Filme produziert...

red.

 

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