Ost-West-Drehscheibe
Pester Lloyd Stellenmarkt

Das Archiv ab 1854

 

Hauptmenü

 

 

 

 

(c) Pester Lloyd / 08 - 2013   NACHRICHTEN 22.02.2013

 

Lohnschmelze

Höchster Reallohnverlust in Ungarn seit fünf Jahren

Die Einkommen in Ungarn mussten 2012 die höchsten Reallohnverluste seit fünf Jahren hinnehmen. Das geht aus den aktuellen Zahlen des Statistischen Zentralamtes in Budapest hervor. Danach stiegen die Bruttogehälter im letzten Jahr im Schnitt um 4,6%, netto erreichte das Plus dann nur noch 2%, womit auch die Regierungslegende von der "steuerlichen Entlastung von Arbeit" widerlegt wäre. Doch bei einer Inflationsrate von 5,4% landet das Median-Einkommen in realer Kaufkraft 3,4% unter dem Vorjahreswert.

Diese Zahlen werden noch dramatischer, wenn man die besonders dynamische Preisentwicklung bei Waren des täglichen Bedarfs, betrachtet, die zwar nur einen kleineren Teil des CPI-Warenkorbs, aber den größten Teil der Ausgaben der untersten Einkommensschichten ausmachen. Für die untersten Lohn- und Gehaltsgruppen, also die absolute Mehrheit der arbeitenden Bevölkerung, war der Reallohnverlust 2012 daher oft zweistellig. Eine ähnlich dramatische Entwicklung, also Reallohnverluste von über 3%, gab es nur nach den Bokros-Paketen Mitte der Neunziger Jahre sowie nach den panischen Korrekturen der Gyurcsány-Regierung um 2007, nichtmal unter Bajnai während der Lehman-Krise und Faststaatspleite gingen die realen Einkommen so zurück - weil der Staat gegensteuerte, wenn auch zugegebenermaßen mit fremdem Geld.

In absoluten Zahlen lesen sich die Durchschnitseinkommen (genauer, die statistischen Mittelwerte) so: Vollzeitangestellte in Unternehmen mit mindestens fünf Beschäftigten: brutto 223.000 Forint (760.- EUR) in der Gesamtwirtschaft, nur Privatwirtschaft: 233.700 (800.- EUR), öffentlicher Dienst (ohne die 200.000 zwangsweise unter dem Mindestlohn beschäftigten in Kommunalen Beschäftigungsprogrammen) 214.900 (733.- EUR). Durchschnittliches Brutto (!) bei den Kommunalen Beschäftigungsprogrammen: 73.200 Forint (250.- EUR).

Die besten Gehälter zahlt noch immer die Finanzwirtschaft (im Schnitt brutto 459.700, 1.570 EUR), gefolgt von der IT- und Kommunikationsbranche (410.000.-), Energieunternehmen liegen bei rund 400.000 HUF Bruttoschnitt. Am Ende der Einkommensleiter stehen Sozial- und Gesundheitsberufe mit 151.000 Forint, Gastronomie und Hotelerie 139.700 (476.- EUR), das Baugewerbe mit ca. 163.000 Durchschnittsbrutto.

Netto ergab sich 2012 ein Medianeinkommen von 144.000 Forint (heute rund 490.- EUR), wobei körperliche Arbeit im Schnitt nur mit 100.300 Forint (340.- EUR) entlohnt wurde, Büro- und Kopfarbeit mit 190.500 (650.- EUR). Die Nettolöhne sind übrigens im Schnitt nicht nur um 2, sondern um 3,7% gewachsen, wenn man die Entwicklung bei den "Közmunkas" also jenen Unglückseligen, die auf Amtsweisung Sträucher ausrupfen müssen, herausrechnet, womit ersichtlich wird, wer im letzten Jahr wieder die größten realen Verluste hinzunehmen hatte. In diesem Jahr kommt eine weitere Grausamkeit dazu, die einen Großteil dieser staatliche Sklavenarbeit für Monate um ein weiteres Drittel ihres Einkommens bringen wird.

Die Gesamtzahl der Beschäftigten ging nach der obigen Berechnung (also Unternehmen mit mehr als fünf Angestellten + öffentlicher Dienst) um 17.000 zurück, rechnet man die Zwangsarbeiter heraus, liegt man bei knapp 100.000. Da ist es - zumindest für die Statsitik - noch ein Glück, dass Eurostat die Zahlen der Unternehmen unter fünf gemeldeten Mitarbeitern gar nicht interessiert, denn dort wurde noch mehr entlassen und wird noch weniger bezahlt.

Die Entwicklung der Einkommen geht - im Schnitt - ziemlich kongruent mit dem BIP-Rückgang 2012, dass die Einbußen im unteren Bevölkerungsdrittel bzw. der unteren Beschäftigtenhälfte stärker ausfallen, ist jedoch eine Folge der Politik, ob aus fachlicher Stümperei oder ständischem Bewußtsein heraus - oder aus beidem entstanden, mag jeder selbst einschätzen, auf diesen Seiten finden sich eine Reihe von Argumentationshilfen. Es ist nicht nur die Teuerung, die hier schmerzt, sondern jede einzelne neue oder erhöhte Verbrauchssteuer.

 

Die Regierung verschweigt die Entwicklung geflissentlich, auf der offiziellen Regierungswebseite ließ man gestern die sonst immer beliebte DDR-Phrase von den "stetig steigenden Einkommen" weg, behandelte aber natürlich nur die Entwicklung der Bruttogehälter und jener Segmente bei den Nettogehältern, wo die Anstiege deutlich über dem Schnitt lagen. Von den Reallohneinbußen war keine Rede, schon gar nicht von der disproportionalen Belastung der unteren Einkommensgruppen, im Gegenteil, die Strompreissenkung, "glauben wir", wird dafür sorgen, dass den Menschen "mehr reales Einkommen bleiben wird". Das ist im Orbánschen Neusprech schon fast ein Eingeständnis des Scheiterns.

cs.sz.

 

Möchten Sie den Pester Lloyd unterstützen?