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(c) Pester Lloyd / 18 - 2013   POLITIK 29.04.2013

 

Ich, Ungarn...

Orbán als Wanderprediger: Beten und arbeiten als Rezept für Ungarns Glück

"Europa und Ungarn können nur erneuert werden, wenn wir es schaffen, die Tradition von Beten und Arbeiten wieder ins Zentrum unseres Lebenskonzeptes zu rücken." Dies ist kein Statement des Papstes oder eines anderen Kirchenmannes, sondern stammt aus der Ansprache des ungarischen Ministerpräsidenten Orbán, anlässlich der Wiedereröffnung bzw. Weihe der uralten, romanischen St. Georgs-Kirche in Ják, bei Szombathely. Und das war noch nicht alles...

Premier Orbán in der restaurierten Kirche dees Heiligen Georg zu Ják, flankiert von seinem Verteidigungsminister, Csaba Hende

Wir geben das Wichtigste der Rede - auch wenn es sich für manche Leser sehr wiederholt - deshalb wieder, weil manchmal die Frage, ob Orbán Demokrat ist oder nicht, noch für offen gehalten wird. Denn die Wiedermissionierung, das Gottes- bzw. besser Kirchengesetz allein reicht dem calvinistisch geprägten, aber scholastisch eher frei adaptierenden Regierungschef, der auch schon mal Quellen der heidnisch-völkischen Sagenwelten anzapft, nicht, er muss - wie es ein dialektisch geschulter Priester eben tut - auch noch das Böse, die Gegenwelt definieren: "Europa ist einer aggressiven, säkularen, internationalistischen und familienfeindlichen Vision in die Falle getappt..., die logischerweise zu einer Aufgabe der christlichen Traditionen führte... Das alte Europa, dass nach dem Himmel strebte, ist nun am Boden gelandet." Die Freiheit als Feind, das erinnert an den Brief der Apostel 2.0, die sogar eine militärische Intervention der "Liberalen" in Ungarn fürchten. Siehe hier.

Nein, das ist nicht Harald Serafin in einer Operettenrolle, sondern ein Vertreter eines Husaren-Ehrenregimentes...

Und lerne: Bodenhaftung ist gerade nichts Gutes, es müssten schon höhere Ziele sein, nach denen die Menschen strebten und die Wege dahin sind nicht menschengemacht: diese Kirche von Ják, gebaut im Jahre 1256, ist nicht nur mit der Geschichte der um sie herum lebenden Menschen verbunden, sondern mit dem Schicksal des ganzen Landes, ob sie nun gottgläubig oder ungläubig sind, so Pater Viktor. Sie erinnert daran, dass Ungarn und "der ganze Kontinent" nur "erfolgreich erneuert werden kann, wenn man den Weg zurück zu sich selbst" findet. Genau "diesen Auftrag haben wir 2010 angenommen", so Orbán in seiner Predigt vor der eigentlichen Morgenandacht, als "die Wähler uns den Auftrag gaben, eine neue Verfassung zu schaffen". (Mit welchen Trick er diese Verfassung - angeblich am Willen seines Volkes vorbei - christlich machte, erläuterte Orbán kürzlich sehr aufschlussreich bei einem Treffen mit spanischen, katholischen Propagandisten.

Verteidigungsminister Hende als Vorgruppe zu Orbáns Ansprache. Links die romanische Kirche.

 

Er, ja Ungarn als Ganzes (also er), haben sich seinem "eigenen Weg" verschrieben, der gleichzeitig "der Weg des Heiligen Stephans" ist. So klar die ersten Äußerungen sind, so verwirrend diese. Meint er nun den Weg des Stepahans, die Älteren erinnern sich, der zwar die Menschen mit dem Schwert (und unter Mithilfe von Legionen bayerischer Missionare) unter das Christenkreuz zwang, aber ethnisch deutlich enstpannter als seine orangen Nachfahren vorging, indem er die ungarische Nation nicht über eine Verfassung definierte, und darin die ethnischen Minderheiten nicht mit einschloss, sondern nur als staatsbildend bezeichnete, sondern es jedem offenstellte, Teil der Nation zu sein, der sich dazu bekannte? Oder meint er jenen "heiligen" Stephan, der seinem Vetter die Augen ausstechen und Blei in die Ohren gießen ließ, damit der nicht als Thronfolger in Frage kam, was einen Hinweis auf den kommenden Wahlkampf geben könnte...

Lokaler Fernsehbericht von Orbáns Auftritt

 

Wie auch immer, "diesen Weg, auf dem wir von unserer eigenen Wahrheit geführt werden", werden "wir weitergehen". Man müsse aufstehen für die eigenen Interessen und dürfe sich nicht fürchten, "nicht vor Brüssel und nicht vor dem eigenen Schatten". Eine Regierung allein kann ein Land nicht führen, sondern es ist der nationale Geist, das Gefühl der Menschen, die die Regierung tragen. Und: die Arbeit ist noch nicht getan! Mehr zur "mentalen Umvolkung" in Ungarn, hier auf historischem Gebiet, in diesem Beitrag.

Die Kirche in Ják wurde gerade mit 150 Mio. Forint teilsaniert, die Gesamtkosten betragen ca. 1 Mrd. HUF (3,3 Mio. EUR), Orbán sagte die Finanzierung aus der Staatskasse zu.

cs.sz.

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