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(c) Pester Lloyd / 23 - 2013   NACHRICHTEN 03.06.2013

 

Tausend Lehrer demonstrierten in Ungarn gegen fehlgeleitete Reformen

Nicht viel mehr als tausend Lehrer, Studenten, Schüler demonstrierten am "Tag des Pädagogen" vor dem Ministerium für Humanressourcen, EMMI, in Budapest gegen verschiedene Aspekte der Schul-, Bildungs- und Hochschulreformen. Lehrer- und Pädagogengewerkschaften sowie Studierendenvertretungen hatten dazu aufgerufen.

“Wenn die Schule nicht funktioniert, funktioniert gar nichts...” Budapest am Sonntagnachmittag

Bereits am Freitag besetzten Aktivisten des Studentennetzwerkes HaHa das Gebäude des Ministeriums und drangen bis in Büros vor, was von Seiten des Ministers als "aggressiver Angriff auf die Arbeitsfähigkeit einer Behörde" "auf schärfste" verurteilt wurde. Man werde sich solcherart Übergriffe zukünftig "nicht mehr bieten lassen", es gäbe die "legalen Foren" in denen "jeder seine Meinung sagen könne".

Neben eher links angesiedelten Gewerkschaften wie der PDSZ war am Sonntag auch der Chef der Konföderation LIGA, István Gaskó, aufgetreten, dessen Rede von Zwischenrufen ("Judas"), Pfiffen und Protestgemurmel begleitet wurde, da Gaskó als regierungsnah gilt, erst recht, als er Streiks unterband, nachdem Orbán den Mitgliedern einer seiner Teilgewerkschaften einen Anteil am Privatisierungserlös der MÀV Cargo zukommen ließ. Danach war Gaskó bervorzugter "Verhandlungspartner" Orbáns, der die anderen großen Gewerkschaftskonföderationen konsequent ignorierte.

Die anderen Redner beklagten zum Teil die schlechte Organisiertheit der Proteste, die nach den großen Aufmärschen im Dezember fast zum Erliegen gekommen sind. Studentenvertreter forderten die Lehrer auf, in den Streik zu treten, auch die Eltern sollten ihre Kinder bei Protesten mehr unterstützen. László Mendrey, Chef der linken Lehrergewerkschaft PDSZ, es gibt derer sieben, gestand indirekt ein, dass es Staatssekretärin Hoffmann mit ihrem "Karrieremodell" und der kürzlich hinzugefügten Pflichtberufsorganisation für alle Pflichtschul- und Kindergartenpädagogen gelungen ist, die Lehrerschaft zu spalten. Fünf Lehrergewerkschaften hatten mit der Regierungen einen "Kompromiss" ausgehandelt, nach Meinung vieler zu ihren Ungunsten.

Schwerpunkt der Demo war die Verlesung einer Petition an den Minister Zoltán Balog. Diese ist allerdings ziemlich weitschweifig formuliert und enthält kaum konkrete Forderungen, vielmehr ist es ein Aufruf an den Minister zu einer kompletten Umkehr der Prinzipien seiner Politik und der Einbeziehung der Betroffenen, praktisch zu einer Demokratisierung des Bildungswesens, sie wird also ohne Konsequenzen bleiben. Den Lehrern geht es derzeit um zu- und wieder abgesagte Gehaltserhöhungen, Arbeitszeitregelungen, Mitspracherechte, die Entfernung von Parteiideologie aus dem nationalen Lehrplan, vor allem aber um eine erkennbare Arbeits- und Entscheidungsstrukturen im seit Jahresbeginn hektisch umgesetzten neuen Aufsichtssystem für die Pflichtschulen beim staatlichen Klebelsberg-Institut. Doch die Durchsetzung der Forderungen scheint durch die Existenzangst und / oder den Fatalismus der Betroffenen derzeit kaum erkämpfbar.

 

In einer Aussendung des EMMI wird ein rosiges Zukunftsbild gezeichnet, denn "die Änderungen der letzten Jahre dienen ausschließlich den Interessen der Kinder und Lehrer". Man kreire ein "gerechteres, sichereres und effektiveres Schulsystem". Sobald es die ökonomische Situation zulasse, werde man das "Lebenskarrieremodell" einführen, so das EMMI, dieses wird die Arbeitsbedingungen und das Leben der Lehrer verbessern...

Staatssekretärin Rózsa Hoffmann "zelebrierte" den Tag übrigens bei einem "Bildungsforum" in Zirc. Kritische Fragen wies sie mit "politische Motivation" brüsk zurück, Huldigungen über Förderprogramme und die "Implementierung moralischer und christlicher Werte", nahm sie allerdings gern entgegen.

red.

Mehr zu den Reformen im Pflichtschulbereich u.a. der Übernahme der kommunalen Trägerschaften durch den Staat und dem neuen Rahmenlehrplan, der Zerschlagung der Lehrergewerkschaften sowie dem Fortgang der Hochschulreform auf unserer Themenseite:
http://www.pesterlloyd.net/feuilleton/bildungforschung/bildungforschung.html

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