THEMA: WAHLEN UNGARN 2014

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(c) Pester Lloyd / 42 - 2013   SPORT   13.10.2013

 

Balaton statt Copacabana

Trainer geht, Zukunft ungewiss: Fußball-Ungarn nach der Klatsche von Amsterdam

Nach der 8:1 - Niederlage gegen die Niederlande in der Fußball-WM-Qualifikation am Freitag in Amsterdam, ist der Trainer der ungarischen Nationalmannschaft Sándor Egervári zurückgetreten. Dabei ist er der erste Trainer seit 20 Jahren, der eine eindeutig positive Spielebilanz vorweisen konnte. Ungarn stolpert, nach kurzem Aufwärtstrend, dem internationalen Niveau weiter hinterher, auch, weil die Wahrheit im ungarischen Fußball heute nicht auf dem Platz, sondern in den Immobilien zu stecken scheint.

Ein sichtlich zerstörter Sándor Egervári gestand in der Pressekonferenz nach der Klatsche von Amsterdam ein, dass die Gegner "in allen Belangen weit überlegen waren" und sein Team "ihnen mit einer miserablen Vorstellungen geradezu assistiert" habe. Er trage dafür die Verantwortung und reicht seinen Rücktritt ein. Medien in Ungarn kommentieren diesen Schritt mit Respekt und einigem Unverständnis, denn Egervári lieferte seit langem die besten Trainerleistung für Ungarn ab. Freilich, ein 1:8 ist schen eine Demütigung, ein ballesterisches Mohács, wie eine Zeitung etwas sehr pathetisch meinte.

Der ehemalige MTK Budapest-Spieler Egervári war drei Jahre im Amt, seine Länderspielbilanz liest sich zunächst gar nicht so schlecht, denn von 34 Spielen gewannen die Ungarn 17, spielten acht Mal unentschieden und verloren 9 Begegnungen, allerdings die Wichtigsten. Doch es war seit 20 Jahren die erste positive Spielebilanz. Viele gehen davon aus, dass es hinter den Kulissen mehr ging als um die Schande einer epischen Niederlage, die zwar in der Höhe besteht, nicht aber darin, gegen Holland zu verlieren.

Ruhm und Fluch des "Golden Team"

Ungarn ist seit 1986, wo man in der Vorrunde in Mexiko auf Platz 18 ausschied, bei keiner WM mehr dabei gewesen, seit 1972 schaffte man es nicht mehr zu einer EM. 1938 und 1954 war das Nationalteam Vizeweltmeister, bis 1968 sammelte man drei Olympia-Gold, die Silbermedaille 1972 war das letzte Aufhorchen der einst gefürchteten "Goldenen Mannschaft", die fünf Jahre ungeschlagen blieb und das erste Team überhaupt war, dass die Engländer auf der Insel schlagen konnte. Noch immer finden sich unter den Top 6 der ewigen Torschützenliste der Nationalteams drei Ungarn, ganz oben Ferenc Puskás. Die Auswahlen danach konnten an diese glorreichen Zeiten nie wieder anschließen, ja mancher beklagt zu Recht, dass Puskás, Kocsis und Co. - so sehr man sie verehrt und überhöht - längst zu einem Fluch geworden sind, zu etwas Unerreichbarem, an dem sich trotzdem jeder Kicker messen lassen soll.

Nach Matthäus gings bergauf

 

In den vergangenen Jahren gab es - vor allem im Juniorbereich - durchaus beachtliche, positive Entwicklungen, auch auf der Ebene der Kampfmannschaft war ein Aufwärtstrend spürbar, der just einsetzte, als man die deutsche Lichtgestalt im Trainerkostüm, Lothar Matthäus (2004-2006), endlich und viel zu spät weggeschickt hatte. Péter Bozsik, Péter Várhidi und der Holländer Erwin Koeman mühten sich redlich, aber weitgehend glücklos.

Erst unter Egervári platzte bei den Rot-Weiß-Grünen Jungs der Knoten und ab 2011 hatten viele Fans das Gefühl, man könne bald wieder auf internationalem Niveau mithalten und vielleicht auch wieder einmal an einem großen Turnier teilnehmen. Bei der Quali für die Euro 2012 scheiterte man knapp an Schweden, und: den Niederlanden, diverse U-Teams mischten bei Turnieren bei den ganz Großen mit. Ungarn rangiert zur Zeit - noch - auf Rang 30 in der Welt zwischen Slowenien ein Platz vor Tschechien, 17 (!) vor Österreich, die letzten Dämpfer sind darin allerdings noch nicht eingepreist.

Theoretische Chance auf Brasilien besteht

Der Traum von der internationalen Bühne ist nun erstmal wieder geplatzt, der Balaton wahrscheinlicher als die Copa Cabana. Beim letzten Quali-Spiel gegen Andorra am Dienstag wird Assistenz-Coach József Csabi die Mannschaft betreuen. Ungarn, das in Gruppe D mit 14 Punkten nun auf Platz 4 liegt, zwei Punkte hinter der Türkei und Rumänien (Niederlande mit 25 Punkten fix qualifiziert), kann sich am Dienstag noch immer für einen Relegationsplatz qualifizieren, allerdings nurmehr theoretisch: denn dafür darf Rumänien zu Hause gegen Estland nicht punkten, noch sollte die Türkei zu Hause gegen die Niederlande gewinnen. Ein Sieg gegen Andorra in Budapest ist natürlich Pflicht. In diesem Zusammenhang ist der Abgang Egerváris noch unverständlicher. Das Team hätte ihn jetzt gebrauchen können.

Premier Orbán und Verbandsschef Csányi, ein einflussreicher Oligarch der Lebensmittelbranche
nd Chef von Ungarns größter Bank, OTP, hier beim Plausch im Stadion

Pechsträhne und falsche Prioritäten

Seit rund eineinhalb Jahren ist wieder der Wurm im Team, einen besonders bösen Tiefschlag gab es im September,
beim 0:3 in Bukarest, begleitet von Ausschreitungen ungarischer Hooligans, das 8:1 in Amsterdam war der vorläufige knock out. Man darf nun raten, ob die sichtbaren Rückschritte in Einstellung und Kampfgeist, technischem und taktischen Auftreten der Nationalelf Ungarns einfach eine Pechsträhne sind oder ob OTP-Chef und Oberoligarch Csányi, seit 2011 Präsident des Fußballverbandes, vielleicht die falschen Prioritäten setzt.

Denn die enormen materiellen und mentalen Anstrengungen, die diese Regierung für den Stadionneubau und die
Pflege ihrer jeweils bevorzugten Klub- bzw. Privatmannschaften (die beiden Rekordmeister Debrecen, FTC Ferencváros sowie Videoton Székesfehérvar und natürlich der FC FC Gernegroß der Puskás Akademie sind z.B. solche reinen Fidesz-Klubs) unternimmt, müssen zwangsläufig zu Defiziten bei der fachlich neutralen Auswahl und hochwertigen Ausbildung von Talenten fürs Nationalteam führen. Was "Experten", abgehalfterte, klugscheissernde Ex-Spieler und Funktionäre für Schaden anrichten können, davon singt u.a. Österreich seit Jahren ein trauriges Lied. Nur sehr mühsam setzen sich dort Talent und Professionalismus gegen Bremser und Neider durch, zu langsam allerdings auch für Braslien 2014.

So soll das neue Stadion in Felcsút aussehen. Es wird doppelt so viele Plätze wie der Ort Einwohner haben. Betrieben wird es von der Puskás-Fußballjugendstiftung, einer Privatsiftung der Familie des Premiers. Bau und Finanzierung sind ein eigenes Universum an Fragwürdigkeiten.

Millionen für Stadien, ein feuchter Händedruck für den Sport

Orbán will in Ungarn binnen weniger Jahre Champions League-Finals und internationale Turniere sehen, für 2020 hat man sich
als EM-Austragungsort beworben, internationale Juniorturniere will er bei sich vor der Haustüre austragen lassen, das sei, so der Premier "eine Frage des nationalen Prestiges", für die man in Summe Hunderte Millionen Euro in die Hand nimmt. Abgesehen davon, dass sich ein kleines, in weiten Teilen der Bevölkerung verarmtes Land damit finanziell übernehmen muss, nutzen die schönsten Stadien wenig, wenn es weder zahlendes Publikum gibt, das regelmäßig die Ränge füllt, noch ein Team, das sie wenigstens manchmal jubeln lässt.

Die Wahrheit liegt auf dem Platz, nicht auf dem Konto der OTP oder in der VIP-Tribüne in Felcsút. An den Auswüchsen erkennt man, wie ehrlich der endlos gepredigte "Patriotismus" der Regierungsmannschaft gemeint ist. An der Nationalelf könnte sie sich einmal beweisen, wenn sie schon sonst nichts auf die Reihe bekommt. Doch sportlicher Erfolg kann nur in einem ruhigen, professionelen Umfeld gedeihen, nicht durch einen feuchten Händedruck derjenigen, die Fußball - ausschließlich - als Plattform für größenwahnsinnige Selbstdarstellung und Geschäftemacherei missbrauchen. So gesehen, ist am Freitag eindeutig der Falsche zurückgetreten.

cs.sz. / red.

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