THEMA: WAHLEN UNGARN 2014

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(c) Pester Lloyd / 24 - 2014 FEUILLETON 13.06.2014

 

Tisza, Orbán und die Vorsehung: Ungarns Premier bekennt sich öffentlich als Antidemokrat und Antieuropäer

Anfang der Woche weihte Premier Viktor Orbán auf dem exponierten Kossuth Platz rund um das ungarische Parlament ein monströses Denkmal für den ehemaligen Ministerpräsidenten István Tisza ein, der das Land von 1903 bis 1905 und dann wieder von 1913 bis 1917 führte und im Oktober 1918 ermordet wurde. Das Monument ist eine Replik des Denkmals, das an dieser Stelle in den 30er Jahren errichtet, nach 1945 aber zerstört und abgetragen wurde. Mit ihm kommt nicht nur die Erinnerung an Tisza, sondern - über Orbán - auch dessen Politik zurück.

Orbán nutzte die Einweihung einmal mehr für seine Interpretation der Geschichte und glaubt, dass die Einweihung "den Beginn einer neuen Ära" bedeutet. Er stellte Tisza, als einen "Mann an der Seite der Arbeiter" dar, der bewiesen habe, dass man "nicht ein Kommunist oder Sozialist sein musste", ja, "sogar national sein konnte", um dennoch das Volk zu vertreten. "In den vergangenen vier Jahren habe Ungarn seine Ehre wiederhergestellt", wozu eben auch die Schaffung alter / neuer Vorbilder gehört. Laut Orbán war Tisza "zunächst gegen den Ersten Weltkrieg", selbst "als jeder um ihn herum dafür war". 

Die Freiheit, die sie meinten...

Was Orbán nicht erwähnte, ist, dass die Politik des aus Siebenbürgen stammenden, kalvinistisch geprägten Kleinadeligen nach Innen rein ständisch strukturiert und offen antidemokratisch geprägt war und von der herkunftsbedingten Ungleichheit der Menschen ausging. Er erbte die sog. "Liberale Partei" quasi von seinem Vater, Kálmán Tisza, die jedoch keine "Freiheit" im Sinne des Menschen vertrat, sondern das Sammelbecken der großbürgerlich-aristokratischen Eliten des Landes war, die den Ausgleichs-Deal der Deák-Partei mit den Habsburgern seit 1866/67 trugen und prächtig - allerdings auf dem Rücken des eigenen Volkes - daran verdienten.

Die Freiheit, die sie meinten, war die, möglichst unkontrolliert von Wien oder gar dem Volk, sich ihre Taschen füllen zu können. Brüssel ist also nicht nur das neue Moskau, sondern - bei Bedarf - auch das neue Wien. Wer noch mehr Parallelen in Gebaren und Aussagen, aber auch in konkreter Politik Orbáns zu Tisza entdeckt, darf sie gerne behalten. Ob Kritiker oder Befürworter: Orbán und Tisza sind eigentlich Zwillinge, wie wir an Auszügen aus Orbáns Festrede genauso erkennen werden, wir an den wirklichen historischen Abläufen.

Nationalistischer, rassistischer Antidemokrat im Kampfeinsatz für die Oberschicht

Die Opposition, auch die parlamentarische, ließ Tisza auch mit Gewalt bekämpfen, es gab Verhaftungswellen und Parteiverbote, auch politischen Mord, freilich mit ungeklärten Hintergründen. Besonders konsequent betrieb Tisza die "Magyarisierung", allerdings war er in den Jahrzehnten seit 1870 bis zum Ersten Weltkrieg nicht der einzige, der sich daran profilierte. Vor allem die slowakische und ungarndeutsche Bevölkerung wurde mit dem Verbot der Sprachen in den Schulen, auf Ämtern sowieso, zweitweise sogar dem Verbot des Deutschen als Bühnensprache sowie diversen Berufsverboten bei "nicht bekennenden" Magyaren mehr oder weniger zwangsassimiliert oder stigmatisiert, was die Klassengesellschaft weiter verschärfte, Ungarn aber - im Sinne der Mächtigen - einigte. Rumänen wurden von Tisza schlicht als untermenschliche Staatsfeinde eingestuft (Siebenbürgen war damals Teil Ungarns) und auch so behandelt. Die Rumänen vergaßen das nicht.

Duelle mit Parlamentskollegen und Rückkehr mit "Arbeiterpartei"

Tiszas radikale Mittel waren selbst in den eigenen Reihen nicht unumstritten, nicht Wenige wünschten sich eine moderatere Politik, mehr Rücksicht auf die Vielvölkerei, des lieben Friedens willen, doch konnte er sich - gestützt durch die Finanzwelt und den Kleinadel wie die großen Magnaten - eine Weile gegen Konkurrenten aus den eigenen Reihen durchsetzen. 1905 wurde er jedoch "vorsichtshalber" abgewählt, weil die inneren Spannungen bereits bedenkliche Ausmaße angenommen hatten, Tisza sprach von einem Putsch, na klar, welcher aufrechte Nationale wird schon gerecht geparkt?! Im Hintergrund, aber auch im Reichstag selbst blieb er eine mächtige Figur.

Bereits 1912 verübte ein Abgeordneter ein Attentat auf Tisza. 1913 duellierte er sich sogar mit dem späteren ersten Republikspräsidenten Graf Károyli und dem Abgeordneten Pallavicini, was jeweils mit "leichten Verletzungen" abging. Im gleichen Jahr spülte ihn der Korruptionsskandal eines Konkurrenten - wer denkt da an 2010? - wieder an die Spitze des Staates, mit der Gründung ausgerechnet einer "Arbeiterpartei" gelang ihm die Mehrheitsbeschaffung im Reichstag. Man muss hierbei allerdings erwähnen, dass damals nur knapp 8% der Gesamtbevölkerung wahlberechtigt waren, darunter übrigens keine Proletarier.

Denk-mal-Politik

Orbán brachte die Einweihung in Zusammenhang mit der "Erneuerung des Hauptplatzes der Nation", der, so die Vorgabe: wieder in den Zustand von 1944 zu versetzen sei, wie er "dem Volk vor vier Jahren versprochen habe". "Dank Gottes Hilfe" könnte nun "jeder Ungar und die ausländischen Gäste sehen, was wir erreichen können und erreicht haben." Nämlich: die "Visionen unserer Vorväter". Wir "vollendeten das Vorhaben, weil wir in der Lage dazu sind, es zu vollenden und den Willen dazu hatten und die Kraft dazu bekamen wir von Ihnen - den Wählern." Dass dazu auch die Umsetzung von Statuen des Armendichters Attila József und des ersten republikanischen Präsidenten und Tiszas Erzfeind, Graf Károlyi gehört, sagte Orbán in seiner Festrede nicht.

Tisza ist für seinen politischen Zwillingsbruder Orbán ein Märtyrer und "wahrer Former der ungarischen Geschichte", der zum Amtsantritt eine "Burg übernahm, die von allen Seiten belagert wurde". So wie Orbán 2010, hören wir mehr als laut heraus. Erschossen wurde Tisza im Oktober 1918, da war er nicht mehr Premier, aber immer noch der entscheidende Strippenzieher im Lande, von Offizieren der "Asternrevolution", die zur Gründung der ersten Republik unter dem Sozialisten Graf Mihály Károlyi führte. Seine letzten Worte seien gewesen: "Es musste so kommen." Offenbar war er sich seiner Rolle im Klaren.

Tiszas Mitschuld an Trianons Härte

Denn davor agierte er als "ungarischer Interessensvertreter" im Ersten Weltkrieg, den er anfänglich allein aus der Angst heraus ablehnte, das dualistische Gleichgewicht zwischen Wien und Budapest könnte bei Gebietsgewinnen und Annexionen durch Österreich zu Ungunsten Ungarns ausschlagen und der slawische Einfluss in der Doppelmonarchie größer werden als der "magyarische".

Als der Krieg nicht mehr aufzuhalten war, versuchte Tisza durch Gebietsansprüche und eigensinnige politische wie militärische Aktionen Ungarns Einfluss auf dem Balkan und an den Karpatenrändern zu vergrößern - übrigens dann ohne Rücksicht auf die ethnographischen Gemengelagen. Irgendwann wurden Kriegs-Kaiser Karl die Eigensinnigkeiten Tiszas zu lästig und er ließ ihn Ende 1917 absetzen.

Dass Tiszas "Balkanpolitik" und sein Umgang mit Serben und Kroaten, aber auch Rumänen und Tschechen bzw. Slowaken ein Faktor für die Härte war, mit der die Sieger dann "Trianon" als Richtschwert über Ungarn herabfallen ließen, für diese komplexeren Gedanken war in der emotional gesteuerten ungarischer Geschichtsvergessenheit selten Platz, bei Orbán jedoch ist jeder Funke von historischer Dialektik ausgemerzt. Es gibt nur Gut und Böse, Opfer und Täter. "Sein" Ungarn ist immer Ersteres.

Wer die Nation ist, bestimme ich...

Für Orbán ist Tisza indes ein "Überwinder der altmodischen Politikwelt", nämlich jener, in der es unterschiedliche Parteien mit widerstreitenden Meinungen gibt. Tisza hingegen, erkannte den Nutzen der "Solidarität zwischen den verschiedenen Bestandteilen (Bildnern) der Nation" (Anm.: auch heute gibt es in der neuen ung. Verfassung den Begriff "nationenbildend" = alle Ungarn, egal wo sie leben und - in eindeutiger Abgrenzung dazu, "staatsbildend" = die in Ungarn lebenden, anerkannten ethnischen Minderheiten) und zitiert Tisza mit dem geradezu demaskierend eigenbezüglichen Satz: "Eine Nation ist desto stärker, je glücklicher sie ist und je mehr geistige, vor allem moralische Stärke in ihren Mitgliedern lebt."

Wieder eine Breitseite gegen "dieses Europa"

Dann gelangt Orbán ins Heute und er dreht auf: "Heute, wo selbsternannte Demokraten die Demokratie vor uns beschützen wollen und uns heftig im Namen eines wolkigen Konzeptes von `Europäertum` kritisieren, einfach, weil wir nicht bereit sind, zu akzeptieren, was uns Brüsseler Bürokraten im Namen Europas sagen, auch heute können wir uns auf das berufen, was István Tisza schon sagte: `Wir bekennen offen, dass wir auf nationalen Fundamenten stehen.` Und er fährt fort: `Gemäß den Hypermodernen sind wir Nationalisten. Weil sie nicht mehr über nationale Kriterien sprechen, nur über nationalistische Vorurteile. Uns interessiert aber der ganze menschliche Fortschritt nicht, wenn er nicht mit einem Vorteil, dem Wohlstand und der Größe der ungarischen Nation verknüpft ist."

Daraus ergibt sich für Orbán, Tisza als einen "Freiheitshelden" zu titulieren. Er meinte, ganz wie Orbán heute, damit stets die "Freiheit der Nation", sprich die Unabhängigkeit, im Namen selbiger als deren Führer tun und lassen zu können, was er für richtig hält. Dass im Zuge dieses Kampfes die individuellen und damit auch die kollektiven Freiheiten leiden, das war von Beginn an der Sinn des Konstruktes "Nation" und genauso versteht und exekutiert es auch Orbán mehr denn je.

Wie einst Luther in Worms...

 

Orbán ging dann auf Tisza als Friedensaktivisten ein, der "zuerst `Nein` zum Krieg" sagte, aber erkannte, dass die "kurzfristige Alternative zur Monarchie nur Anarchie" sein kann und nannte es eine "Laune des Schicksals", dass der erste Schuss des Ersten Weltkrieges einem Menschen galt (dem öst. Thronfolger), der "sich nie um die Interessen der ungarischen Nation kümmerte", während der "letzte Schuss des Krieges" jenem galt, der "sein ganzes Leben den Interessen der ungarischen Nation widmete". Die Leute, die wegen Franz Ferdinand in den Krieg ziehen mussten, rächten sich vier Jahre später an István Tisza dafür, so Geschichtslehrer Orbán. Doch Tisza konnte nicht anders, "Der Calvinist Tisza (Anm.: Orbán ist auch einer), (...) er versuchte nicht, vor seinem Schicksal zu fliehen, so wie einst Martin Luther in Worms..." blieb er fest in seinem Glauben - an die Nation.

Tisza als Vorbild für das neue Ungarn und Orbán als dessen Nachfolger ist für Letzteren besonders komfortabel: schließlich hatte der mit dem Holocaust, den Pfeilkreuzlern, und dem ganzen Judenkram nichts am Hut, ist nicht - wie Horthy - in einem Pakt mit Hitler gestanden, vertritt aber die gleiche großungarische, ständisch-feudale Politik. Bei Horthy und dessen "Ära" begibt sich auch Orbán auf mitunter heißes Pflaster, ja verführte sich selbst schon zu partieller Holocaustleugnung, aus reiner Rechthaberei. Doch auch Tisza hat einen entscheidenden Nachteil: seine Fußstapfen könnten für Orbáns Ehrgeiz zu klein sein. Unter einem Széchenyi sollte sich ein Nation-Builder wie Orbán nicht mehr verkaufen, wenn es nicht doch lieber ein heiliger István sein sollte. Aber diese posthistorische Personalentscheidung muss heute noch nicht endgültig getroffen werden.

Nationalistenstadl: Schicksal, Epochen, Vorsehung, Stolz

Orbán endet seine Rede am Montag auf dem Kossuth tér in einer Sturzflut aus Schmalz und Aberwitz, die wir unkommentiert über unsere liberal imprägnierten Leser ergießen können: "Kann uns das Schicksal mit einem größeren Geschenk bedenken als der Wiederherstellung einer Erinnerungsstätte an István Tisza? Ist es nicht ein Privileg, solche Momente aktiv miterleben zu dürfen? Ist es eine Übertreibung oder nicht gerechtfertigt, ja ist es vielleicht eine wundersame Hoffnung, zu denken, dass der Mord an Tisza und die Zerstörung seines Denkmals an seine Erinnerung jedes Mal das Ende einer nationenzerstörenden Ära waren, dass dann die Wiedererrichtung vielleicht das Symbol des Beginns einer neuen Ära des Nation-Buildings sein kann? (...) Warum soll einer zerfallenden, liberalen Epoche nicht eine Ära des Wohlstands und der nationalen Inspiration folgen? Und warum soll es unmöglich sein, dass die Vorsehung uns erwählt hat, uns, die Ungarn von heute, das zu erreichen? Was immer kommen mag, eines ist sicher: was wir heute getan haben, darauf können kommende Patrioten mit Stolz zurückschauen. - Anerkennung, Ehre, Respekt und Dankbarkeit an István Tisza, dem Ministerpräsidenten der Ungarn!"

red. / cs.sz. / m.s.

Die amtliche, englische Übersetzung von Orbáns Rede.
 

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