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(c) Pester Lloyd / 50 - 2014   BOULEVARD   10.12.2014

 

"Finden Sie das witzig?" Mitten im Shitstorm: Ungarns Premier Orbán trifft den Cybermob

Im Leserchat des Boulevard-Blattes “Blikk” stellte sich Premier Orbán am Dienstag unzensierten Fragen. Von beantworten konnte aber keine Rede sein. Ungefilterter Volkszorn und beißender Sarkasmus waren die Regel, seine Fans kaum wahrnehmbar. Irgendwann wurde es dem Premier zu bunt und er begann pampig zu werden. Wenn die Blikk-Leser die Mitte der Gesellschaft gewesen sein sollen, - dann sollte Orbán lieber ganz schnell die Koffer packen...

“Nationale Konsultation” einmal ungefiltert. Sonst stellt ja lieber Orbán die Fragen und liefert die Antworten gleich mit. Nun wird er schon wissen, warum er sich lieber im Staatsfunk interviewen lässt. Aber höchstwahrscheinlich war der Blikk-Chat ohnehin von den Gyurcsány-Agenten und ihren ausländischen Drahtziehern gekapert. Die nächste Mediensteuer kommt bestimmt...

Eine Auswahl:

Frage: Wie könne er nachts ruhig schlafen, wenn bald tausende wegen der Sonntagsschließung ihren Job verlieren? Orbán: Wir unterstützen ja weder Ladenschließungen noch Entlassungen, aber "wir wollen erreichen, dass niemand am Sonntag arbeiten muss." Die "Regulierung sei dazu der erste Schritt."

Frage: Warum erhöhen sie nicht die Einkommen der Kommunalbeschäftigten (verpflichtende Billigarbeit für Langzweitarbeitslose und Sozialhilffempfänger, ca. 50% unter dem "gesetzlichen" Mindestlohn, betrifft ca. 250.000) und das Kindergeld? Bitte antworten Sie und kommen mir nicht mit einer Gegenfrage! Antwort: Ab 2016 wird der Steuerabsetzbetrag für Kinder erhöht, so dass Familien mit mehr als zwei Kindern ein höheres Kindergeld erhalten (Anm: er vermischt hier zwei Dinge, außerdem nutzt der erhöhte Absetzbetrag nur Familien etwas, die überhaupt eine entspr. reduzierbare Steuerbasis haben, Geringverdiener haben nachweislich nichts davon, in Summe sinken die Zuschüsse für diesen Bereich 2015 um 40 Mrd. HUF,
laut Budgetgesetz, die Sozialhilfeausgaben werden um weitere 25% zu Gunsten der Kommunalprogramme gekürzt.). Ab 1. September seien zudem drei Jahre Kindergarten für jeden garantiert (3 Jahre "Vorschule" sind dann Pflicht, unter Androhung des Entzugs von Sozialhilfe und Kindergeld, Anm.) Schulspeisung wird ab Januar 2016 nur noch von Besserverdienern zu bezahlen sein, "Das wird die Kinderarmut in Ungarn beenden." Allerdings gibt es all das nur, wenn die Wirtschaft 2015 und 2016 "genauso gut läuft wie 2013 und 2014".

Frage: Wieviel spenden sie so um Weihnachtern herum? Können Sie überhaupt schlafen, wenn hunderttausende Kinder hungern, Millionen in der Kälte hocken und unter der Armutsgrenze leben? Viele Familien hatten seit Jahren kein richtiges Weihnachten mehr, nichtmal Strom und Heizung... Antwort: Ich gebe nicht protzig aus. Ich habe eine Aufgabe und Berufung (lies: Sendung) für meinen Lebensweg erhalten. Ich hoffe, Sie freuen sich auch darüber, dass die Armut in Ungarn zurückgegangen ist. (Er wiederholt die Sache mit den Kindergärten). Wir bewegen uns in die richtige Richtung, bitte unterstützen Sie das!

 

Ein Kurzbericht des Besuches von Orbán in der Blikk-Redaktion. Man achte auf Körpersprache, Auftritt und die Gesichter der Journalisten...

"Zoltán und seine Familie" fragen: "Orbán! (Anm. sehr unhöfliche Anrede, im Ungarischen geradezu monströs unverschämt). "Ihre Regierung hat Geld um Banken zu kaufen, Stadien zu bauen und so weiter, aber es gibt kein Geld für hungernde Kinder, Rentner, baufällige Krankenhäuser, Obdachlose und so weiter. Auch die Sonntagszulage wollen sie uns wegnehmen. Niemand fragt Sie, ob Sie Sonntag arbeiten!. Für uns sind einige tausend Forint aber viel. Es scheint so zu sein, wie (Kanzleramtsminister) Lázár sagte: Jeder ist so viel wert, wie er verdient (...) Antwort: "Es wird bald keine hungernden Kinder mehr geben" (Orbán wiederholt die Sache mit den Kindergärten, Schulverpflegung). Die "Renten konnten wir trotz Wirtschaftskrise verteidigen." (Er meint damit die Anpassung an die offizielle Inflationsrate, die im zweistelligen Bereich der tatsächlichen Teuerung für Rentner hinterherhinkt). Hinsichtlich der Obdachlosen. "Freue ich mich, mitteilen zu können (...), dass jeder Obdachlose ein Dach über den Kopf bekommt." 400 Milliarden Forint habe man in den letzten Jahren für Krankenhäuser aufgewendet (das meiste waren Notspritzen, um die verstaatlichten Hospitäler von der Zahlungsunfähgikeit zu bewahren). "All das sind große Erfolge, aber noch nicht genug. (...) Frohe und friedliche Weihnacht..."

 

József fragt: Wann wird es vollständige Vermögenserklärungen von Fidesz-Politikern geben (Anm. es gibt da fast täglich Diskrepanzen zwischen Vermögen - auch verstecktem - und den Angaben in den verpflichtenden Deklarationen, die öffentlich beim Parlament einsehbar sind.) Antwort: "Jedes Jahr, vollständig. Das ist auch so, wenn die Öffentlichkeit das nicht glaubt und behauptet, das alle oder fast alle Politiker korrupt seien. Beste Grüße."

Csaba dankt im Namen aller Ungarn hinter den Grenzen (Sprachregelung für die ethnischen Ungarn in den durch die Trianon-Verträge abgetrennten Gebiete) und möchte, dass die Regierung noch mehr tut, um den Vojvodina-Ungarn (Serbien) ein besseres Leben zu ermöglichen. Orbán ist dafür.

Zuszsanna regt sich mit einer längeren Fragestellung über die Familienpolitik auf. Wie kann es sein, dass Familien mit 1-2 oder gar keinen Kindern arbeitsrechtlich und vor allem steuerlich schlechter gestellt werden als Familien mit 3 und mehr Kindern. Es gebe schließlich viele individuelle Gründe für wenige oder keine Kinder und es sei zudem eine Privatsache, deshalb dürfte man doch nicht diskriminiert werden (Anm.: Orbán sagte unlängst, dass "eine Nation, die sich biologisch nicht reproduzieren kann, ihre Existenz aufgibt"). "Entschuldigung, ich respektiere Sie, aber diese Familienpolitik verstehe ich nicht." Antwort: Ja, es sei eine persönliche Entscheidung wie viele Kinder jeder habe oder nicht, der Staat habe da nicht hereinzureden. Aber: "Es ist auch wahr, dass die Zahl der Kinder über die Zukunft des Landes entscheidet. Daher ist es zwar eine persönliche Angelegenheit, aber auch eine öffentliche Sache." (Ja, was denn nun?) "Das ist die theoretische Grundlage unserer Familienpolitik. Danke für Ihre Meinung. Ich wünsche Ihnen Frohe Weihnachten!"

Misi fragt nach. "Wir kämpfen gegen "Extraprofite". Wie kann es dann sein, dass der CBA-Chef mit einem 1-Mio-EUR Auto herumfährt, während es im Land 4,5 Mio. Arme gibt? Orbán erklärt den CBA-Chef (László Baldauf) zu einem "ehrbaren Mann" und im Übrigen: "Die
Armut ist durch das Wirtschaftswachstum in den letzten Jahren gesunken. Das ist ein Fakt und bleibt ein Fakt, egal ob Sie oder ich jeden Tag lautstark das Gegenteil hören." Aber sie habe Recht, so lange es auch nur einem Ungarn schlecht gehe, "müssen wir etwas dagegen tun".

Noch jemand fragt, wen es bitte stört, wenn die Leute sich mit
Sonntagsarbeit etwas dazuverdienen, wo sie es doch brauchen. Orbán erklärt, dass "unsere Philosophie ist, leben und leben lassen". Man wolle niemandem etwas wegnehmen, "und die Zeit wird zeigen, dass wir richtig liegen." Sie solle bitte nächstes Jahr in den Chat wiederkehren, dann könne sie von Verbesserungen berichten. Frohe Weihnachten etc.

Werter Ministerpräsident! Ich hoffe, Sie geben dem Druck der US-Söldner (Merkel + EU) nicht nach! Antwort: Die Amerikaner sind unsere Freunde. Buchstäblich so `Gute Freunde` (Wortspiel: Goodfriend, der US-Gesandte), dass wir gar keine Feinde mehr brauchen (Lies: wer solche "Freunde" hat, braucht keine Feinde mehr...) "Vertrauen Sie mir! Alles Gute!"

Nächste Frage: Wie fühlt man sich als erster Zigeuner als Ministerpräsident Ungarns? (Anm.: Orbán wird immer wieder eine Romaabstammung nachgesagt, bzw. eher vorgeworfen, seine Repressionspolitik gegen die Minderheit als Überkompensation interpretiert) Orbán: "Ich weiß es nicht. Denken Sie, das (die Frage) ist lustig? Frohe Weihnachten!"

 

Jolánka will wissen: Was tun sie eigentlich gegen Korruption? Wieso lassen Sie es zu, dass Parteikollegen und Freunde Sie an der Nase herumführen? Das ganze Land und die halbe Welt wissen darüber bescheid, was in Ungarn heute abgeht. In welcher Dimension leben Sie, keine Ahnung mehr von der realen Welt? Danke. Antwort: Ich mag, wie sie auf Fakten stehen. Korruption ist nicht akzeptabel, Null-Toleranz! Und ich denke nicht, dass mich meine Kollegen in die Irre führen. Ich lebe nicht auf dem Mars, sondern unter ihnen in Ungarn. Wie Sie, gefällt mir nicht alles, was ich sehe, aber wir arbeiten jeden Tag daran, dass es für alle besser wird. Ich wünsche Ihnen Frohe Weihnachten!

Nächste Frage: Goodfriend habe mit seinem
"Fetzen" doch konkrete Fälle aufgeworfen und es sei doch offensichtlich, dass Rogán (Fidesz-Fraktionschef) ein "gewöhnlicher Krimineller" sei etc. etc. Orbán verweist auf seine Aufforderung an die NAV-Chefin und den US-Gesandten, die Vorwürfe von einem Gericht untersuchen zu lassen. Es gebe Regeln in Ungarn, an die sich alle halten müssten. Auf Rogán reagiert er nicht.

Wird es bald einen König Orbán geben?
Antwort: “Ich bin ein erleuchteter, kalvinistischer Republikaner. Rechnen Sie also nicht damit...!”

Wann werden sie zurücktreten? Orbán: "Ich wurde gerade gewählt. Frohe Weihnachten!"

Ob er denn die ungarischen Menschen für komplette Vollidioten halte?
Antwort: "Ich sehe sie nicht so. Die Regierung arbeitet in einer Kultur des Repekts, der Stärke und der Gesundheit."

Achja. Und Frohe Weihnachten!

red. / a.l. / www.blikk.hu

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