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(c) Pester Lloyd / 51 - 2014   BOULEVARD   18.12.2014

 

Schokoladengate: Wie Orbán die Proteste vernaschte. Eine Weihnachtsgeschichte

Ein Foto machte gestern die Runde durch die social networks und die sogenannten unabhängigen Medien Ungarns. Regierungschef Orbán reißt während der Plenarsitzung im Parlament mit den Zähnen ein Schokoladentäfelchen auf und knabbert mit seinem Vize Semjén, genüsslich die Süßigkeit. Der Skandal ist perfekt. Der Skandal? In Wirklichkeit ist es eine Weihnachtsgeschichte.

"Und das Volk, das im Finstern wandelt, sah ein großes Licht; und über die da wohnen im finstern Lande, schien es hell.", Jesaja 9:2

Nein, es sind nicht plebejischen Speisemanieren des Premiers, die die Öffentlichkeit aufregen sollen und auch nicht einmal der klare Verstoß gegen die parlamentarische Hausordnung des Parlamentspräsidenten Kövér, die Speisen - aller Art - im Plenarsaal untersagen (das Erscheinen in angetrunkenem Zustand übrigens auch) - und zwar allen, nicht nur den am Volksvermögen übergewichtig gewordenen Sozialisten. Nein, der eigentliche Aufreger war die Schokoladenmarke, die Orbán da wie ein Wolf zerfetzte.

 

Es handelte sich nämlich um eine Special Edition, eine limitierte Auflage. Die Täfelchen wurden von der Gewerkschaft der Angestellten der ungarischen Tabakwirtschaft vor dem Hohen Hause direkt an die Abgeordneten verteilt, die gerade auf dem Weg zur Abstimmung waren, u.a. über das staatliche Tabakgroßhandelsmonopol und die einmalige Gesundheitsabgabe für die (meisten) Tabakfirmen, Maßnahmen, die mehrere tausend Stellen kosten werden, meint die Gewerkschaft.

Deshalb finden sich auf den Schokoladentafeln Fotos von Kindern und Familien und mitleidheischenden Sprüche wie: Wir wollen, dass Papa auch im nächsten Jahr noch einen Job hat, bitte helfen Sie mir, stimmen Sie mit "Nein" zu dem und dem Gesetz.... Oder - besonders abwegig: Wir wollen nicht, dass Kinder in Ungarn immer noch hungern müssen und andere kommunistische Lügen, die Orbán längst widerlegt hat. "Die Armut geht bei uns konstant zurück." stellte er längst fest. Oder, noch besser: Semjéns Fraktionschef Harrach erklärte im Radio, dass Kinder, die "ohne Frühstück zur Schule gehen", das meist nur deshalb tun, "weil sie morgens einfach keinen Hunger haben, das ist wohl ihre Lebensart." Sie haben nichtmal Brot? Dann sollen sie halt Schokolade essen!

Das mittlerweile auf den Pfad des Patriotismus gefundene Online-Portal origo.hu (Telekom) machte sich viel wichtigere Sorgen als die Nöte quängelnder Kinder und fragte bei Orbáns Prätorianergarde, dem Anti-Terror-Zentrum TÉK nach, wie es sein kann, dass der große Vorsitzende so einfach ungeprüft von irgendwelchen ungewaschenen Anarchisten Essbares annehmen und verspeisen kann, hat er denn keinen Vorkoster? Die Antwort war sehr ungefähr, man handele nach den "Vorschriften" etc. Dass die Leibgarde gestern einen gefährlichen Aussetzer hatte, wird wohl intern mit der Rute geahndet werden.

Recherchen ergaben, dass es sich um ein ausgemachtes Komplott, ein Csokipapír-gate, der "Vasallen des linksliberalen Europas, ihrer Bürokraten von der EU, die ungarische Familien angreifen und der multinationalen Konzerne, die Extraprofite aus dem Land schleppen" (ValiEUBüfmuKELs) - wie die Kurzform für Opposition heute lautet - handelte.

 

Der Abgeordnete Varju, von Gyurcsánys (!) DK, wurde nämlich von Augenzeugen überführt, wie er eines der Täfelchen aus seiner Sakko-Tasche gezielt auf Orbáns Platz deponierte, ein zweites nahm er an sich und steckte es in die andere Tasche. Später stammelte er, dass er dieses dann unter den Tannenbaum "für mein Kind" platzieren wollte, um "in der Heiligen Nacht an die zu denken, die protestiert haben." Das ist natürlich eine Lüge, denn das zweite muss das vergiftete gewesen sein und der schändliche Anschlag kam nur deshalb nicht zur Wirkung, weil die DK wieder einmal Links und Rechts nicht auseinanderhalten konnte, selbst dafür ist die Opposition bei uns zu blöd. Um Varju wird sich László Kövér mit seiner "Parlamentsgarde" demnächst persönlich kümmern.

Orbán sollte in Zukunft vorsichtiger sein, der Feind ist überall und der Teufel kann jede Form annehmen, sogar die eines Stücks Schokolade mit einem Kindergesicht.

Fakt ist jedoch, dass er die Protestbotschaft nicht einfach so verschlungen hat, sie vernascht hat, wie er das mit der garstigen Opposition sonst gewöhnlich tut. Im Gegenteil, der "erleuchtete, kalvinistische Republikaner" (Orbán über Orbán) hat - ganz im Stile und Geiste Jesum - die Botschaft in sich aufgenommen, wurde Eins mit ihr, hat das Brot der Bürde des Volkes mit seinem Nächsten geteilt und mit dem Katholiban Bruder Zsolt und dem heiligen Geist, der beide stets umweht, eine kleine ökumenisches Dreifaltigkeits-Weihnachtsmesse abgehalten. Doch das konnte natürlich nur erkennen, wer reinen Herzens ist. "Und das Volk, das im Finstern wandelt, sah ein großes Licht; und über die da wohnen im finstern Lande, schien es hell.", Jesaja 9:2

ms.

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