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(c) Pester Lloyd / 13 - 2015   POLITIK    25.03.2015

 

Die "Qualifizierten": Ab- und Verwicklungen beim Brokerskandal in Ungarn

Die Aufarbeitungen der Pleiten von Buda-Cash ("links") und Quaestor ("rechts") findet entsprechend der politischen Machtverhältnisse statt - bzw. bleibt sie deshalb aus. Insidergeschäfte, politische Anschuldigungen, populistische Falschspielereien, manipulierte Staatsgewalten und Abwicklungsstrategien auf Kosten der Gemeinschaft legen die Impertinenz der Politikerkaste offen.

Eine Chronologie der Ereignisse mit Links zu den Beiträgen
finden Sie am
Ende des Textes.

UPDATE, 26.3., 7:40 Uhr: Am Mittwoch erklärte Premier Orbán öffentlich, dass er nach der Buda-Cash-Pleite, staatliche Behörden persönlich angewiesen habe, ihre Portfolios bei Quaestor zu räumen. Er habe damit einem Dominoeffekt vorbeugen wollen (lies: Orbán, das Finanzgenie, das schon Banken und Forex-Kunden rettete, hat natürlich auch das im Griff).

Orbáns Aussage belegt jedoch das Gegenteil und macht ihm zum Mittäter in diesem Komplott betrügerischen Bankrotts. Er hat den Domino-Effekt - ausgestattet mit Insiderwissen - nämlich eingeleitet, Denn neben den staatlichen, institutionellen Anlegern (schräg genug, dass Behörden und Ministerium aus Steuergeldern Anleihen für “Partei”-Projekte zeichnen), zogen in den Tagen bevor (!) Quaestor Zahlungsunfähigkeit meldete, praktisch alle Fidesz-Beteiligte ihre Einlagen heraus.

Mit seiner Äußerung gab Orbán zugleich ein Zeichen an die Ermittler, die Finger von den Hintergründen um Quaestor und erst recht um seinen Außenminister zu lassen.

Strohmann Orgován wurde von Eigentümer Tarsoly gestern als Vorstandschef wieder abgezogen. Er habe von dessen Vorgeschichten nichts gewusst...

red.

13szijjartotarsoly (Andere)
Outsourcing mit “Mehrwert”: Quaestor-Eigner Tarsoly und Außenminister (damals Staatssekretär) Szijjártó 2013 in Moskau bei der Eröffnung eines neuen “Handelshauses”,

Ob er es nicht eigenartig findet, dass die bei Buda-Cash involvierten Personen in U-Haft genommen, die Chefs der Quaestor aber bisher nicht einmal befragt wurden? Das finde er in der Tat "merkwürdig" und er "erwarte" daher, "rasche Taten der Ermittlungsbehörden." Das sagte Fidesz-Fraktionschef Antal Rogán gestern auf TV2. Dass dahinter politische Protektion steckt, verneinte er vehement und dass die Verhaftungen der Buda-Cash-Leute unmittelbar nach einem Radioaufruf von Premier Orbán erfolgten, scheint im heutigen Ungarn so wenig "eigenartig", dass nicht einmal mehr "freie" Journalisten danach fragen.

 

TV2 hätte noch nachfragen können, was es mit der Gefängniskarriere des seit vergangenen Montag amtierenden, neuen, vom Aufseher MNB bestätigten Interimschefs von Quaestor, Béla Orgován, auf sich hat und wieso der atle Hals über Kopf seine Villa leer räumen konnte, wo doch alles “gesichert” werden soll?

Doch Rogán wollte lieber "good news" verkünden, z.B. dass ein spezieller Fonds vor allem Kleinanleger bis 6 Mio. Forint Investition (knapp 20.000 EUR) entschädigen soll, was rund 22.000 (von insgesamt 120.000) Kunden beträfe.

Ein Anlassgesetz soll dazu nicht nur Teile der Konkursmassen aus dem normalen Prozedere auslösen bzw. die Ansprüche des "kleinen Sparers" für diesen Zweck vorreihen, sondern auch "die Guthaben der des Anlegerbetruges Verdächtigen" schon während der Ermittlungen "einfrieren".

Das Gesetz dazu soll um Ostern herum in Kraft treten, Zeit genug also für die "Betroffenen", (die noch auf freiem Fuß sind), ihre Vermögen in Sicherheit zu bringen, was der Quaestor-Chef offenbar schon erledigt hat.

Er ist aber nicht der Einzige. Mit der Quaestor-Pleite geriet auch das Außenministerium sowie dessen Chef Péter Szijjártó ins Visier von Oppsition und Medien. Wie berichtet, ist der Gründer und Mehrheitseigner der Quaestor, Csaba Tarsoly, in vielfacher Weise mit Fidesz-Geschäftskreisen verwickelt, Teil der "Fußball-Familie", war aber auch auf halbpolitischer Ebene, im Rahmen der "Ostöffnung" tätig. Quaestor-Fake-Anleihen wurden u.a. auch für ein Handelshaus in Russland und ein "Visazentrum" in Moskau begeben.

Nun kam heraus, dass unmittelbar nach dem von der Nationalbank eingeleiteten Übernahme- und Insolvenzverfahren gegen die Buda-Cash Broker- und Bankengruppe, das Außenministerium und dessen Unterorganisationen, darunter auch die Hungarian National Trading House (MNKH) sowie weitere Staatsunternehmen ihre sämtlichen Anlagepositionen bei Quaestor auflösten, noch bevor es Anzeichen von Schwierigkeiten gab.

Für die Opposition ist die Sache klar: Insidertipps, entweder von Quaestor und / oder der MNB sind dafür verantwortlich, dass diese Gelder "gerettet" wurden, während der kleine Mann durch die Finger schaut und nun von der Gnade der gleichen Politiker abhängig ist, die der Misere über Jahre zugesehen haben.

Man geht noch weiter: die Auflösung der staatlichen Positionen und der Abzug privater Gelder von Oligarchen aufgrund dieser Insider-Tipps haben die Pleite von Quaestor überhaupt erst herbeigeführt - der Vorwurf der betrügerischen Krida mit amtlicher Beihilfe steht - einmal mehr - im Raum. Er wird ohne Folgen bleiben, denn die Ermittler arbeiten auf dieser Ebene nur noch auf Zuruf, bzw. Anruf aus dem Amt des Ministerpräsidenten.

Die Nationalbank, die beide Bruchbuden in Kuratel genommen hatte, nachdem sie ganz offensichtlich über Jahre ihrer Aufsichtspflicht nicht nachkam oder bewußt weggeschaut hatte, verkündete, dass die "Fake-Anleihen" über 150 Mrd. Forint, die von Quaestor in einer Art Pyramidensystem ausgegeben wurden und dem realisierbare Werte von maximal der Hälfte gegenüber stehen, ein Geschäftsmodell darstellen, dass die Anleger als Investoren und damit für die Hilfe des Investorenschutzfonds "Beva" "qualifiziert". Das teilte MNB-Vize László Windisch so wörtlich am Dienstag mit. "Beva" ist ein, nach dem Modell des europäischen Einlagensicherungsfonds für private Bankkunden, für Investoren adaptiertes - und ebenfalls teilöffentlich finanziertes - System. Ein LMP-Politiker fasst die Sachlage so zusammen: "Sie waschen Quaestor vor unseren Augen".

Wer bei Buda-Cash angelegt hatte, steckte sein Geld hingegen nur in Aktienfonds oder Rentenpapiere, war also Spekulant, kein "Investor". Pech gehabt. Sie haben sich nicht qualifiziert....

 

Die Opposition tobt: solle doch die Nationalbank mit ihren Vermögen für die Kompensationen gerade stehen, anstatt die Gelder in sinnbefreite Stiftungen, überteuerte Immobilien, off-shore-Konten oder Ferienschlösser zu versenken. Immerhin hätte man dort fast 1 Mrd. EUR angelegt, über die die MNB jede - selbst parlamentarische - Kontrolle verweigere. Dass sich ausgerechnet die "Együtt" so für die Guthaben der Buda-Cash-Spezialisten einsetzt, ist wohl kein Zufall. Die Kleinpartei wurde von Ex-Premier Bajnai gegründet, der, selbst zuvor Finanzmanager (u.a. bei der Wallis Gruppe), einen Buda-Cash-Manager zum Bahnchef machte.

In diesem Zusammenhang ist, neben jener von MNB-Gouverneur und vorher Finanzminister Matolcsy, auch die Rolle von Károly Szász, jahrelanger Chef der Finanzaufsicht PSZÁF (jetzt von MNB aufgesaugt) zu prüfen, immerhin von Fidesz Anfang der 2000er ernannt und auch unter MSZP-SZDSZ-Regierungen verantwortlich.

Wie konnte seine Behörde diesen Milliardenbetrug so lange so gänzlich übersehen? Man weiß es nicht. Was man aber weiß, ist, dass Szász am Nationalfeiertag des 15. März, als sein Versagen bereits allen bekannt war, einen fetten Staatsorden vom Präsidenten umgehängt bekam. Für "Verdienste um Ungarn"... Nur, um welche Ungarn?

red. / cs.sz.

Chronik der Ereignisse:

Quaestor-Chef abgetaucht? / 23.3.

Finanzskandal in Ungarn: Wie Gangster und Politiker eine Milliarde Euro verschwinden ließen / 12.3.

Der Nächste bitte: Quaestor - Nationalbank übernimmt Kontrolle über
weiteren Aktienhändler - 10.3.


Orbán äußerst sich zum Finanzskandal - 9.3.

Hungária Értékpapír: Ungarische Nationalbank nimmt
weiteren Aktienhändler vom Markt - 6.3.


Fortgang im Finanzskandal: Buda-Cash-Banken unter Liquidation - 3.3.

Koalition der Abzocker: Was steckt hinter Buda-C(r)ash? - 27.2.

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Hintergrund "Mafiastaat" (kleine Auswahl):

MET - Die Gelddruckmaschine eines Mafia-Staates

Zwangskollektivierung und Rückprivatisierung
Wie in Ungarn aus Genossenschaftsbanken Parteifilialen wurden


Legalisierung des Illegalen: geschäftsmäßige, amtliche Plünderung von EU-Fördergeldern in Ungarn

Real exsitierende Kleptokratie: Ungarn legalisiert Korruption und Amtsmissbrauch

Affäre um Széchenyi Bank: Rettete die ungarische Regierung Oligarchengelder mit Steuermillionen?

Abgezweigt: Ungarische Nationalbank stockt Stiftungen auf 800 Mio. EUR auf

Plündern unter Geheimhaltung: Infos zu AKW-Ausbau in Ungarn 30 Jahre unter Verschluss

red.

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