Aus dem Archiv des Pester Lloyd

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(c) Pester Lloyd / Archiv

 

Aus dem Pester Lloyd von 1921

Artur Meßlény

Ein Traum vom ewigen Frieden

Meßlény skizziert in einem Traum die Ideen vom Völkerbund, einer Europäischen Union, einer friedlichen Vereinigung der Völker.

Im behaglichen Klubraum waren nur mehr wenige Gäste anwesend. Der alte Diener in der dunkelgrün schillernden Livree, die einst pechschwarz gewesen, drehte die Armleuchter über den leer gewordenen Tischen mit umständlicher Gemächlichkeit ab. Einen nach dem anderen. Ich hatte eben mehr mechanische als aufmerksam, in den französischen Zeitungen geblättert und warf sie nun, selbstzufrieden in meiner Almacht über sie, auf den Tisch. Man konnte sich also über Oberschlesien nicht einigen.

Hm. Die Frage soll zur Entscheidung vor den Völkerbundrat. Hm. Völkerbund, Völkerbund... Eine herrliche Einrichtung des modernen Völkerrechts... Merkwürdig, dieser große Lüster; er sieht wie eine Sonne aus, deren Strahlen durch bläuliche Nebeldünste dringen... Und der rote Laufteppich, setzt er sich nicht gar weiter fort? Es zieht mich eine geheimnisvolle Kraft, ihm zu folgen, durch die Tür hindurch, hinaus ins Freie. Ich gebe den Widerstand auf, füge mich dem Gebot der unbekannten Macht, stehe bereits draußen. Ein frischer Duft, ahnungsschwanger und belebend zugleich, weitet mir die Nüstern. Abgerissene Takte Weingartnerscher Harmonien wehen mir, wie von ferne, entgegen.

Lichtdurchtränkte Matten breiten sich vor meinen geblendeten Augen. Dort plätschern lustige Bächlein in lauschigen Hainen, hier prangen Lotusblumen auf schwarzgrünen Spiegel marmorumrändeter Weiher, leichtfüßige Nymphen huschen mit hellem Jauchzen ins Walddunkel... ich bin inmitten der Gefilde der Seligen! Voller Entzücken und mir selber nicht trauend, wandle ich den schmalen Pfad weiter. Rechts oben auf der Anhöhe, um eine halbkreisförmige Marmorbank, wird mein Blick von einer merkwürdigen Gruppe gefesselt. Ich nähere mich ihr sachte, um die offenbar ernste und würdevolle Beratung nicht zu stören. Hinter diesem dicken Baumstamm werde ich mich wohlverborgen halten, um ihr unentdeckt beiwohnen zu können...

Wer ist es nur, der den Vorsitz führt, die würdevolle Gestalt mit der breiten holländischen Halskrause der nachdreißigjährigen Kriegszeit? Aus der linken Rocktasche lugt ein Buch hervor, gerade der Titel ist noch leserlich: De jure belli et pacis. Also täuschte ich mich nicht, es ist der große Staatsmann, Philosoph und Jurist Hugo Grotius, der Begründer der modernen Völkerrechtstheorie! Rechts von ihm ein wirklicher König! Sehe ich richtig, so ist es König Heinrich IV. von Frankreich, und hinter ihm, leicht vornübergebeugt, die hagere Gestalt seines unentbehrlichen Sully.

Linker Hand vom Präsidenten gewahrt der Blick einen schlanken Abbé mit scharfgeschnittenem Profil und träumerischen Augen, wohl den Abbé de Saint-Pierre, den herzhaften Kritiker Ludwigs XIV. Und neben ihm das kleine, magere Männlein mit der langen Nase und dem ewig lächelnden, glattrasierten Gesicht, ist es nicht Professor Immanuel Kant aus Königsberg? Einige andere Gestalten erkenne ich nur mühsam. Aus dem Gespräch, das mir nach und nach verständlich wird, höre ich von einem Justizrat und Dichter Johann Franz von Plathen (wo las ich nur in meiner Jugendzeit den Namen unter nicht allzu schmeichelhafter Aufzählung seiner literarischen Leistungen... ach ja, in Lessings „Briefen, die neueste Literatur betreffend“...), der eben das Wort ergreift und nicht ohne theatralische Pose deklamiert:

Brüder ziehen gegen Brüder zu Felde und schlachten einander zu Tausenden, was ich zu Tausenden, zu Millionen ab. Menschenblut rinnt in Strömen, fruchtbare Länder werden verödet und prächtige Städte in Schutt und Haufen verkehrt. Erbärmliches Schauspiel! Schauererweckende Bilder! Ach, wie viele rohe und unvorbereitete Seelen finden mitten im Laufe der Unbarmherzigkeiten das Grab? Wie viele sterben ohne Beistand, von schmerzhaften Wunden gefoltert, dahin? Wie viele werden auf die Zeit ihres Lebens zu Lahmen und Krüppel gemacht? Wie viele arme Witwen und Waisen der Unbarmherzigkeit ihrer Mitgeschöpfe zum Preise gegeben? Und wo läßt wohl der Krieg nur einen Glücklichen übrig? Hat man nicht seinen Gatten, seine Kinder oder Verwandte zu beklagen, so muß man den Verlust seiner Güter und das Elend so vieler Tausende seiner Nebenmenschen beseufzen. Ja, wäre es möglich, daß man auch hievon nichts empfand, hat einer im Krieg sein Glück gemacht und seinen Beutel gespickt, was hat er am Ende davon? Ein nagendes Gewissen und einen vor der Zeit abgematteten und zerrütteten Körper. Aber das sind der Trübsale des Krieges noch nicht alle. Hungersnot und Pest, zwei schreckliche Furien, folgen überall seinen Spuren und reiben das so schon dünn gemachte menschliche Geschlecht auf die jämmerlichste weise vollends auf...

Ein Kichern und spöttisches Lachen, aus dem Hintergrund des Haines kommend, unterbricht den Redner. Eine Gestalt bemüht sich, unter den Bäumen zu verschwinden. Doch es ist zu spät, sie ist bereits erkannt, und der Redner bricht geärgert in die Worte aus: Schon wieder dieser Jude Ephraim. Auch hier läßt er nicht nach, mich zu verspotten...

Doch der Zauber war dahin, und Palthen schien es richtiger, auf die Fortsetzung seiner Rede zu verzichten. Nun hub das dünne Stimmlein des erhabenen Kant an: -- Nicht umsonst waren die Dichter eins der Meinung, mein hochgeschätzter Vorredner sei einer der größten Philosophen gewesen; ich selbst bin der unerschütterlichen Ueberzeugung, daß sein Dichtertalent das Eigentliche in seinem Wesen bildet. In dieser Versammlung auserlesenster Freunde und Vorkämpfer des ewigen Friedens ist es wohl müßig, weiter über Schrecken und Sittenwidrigkeit des Krieges Worte zu verlieren. Stellte ich doch längst, noch in meiner irdischen Unvollkommenheit, den Krieg als die Quelle aller Uebel hin und folgerte daraus die sittliche Pflicht des Menschen, eine Besserung herbeizuschaffen.

Diese Besserung ist selbstverständlich nur möglich durch einen Zusammenschluß der Staaten. Da nun die Ursache wirklich, der Erfolg aber möglich ist, so ist der Erfolg auch notwendig (die Anwesenden blicken etwas verdutzt aufeinander, nicken aber nachher sofort verständnisvoll dem Redner zu). Also kann dieser Erfolg als Geschichte des Menschengeschlechts für die künftige Zeit aus dem gegenwärtigen auch vorhergesagt werden. Durch die Kugelgestalt der Erde hat die Mutter Natur selbst das Herrschaftsgebiet der Menschen begrenzt. Daher leiten sie ihr Recht ab, in alle Länder zu reisen. Deshalb dürfen sie einander nicht als rechtlosen Feind behandeln.

Dieses Weltbürgerrecht, der hehrste Gedanke, zu dem das Menschengehirn fähig, führt in seiner Ausgestaltung zum höchsten Menschheitsideal, zum ewigen Frieden. Aus Vorsicht immerhin und um dem Lauf der Begebenheiten keine Hindernisse in den Weg zu legen, scheint mit der hier aufgetauchte Plan der richtigste zu sein: da auch der letzte Versuch der irdischen Mächte, einen ständigen Frieden herbeizuführen, dort unten Völkerbund genannt, sich am Ende als eine bloße Koalition der Siegerstaaten zur Beutesicherung erwies, wollen wir von nun an selbst die Schlichtung der Streitigkeiten unter den Völkern in die Hand nehmen; und da diese hohe Körperschaft sämtliche Attribute der Gerechtigkeit, Unparteilichkeit, des Sachverständnisses, geschichtlichen und ethnographischen Wissens in aller Fülle vereint, so wird es wohl keinen irdischen Staat geben, der sich unserem Schiedsspruch nicht willig beugen würde. (Allseitiger Beifall).

In aller Achtung, setzt nun mit eleganter Gebärde der Abbé de Saint-Pierre ein, vor dem uns gewöhnlichen Unsterblichen fast unfaßbaren Wissen und der Weisheit meines hochgeschätzten Vorredners, stimme ich seinem Projekt im Wesen durchaus zu. Ich wandelte bereits in diesen seligen Gefilden, als ein Sterblicher, ein gewisser Graf de Garden, den Ausspruch tat, Angst und Mißtrauen beherrschen die Handlungen der Völker. Angst wovor und Mißtrauen wem gegenüber? Angst vor der Gewalt und Mißtrauen gegenüber Lug und Trug. Solange Gewalt und Trug die Handlungen der Völker bestimmen, kann es kein Verstehen unter ihnen geben. Laßt Recht und Aufrichtigkeit unter den Völkern herrschen und der Friede ist für immer gesichert. Professor Kant hat daher vollkommen recht, wenn er vor allem das Sittengebot unter den Völkern zur Geltung zu bringen trachtet. Was dem einzelnen übelgenommen wird, ziemt auch dem ganzen Volke nicht; und das Unrecht wird dadurch nicht zum Recht, daß es im Namen eines Staates begangen wird. Der Sieg allein ist keine überzeugende Bürgschaft für das Rech des Siegers, ebenso wenig wie der Zweikampf im mittelalterlichen Prozeß für das Unrecht des Unterlegenen es war. Deshalb war der Angelpunkt meines irdischen Projektes die einvernehmliche Einschränkung der Kriegsrüstungen aller Völker und ein Abkommen, die vereinte Kriegsmacht nur zur Durchführung der Schiedssprüche eines Tribunals zu gebrauchen, das die Streitigkeiten zu schlichten hat. Die Majestät, die wir in unserer Mitte zu begrüßen die hohe Ehre haben, wird, gestützt auf ihre irdischen Erfahrungen, uns den beachtenswertesten Fingerzeig in dieser Hinsicht geben können

-- Zu viel Ehre und Vertrauen, sprach nun König Heinrich, sich zum Worte erhebend, wird mir von meinem Vorredner entgegengebracht, wenn er auf den Versuch anspielt, den ich danieden getan haben soll und dessen Urheberschaft ich nicht von mir weise, aber auch nicht anerkenne. Von Königen wird Originalität am wenigsten verlangt, und die Idee war gut, wenn sie auch nicht von mir stammte. Die „christliche Republik“, eine europäische Konföderation von fünfzehn teils monarchischen, teils republikanischen Staaten mit gemeinsamem Schiedsgericht, – ach, es war ein schöner Traum, doch scheiterte er an denselben Klippen, die mein Herr Vorredner so zweifelsfrei hervorhob. Stieß ich nicht überall, wo ich mich hinwandte, auf Unverstand und Mißdeutung? Mutete man mir nicht zu, selbst weltherrliche Absichten zu hegen, währenddem mir bei Gott nichts ferner lag? Daß ich bei meiner Anregung die Größe Frankreichs nicht aus den Augen verlor – wer durfte mir das verargen? Erwies sich doch Frankreich auch nach dem letzten Weltkrieg als der großherzigste, uneigennützigste und gerechteste Sieger. In diesem Geiste der Gerechtigkeit erkenne ich den vollen Wert und Tiefsinn der Ausführungen des Herrn Professors Kant, obwohl er ein Deutscher ist, unumwunden an und glaube, wir seien nun über die Ziele unserer Beratung einig. Es fehlt nur noch die Bestimmung der juristischen Form, und ich werde wohl auf keinen Widerstand stoßen, wenn ich der Meinung Ausdruck gebe, daß unser hochgeehrter Vorsitzende, der mit den Talenten des gewandtesten Staatsmannes die tiefste und ausgebreitetste Gelehrsamkeit verbindet, in einer Person ein ausgezeichneter Humanist, scharfsinniger Philosoph und Jurist und ein mit den Quellen der Geschichte wohlvertrauter Historiker, der geeignetste Mann sei, um der heilbringenden Idee die juristische Form und Schlagkraft zu geben. (Zustimmung allseits.)

Nun nahm Meister Grotius das Wort und alles lauschte ihm mit angehaltenem Atem: - Die Aufgabe, die mir durch die Worte des allerchristlichsten Königs seitens dieser hohen Versammlung gestellt wird, ehrt mich über alle Maßen. Doch sie erfüllt mich auch, ich muß  es gestehen, mit schwerem Bangen. Der Zustand, in dem sich die Staaten in den letzten Jahrhunderten befinden, wurde von einem nicht in irdischer Hülle Wandelnden treffend als der der höflichen Anarchie bezeichnet. Was ist Recht, was ist Moral? Gewalt steht über Gewalt, Interesse gegenüber Interesse. Was dem einen zum Leben und zur Sicherheit unentbehrlich erscheint, gibt der andere nicht her, weil er sonst dem Tode verfiele. Binnenländer streben mit Allgewalt dem Meere zu. Seemächte machen sich die Kolonien streitig, Handelsvölker kämpfen um Seewege und Absatzgebiete. Wer mag hier recht tun, ohne Verdacht zu laufen, er sei für den einen oder den anderen eingenommen? Hat eine Nation, hat ein Volk mehr Recht zum Dasein als das andere? Doch würde seine Geltung vom betroffenen Staat eine Selbstverleugnung fordern, die aber zwar aufgezwungen, aber derzeit nicht freiwillig zugemutet werden könnte.

Ein langer Weg der Menschheitsschulung ist noch zurückzulegen, bis sich in der Volksseele jene opinio necessitatis heranbildet, die heute bereits den einzelnen williger vor dem Rechtsgebot beugt, als die Angst vor Zuchthaus und Galgen. Wie also Recht durchsetzen? Ich hörte vor kurzem ein Gelächter aus dem Walde, unangebracht und unehrerbietig, wie jener Lessing schon auf Erden von jeher war, doch muß ich ihm soweit recht geben, als er noch dort unten das Bedenken äußerte: „Wenn dich nun unter den europäischen Mächten halsstarrige finden, die dem Urteil des Tribunals Genüge zu leisten sich weigerten? Wie da? Oh, der Herr von Palthen hat vollstreckende Völker, er hat militärische Exekution. Hat er die? Nun wohl, so hat er Krieg.“ Naiv und unjuristisch, wie diese Worte sind, wurden sie doch durch die schmählichen Mißerfolge des sogenannten Völkerbundes bestätigt. Erinnern wir uns doch alle, wie sich die Türken der Abänderung des Vertrages von Sèvres ertrotzten, ehe er noch in Wirksamkeit trat, und der Völkerbundrat zu allem Ja und Amen sagen musste, das er zu ändern unfähig war; wie im treit über Oberschlesien ein Chinese den Vorsitz im Schiedsgericht führte und Brasilien und Nikaragua die Schiedsrichter abgaben.

Der Spruch fiel zugunsten Deutschlands aus. Wurde er aber vollzogen? Vorraussetzung der Geltung von Recht und Moral ist und bleibt eine unbestrittene Uebermacht, die teils durch ihr alles überragendes Ansehen Achtung gebietet, teils durch ihre völlige Uninteressiertheit am Streitausgang sich den Luxus der Gerechtigkeit gestatten darf. Sehen wir doch auch im Innenleben der Staaten nur zu viel traurige Beispiele dessen, wie Moral und Recht in die Brüche gehen, sobald der Staat an den Streitfragen beteiligt ist. Der sogenannte Völkerbund konnte recht gut Streitigkeiten zwischen Albanien und Serbien schlichten, deren Lösung ihn nicht im geringsten naheging; angesichts der großen Fragen der Weltpolitik mußte er versagen, weil er selber Partei war. Woher nehmen wir nun eine solche Uebermacht? Unser Spruch bliebe ein frommer Wunsch und er käme nur zur Geltung, wäre er den Mächtigen genehm. Ist er aber dies, so ist er überflüssig, weil die Gewalt sich selber durchsetzt. O weh es mir tut, kann ich daher nicht umhin, meine Unfähigkeit zur Lösung der mir gestellten übermenschlichen Aufgabe zu bekennen, den so ehrenvollen Auftrag in die Hand dieser Versammlung zurückzugeben und ihr anzuraten, das zu tun, was stets die höchste Weisheit auch der irdischen Diplomatie und Staatskunst war: den Gang der Ereignisse abzuwarten...

Bewegung entstand unter den Anwesenden und es entspann sich eine lebhafte Debatte. Ich hörte noch Kants dünne Stimme, als er den Abbé auseinandersetzte, jedes Schiedsgericht müsse von der Voraussetzung ausgehen, daß der Rhein wieder deutsch werde. – Ich wachte auf. Ich war allein im verödeten Klublokal.