Aus dem Archiv des Pester Lloyd

zurück zur Startseite

 

 

 

(c) Pester Lloyd / Archiv

 

Aus dem Pester Lloyd von 1936

Alfred Kerr

Bei Bernhard Shaw

Der Bericht des großen Berliner Kritikers Alfred Kerr von einem Besuch bei Bernhard Shaw konnte nicht mehr in Berlin erscheinen und selbst in Wien fand Kerr 1936 schon keinen Verleger mehr für diesen Text, wie ein Schriftwechsel mit der Redaktion belegt. Es grüßte noch einmal das Berliner Feuilleton, aus Budapest. Es war ein Abschiedsgruß. m.s.

I.
Shaw wohnte früher in einem Vogelbauer, nicht weit vom “Strand”, dem Geschäftsviertel. Heut wohnt er in einem riesigen Klubhaus, am monumentalsten Punkt Londons, in Whitehall. Der Gigantenbau enthält prunkvoller Wohnungen. Bedienung und Essen werden (wie in einem Hotel) geliefert. So ist man die kleinlichen Sorgen des Haushalts los. Diese Form des Wohnens ist vielleicht die Form der Zukunft.

II.
Der Achtziger Shaw erscheint federnd und frisch. Er macht den Eindruck eines weißhaarigen Gymnasiasten.
Als ich das Wiedersehen mit ihm beging, trank ich seinen goldgelben Bordeaux - und entschuldigte mich lächelnd, weil er selber enthaltsam ist. Da wiederholte der Springinsfeld seinen Lieblingssatz: “Ich brauche kein Anregungsmittel... sondern ein Beruhigungsmittel.”
Als ihm später sagte: “Ein deutscher Biograph nennt sie fälschlich einen Puritaner”, rief Shaw: “Ich bin nicht puritanisch, sondern wollüstig - voluptuos!” Das klang wie ein Spaß. War jedoch kaum einer.

III.
Wir sprachen über sein neues Lustspiel, “Die Millionärin”, dessen Inhalt er mit kindlicher Freude wiedergab - wie ein dramatischer Anfänger. Wir sprachen über Strindberg. Über den gehängten irischen Rebellen Sir Roger Casement. Über den zweifelhaften Schriftsteller Frank Harris. Dann über die vulgäre Judenverfolgung in Deutschland - und über den angeblichen “Minderwert” der Kinder Israels.
Shaw hatte 1933 in einem Brief an mich diesen Geisteszustand der Nazis eine “phobia” (so schrieb er) genannt. Jetzt sprach er:
“Merkwürdig, wenn ich mit Juden zusammen bin, hab ich im Gegenteil das Gefühl, daß sie mir überlegen sind. Ich komme mir beinahe dumm vor.” Ich erhob lachend Einspruch. Er fuhr fort: “Ich selber bin von den Nazis als “Jude von Irland” beschimpft worden, als man ein Stück von mir gab.” (Es war in Mannheim.)
“Etwas Wahres,” sprach ich ”ist aber dran: die Iren sind in ihrer Zerstreutheit und in ihrem Witz eine Art von planetarischen Juden.” Shaw stimmte zu. Er sprach: “Und sie wollen sogar von den zehn Stämmen des alten Testaments herkommen.” - er lachte.

IV.
Dann sprach er: “Vor ungefähr einem Jahr bat mich eine deutsche Zeitschrift um eine Äußerung zu einer Enquete. Ich erklärte mich bereit - unter der Bedinung unverkürzter Widergabe. Das wurde versprochen. Ich schrieb: 1. Der Vertrag von Versailles war ein Fehler; 2. Die Judenverfolgung in Deutschland ist ein vollkommener Unsinn (absolute nonsense). Beides wurde richtig in der Revue gedruckt. Aber dann... Dann wurde bloß der erste Teil meiner Äußerungen ohne das Wort über die Judenverfolgungen von den Nazis auf Plakaten verbreitet. (Übrigens zusammen mit einem Ausspruch von Lloyd George.)”
Shaw fand an dieser Unehrlichkeit eine kleine menschliche Freude. Die Freude (über die Komik des Unmoralischen) erschien öfters mit diskretem Geleucht in seinen hellen Augen. Als ob ihm etwas bestätigt geworden wäre.

V.
Er sprach: “Ich schrieb damals etwas folgendes: Die Juden sind ein fürchterlicher Stamm (a frightful race), und es wäre besser für die Menschheit, wenn sie nie gelebt hätten - dasselbe gilt für die Engländer, die Iren, die Deutschen und überhaupt den Rest.”
Er sah jetzt nicht mehr lächelnd aus. Neben mir saß, entfernt von allem Pathos, der kalte Dichter des erschütternden Trauerspiels aus seiner letzten Zeit, das er betitelte: “Zu wahr, um schön zu sein.”
Empfand Shaw ähnlich wie Goethes Mephistopheles? Dieser wünschte sich “das ewige Leere” - er zog das Nichts dem Seienden vor.
(Ich kann weder dem Mephistopheles noch dem Shaw hier beipflichten. Das Nichts ist mir unangenehm.)

VI.
Als Shaw früher mal gefragt wurde, ob er seine Stücke noch im Hitlerland spielen lasse, sprach er (mit einer Frage antwortend): “Warum sollen sie nicht vor Kannibalen gespielt werden?” ... Der Freund, zu dem er diese Äußerung tat, hat sie mir, als wörtlich, berichtet.

VII.
Der irische Patriot Casement war im Weltkrieg von den Engländern gehängt worden. Jetzt schreibt man in Amerika Bücher über ihn - und weckt ihn vom Tode. Shaw sprach zu mir: “Er ist gehängt worden, weil er nicht tat, was ich ihm riet - und weil er tat, was ihm seine Anwälte rieten.” Shaw mahnte damals: “Laß dich auf keinen Prozeß ein, sondern bezeichne dich als Kriegsgefangenen, - Kriegsgefangene hängt man nicht.”
Stimmt das? ... Jedenfalls war es höchst lustig, wie Shaw ironisches Gift gegen die Advokaten spritzte. “Seine Anwälte haben ihn gehängt.”
Es genügt ihm nicht, ein Stück gegen die Ärzte geschrieben zu haben.

VIII.
Wir sprachen über Strindberg. Shaw sah ihn vom Standpunkte des erstaunten, gesunden Menschenverstandes. Er sagte:
“Als ich nach Stockholm kam, riet man mir vom Beisammensein mit Strindberg ab. Er  sei verrückt und gehe nur um Mitternacht spazieren. Ich schrieb ihm jedoch höflicherweise, daß ich ihn sehn möchte. Er antwortete zugleich deutsch, englisch, französisch: das wäre zwecklos; einer könne die Sprache des anderen nicht - es würde sein, wie wenn zwei Stumme plauderten. Da gab ich´s auf, indem ich dachte: That´s that: Plötzlich kam von ihm ein Zettel; meine Frau und ich sollten sofort (at once) ins “Intime Theater” kommen. Das machten wir. Er zeigte sich entsetzlich scheu. Doch meine Frau war sehr nett zu ihm. Da ist er ganz aufgetaut und wurde vergnügt. Bis er, jählings, auf seine Uhr sah und rief: “Um zwei Uhr werde ich krank sein!” (Shaw sprach diese Worte deutsch, wie Strindberg sie deutsch gesagt hatte.) Die Vorausbestimmung eines Unwohlseins wirkte ziemlich erschreckend. Frau Shaw fiel hier ein: “Da sind wir ausgerückt.”
Ich begriff das - und sagte es zu Shaw. Strindberg stand vor mir, wie einst in Berlin. Ich machte sein Verlobungsessen mit. Er selbst nahm im letzten Augenblick allerdings nicht teil. Die bildhübsche Braut, Frieda Uhl, Tochter eines Wieder Hofrats, war ... versammelt. Dann der Maler Emil Döpler mit seiner Frau, dann die Schwester der Braut, Gattin des Bildhauers Weyhr und ein Romanschriftsteller Rudolf Stratz. Wir sechs feierten und warteten. Nur der Bräutigam blieb aus. Strindberg lag totbetrunken im Hotelzimmer und schnarchte.

IX.
Shaw war in bester Laune, besonders als er auf Frank Harris zu sprechen kam. Der war kein Engel - am wenigsten in Geldsachen. Er hat eine Biographie Shaws verfaßt. Was Shaw hierüber erzählte, war zum Brüllen. Er sprach: “Frank Harris setzte sich in den Kopf, etwas wie Christus zu sein - he always thought he was very like him. Er wollte deshalb ein Buch über Christus schreiben. Aber weil kein Verleger sich diesen Skandal gefallen ließ, beschloß Harris, wenigstens ein Buch über Shaw zu machen. Er hatte keines von meinen Stücken gesehen oder gelesen” ... Ich fragte: “Wie kam aber die Biographie zustande?” Shaw stellte fest: “Harris hat nur ganz wenig davon geschrieben. Den ganzen Schlußteil schrieb ein Journalist - der hatte mal in Amerika zwei Spalten über mich gelesen.” Frau Shaw fiel hier ein: “Dann hat Shaw alles umredigiert, alles geändert - damit erklärte sich Harris einverstanden.” (Auch Biographien haben ihre Schicksale.)

X.
Wenn der Achtziger Shaw redet, scheint er unhörbar zu sagen: “Eitelkeit, Eitelkeit der Eitelkeiten!” “Vanitas, vanitatum vanitas!” - aber nicht schwermütig, sondern belustigt. In ruhigem Ton spricht er und steht in seiner ganzen Länge, senkrecht wie ein aufgestelltes Lineal, im Zimmer, weißbärtig, mit rosa Wangen. Er schrieb mal ein Stück “Zurück zu Methusalem”. Er selber ist ein wundervolles Monument des Begriffes “Vorwärts zu Methusalem!”