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	<title>Interview &#8211; Pester Lloyd</title>
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	<description>Deutschsprachige Nachrichten aus Ungarn und Osteuropa - seit 1854</description>
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	<title>Interview &#8211; Pester Lloyd</title>
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		<title>„Autoritäre Gesellschaften mögen keine echte Kunst, sondern nur Kitsch.“ &#8211; Autorin Krisztina Tóth im Gespräch</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Anna Breitling]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 08 May 2026 03:47:36 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Literatur]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[Kultur]]></category>
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		<category><![CDATA[Viktor Orbán]]></category>
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					<description><![CDATA[Die im Ausland lebende Krisztina T&#243;th &#252;ber Orb&#225;n, die Macht der Propaganda und die Rolle der Literatur im Widerstand Das Werk der ungarischen Schriftstellerin, Dichterin&#8230;]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><em>Die im Ausland lebende Krisztina Tóth über Orbán, die Macht der Propaganda und die Rolle der Literatur im Widerstand</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Werk der ungarischen Schriftstellerin, Dichterin und Übersetzerin <strong>Krisztina Tóth</strong>, geboren 1967 in Budapest, umfasst Gedichtbände, Romane, Kurzgeschichten, Kinderliteratur und Bühnenstücke. Zu ihren neueren Veröffentlichungen gehört der Roman „<em>A majom szeme</em>“ („Das Auge des Affen“*) aus dem Jahr 2022, der mehrfach ausgezeichnet wurde. Mit „<em>My Secret Life</em>“ veröffentlichte sie zudem ihren ersten englischsprachigen Gedichtband. Eine neue Sammlung von Kurzgeschichten, „K<em>ánkán auf dem Glasboden</em>“, soll laut Verlagsangaben im Juni dieses Jahres erscheinen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nach einer Zeit, die sie selbst als traumatisierend beschreibt, plant Tóth, wieder mehr Zeit in Ungarn zu verbringen. Inzwischen wird sie wieder zu Veranstaltungen an Orte eingeladen, die sie zuvor gemieden hatte, darunter auch Schulen. Über ein Jahrzehnt hinweg sei sie – wie viele andere Intellektuelle – aus den ungarischen Medien verbannt gewesen. Die ungarische Kulturlandschaft beschreibt sie als tief gespalten; Hassrede habe längst Eingang in den Alltag gefunden. Persönliche Angriffe und öffentliche Diffamierung seien Teil der Orbán-Propaganda gewesen: „Ich wurde unzählige Male als Verräterin bezeichnet – von Menschen, die selbst nichts zur ungarischen Kultur beigetragen haben. Ich gehe davon aus, dass diese Vergiftung nicht spurlos bleiben wird. Es wird lange dauern, bis diese Wunden heilen.“</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>*Die englische Ausgabe erscheint bei Seven Stories Press (25. Oktober); außerdem liegt das Werk auf Kroatisch und Italienisch vor, und Übersetzungen ins Französische, Spanische, Griechische und Tamilische sind für 2027 geplant.</em></p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>„Einen Monat später war eine Hexenjagd im Gange.“</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Tóth berichtet von gezielten Diffamierungskampagnen und davon, wie sie durch regierungsnahe Medien öffentlich herabgewürdigt wurde. Nachdem sie in einem Interview vorgeschlagen hatte, ein Werk von Mór Jókai im Schulkanon durch ein Werk der zeitgenössischen Literatur zu ersetzen, wurde sie zur Zielscheibe medialer Kampagnen, die in ihrer Offensivität tief in ihr Privatleben eingriffen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bereits vor dem Interview war eines ihrer selbstgeschriebenen Schulbücher von der Orbán-Regierung verboten worden; zugelassen war nur noch eine zentral gesteuerte Einheitsausgabe von Lehrbüchern. In den Medien diffamierte man sie als „mittelmäßiger Niemand“, die „der den großen nationalen Klassiker aus den Schulen verbannen wollte“. Absichtlich unvorteilhafte Fotos von Tóth wurden veröffentlicht, man analysierte sie öffentlich dahingehend, wie „untalentiert“ und „dumm“ sie sei.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch in ihrem Privatleben erlebte sie Diffamierung, unter anderem durch drohende E-Mails. Eine Lehrkraft an der Schule ihrer Tochter teilte den diffamierenden Zeitungsartikel über den E-Mail-Verteiler mit anderen Eltern; einige hörten auf, sie zu grüßen. Die Medien begannen, Tóth als „Verräterin“ zu bezeichnen, im Fernsehen stimmten Zuschauerinnen und Zuschauer über ihre angebliche Inkompetenz ab, und über ihr Aussehen wurde sich lustig gemacht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In ihrem Alltag war sie verbalen Angriffen durch Fremde ausgesetzt; sie schildert einen Vorfall, bei dem sie in der Metro bespuckt wurde. Auch in sozialen Medien erschienen beleidigende und rassistische Kommentare über ihre Kinder. Zeitweise traute sie sich nicht mehr, das Haus zu verlassen.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong><em>Diffamierung als politisches Instrument</em></strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Ihre Identität als geschiedene Frau und Adoptivmutter eines Roma-Kindes machte sie zu einem „idealen Ziel“ misogyn geprägter und rassistischer Narrative. Die Angriffe auf sie als Frau fungierten zugleich als Mobilisierung der Massen: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Diejenigen, die es genossen, eine Frau im digitalen Raum leiden zu sehen, machten bereitwillig mit. Auch Fremde schrieben beleidigende, sexuell explizite Nachrichten und bedrohten mich sowie meine Kinder.“</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Sie bewertet diese Angriffe als gezielte Einschüchterung, die verdeutlichen sollte, was Kritik unter dem System von <strong>Viktor Orbán</strong> nach sich zieht. Die Erfahrung beschreibt sie als existenziellen Bruch, dessen Folgen bis heute nachwirken: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Ich erinnere mich an alles und vergesse nichts. Ich werde der Propagandamaschinerie des Orbán-Regimes niemals verzeihen, was sie getan hat.“</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Sie fügt hinzu, dass auch das eigentlich unabhängige Magazin HVG durch einen anonymen Artikel erheblich zu den Ereignissen beigetragen habe, ohne sich bis heute dafür entschuldigt zu haben.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Ich bin eine ungarische Schriftstellerin, und meine Leser sind in Ungarn. Ich werde jetzt mehr Zeit in Budapest verbringen. Aber die Wunden werden nicht heilen, und ich kann nicht vergeben. Sie haben mich verletzt und gedemütigt. Ich habe nichts anderes getan, als diesem Land einen guten Ruf zu bringen. Für mich war das, was passiert ist, ein existenzieller Bruch.“</p>
</blockquote>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Kulturpolitik unter und nach Orbán</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Auf die Frage, ob sie künftig plane, nach Ungarn zurückzukehren, und wie sie das Potenzial einer neuen Regierung einschätze, antwortet Tóth mit Hoffnungen und Erwartungen für die Zeit nach einem möglichen Regierungswechsel.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie beschreibt ein deutliches Ungleichgewicht zwischen den Kunstakademien: Eine von ihnen erhielt unter Orbán umfangreiche finanzielle Förderung, ihre Mitglieder bekamen hohe monatliche Zuwendungen. Die zweite, unabhängige Akademie wird hingegen weder staatlich gefördert noch verfügt sie über ein annähernd vergleichbares Vermögen – obwohl mit Péter Nádas und Péter Esterházy zwei Nobelpreisträger zu ihren Mitgliedern zählen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Zukunft der Akademien nach dem Ende von Orbáns Regierungszeit sieht sie als ungewiss. Durch seinen Einfluss seien die ursprünglichen Strukturen kaum wiederherstellbar; zudem liege die Priorität zunächst auf der Regeneration der ausgeplünderten Wirtschaft sowie der Wiederherstellung von Industrie und Landwirtschaft.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Auch das Bildungssystem befindet sich in einem schlechten Zustand, unter anderem aufgrund von Lehrkräftemangel, dessen Behebung viel Zeit in Anspruch nehmen wird. Positiv hebt Tóth hervor, dass sie die neue Bildungsministerin in einer Regierung Péter Magyar als kompetent und offen einschätzt und dass Frauen generell wichtige Positionen einnehmen: „Die unmittelbare Stellvertreterin von Péter Magyar ist ebenfalls eine Frau, was in dieser machogeprägten Gesellschaft ein starkes Signal sendet.“</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Misogyne Narrative im politischen Diskurs</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Tóth erwartet, dass sich das politische Klima nur sehr langsam verändern wird. Der öffentliche Diskurs sei weiterhin von problematischen Praktiken und Narrativen geprägt. Als Beispiel nennt sie die Verbreitung eines Bildes durch den populären Anti-Orbán-Influencer Róbert Puzsér, das dieser nach dem Sieg der Tisza-Partei veröffentlichte. Es zeigt eine explizit sexuelle Handlung, in der Fidesz als Frau im Bett durch die Tisza-Partei, die den Mann darstellt, erniedrigt wird. Sie ordnet dieses Beispiel in das politische Klima ein, das sie kritisiert:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Ich finde das erschreckend und abstoßend! Die unterlegene Person ist schwach und nach einer ungarischen, misogyn geprägten Denkweise eine Frau. Diese Haltung muss unbedingt verschwinden, denn so werden wir im Denken niemals zu Europa gehören. Der Influencer erklärte öffentlich, das sei nur eine Meinung und das Bild sei sehr lustig – wer es nicht möge, verstehe keinen Humor … Das muss sich ändern, sonst fallen wir genau dorthin zurück, woraus wir uns gerade herauszuarbeiten versuchen!“</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph"> Sie schätzt das Ausmaß der langjährigen Propaganda durch Orbán als tiefe Spaltung des Landes ein, da diese „erhebliche psychologische Schäden verursacht“ habe, deren Behebung mindestens ein Jahrzehnt dauern werde.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Sprache, Sichtbarkeit und literarische Verantwortung</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Auf meine Nachfrage, mit welchen Herausforderungen Autorinnen heute besonders konfrontiert sind, nennt Tóth als größte die Sprache: Ungarische Autorinnen seien auf Übersetzungen angewiesen, um internationale Relevanz zu erlangen. Zudem sieht sie die Auseinandersetzung mit allgemeinen politischen Phänomenen als prioritär an, statt sich ausschließlich auf individuelle Erfahrungen zu konzentrieren. Sie hofft, dass bei zeitgenössischen ungarischen Autorinnen ihr Geschlecht zunehmend in den Hintergrund tritt und sie nicht nur als „Frauen in der Literatur“, sondern als Teil der Literatur  wahrgenommen werden. Bis dies in Ungarn zur Norm wird, sei es jedoch noch ein weiter Weg.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Ich möchte nicht, dass man mir die Hand küsst, wirklich nicht, ich möchte als gleichberechtigter Mensch behandelt werden, und ich möchte nicht mehr gefragt werden, wer sich um mein Kind kümmert, während ich bei einer ungarischen Buchpräsentation bin!“</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Eine zentrale Haltung, die sie vertritt, besteht darin, Erfahrungen universell nachvollziehbar zu erzählen; Authentizität trage wesentlich zum Verständnis bei.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Zum Beispiel bin ich verletzt worden, aber ich möchte nicht, dass das mein Thema ist. Gleichzeitig kann ich es nicht ignorieren. Ich werde meine Arbeit weiterhin so machen wie bisher. Ich glaube, eine Schriftstellerin muss Abstand zur aktuellen Macht halten, eigentlich zu jeder Macht. Literatur muss unabhängig sein und eine kritische Distanz zu aktuellen Ereignissen bewahren. Meiner Meinung nach stellt gute Literatur Fragen, sie gibt keine Antworten. Sie bemüht sich, die wichtigsten Fragen zu stellen: Wohin steuert die Welt? Wie können wir unsere persönliche Integrität bewahren? Welche Rolle spielt Literatur dabei – wie kann sie helfen?“</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Nur so könne der von Orbán vorangetriebenen Polarisierung des Denkens sowie der Verrohung und Vulgarisierung der Sprache entgegengewirkt werden: „Es ist eine populistische Methode, die Realität zu vereinfachen und zu behaupten, man habe sie verstanden, aber die Aufgabe von Denkern ist es, die Welt in all ihrer Vielfalt und Feinheit zu erfassen.“</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Welche zeitgenössischen ungarischen Schriftstellerinnen sollten internationale Leserinnen und Leser kennen?</strong></h2>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Ich würde auf jeden Fall die Werke von Petra Szőcs empfehlen. Mónika Mesterházi ist eine ausgezeichnete Dichterin und Übersetzerin englischer Literatur, ebenso Anna Szabó T. Réka Mán-Várhegyi oder Edina Szvoren sind ebenfalls hervorragende Prosaschriftstellerinnen.“</p>
</blockquote>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>&nbsp;„Insgesamt gab es eine deutliche Feindseligkeit gegenüber der Intelligenz.“</strong></h2>



<p class="wp-block-paragraph">Viktor Orbán hat wiederholt verschiedene Gruppen als Feindbilder konstruiert, darunter Migranten, die EU und auch gebildete Frauen. Tóth schildert, dass diese dauerhafte Konstruktion von Feindbildern ein Bedrohungsgefühl erzeugt habe, wodurch Kritik als „Verrat“ deklariert werden konnte. Dadurch werde sie trotz 54 veröffentlichter Bücher nicht durch ihr Werk, sondern durch Orbáns Propaganda wahrgenommen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Orbán habe, so Tóth, eine allgemeine Feindseligkeit gegenüber Intellektuellen und Künstlerinnen gefördert – durch politische Maßnahmen und die öffentliche Abwertung ihrer Arbeit. International bekannte Philosophinnen wie die mittlerweile verstorbene Ágnes Heller wurden verklagt; während der globalen Pandemie gehörte es zur polemischen Strategie im Umgang mit kritischen Stimmen, Künstlerinnen nahezulegen, sie sollten „sich einen Job suchen“.</p>



<h2 class="wp-block-heading"><strong>Tóth</strong> <strong>über die Ablehnung kritischer Kunst unter Orbán</strong></h2>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph"><strong>&nbsp;</strong>„Autoritäre Gesellschaften mögen keine echte Kunst, sondern nur Kitsch – besonders historischen Kitsch, der eine falsche Nostalgie für die Vergangenheit erzeugt. Populistische Führer bestehen darauf, dass Kunst für die breite Öffentlichkeit zugänglich sein müsse. Tatsächlich fördern sie jedoch Unsinn und Kitsch, weil echte Kunst eine Gefahr darstellt – sie wirft Fragen auf.“ </p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Tóth betont, dass nicht nur öffentlich diffamierte Personen unter Orbán gelitten hätten; auch die Würde derjenigen, die in das System hineingezogen wurden – darunter Kinder – sei massiv verletzt worden.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Quellen:</strong>&nbsp;Krisztina Tóth, tothkrisztina.com<br><strong>Photos:&nbsp;</strong>tothkrisztina.com, Copyright bereitgestellt durch Krisztina Tóth</p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>
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		<title>Gábor Sebő über das „Living Memorial“ in Budapest das gegen ein staatlich instrumentalisiertes Geschichtsbild ankämpft</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Anna Breitling]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 27 Apr 2026 13:02:59 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Interview]]></category>
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					<description><![CDATA[&#8222;Das Memorial for Victims of the German Occupation vermittelt ein Geschichtsbild, in dem Ungarn vor allem als Opfer erscheint&#8220;- Vor dem Hintergrund des umstrittenen Besatzungsdenkmals&#8230;]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph">&#8222;Das <em>Memorial for Victims of the German Occupation</em> vermittelt ein Geschichtsbild, in dem Ungarn vor allem als Opfer erscheint&#8220;- Vor dem Hintergrund des umstrittenen Besatzungsdenkmals von 2014 spricht der Aktivist <strong>Gábor Sebő</strong> über Erinnerungspolitik, Protest und das Gegenmonument „Living Memorial“</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Budapes</strong>t. Auf dem <strong><em>Szabadság tér</em></strong> (Freiheitsplatz) in der Nähe des Parlaments reihen sich Fotos, Schriften, Taschen, viele Kieselsteine und persönliche Gegenstände vor einem staatlichen Denkmal aneinander. Die teilweise ausgebleichten, oft erneuerten Gegenstände bilden ein Gegendenkmal zur geschichtspolitischen Instrumentalisierung. Einer der Aktivisten ist <strong>Gábor Sebő</strong>, vor 74 Jahren in Budapest geboren und seitdem hier lebend. Gemeinsam mit einer Gruppe ist er für die Installation und Instandhaltung des „Living Memorial“ verantwortlich. Ich treffe ihn zum Gespräch am „<strong>Living Memorial</strong>“, das vor dem „<strong>Memorial for Victims of the German Occupation</strong>“ aufgebaut ist. Er berichtet über seine Beweggründe für das Engagement und seine Perspektive auf die Auseinandersetzungen um das Denkmal und die damit verbundene Erinnerungspolitik.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Jahr 2014 erklärte die ungarische Regierung das <em>„Jahr des Holocaust-Gedenkens“</em> als Reaktion auf Vorwürfe, sie sei nicht ausreichend gegen antisemitische Tendenzen im Land vorgegangen. Im Juli desselben Jahres wurde jedoch auf dem <em>Szabadság tér</em> in Budapest ein Denkmal errichtet, das der Regierung zufolge an die Besetzung Ungarns durch das nationalsozialistische Deutschland und an den Verlust der ungarischen Souveränität nach 1944 erinnern soll. Die tatsächliche Botschaft des Denkmals lässt der Kritik zufolge kaum Interpretationsspielraum: <strong>Ungarn wird darin als Opfer des deutschen Nationalsozialismus dargestellt, wodurch nicht nur die Geschichte verzerrt, sondern auch die Mitverantwortung am Holocaust verschleiert wird. </strong>Der Entwurf der Regierung stieß in der Ungarischen Akademie der Wissenschaften sowohl aus historischer als auch aus kunsthistorischer Perspektive auf breite Ablehnung. Die Darstellung wurde dort einhellig als <em>banal und beschämend </em>bewertet. In der wissenschaftlichen und öffentlichen Debatte wird die Kontroverse &#8211; unter anderem auch von der<em>Universität Jena im Cultures of History Forum</em> &#8211; vor allem als Konflikt zwischen zivilgesellschaftlichen und fachlich-wissenschaftlichen Positionen auf der einen Seite und der Regierung auf der anderen Seite eingeordnet. Ein BBC-Artikel berichtet von intensiver öffentlicher Kritik im Januar 2014, die auf den Vorschlag eines Erinnerungsdenkmals an die deutsche Besatzung im März 1944 folgte. Die Gestaltung des Denkmals führte zu dem Vorwurf, die Geschichte umschreiben zu wollen und von Ungarns Rolle als Verbündeter Deutschlands bis zu diesem Zeitpunkt sowie von seiner Beteiligung am Holocaust abzulenken. Das „Memorial for Victims of the German Occupation<strong>“</strong> zeigt einen Engel, Erzengel Gabriel, der Ungarn symbolisiert und von einem Adler, der das nationalsozialistische Deutschland darstellt, angegriffen wird. Unter anderem Vertreter der jüdischen Gemeinde kritisierten die Nivellierung der ungarischen Beteiligung an der massenhaften Ermordung der jüdischen Bevölkerung. Rabbi <strong>Slomo Köves </strong>(Vorsitzender der orthodoxen jüdischen Gemeinde Ungarns) äußerte sich ebenfalls kritisch und betonte, dass die Inszenierung die Verantwortung Ungarns am Schicksal vieler Juden außer Acht lasse. Während der Herrschaft von Miklós Horthy (Diktator Ungarns von 1920 bis 1944) wurden in Ungarn bereits ab den frühen 1920er-Jahren mehrere antisemitische Gesetze verabschiedet. Zudem waren staatliche Behörden auch schon vor 1944 an der Organisation von Maßnahmen beteiligt, die die jüdische Bevölkerung diskriminierten und verfolgten, einschließlich erster Deportationen. Die Organisation <em>Mazsihisz</em>, die die nicht-orthodoxen jüdischen Gemeinden Ungarns vertritt, warnte außerdem, dass sie erwäge, ihre Mitarbeit an den Gedenkveranstaltungen des Holocaust-Gedenkjahres auszusetzen. Orbán hatte in einem Brief auf die Kritik reagiert und betont, das Denkmal diene dem Gedenken aller Opfer des Nationalsozialismus und sei nicht parteipolitisch zu verstehen. Die Regierung stufte das Denkmalprojekt als Investition von herausragender wirtschaftlicher Bedeutung ein , wodurch es von der üblichen Pflicht zur Einholung behördlicher Genehmigungen befreit wurde. Viktor Orbán zeigte zunächst Bereitschaft zu Gesprächen, vertagte jedoch konkrete Entscheidungen auf die Zeit nach der Wahl. Nach dem Wahlsieg wurde das Projekt unbekümmert der breiten Kritik umgesetzt und der Bau begonnen. Dies führte zu weiteren massiven, täglich wiederkehrenden Protesten, Sitzblockaden und verschiedenen künstlerischen Aktionen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Was genau kritisieren Sie am „Memorial for Victims of the German Occupation“?</strong> </p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Denkmal weist mehrere grundlegende Probleme auf. Vor allem vermittelt es eine Geschichtsdeutung, die die Vergangenheit beschönigt und Verantwortung von Ungarn wegverlagert. Es stellt das Land als ausschließlich unschuldiges Opfer des nationalsozialistischen Deutschlands dar &#8211; symbolisiert durch den deutschen Adler, der den Erzengel Gabriel angreift – und ist damit historisch irreführend. Tatsächlich suggeriert das Denkmal, dass alle Verbrechen allein von Deutschland begangen wurden, während die ungarische Mitverantwortung ausgeblendet wird. Diese Interpretation fügt sich zudem in ein breiteres politisches Narrativ der Regierung, insbesondere von Fidesz, das auch als Signal an das rechte politische Spektrum verstanden werden kann. Auch der Zeitpunkt des Projekts verstärkt diesen Eindruck: Es wurde Ende 2013, kurz vor den Wahlen 2014, angekündigt und erst nach der Wiederwahl von Viktor Orbán umgesetzt. Entgegen anfänglicher Ankündigungen fand keine echte Konsultation mit Historikern, Stadtplaner, Kunstexpertinnen und -experten oder der Zivilgesellschaft statt. Auch die Errichtung selbst verlief ungewöhnlich – sie erfolgte nachts unter Polizeisperre und ohne öffentliche Beteiligung. Aufgrund der anhaltenden Kontroversen wurde das Denkmal zudem nie offiziell eingeweiht.</p>



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<p class="wp-block-paragraph"><strong>Was hat Sie persönlich dazu bewogen, an diesem Denkmal aktiv zu werden?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Entscheidung entstand nicht plötzlich, sondern entwickelte sich über einen längeren Zeitraum. Mit dem Amtsantritt der zweiten Regierung von <strong>Viktor Orbán</strong> nahm ich eine tiefgreifende politische Veränderung in Ungarn wahr, die als <em>„illiberale Demokratie“</em> beschrieben wurde, in der Praxis jedoch eine schrittweise Entwicklung hin zu einem immer mehr autoritäreren System bedeutete. Eine der ersten sichtbaren Veränderungen betraf die Medien: Öffentlich-rechtliche Sender wurden zunehmend zu Instrumenten staatlicher Kommunikation. Ich schloss mich den Protesten von Mitarbeitenden des öffentlich-rechtlichen Fernsehens gegen Falschberichterstattung an und begann im Dezember 2011, vor dem Gebäude des staatlichen Fernsehens in Budapest zu demonstrieren. Diese Proteste wurden bald zu einem festen Bestandteil meines Alltags. Als das Denkmalprojekt Ende 2013 angekündigt wurde, war ich bereits Teil eines Netzwerks von Menschen, die sich politisch engagierten. Der erste Protest gegen das Denkmal fand am 2. Januar 2014 statt, gefolgt von einer deutlich größeren Demonstration am 1. Februar mit mehreren hundert Teilnehmenden. Dort habe ich öffentlich dazu aufgerufen, aktiv zu werden: Wenn es nicht gelinge, den Bau eines aus meiner Sicht geschichtsverfälschenden Denkmals zu verhindern, sollten wir am selben Ort ein Gegendenkmal schaffen. Ich lud Menschen ein, persönliche Gegenstände, Fotos und Zeugnisse beizutragen – daraus entstand das „Living Memorial“. Eine unabhängige, aber ähnlich gesinnte Gruppe organisierte am 23. März eine große Demonstration, bei der zahlreiche Kieselsteine am geplanten Standort des Denkmals niedergelegt wurden – im Gedenken an die deportierten jüdischen Opfer. In der Mitte wurden zudem zwei einander gegenüberstehende weiße Stühle aufgestellt, als Zeichen für die Notwendigkeit, einen offenen gesellschaftlichen Dialog zu beginnen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Seitdem umfasst unsere Arbeit regelmäßige Treffen, die Organisation gemeinschaftlicher Veranstaltungen – insbesondere im Sommer – sowie die Pflege des Ortes als Raum für Reflexion und Erinnerung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hinzu kommt ein Problem des Standorts: Das Denkmal befindet sich auf dem <em>Szabadság tér</em>, wo auch ein sowjetisches Ehrenmal steht, das Soldaten der Roten Armee als Befreier würdigt. Dies schafft ein Narrativ – im Einklang mit den Bestimmungen des von Fidesz einseitig neu gefassten Grundgesetzes –, wonach Ungarn lediglich von verschiedenen fremden Mächten besetzt wurde: zunächst von Deutschland, dann von der Sowjetunion, und entbindet damit die ungarische Gesellschaft von eigener Verantwortung.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Haben Sie eine persönliche Verbindung zu den Themen Antisemitismus und Geschichtsrevisionismus?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ja, aber es ist kompliziert. Beide meiner Eltern waren jüdisch, entschieden sich jedoch nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust bewusst für Schweigen, weil sie glaubten, uns so vor traumatischen Erfahrungen schützen zu können. Meine Kindheit war daher von einem völligen Fehlen jeglicher Hinweise auf unsere jüdische Herkunft geprägt. Erst viel später im Erwachsenenalter wurde mir dieser Teil meiner Identität bewusst.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als Kind hörte ich gelegentlich antisemitische Bemerkungen im öffentlichen Raum. Ich verstand sie damals nicht vollständig, nahm aber ihre feindliche Bedeutung wahr. Für mich geht es dabei nicht nur um jüdische Geschichte, sondern grundsätzlicher darum, wie Gesellschaften mit Vergangenheit umgehen und kollektive Erinnerung formen oder verzerren. In Ungarn wurden historische Narrative in verschiedenen politischen Systemen neu interpretiert – nicht nur während der faschistischen Zeit, sondern auch unter der sozialistischen Herrschaft und der Nachkriegsbesatzung, in denen Deutungen von Ereignissen und Verantwortung häufig politisch gefiltert wurden. Selbst die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg wurde selektiv angepasst und ideologisch geprägt.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img data-dominant-color="31302b" data-has-transparency="false" style="--dominant-color: #31302b;" decoding="async" width="1024" height="683" src="https://www.pesterlloyd.net/wp-content/uploads/2026/04/IMG_1473-1024x683.webp" alt="Gábor Sebö zufolge ist diese Zeichnung besonders bedeutend, da die Helme der Soldaten traditionell ungarisch sind." class="wp-image-5897 not-transparent" srcset="https://www.pesterlloyd.net/wp-content/uploads/2026/04/IMG_1473-1024x683.webp 1024w, https://www.pesterlloyd.net/wp-content/uploads/2026/04/IMG_1473-300x200.webp 300w, https://www.pesterlloyd.net/wp-content/uploads/2026/04/IMG_1473-768x512.webp 768w, https://www.pesterlloyd.net/wp-content/uploads/2026/04/IMG_1473-1536x1024.webp 1536w, https://www.pesterlloyd.net/wp-content/uploads/2026/04/IMG_1473-2048x1365.webp 2048w, https://www.pesterlloyd.net/wp-content/uploads/2026/04/IMG_1473-1320x880.webp 1320w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Gábor Sebö zufolge ist diese Zeichnung besonders bedeutend, da die Helme der Soldaten traditionell ungarisch sind. </figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Welche Reaktionen haben Sie auf das „Living Memorial“ erlebt – Unterstützung, Anfeindungen oder Versuche, es zu entfernen?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Reaktionen sind sehr unterschiedlich. Es gab immer wieder Anfeindungen und Fälle von Vandalismus, darunter verbale Angriffe sowie Versuche, Teile der Installation zu beschädigen oder zu entfernen. Dabei handelte es sich jedoch um Einzelaktionen, nicht um organisierte Maßnahmen von Institutionen. Wann immer etwas zerstört oder entfernt wurde, haben wir es innerhalb von ein bis zwei Tagen wieder aufgebaut. Eine wirkliche Reaktion der Zentralregierung ist bislang ausgeblieben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gleichzeitig erfahren wir viel Unterstützung aus der Bevölkerung. Viele Menschen kommen hierher, suchen das Gespräch, zeigen ihre Wertschätzung und hinterlassen gelegentlich kleine Spenden in unseren beiden Sammelboxen, da wir über keine andere Finanzierung verfügen. Wir sind weder offiziell gefördert noch als Verein organisiert. Während andere beteiligte Gruppen rechtlich strukturiert sind, haben wir uns bewusst dagegen entschieden, um unabhängig zu bleiben und uns nicht in die Strukturen einzugliedern, die wir kritisieren. Der Ort dient uns vor allem als Treffpunkt: Die kleine Holzplattform neben dem „Living Memorial“ (mit der Aufschrift „Szabadságszínpad / Liberty Stage“) ist der Ort, an dem sich unsere Gruppe zweimal pro Woche trifft. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Inwiefern steht das Narrativ dieses Denkmals im Zusammenhang mit dem Nationalismus von Viktor Orbán?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Viktor Orbán ist ein sehr pragmatischer und politisch effektiver Akteur. Seine Positionen haben sich im Laufe der Zeit mehrfach verändert – je nachdem, was seinen politischen Zielen dient. Zu Beginn seiner Karriere trat er eher liberal auf, später entwickelte er sich in eine nationalkonservative Richtung. In diesem Sinne lässt sich sagen, dass er seine Ideologie anpasst, um politische Unterstützung zu sichern.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Entscheidend ist für mich, dass er jeweils die Narrative nutzt, die ihm politisch nützen. Wenn Nationalismus oder bestimmte falsche historische Deutungen dazu beitragen, Zustimmung zu mobilisieren, greift er darauf zurück. Das Denkmal fügt sich in diese Strategie ein: Das &#8222;Memorial for Victims of the German Occupation&#8220; vermittelt ein Geschichtsbild, in dem Ungarn vor allem als Opfer erscheint. Das entspricht einem nationalen Narrativ, das Einheit und Unschuld betont, anstatt Verantwortung in den Vordergrund zu stellen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Was können Sie über die Objekte erzählen, die Teil des „Living Memorial“ sind? Handelt es sich um originale Gegenstände aus der Zeit?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Dies ist ein kollektiver und offener Erinnerungsort. Einige Objekte sind Originale, andere spiegeln die Objektkultur der 1940er-Jahre wider. Wir können die genaue Herkunft nicht in jedem Fall verifizieren. Dennoch stehen sie in engem Bezug zu der Zeit, auf die sie verweisen. Sie spiegeln die Erfahrungen von Menschen wider, die ausgeplündert, verfolgt, in Ghettos gezwungen, deportiert und unter extremen Bedingungen in Konzentrationslager verschleppt wurden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Viele der Menschen, die hierherkommen und etwas beitragen, haben Angehörige verloren oder wissen von Familienmitgliedern, die in dieser Zeit verschwunden sind. Für sie ist das keine abstrakte Geschichte, sondern persönliche Erinnerung und Trauer. Einige Gegenstände werden gezielt von Personen gebracht, die mit uns Kontakt aufnehmen und bewusst etwas Persönliches beitragen möchten. Andere werden anonym von Besucherinnen und Besuchern hinzugefügt, die auf ihre eigene Weise Teil des Erinnerungsortes werden wollen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Was braucht es aus Ihrer Sicht für einen ehrlicheren Umgang mit Geschichte? Und welche Hoffnungen verbinden Sie mit einer möglichen neuen Regierung unter Péter Magyar?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich kann mir nicht vorstellen, dass das ungarische Parlament oder das Justizsystem unter einer neuen Regierung Viktor Orbán tatsächlich zur Rechenschaft ziehen oder ihn ins Gefängnis bringen würde. Die ungarische Gesellschaft muss ihre Beziehung zur Geschichte sehr viel intensiver aufarbeiten. Mehrere Generationen sind mit stark eingeschränkten oder verzerrten Erinnerungen aufgewachsen. Ohne eine ehrliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit kann kein „normales“ Land entstehen – eines, in dem Menschen offen miteinander kommunizieren und in dem ein höheres Maß an Solidarität möglich ist. Das Orbán-Regime hat viele Fehler begangen. Einer der schwerwiegendsten ist die künstliche Spaltung der Gesellschaft. Immer wieder hat sich die Regierung als einzige Vertreterin der „wahren Patrioten“ dargestellt und andere als unpatriotisch oder sogar als Verräter bezeichnet. Dadurch ist eine tiefe und scharfe gesellschaftliche Trennung entstanden. In gewisser Weise hat das die Gesellschaft krank gemacht.Veränderungen sind in vielen Bereichen notwendig: in den Schulen, in Geschichtsbüchern, im Bildungssystem insgesamt, aber auch in Medien und im öffentlichen Diskurs.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Direkt nach dem Wahlergebnis am 12. April habe ich sogar eine E-Mail an die neu gewählten, abgeordneten Verantwortlichen dieses Wahlkreises geschrieben und nach ihrer Haltung zum Denkmal gefragt. Bis heute habe ich keine Antwort erhalten. Ich habe zudem Bedenken, wie Péter Magyars Partei strukturiert ist. Sie wirkt stark zentralisiert, ähnlich wie Fidesz, mit wichtigen Entscheidungen, die sich auf eine einzelne Führungsperson konzentrieren. Kürzlich wurde beispielsweise eine mögliche zukünftige Bildungsministerin genannt (Rita Rubovszky, derzeit Leiterin im katholischen Bildungssystem). Laut Medienberichten ist ihre Nominierung noch nicht offiziell bestätigt. Sie steht für einen sehr konservativen, christlich geprägten Bildungsansatz, und aus meiner Sicht wäre sie pädagogisch nicht die beste Wahl.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Wir zählen die Tage und hoffen auf den Moment, in dem dieses schreckliche – sagen wir es offen: Holocaust-Leugner-Denkmal – nicht mehr stehen wird.</em></p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img data-dominant-color="3e433e" data-has-transparency="false" style="--dominant-color: #3e433e;" decoding="async" width="683" height="1024" src="https://www.pesterlloyd.net/wp-content/uploads/2026/04/IMG_1481-683x1024.webp" alt="Als Gegenprotest zu Orbáns Denkmal ist das &quot;Living Memorial&quot; von Aktivisten und Aktivistinnen zum Gedenken an die Verfolgung und Ermordung der Juden in Ungarn organisiert und aufgebaut worden." class="wp-image-5925 not-transparent" srcset="https://www.pesterlloyd.net/wp-content/uploads/2026/04/IMG_1481-683x1024.webp 683w, https://www.pesterlloyd.net/wp-content/uploads/2026/04/IMG_1481-200x300.webp 200w, https://www.pesterlloyd.net/wp-content/uploads/2026/04/IMG_1481-768x1152.webp 768w, https://www.pesterlloyd.net/wp-content/uploads/2026/04/IMG_1481-1024x1536.webp 1024w, https://www.pesterlloyd.net/wp-content/uploads/2026/04/IMG_1481-1365x2048.webp 1365w, https://www.pesterlloyd.net/wp-content/uploads/2026/04/IMG_1481-1320x1980.webp 1320w, https://www.pesterlloyd.net/wp-content/uploads/2026/04/IMG_1481-scaled.webp 1707w" sizes="(max-width: 683px) 100vw, 683px" /><figcaption class="wp-element-caption">Als Gegenprotest zu Orbáns Denkmal ist das &#8222;Living Memorial&#8220; von Aktivisten und Aktivistinnen zum Gedenken an die Verfolgung und Ermordung der Juden in Ungarn organisiert und aufgebaut worden.</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Quellen:</strong> World Today Journal, Cultures of History Forum, BBC News<br><strong>Photos: </strong>Anna Katharina Breitling &#8211; Pester Lloyd / Bei Verwendung bitte URL sowie Autorin angeben</p>
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		<title>Interview mit Antonia Burrows: &#8222;Ich bewundere vor allem zwei Gruppen von Menschen: Künstlerinnen auf der einen Seite und Aktivistinnen auf der anderen&#8220;</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Anna Breitling]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 15 Apr 2026 17:55:48 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Antonia Burrows]]></category>
		<category><![CDATA[Budapest]]></category>
		<category><![CDATA[Feminismus]]></category>
		<category><![CDATA[LGBTQ]]></category>
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					<description><![CDATA[Zu Besuch in der Public Library von Antonia Burrows in Budapest Budapest. Auf der Suche nach einem Ort, der dem ungarischen Buch-Mainstream trotzt, treffe ich&#8230;]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><em>Zu Besuch in der Public Library von Antonia Burrows in Budapest</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Budapest</strong>. Auf der Suche nach einem Ort, der dem ungarischen Buch-Mainstream trotzt, treffe ich Antonia Burrows, 77, in ihrer eigenen Bibliothek zwischen ihren Büchern zum Interview. Antonia, ursprünglich aus England stammend, studierte Politikwissenschaft an der London School of Economics. Bevor sie in Ungarn lebte, reiste sie seit den 1970er-Jahren regelmäßig in das damalig sozialistische Ungarn, wo sie enge persönliche Bindungen aufbaute und ihren Lebensmittelpunkt fand.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Politisch geprägt wurde sie durch die Protestbewegungen ihrer Generation. Zwischen 1975 und 1980 lebte sie in München, wo sie erstmals Teil der Aktivistenszene wurde. Nach ihrer Rückkehr nach Großbritannien Anfang der 1980er-Jahre – während der Regierung Margaret Thatchers – war sie Teil einer aktiven Hochschulbewegung, engagierte sich intensiv in Studierenden-, Frauen- und Solidaritätskampagnen. <br><br>Ende der 1980er-Jahre zog Burrows nach Ungarn, wo ihr bewusst wurde, dass die offiziell propagierte Gleichberechtigung im sozialistischen Ungarn, ihren Erfahrungen zufolge, in der Praxis kaum umgesetzt wurde. In Budapest arbeitete sie als Sprachdozentin und beteiligte sich in den frühen 1990er-Jahren an der Gründung einer feministischen Organisation, engagierte sich 1991 und 1992 erfolgreich gegen ein Abtreibungsverbot und bewirkte später den Aufbau erster Hilfsstrukturen für von Gewalt betroffene Frauen mit. Im Jahr 2000 zog sie für längere Zeit in die USA, bevor sie ihre Verbindung zu Ungarn erneut aufnahm und ihre „<em>Public Library</em>“ gründete.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Ich habe Politikwissenschaft studiert, aber ich habe viel mehr praktisch als theoretisch gearbeitet. Es gab einfach so viel zu tun</p>
</blockquote>



<figure class="wp-block-image size-large"><img data-dominant-color="6d635b" data-has-transparency="false" style="--dominant-color: #6d635b;" decoding="async" width="1024" height="683" src="https://www.pesterlloyd.net/wp-content/uploads/2026/04/enhanced_photo-1024x683.webp" alt="Aktivistin und Bibliothekarin Antonia Burrows beim Interview in ihrer &quot;Public Library&quot;." class="wp-image-5728 not-transparent" srcset="https://www.pesterlloyd.net/wp-content/uploads/2026/04/enhanced_photo-1024x683.webp 1024w, https://www.pesterlloyd.net/wp-content/uploads/2026/04/enhanced_photo-300x200.webp 300w, https://www.pesterlloyd.net/wp-content/uploads/2026/04/enhanced_photo-768x512.webp 768w, https://www.pesterlloyd.net/wp-content/uploads/2026/04/enhanced_photo-1536x1024.webp 1536w, https://www.pesterlloyd.net/wp-content/uploads/2026/04/enhanced_photo-1320x880.webp 1320w, https://www.pesterlloyd.net/wp-content/uploads/2026/04/enhanced_photo.webp 2048w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Aktivistin und Bibliothekarin Antonia Burrows beim Interview in ihrer &#8222;Public Library&#8220;.</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Antonia, welche Identität hat diese Bibliothek und was ist ihre Geschichte?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich habe 15 Jahre lang gebraucht, um all diese Bücher hier zu sammeln. Einige habe ich schon seit meiner Kindheit. In Kalifornien habe ich angefangen, gezielt Bücher zu sammeln, von denen ich wusste, dass es sie hier nicht gibt. Als ich dann beschlossen habe zu gehen, habe ich meine Wohnung verkauft, alles eingepackt und die Bücher hergebracht. Ich habe diesen Ort 2015 gefunden – es war eine komplette Ruine – ihn renoviert und das war’s.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Diese Bibliothek ist nicht im klassischen Sinne &#8222;public&#8220;, da sie nicht vom Staat unterstützt wird. Sie ist viel mehr &#8222;public&#8220; durch ihre offene Community Funktion-  es ist eine Community-Bibliothek. Das heißt, sie funktioniert tagsüber als Bibliothek und abends als Gemeinschaftsraum und Treffpunkt für Austausch. Unter Fidesz lief es für Frauen und die Zivilgesellschaft insgesamt nicht gut. Ich wollte einen Ort schaffen, an dem Frauen sich immer willkommen fühlen, gerade weil es gesellschaftlich schwierig war. Ein Raum, in dem Menschen – Frauen, LGBTIQ-Personen, alle – einfach sein können, sich treffen und vielleicht die nächste Revolution planen können. Ich betreibe diesen Ort allein, aber mit Freiwilligen. Finanziert wird er durch Mitgliedschaften für das Ausleihen von Büchern und durch die Vermietung der Räume. Bücher können für zwei Wochen ausgeliehen werden, gegen eine Kaution, weil ich sie nicht ersetzen kann. Da wir keine externe Finanzierung haben, ist das Vermieten der Räume entscheidend, um alles am Laufen zu halten. Ich kann die Räume also vermieten und darüber Einnahmen erzielen, denn wir haben keinerlei externe Förderung, weil wir genau die Art von Ort sind, die wir sind. Ich habe Politikwissenschaft studiert, aber ich habe viel mehr praktisch als theoretisch gearbeitet. Es gab einfach so viel zu tun</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Das eigentliche Problem ist jedoch die Kluft zwischen der intellektuellen Schicht und den sogenannten „alltäglichen Frauen&#8220;</p>
</blockquote>



<figure class="wp-block-image size-large"><img data-dominant-color="4a3e31" data-has-transparency="false" style="--dominant-color: #4a3e31;" decoding="async" width="1024" height="871" src="https://www.pesterlloyd.net/wp-content/uploads/2026/04/enhanced_image_3-1024x871.webp" alt="Bücherwand, Lese- und Gesprächsort in der &quot;Public Library&quot; in Budapest." class="wp-image-5729 not-transparent" srcset="https://www.pesterlloyd.net/wp-content/uploads/2026/04/enhanced_image_3-1024x871.webp 1024w, https://www.pesterlloyd.net/wp-content/uploads/2026/04/enhanced_image_3-300x255.webp 300w, https://www.pesterlloyd.net/wp-content/uploads/2026/04/enhanced_image_3-768x654.webp 768w, https://www.pesterlloyd.net/wp-content/uploads/2026/04/enhanced_image_3-1536x1307.webp 1536w, https://www.pesterlloyd.net/wp-content/uploads/2026/04/enhanced_image_3-1320x1123.webp 1320w, https://www.pesterlloyd.net/wp-content/uploads/2026/04/enhanced_image_3.webp 2014w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Bücherwand, Lese- und Gesprächsort in der &#8222;Public Library&#8220; in Budapest. </figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>In&nbsp; Ungarn gibt es nicht&nbsp;die Möglichkeiten, geeignete Bücher für diese Bibliothek zu beschaffen?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn ich nach England zurückgehe, besuche ich Secondhand- und Charity-Buchläden, um Bücher zu finden, die hier wahrscheinlich nicht übersetzt werden, die aber meiner Meinung nach verfügbar sein sollten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Budapest ist sehr anders als der Rest des Landes, weil sich hier die Intellektuellen und Universitäten konzentrieren. Viele von ihnen stehen nicht hinter der Regierung, aber es entsteht trotzdem eine Art urbane Blase, in der bestimmte liberale Ideen zwar bekannt sind, aber nicht unbedingt breite gesellschaftliche Wirkung entfalten. Das eigentliche Problem ist jedoch die Kluft zwischen dieser gebildeten Schicht und den sogenannten „alltäglichen Frauen“, die oft keinen Zugang zu internationalen Diskursen oder englischsprachigen Quellen haben. Für sie bestimmen vor allem staatliche Medien und soziale Netzwerke die Wahrnehmung von Gesellschaft und Geschlechterrollen. Feministische Inhalte bleiben dadurch häufig abstrakt oder fremd, fast wie aus einer anderen Welt. Es gibt zwar akademische feministische Debatten, doch sie erreichen viele ungarische Frauen nicht im Alltag.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Deshalb braucht es neue Formen der Vermittlung – etwa durch zugängliche Bücher und Übersetzungen klassischer feministischer Texte , um überhaupt eine breitere Diskussion über Frauenrechte und Lebensrealitäten in Ungarn zu ermöglichen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>In Ungarn gibt es gesetzliche und strukturelle Einschränkungen in Bezug auf LGBTIQ-Inhalte in Büchern. Diese dürfen beispielsweise nur unter bestimmten Bedingungen verkauft werden. Welche Herausforderungen und Bedrohungen erleben sie in ihrer Arbeit?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Weil ich keine Bücher verkaufe und alles auf Englisch ist, laufen wir größtenteils unter dem Radar. Aber es gab Vorfälle. Während des Pride Month zum Beispiel wurden wir bei verschiedenen Events hier in dieser Bibliothek belästigt. Unter anderem einmal, als ein Mann die ganze Zeit still mit uns im Raum war und am Ende eine Rede darüber gehalten hat, wie kaputt wir als Gruppe sind und dass wir hier nicht existieren sollten. Bei anderen Gelegenheiten sind Menschen in feministische oder LGBT-Veranstaltungen gekommen und haben angefangen zu schreien. Das war sehr einschüchternd.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Bei einer Veranstaltung im Zusammenhang mit Black Lives Matter, bei der wir Plakate für die Demonstration gestalteten, kam eine Gruppe junger Männer herein, zuerst sehr ruhig, sie begannen, alles zu beobachten, zu filmen und zu fotografieren. Später haben wir entdeckt, dass sie an den Wänden Nazi-Symbole hinterlassen haben und dass die Plakate, die sie neben uns für die Demo gestalteten, sich auf extremistische Figuren bezogen. Es stellte sich heraus, dass die zitierten Personen auf ihren Demoschildern Personen waren, die das Töten von Juden propagierten. Sie waren bedrohlich interessiert an allem hier – sie zeigten auf die Stellen, wo feministische Theorie und LGBTIQ-Bücher stehen, und filmten alles mit ihren Kameras.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mittlerweile kommen Polizeibeamte während des Pride Month und stehen außerhalb des Gebäudes, nur um sicherzustellen, dass nichts passiert. Es gibt Schutz, aber auch ein ständiges Bewusstsein, dass es Feindseligkeit oder Überwachung geben kann.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Ich bin diesem Land absolut verbunden, weil ich so wunderbare Freundinnen und Freunde hatte. Mittlerweile sind einige von ihnen zu Fidesz gewechselt – Menschen in meinem Alter</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Welche Konsequenzen fürchten Sie heute noch – leben Sie noch in Angst oder hat sich Ihr Sicherheitsgefühl im Laufe der Zeit verändert?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich bin unglaublich privilegiert, dass ich keine Ungarin bin. Und deshalb können sie mir eigentlich nichts wirklich anhaben, außer mir die Aufenthaltserlaubnis zu verweigern, die ich jedes Jahr beantragen muss. Ich habe meine eigene Wohnung und bin finanziell abgesichert und kann diesen Ort unterstützen. Außerdem baue ich eine Stiftung auf für die Zeit, wenn ich nicht mehr bin.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich fühle mich heute in einer viel sichereren Position als jüngere feministische Frauen in Ungarn, die unglaublich mutig und aktiv sind. Ich glaube nicht, dass ich wirklich noch ein Ziel bin – das war in den 1990er-Jahren anders, als alles viel schwieriger und feindlicher für mich war. Ich bin diesem Land absolut verbunden, weil ich so wunderbare Freundinnen und Freunde hatte. Mittlerweile sind einige von ihnen zu Fidesz gewechselt – Menschen in meinem Alter</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img data-dominant-color="4d4640" data-has-transparency="false" style="--dominant-color: #4d4640;" decoding="async" width="1024" height="683" src="https://www.pesterlloyd.net/wp-content/uploads/2026/04/enhanced_image-1024x683.webp" alt="Auswahl an Büchern in Antonia Burrows &quot;Public Library&quot;, darunter das Thema &quot;Reproductive Rights." class="wp-image-5727 not-transparent" srcset="https://www.pesterlloyd.net/wp-content/uploads/2026/04/enhanced_image-1024x683.webp 1024w, https://www.pesterlloyd.net/wp-content/uploads/2026/04/enhanced_image-300x200.webp 300w, https://www.pesterlloyd.net/wp-content/uploads/2026/04/enhanced_image-768x512.webp 768w, https://www.pesterlloyd.net/wp-content/uploads/2026/04/enhanced_image-1536x1024.webp 1536w, https://www.pesterlloyd.net/wp-content/uploads/2026/04/enhanced_image-1320x880.webp 1320w, https://www.pesterlloyd.net/wp-content/uploads/2026/04/enhanced_image.webp 2048w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">Auswahl an Büchern in Antonia Burrows Bibliothek, darunter das Thema &#8222;Reproductive Rights&#8220;.</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Erzählen Sie mir von Ihren Besucher*innen – wie erfahren die Menschen von diesem Ort?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Viele Menschen kommen hierher und sagen, dass sie nicht einmal wussten, dass dieser Ort existiert. Ich bin ziemlich nutzlos bei Social Media, also verlasse ich mich auf zwei Freiwillige, die die Facebook-Seite, Instagram und den Newsletter betreuen und die Veranstaltungen ankündigen. Das eigentliche Leben dieses Ortes findet abends statt. Wir haben feministische Filmabende, LGBT-Filmabende, politische Treffen, Buchclubs – meist einmal im Monat, manchmal öfter. Die Filmabende sind auf Englisch, die LGBT-Veranstaltungen auf Ungarisch, sodass wir unterschiedliche Zielgruppen erreichen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dieser Ort ist für manche Menschen nicht radikal genug, da bin ich mir sicher. Ich denke, er ist intellektuell radikal, aber es gibt immer unterschiedliche Erwartungen. Wir haben auch Verbindungen zu aktivistischen Gruppen, die diesen Ort als eine Art Basis genutzt haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich bewundere vor allem zwei Gruppen von Menschen: Künstlerinnen auf der einen Seite und Aktivistinnen auf der anderen. Und ich bin von beiden sehr bewegt, davon, dass es noch so viele Frauen gibt, die gegen dieses unmögliche System kämpfen.</p>



<figure class="wp-block-image size-large"><img data-dominant-color="84817c" data-has-transparency="false" style="--dominant-color: #84817c;" decoding="async" width="1024" height="683" src="https://www.pesterlloyd.net/wp-content/uploads/2026/04/enhanced_readable_photo-1024x683.webp" alt="&quot;Thank a feminist!&quot; Ausschreibung in der &quot;Public Library&quot; von Antonia Burrows." class="wp-image-5731 not-transparent" srcset="https://www.pesterlloyd.net/wp-content/uploads/2026/04/enhanced_readable_photo-1024x683.webp 1024w, https://www.pesterlloyd.net/wp-content/uploads/2026/04/enhanced_readable_photo-300x200.webp 300w, https://www.pesterlloyd.net/wp-content/uploads/2026/04/enhanced_readable_photo-768x512.webp 768w, https://www.pesterlloyd.net/wp-content/uploads/2026/04/enhanced_readable_photo-1536x1024.webp 1536w, https://www.pesterlloyd.net/wp-content/uploads/2026/04/enhanced_readable_photo-1320x880.webp 1320w, https://www.pesterlloyd.net/wp-content/uploads/2026/04/enhanced_readable_photo.webp 2048w" sizes="(max-width: 1024px) 100vw, 1024px" /><figcaption class="wp-element-caption">&#8222;Thank a feminist!&#8220; Ausschreibung in der Bibliothek von Antonia Burrows.</figcaption></figure>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Photos: </strong>Anna Katharina Breitling / Pester Lloyd<br>Lizenz: CC BY-SA 4.0, Bei Verwendung bitte als Quelle angeben:<br><strong>Anna Katharina Breitling / Pester Lloyd &#8211; <a>www.PesterLloyd.net</a></strong><br>Bei Bearbeitungen bitte zusätzlich kenntlich machen: <strong>„bearbeitet“</strong> bzw. <strong>„Zuschnitt“</strong>.</p>
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		<title>Ein Autor mag es noir - Sebastian Garthoff </title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jasper Reichardt]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 26 Oct 2025 15:19:28 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[Literatur]]></category>
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					<description><![CDATA[B&#252;cher mit Melancholie und schwarzem Humor: Sebastian Garthoff im Interview Berlin. Der Autor Sebastian Garthoff hat viele Jahre in Budapest verbracht &#8211; und dar&#252;ber eine&#8230;]]></description>
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<h2 class="wp-block-heading">Bücher mit Melancholie und schwarzem Humor: Sebastian Garthoff im Interview</h2>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Berlin. </strong>Der Autor <em>Sebastian Garthoff</em> hat viele Jahre in Budapest verbracht &#8211; und darüber eine Noir-Novelle verfasst. Budapest wandelt sich darin von der Traumstadt zur Hauptstadt der Albträume. Im Pester Lloyd-Interview spricht er über seine Verbindung zu Ungarn und seine literarische Arbeit sowie sein neustes Buch <em>Schattenmann</em>. Das Gespräch führte Jasper Reichardt.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>In deiner Noir-Novelle &#8222;Exit Budapest&#8220; geht es um den deutschen Auslandsjournalisten Gregor Merten, der sich auf die Suche nach seiner verschwundenen Kollegin begibt. Budapest wandelt sich dabei von Gregors Traumstadt zur Hauptstadt der Albträume. Wie viel Sebastian Garthoff steckt in Gregor Merten?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Bei meinen Buchprojekten ist es generell so, dass sich darin mein beruflicher Hintergrund widerspiegelt. Ich selbst war von 2006 bis 2010 Auslandsjournalist beim <em>Pester Lloyd</em>. Im Buch heißt die Zeitung Donaustimme. All diese Erfahrungen aus dieser Zeit &#8211; darunter auch die damaligen Proteste rund um den 50. Jahrestages des Volksaufstandes &#8211; sind in das Buch mit eingeflossen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Wie kam es dazu, dass gerade Budapest damals deine Wahlheimat geworden ist</strong>?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Faszination für Budapest wurde durch den Film &#8222;<em>Gloomy Sunday &#8211; Ein Lied von Liebe und Tod</em>&#8220; geweckt. In diesem Film geht es um die berühmt-berüchtigte sogenannte Selbstmörder-Hymne, das Lied vom traurigen Sonntag. Eingebettet ist diese Legende in eine komplizierte Liebesgeschichte am Vorabend und während des Zweiten Weltkriegs. Dieser Film und besonders die Hauptdarstellerin <em>Erika Marozsán</em> haben in meinem 15-jährigen Ich damals eine Saite zum Klingen gebracht. Nach dem ersten Urlaub in Budapest war ich dann vollends an die Stadt verloren. Ich wusste: <em>Hier musst du hin.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Wie sehr hat das Leben in Ungarn dich selbst und dein Schreiben geprägt?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich habe Budapest immer als melancholische, schwermütige Stadt empfunden, in der aber auch immer wieder der Humor durchblitzt. So ein melancholischer Grundton gespickt mit einer Prise Humor durchzieht auch meine Bücher. Während meiner Zeit in Ungarn habe ich zudem viele ungarische Autoren entdecken dürfen und später auch im Original lesen können, die mich nachhaltig geprägt haben, darunter vor allem <em>Dezső Kosztolányi, Sándor Márai</em> und <em>István Örkény</em>. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Du selbst beschreibst dich als Noir-Autor. Was können wir uns darunter vorstellen?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich bin kein Verlagsautor, sondern überzeugter Selfpublisher. Das gesamte Buchprojekt liegt daher allein in meinen Händen, mit allen Freiheiten. Das heißt aber auch, dass ich mir bei einem Buchprojekt über alles selbst Gedanken machen muss, also zum Beispiel das Lektorat, die Covergestaltung &#8211; und auch das Marketing. Hier habe ich mich gefragt, was all meine Bücher verbindet. Und das ist eben dieser düster-melancholische Grundton, der immer wieder von schwarzem Humor aufgebrochen wird. Aus diesen Überlegungen bin ich dann auf den Begriff &#8222;noir&#8220; gekommen, der auch an die alten Schwarzweiß-Filme erinnert. Die sind ja geprägt von harten Kontrasten und Figuren, bei denen Gut und Böse häufig verschwimmen. Das trifft auch auf meine Bücher zu.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Worum geht es in deinen weiteren Buchprojekten?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">&#8222;<em>Tote wird man nicht los</em>&#8220; handelt von einem Lokaljournalisten in der Provinzstadt Sonderbarhausen, der sich nicht nur mit seinen eigenen Problemen herumschlagen muss, sondern auch noch mit einer Zombiewelle. In diesem Buch verarbeite ich meine Zeit als Lokaljournalist. Das Besondere: &#8222;Tote wird man nicht los&#8220; habe ich als Erzählung und als selbst gezeichneten Comic herausgebracht. Mein neuestes Buchprojekt &#8222;<em>Schattenmann</em>&#8220; spielt in einem Berliner Großraumbüro und geht der Frage nach: Was bleibt von dir, wenn dir nichts als die Arbeit bleibt? Dabei geht es um Arbeitssucht, Entfremdung und die dunklen Seiten der modernen Leistungsgesellschaft. Das klingt düster, ist aber in erster Linie als Satire zu verstehen. Für „Schattenmann“ gibt es zudem einen eigenen Soundtrack, der über einen QR-Code im Buch abrufbar ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Für alle, die nun neugierig auf deine Arbeiten geworden sind: Wo gibt es deine Bücher und wo kann man dich vielleicht auch live erleben?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Leseproben und die Links zu den Büchern gibt es auf meiner Autorenseite <a href="Https://www.sebastiangarthoff.de" data-type="link" data-id="Https://www.sebastiangarthoff.de" target="_blank" rel="noopener">www.sebastiangarthoff.de</a>. Dort finden sich auch alle aktuellen Termine zu Lesungen oder Auftritten bei Buchmessen. Wer mein Autorenleben begleiten möchte, darf mir gerne auch bei Instagram folgen: <strong>@sebastiangarthoff.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Vielen Dank für das Gespräch</strong>!</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Bücher von Sebastian Garthoff auf Amazon*:<strong><em><br><a href="https://www.amazon.de/Exit-Budapest-Sebastian-Garthoff/dp/3000794646?source=ps-sl-shoppingads-lpcontext&amp;psc=1&amp;smid=A3JWKAKR8XB7XF&amp;linkCode=ll1&amp;tag=reisefroh0d-21&amp;linkId=023d24a079d57141ea41a140aa57d85b&amp;language=de_DE&amp;ref_=as_li_ss_tl" target="_blank" rel="noopener">Exit Budapest</a><br><a href="https://www.amazon.de/Tote-wird-man-nicht-los/dp/B0F6KRN7X2?_encoding=UTF8&amp;pd_rd_w=owz4a&amp;content-id=amzn1.sym.392cb72e-2aab-43c6-bb44-c705da81410b&amp;pf_rd_p=392cb72e-2aab-43c6-bb44-c705da81410b&amp;pf_rd_r=257-8639052-4098634&amp;pd_rd_wg=3vb2r&amp;pd_rd_r=5f1c6974-1bf0-466c-8406-7d49c1ddf91b&amp;linkCode=ll1&amp;tag=reisefroh0d-21&amp;linkId=76653b58a3e4373e22f0f9f3dd5efec3&amp;language=de_DE&amp;ref_=as_li_ss_tl" target="_blank" rel="noopener">Tote wird man nicht los</a><br><a href="https://www.amazon.de/Schattenmann-Sebastian-Garthoff/dp/300083253X?&amp;linkCode=ll1&amp;tag=reisefroh0d-21&amp;linkId=2907ac41f363156128f7e38c01d95951&amp;language=de_DE&amp;ref_=as_li_ss_tl" target="_blank" rel="noopener">Der Schattenmann</a><br></em></strong><br></p>



<p class="wp-block-paragraph"></p>
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		<title>“Krieg vom Ende her denken” &#8211; ein Gespräch mit Christian Wehrschütz über Frontlinien, Legitimation und die Rolle Europas</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jasper Reichardt]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 22 Oct 2025 18:52:36 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Interview]]></category>
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					<description><![CDATA[Graz. ORF-Kriegsreporter Christian Wehrsch&#252;tz hat in seinem neuen Buch &#8222;Frontlinien&#8220; seine Erfahrungen aus 25 Jahren Kriegsberichterstattung auf dem Balkan und zuletzt in der Ukraine verarbeitet.&#8230;]]></description>
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<p class="wp-block-paragraph"><br><strong>Graz.</strong> ORF-Kriegsreporter Christian Wehrschütz hat in seinem neuen Buch <strong>&#8222;Frontlinien&#8220;</strong> seine Erfahrungen aus 25 Jahren Kriegsberichterstattung auf dem Balkan und zuletzt in der Ukraine verarbeitet. <em>2026 wird er in Pension gehen</em>. Wir haben in einem Interview Fragen zum Ende des Krieges in der Ukraine, die Rolle Ungarns und kolportierte Diskriminierung der Magyaren in Transkarpatien behandelt. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Jasper Reichardt</strong>: Herr Wehrschütz, Sie eröffnen Ihr neu erschienenes Buch <em>Frontlinien</em> mit einem Zitat von Otto von Bismarck. Ich verstehe das Zitat so: Für große Staatsmänner wie Vladimir Putin sei es leicht, einen Krieg zu beginnen &#8211; aber man braucht sehr gewichtige Gründe, damit der Kriegsgrund auch nach dem Krieg Bestand hat; sonst fehlt jede rationale Legitimation.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Christian Wehrschütz</strong>: Unter den großen Außenpolitikern und Denkern nimmt Bismarck zweifellos eine herausragende Rolle ein. Ich habe viel von ihm gelesen, und dieses Zitat habe ich aus mehreren Gründen dem Buch vorangestellt: Erstens als Gegenstatement zur Kriegspropaganda &#8211; hinter Kriegen stehen Interessen. Seit dem Ersten Weltkrieg tendiert man dazu, Massenbevölkerungen mit moralischen Gründen zu mobilisieren &#8211; teils zutreffend, teils nicht &#8211; doch gerade solche Elemente sind integraler Bestandteil der Kriegspropaganda.<br></p>



<p class="wp-block-paragraph">Zweitens verweist das Zitat auf das lateinische Prinzip <em>Cui bono</em> &#8211; wem nützt es? Warum führt man Krieg? Drittens ist es kein Zitat, das allein auf Putin passt. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion haben auch die USA vermehrt Kriege geführt. Das Zitat gilt allgemein für Staatsmänner &#8211; es verweist auf das, was Clausewitz mit &#8222;<em>einen Krieg vom Ende her denken&#8220; </em>umschrieben hat. Man muss überlegen: Welches Ergebnis ist denkbar? Wozu könnte der Krieg führen?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wenn man als Sieger aus einem Krieg hervorgeht, braucht man oft nicht groß über Legitimation nachzudenken &#8211; Sieger schreiben Geschichte. Doch die entscheidende Frage lautet: Wie verkaufe ich meiner Bevölkerung die Notwendigkeit dieses Kriegs? Putin ist nicht gleich Stalin -demnach steht auch er, wenn auch nicht so stark wie westliche Politiker &#8211; in der Pflicht, die Legitimität seines Handelns zu erklären. Die Frage der Kriegsziele ist essentiell für die Frage, wie ein Krieg beendet werden kann. Wenn die Ziele zu weit von den realen Ausgangspunkten (Der Lage an der Front oder der politischen Realität) abweichen, wird es sehr schwierig.<br><br>Ein Kriegsende ohne Verhandlungslösung ist derzeit nicht in Sicht, und auch diese Tatsache steht mit dem Zitat in Verbindung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Was Perry Rhodan betrifft: Ich definiere mich nicht als Weltbürger, sondern zunächst als Steirer, dann als Österreicher, dann als Europäer. Dennoch glaube ich, dass wir über Rasse, Religion, Kultur hinaus Gemeinsamkeiten erkennen und entwickeln müssen, damit alle Bewohner des Planeten Erde eine Zukunft haben.</p>



<figure class="wp-block-embed is-type-wp-embed is-provider-pester-lloyd wp-block-embed-pester-lloyd"><div class="wp-block-embed__wrapper">
<blockquote class="wp-embedded-content" data-secret="F8bKxv7OBY"><a href="https://www.pesterlloyd.net/frontlinien-christian-wehrschuetz-ueber-den-krieg-und-die-kunst-neutral-zu-bleiben/">&#8222;Frontlinien&#8220; &#8211; Christian Wehrschütz über den Krieg und die Kunst, neutral zu bleiben</a></blockquote><iframe loading="lazy" class="wp-embedded-content" sandbox="allow-scripts" security="restricted"  title="&#8222;&#8222;Frontlinien&#8220; &#8211; Christian Wehrschütz über den Krieg und die Kunst, neutral zu bleiben&#8220; &#8212; Pester Lloyd" src="https://www.pesterlloyd.net/frontlinien-christian-wehrschuetz-ueber-den-krieg-und-die-kunst-neutral-zu-bleiben/embed/#?secret=2SrDXMqBne#?secret=F8bKxv7OBY" data-secret="F8bKxv7OBY" width="500" height="282" frameborder="0" marginwidth="0" marginheight="0" scrolling="no"></iframe>
</div></figure>



<p class="wp-block-paragraph">Das Zitat soll Hoffnung geben: Es betont, dass uns viel verbindet &#8211; auch wenn uns derzeit mehr trennt als eint. Die Aufrüstung auf allen Seiten ist derzeit offenbar wichtiger als die Frage wie wir die Weltbevölkerung so positionieren können, dass gemeinsame Ziele entstehen.  Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion war zeitweise die Vorstellung im Raum, der Kosmos könne eine gemeinsame Herausforderung sein &#8211; diese Idee ist allerdings verblasst.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Wenn die Kriegsziele extrem weit von den Vorstellungen der Kriegsparteien abweichen, ist es sehr viel schwieriger, zumal die Ukraine nicht in einer Situation ist, in der ihr Zusammenbruch bevorsteht und auch in Russland keine Entwicklung absehbar ist die zu einem neuen Lenin führen könnte. Somit bleibt in letzter Konsequenz nur eine Verhandlungslösung. “</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Die gegenwärtige Blockbildung beunruhigt mich als Großvater. Ich frage mich: Welche Welt hinterlassen wir unseren Kindern und Enkeln?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Im Buch habe ich bewusst wenige Zitate verwendet. Es soll keine wissenschaftliche Dissertation sein, sondern ein lesbarer Text. Neben Bismarck und Perry Rhodan tauchen nur Karl May und ein Balkanhistoriker als Belege auf.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Was war Ihr persönlicher und journalistischer Beweggrund, dieses Buch gerade jetzt zu schreiben?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Krieg in der Ukraine dauert nun bald vier Jahre. Hinzu kommt: In Europa existiert noch eine Zone, die politisch nicht abschließend definiert ist: der Balkan. Dort geht der versprochene EU-Integrationsprozess seit etwa 15 Jahren kaum voran.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mein Ziel war es, Zusammenhänge zwischen der Ukraine und dem Balkan herauszuarbeiten &#8211; gemischt mit journalistischen Perspektiven und eigenen Erfahrungen außerdem war ich bestrebt, die historischen und politischen Entwicklungen aufzuzeigen. Das Buch ist modular aufgebaut: Man muss nicht zwingend von Seite 1 beginnen, sondern kann nach Interesse einzelne Kapitel aufschlagen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Welche zentrale Botschaft wollen Sie über die tägliche Kriegsberichterstattung hinaus vermitteln?</strong> <strong>Ein Bruch mit der oft vorherrschenden Schwarz-Weiß Sicht, Osten gegen Westen?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ja, Ich möchte über Schwarz-Weiß-Muster hinausführen. Aus diesem Grund beginne ich das Buch mit Sokrates &#8211; als Hinweis darauf, dass wir unser Wissen als Journalisten stets als begrenzt verstehen müssen. Wir haben oft keinen direkten Zugang zu Entscheidungsträgern, wissen nicht was wirklich besprochen wird. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Beispielsweise weigert sich ein gewisser Oligarch namens Rinat Achmetow bis heute, mir ein Interview zu geben &#8211; obwohl seine Perspektive für die Analyse des Konflikts im Donbas seit 2014 von großer Bedeutung wäre.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Wie schätzen Sie die strategischen Ziele Russlands heute ein &#8211; und wie realistisch ist eine militärische Lösung aus ukrainischer Sicht?</strong> <strong>Donald Trump hat ja jüngst überraschend verlautbart, dass eine militärische Lösung &#8211; eine Rückeroberung aller besetzten Gebiete &#8211; realistisch sei. </strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Das erste Problem ist die Wahrnehmung: Hat Trump einen persönlichen Friedenswillen &#8211; oder sind seine Worte Teil seiner Schwankungen? Sind seine zuletzt geäußerten Positionen zuverlässig? So haben wir erst jüngst nach dem Telefonat Putins mit Trump und dem Treffen Trump mit Selenskyis in Washington wieder eine Wendung in der Trump&#8217;schen Rhetorik erlebt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wir müssen journalistisch vorsichtig sein und Trumps Äußerungen etwas abklingen lassen, bevor wir sie bewerten. Wohin orientieren sich die USA? &#8222;America First&#8220; bedeutet nicht Rückzug, aber eine Neujustierung: Europa erhält Sicherheitsgarantien nicht kostenfrei. Die strategische Hinwendung nach Asien begann bereits unter Obama. Die Ukraine war lange interessant, um Russland zu schwächen &#8211; aber je stärker China wird, desto weniger dürfte der Konflikt im Fokus zu stehen, wenn er nicht direkt amerikanische Interessen berührt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich möchte Trump nicht absprechen, den Frieden zu wollen &#8211; angesichts all der Toten. Ich halte es auch für bedeutsam zu fragen, warum die EU in fast vier Jahren Krieg keinen Friedensplan vorgelegt hat.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Ist der Westen &#8211; insbesondere die EU &#8211; Teil des Problems oder Teil der Lösung? Diese Frage stellt sich weil die Positionen in der EU sehr uneinheitlich sind. </strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Das erste Problem ist: Der Begriff &#8222;der Westen&#8220; existiert so nicht mehr. USA und EU sind gespalten. Innerhalb der EU herrschen tiefe Differenzen darüber, wie die Ukraine zu gestalten und wie der Krieg zu beenden sei. Für manche Staaten ist es einfacher, die Ukrainer leiden, als Europäer sterben.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Innerhalb der EU existieren unterschiedliche Interessenlagen, wie sich etwa bei russischen Drohnenüberflügen oder moderner Waffentechnik zeigt. Die EU kann oft nicht mit hochgerüsteten Armeen wie Israel oder Russland mithalten &#8211; das gilt auch für einige NATO-Staaten. Der Status quo ist für viele EU-Länder interessant um Zeit zu gewinnen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein wichtiges Instrument, ein Faustpfand, sind Sanktionen und das Einfrieren russischen Vermögens in der EU: Damit kann man Prozesse erschweren und verzögern. Die Zentrale Frage ist, welche Position die Ukraine in einer europäischen Sicherheitsarchitektur einnehmen wird, dazu zählt, was sind die Staaten der EU bereit zu geben und welche Option ist eine EU-Mitgliedschaft, wie steht es um wirkliche Sicherheitsgarantien. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine NATO-Mitgliedschaft erscheint derzeit ausgeschlossen &#8211; die USA wollen keine Garantien übernehmen. Ein EU-Beitritt ist politisch heiß umstritten &#8211; Ungarn sagt derzeit Nein, auch Bauern in Polen oder Frankreich sind dagegen. Es entsteht ein komplexes Netz divergierender Interessen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Orbán hat meiner Ansicht nach Recht, wenn er sagt, dass die Ukraine den Krieg heute nicht militärisch gewinnen kann &#8211; im Sinne der Rückeroberung aller annektierten Gebiete.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Also ist das offizielle Ziel der Ukraine &#8211; Krim, Donbas zurückzuerobern &#8211; unrealistisch?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Weder ein Zusammenbruch Russlands noch der Ukraine erscheint gegenwärtig wahrscheinlich. Irgendwo muss man einen Kompromiss finden &#8211; Trump versuchte es, doch bisher ohne Erfolg.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Russlands hat vier Oblaste annektiert &#8211; wo bleibt dann die strategische Flexibilität? Wäre Vladimir Putin bereit diese Ansprüche teilweise aufzugeben? </p>



<p class="wp-block-paragraph">Russland verfügt über ausreichend &#8211; ich formuliere das mal brutal &#8211; &#8222;Menschenmaterial&#8220; um den Krieg fortzuführen. Die Ukraine kann zwar Russlands Energieinfrastruktur wie zuletzt deutlich treffen &#8211; doch dies hat bisher die Kriegsführung nicht maßgeblich gebremst.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Solange China, Nordkorea und Iran strategische Partner bleiben, die gegen ein bestehendes Weltordnungssystem agieren, bleibt es schwierig, Bewegung in diesen Konflikt zu bringen. Abzuwarten bleibt allerdings, ob das Treffen Trump-Putin in Budapest den Friedensprozess neue Impulse verleihen kann, sollte es in absehbarer Zeit stattfinden.</p>



<figure class="wp-block-embed is-type-wp-embed is-provider-pester-lloyd wp-block-embed-pester-lloyd"><div class="wp-block-embed__wrapper">
<blockquote class="wp-embedded-content" data-secret="koxFJ3mCLf"><a href="https://www.pesterlloyd.net/trump-putin-gipfel-in-budapest-auf-eis-erwartbar-unverlaesslich/">Trump-Putin-Gipfel in Budapest auf Eis: erwartbar unverlässlich</a></blockquote><iframe loading="lazy" class="wp-embedded-content" sandbox="allow-scripts" security="restricted"  title="&#8222;Trump-Putin-Gipfel in Budapest auf Eis: erwartbar unverlässlich&#8220; &#8212; Pester Lloyd" src="https://www.pesterlloyd.net/trump-putin-gipfel-in-budapest-auf-eis-erwartbar-unverlaesslich/embed/#?secret=SkCzqjPkkn#?secret=koxFJ3mCLf" data-secret="koxFJ3mCLf" width="500" height="282" frameborder="0" marginwidth="0" marginheight="0" scrolling="no"></iframe>
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<p class="wp-block-paragraph">Ein entscheidender Punkt ist: Wenn Xi Jinping mit Putin spricht oder Trump mit Putin &#8211; wir Journalisten müssen erkennen, wie weit entfernt wir oft von solchen Entscheidungsprozessen sind. Der Alaska-Gipfel Trumps mit Putin etwa wurde medial voller Erwartung begrüßt &#8211; doch es ist nichts Substanzielles daraus entstanden.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>In der Ukraine gibt es den Vorwurf, Ungarn unterstütze russische Interessen &#8211; etwa durch Energie, Propaganda oder Spionage. Was zeigen Ihre Recherchen?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ungarn ist nicht mein primäres Fachgebiet. Ich erkenne aber, dass Ungarn das Problem benennt: die Unfähigkeit Europas, eine Friedensperspektive zu entwickeln. <em>Ich weiß nicht, worauf die EU wartet.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine große Energieabhängigkeit Ungarns von Russland existiert &#8211; ebenso wirtschaftliche Verflechtungen mit China, gegeben durch zahlreiche Staatskredite. Dazu kommt ein Konflikt zwischen der eher links-liberalen Ausrichtung der EU und dem national-konservativen Modell Ungarns. Die Ukraine wird hier zu einem Brennpunkt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Warum die Orbán-Regierung sich massiv gegen Beitrittsverhandlungen stellt, ist mir nicht klar. Das erste Verhandlungscluster wurde blockiert.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Zur Diskriminierung der Ungarn in Transkarpatien: Ich konnte in den vergangenen drei Jahren keine Diskriminierung feststellen. Viele Ungarn dort sprechen kein Ukrainisch &#8211; doch das Erlernen der Landessprache halte ich für ein Minimum, das von jedem Staatsbürger erwartet werden kann.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Die ungarische Regierung gibt sich gern als Schutzmacht der Magyaren in Transkarpatien.</strong><br><br>Ich kann die Vorwürfe nicht nachvollziehen. Solange die Sowjetunion bestand, war Russisch die Verkehrssprache &#8211; 30 Jahre sind jedoch vergangen, und ich sehe keine Unterdrückung der ungarischen Minderheit.</p>



<figure class="wp-block-embed is-type-wp-embed is-provider-pester-lloyd wp-block-embed-pester-lloyd"><div class="wp-block-embed__wrapper">
<blockquote class="wp-embedded-content" data-secret="Eo4zvlMQ7V"><a href="https://www.pesterlloyd.net/ungarns-schatten-in-transkarpatien-spionagevorwurfe/">Ungarns Schatten in Transkarpatien &#8211; Spionagevorwürfe eskalieren bilateralen Konflikt mit der Ukraine</a></blockquote><iframe loading="lazy" class="wp-embedded-content" sandbox="allow-scripts" security="restricted"  title="&#8222;Ungarns Schatten in Transkarpatien &#8211; Spionagevorwürfe eskalieren bilateralen Konflikt mit der Ukraine&#8220; &#8212; Pester Lloyd" src="https://www.pesterlloyd.net/ungarns-schatten-in-transkarpatien-spionagevorwurfe/embed/#?secret=miURt7Q3E4#?secret=Eo4zvlMQ7V" data-secret="Eo4zvlMQ7V" width="500" height="282" frameborder="0" marginwidth="0" marginheight="0" scrolling="no"></iframe>
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<p class="wp-block-paragraph"><strong>Sie berichten seit über 25 Jahren aus Kriegs- und Krisengebieten. Wie wirkt sich dieser Konflikt auf Sie persönlich aus? Nächstes Jahr gehen Sie voraussichtlich in Pension &#8211; ein emotionaler Moment.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich beschäftige mich intensiv mit der Ukraine seit 1991. Nach der Pension werde ich private Verpflichtungen angehen &#8211; vom Heustadl bis zur Bibliothek. Die Ukraine und der Balkan werden für mich jedoch nicht ad acta liegen. Ich werde vermutlich ein weiteres Buch schreiben und &#8222;meine&#8220; Konfliktregionen im Blick behalten. Ich muss mich nicht mehr zu jeder Meldung äußern, aber wenn Medien mich zu Interviews oder Dokumentationen einladen &#8211; gerne.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich freue mich besonders darauf, mehr Zeit mit meiner Frau, meinen Töchtern und meiner Enkelin verbringen zu können. Ein ehemaliger ORF‑Generaldirektor sagte einmal: <em>&#8222;Der Friedhof ist voller Unersetzlicher</em>&#8222;, man sollte sich selbst nicht zu wichtigen nehmen. Natürlich bedeutet eine Personalentscheidung hunderte Programmentscheidungen &#8211; trotzdem ist es besser, dass Zuschauer, Zuseher und Zuhörer sagen: &#8222;Schade, dass er aufgehört hat&#8220;, als: &#8222;Schade, dass er seine Zeit nicht erkannt hat.&#8220;</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Nochmal zurück zum Konflikt: Sehen Sie Spielräume für Verhandlungen &#8211; oder sind alle Brücken bereits zerstört?</strong> <strong>Wo können neue Brücken gebaut werden?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich glaube, Verhandlungsspielräume bestehen &#8211; denn ein klares, endgültiges Ende, bei dem eine Seite eindeutig gewinnt, ist derzeit nicht absehbar. Je länger der Krieg andauert, desto größer die Folgen -von Zerstörung bis Migration.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Darum wäre es dringend notwendig, rasch in Verhandlungen einzutreten. Das heißt nicht, dass sofort das Schießen aufhören würde &#8211; aber der Beginn diplomatischer Gespräche ist dringend wünschenswert.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Photo: </strong>Christian Wehrschütz auf der Wiener Buchmesse 2022, <em>© C.Stadler/Bwag; CC-BY-SA-4.0</em>.</p>
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		<item>
		<title>Interview mit Ákos Hadházy: &#8222;Die Korruption tötet das Land&#8220;</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jasper Reichardt]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 19 Oct 2025 15:04:22 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Interview]]></category>
		<category><![CDATA[Ákos Hadházy]]></category>
		<category><![CDATA[Korruption]]></category>
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					<description><![CDATA[Szeksz&#225;rd. Ungarns bekanntester Korruptionsaufdecker &#193;kos Hadh&#225;zy spricht im Gespr&#228;ch mit dem Pester Lloyd &#252;ber den Umbau des Staates unter Viktor Orb&#225;n, die Finanzierung des Landsitzes&#8230;]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><strong>Szekszárd.</strong> Ungarns bekanntester Korruptionsaufdecker <em>Ákos Hadházy</em> spricht im Gespräch mit dem Pester Lloyd über den Umbau des Staates unter Viktor Orbán, die Finanzierung des Landsitzes in Hatvanpuszta, verdeckte Auslandstransaktionen und seine Erwartungen an die Wahlen 2026.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Als unabhängiger Abgeordneter und langjähriger Aufdecker von Fällen systemischer Korruption hat sich Ákos Hadházy einen Ruf weit über Ungarn hinaus gemacht. Im Interview spricht er über seine Recherchen, die Rolle der EU, den Zustand der Demokratie und warum es 2026 keine freien Wahlen geben wird. Das Gespräch führte Jasper Reichardt am 17. Oktober.</p>



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<blockquote class="wp-embedded-content" data-secret="nHmKTGRklK"><a href="https://www.pesterlloyd.net/kopf-des-tages-akos-hadhazy/">Kopf des Tages: Ákos Hadházy</a></blockquote><iframe loading="lazy" class="wp-embedded-content" sandbox="allow-scripts" security="restricted"  title="&#8222;Kopf des Tages: Ákos Hadházy&#8220; &#8212; Pester Lloyd" src="https://www.pesterlloyd.net/kopf-des-tages-akos-hadhazy/embed/#?secret=d71GA9zuiE#?secret=nHmKTGRklK" data-secret="nHmKTGRklK" width="500" height="282" frameborder="0" marginwidth="0" marginheight="0" scrolling="no"></iframe>
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<p class="wp-block-paragraph"><strong>Herr Hadházy, Sie haben sich intensiv mit den Eigentumsverhältnissen rund um Viktor Orbáns Anwesen in Hatvanpuszta beschäftigt. Was gibt es Neues über den berühmt-berüchtigten &#8222;Zoo&#8220; zu berichten?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich habe kürzlich Fotos erhalten, die eine neue Tierart auf dem Gelände zeigen: einen Elch. Dafür ist eine besondere Genehmigung notwendig &#8211; und die liegt, anders als für Zebras oder Antilopen, nicht vor. Doch viel wichtiger ist die Finanzierung von Hatvanpuszta. Offiziell stammt das Geld vom Vater Viktor Orbáns. Dieser besitzt zwar einen Steinbruch, doch laut öffentlichen Daten erwirtschaftet sein Betrieb Gewinnmargen von 30 bis 40 Prozent &#8211; üblicherweise liegt dieser Wert in der Branche bei maximal 10 bis 15 Prozent.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die entscheidende Frage ist: Wie kommt es zu dieser Rendite? Hat er eine geheime Technologie die ihn viel rentabler wirtschaften lässt? Verkauft er zu überhöhten Preisen? Hat er Zugang zu staatlich bevorzugten Projekten? Unsere Recherchen zeigen: Sehr viele dieser Steine werden für große Bauprojekte verwendet, die mit EU-Geldern kofinanziert sind. Das heißt: Der Staat bekommt EU-Mittel, die Aufträge gehen an Oligarchen &#8211; meistens Lőrinc Mészáros &#8211; und dieser kauft die Steine wiederum vom Vater Orbáns. So fließt europäisches Steuergeld indirekt in den Familiensitz des Ministerpräsidenten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hinzu kommt: Neue Fotos belegen, dass Baugeräte mit dem Namen Mészáros&#8216; Firmen auf dem Gelände verwendet wurden. Es gibt sogar ein Dokument, laut dem Mészáros eine Zahlungsgarantie für den Fall gegeben hat, dass Orbáns Vater nicht zahlen kann. Sollte das Anwesen auch nur zehn Prozent unter Marktpreis errichtet worden sein, wäre es ein großer Fall von Korruption.</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<h2 class="wp-block-heading"><em><strong>Korruption überall, strukturell.</strong></em></h2>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Sie waren früher selbst Fidesz-Mitglied. Was war der Wendepunkt?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich war früher in der Fidesz-Fraktion, ja. Der letzte Tropfen war der Tabakskandal: In meiner kleinen Stadt wurde alles zu überhöhten Preisen von Freunden des Bürgermeisters gekauft. Später habe ich gesehen, dass dies ein landesweites Muster ist. Kleine Geschäfte wurden verdrängt, Konzessionen gingen an regimenahe Kreise. Es erinnerte mich stark an den Kommunismus und an den Raubzug gegen meine Großeltern: Auch dort wurde das Vermögen und die Ländereien von normalen Menschen an Regimegünstlinge verteilt. Nach meinem Austritt begann ich, systematisch zu den EU-Subventionen zu recherchieren. Das Ergebnis: <em><strong>Korruption überall, strukturell.</strong></em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Gibt es neue Erkenntnisse zur &#8222;Villa Orbán&#8220; im norditalienischen Varese?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Leider nicht. Die Transaktion verlief über ein Finanzvehikel, das mit einer Orbán-nahen Bank verknüpft ist. In Ungarn werden riesige Vermögen in Private-Equity-Fonds versteckt. Diese Strukturen sind fast undurchsichtig. Hatvanpuszta ist nur die Spitze des Eisbergs. Auch in Rumänien, Serbien oder Frankreich vermuten wir solche Anlagen, aber vieles liegt noch im Dunkeln.</p>



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<blockquote class="wp-embedded-content" data-secret="sRLbzRH7zv"><a href="https://www.pesterlloyd.net/akos-hadhazy-outed-orbans-luxusvilla-das-geheimnis-von-hatvanpuszta/">Ákos Hadházy outed Orbans Luxusvilla: Das Geheimnis von Hatvanpuszta</a></blockquote><iframe loading="lazy" class="wp-embedded-content" sandbox="allow-scripts" security="restricted"  title="&#8222;Ákos Hadházy outed Orbans Luxusvilla: Das Geheimnis von Hatvanpuszta&#8220; &#8212; Pester Lloyd" src="https://www.pesterlloyd.net/akos-hadhazy-outed-orbans-luxusvilla-das-geheimnis-von-hatvanpuszta/embed/#?secret=Trg4vqHeSd#?secret=sRLbzRH7zv" data-secret="sRLbzRH7zv" width="500" height="282" frameborder="0" marginwidth="0" marginheight="0" scrolling="no"></iframe>
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<p class="wp-block-paragraph"><strong>Orbán hat Sie jüngst als &#8222;armseligen Halbnarren&#8220; bezeichnet. Was entgegnen Sie ihm?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich finde ihn unverstehbar. Früher war er klug, rational, sogar freiheitlich. Doch seit dem Treffen mit Putin 2009 in Sankt Petersburg hat sich etwas verändert. Ich denke, er ist entweder gekauft worden oder wird erpresst. Wahrscheinlich beides.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Wie funktioniert Ihre Aufdeckungsarbeit konkret?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich arbeite mit einem kleinen Team, auch mit Juristen. Wir nutzen viele öffentliche Datenbanken. Informationen bekomme ich täglich von Menschen aus dem ganzen Land. Die Korruption ist so verbreitet, dass man sie nicht wirklich suchen muss. Ich arbeite auch mit Organisationen wie <em>Transparency International</em> zusammen.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Sind Sie Bedrohungen ausgesetzt?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Physische Angriffe gab es nicht. Die Polizei ist teils aggressiv aufgetreten, aber die größere Gefahr sind Drohungen von Einzelpersonen. Ich nehme das nicht so ernst, aber ich weiß nie, wie konkret das ist. Ich habe keine Angst, aber wachsam muss man sein.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Gibt es aktuelle Fälle, die Sie derzeit untersuchen?</strong> <strong>Auf ihrer Webseite <a href="https://korrupcioinfo.hu/" target="_blank" rel="noopener">https://korrupcioinfo.hu/</a> gibt es einiges zu lesen.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Viele. Was groß und was klein ist, ist schwer zu sagen: Mal geht es um 100.000 Euro, mal um Millionen. OLAF (Anmerkung: EU-Antikorruptionsbehörde) hat viele meiner Hinweise übernommen. Doch die ungarische Staatsanwaltschaft sabotiert: Entweder sie ermittelt nicht oder zieht Verfahren über Jahre in die Länge, bis alles versandet.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Warum bleibt Fidesz trotz dieser Enthüllungen so stark?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Weil es keine Demokratie ist. Wir leben in einem hybriden Regime. Zwei Säulen tragen die Macht: die Staatsanwaltschaft und die Propagandamaschine. Letztere ist wohl die stärkere. Ein großer Teil der Bevölkerung erfährt nie von Hatvanpuszta oder anderen Skandalen. Die wenigen freien Medien erreichen die Massen nicht. Und wenn doch, dann werden die Informationen sofort durch die Propaganda relativiert.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Wird es 2026 eine gemeinsame Oppositionsliste geben?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ich werde wahrscheinlich als unabhängiger Kandidat antreten. Doch selbst wenn sich die Opposition einigt: Faire Wahlen wird es nicht geben. Der Staat gibt jährlich rund 150 Milliarden Forint &#8211; etwa 400 Millionen Euro &#8211; für Regierungspropaganda aus. Die öffentlich-rechtlichen Medien sind vollkommen gleichgeschaltet. Zwischen 2018 und 2022 bekam kein Oppositionspolitiker nennenswerten Sendeplatz im Staatsfernsehr: Nur einmal fünf Minuten für den Ministerpräsidentschaftskandidaten und einmal zehn Minuten für Budapests Bürgermeister Karacsony. Dazu kommen Umfragen, die vor 2022 ein Kopf-an-Kopf-Rennen suggerierten &#8211; und dann kam der Krieg. Orbán stellte sich als Friedenshüter dar, die Opposition wurde zur Kriegspartei umgedeutet bzw umgelogen. Das wirkte. Es ist in Zentraleuropa kaum vorstellbar, aber bei soviel Propaganda auf den Straßen und im Internet funktioniert so etwas. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Befürchten Sie Manipulation oder Gewalt?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Ja. Wir wissen aus Serbien, Belarus, Georgien oder der Türkei, wie solche Regime funktionieren. Sie geben die Macht nicht freiwillig ab. Wenn sie unter Druck geraten, kommt es oft zu Gewalt. In Diktaturen geht sie direkt vom Staat aus. In hybriden Regimen sind es die Anhänger, die auf die Straße gehen. Das kann auch in Ungarn passieren. Fidesz wird in jedem Fall behaupten, gewonnen zu haben.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Welche Botschaft haben Sie für die Menschen in Ungarn?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Korruption ist nicht nur unschön &#8211; sie tötet das Land. Man kann sie nicht einfach tolerieren. Viele sagen: &#8222;Alle sind korrupt.&#8220; Vielleicht. Aber nicht in diesem Ausmaß. <em>Es gibt kein Limit. Sie hören erst auf, wenn wir sie stoppen.</em><br><br>Photo: Fejér Bálint, Wikimedia Commons</p>



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