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	<title>Identitätspolitik &#8211; Pester Lloyd</title>
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	<description>Deutschsprachige Nachrichten aus Ungarn und Osteuropa - seit 1854</description>
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	<title>Identitätspolitik &#8211; Pester Lloyd</title>
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		<title>Importierte Identitätspolitik &#8211; Amerika im irrationalen politischen Sumpf - Kommentar </title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jasper Reichardt]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 06 Sep 2026 20:25:22 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kommentar]]></category>
		<category><![CDATA[USA]]></category>
		<category><![CDATA[Andrew Callaghan]]></category>
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					<description><![CDATA[Wie Andrew Callaghan und Hunter Biden in der Verschw&#246;rung um Charlie Kirk landen &#8211; und warum der amerikanische Identit&#228;tskrieg l&#228;ngst Europas politische Wirklichkeit &#252;berlagert. Amerikanische&#8230;]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><em>Wie Andrew Callaghan und Hunter Biden in der Verschwörung um Charlie Kirk landen – und warum der amerikanische Identitätskrieg längst Europas politische Wirklichkeit überlagert.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Amerikanische Politik wird von Verschwörungserzählungen, Identität und algorithmischer Empörung bestimmt. Bemerkenswert ist dabei nicht nur die Radikalisierung der Rechten &#8211; Auch Teile der populistischen Linken verlieren den Boden materialistischer Analyse und übernehmen Erzählungen, in denen Israel, Geheimdienste, Eliten und verborgene Netzwerke zur universellen Erklärung werden. Wenn diese Entwicklung aus den USA &#8211; der mächtigsten politischen, militärischen, finanziellen und technologischen Macht der Welt &#8211; nach Europa schwappt, ist das nicht nur ein amerikanisches Kuriosum  &#8211; Es ist ein Problem für alle, die ihre politische Wirklichkeit durch einen amerikanischen Bildschirm betrachten.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Ein Mord, der keinen Geheimdienst braucht</h2>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Andrew Callaghan</strong> ist das Gesicht eines neuen, rohen amerikanischen Journalismus. Mit der Kamera auf der Straße, zwischen Obdachlosen, Aktivisten, Demonstranten, Verschwörungstheoretikern und politischen Randfiguren, war <strong>Channel 5</strong> gerade deshalb interessant, weil Callaghan Menschen reden ließ, die im etablierten Journalismus kaum vorkamen. Angefangen als kommentarloser Interviewpartner von gelinde gesagt &#8222;Verrückten&#8220; Personen in den USA über seinen Channel<strong> All Gas No Brakes</strong>, entwickelte sich Callaghan zu einer Galionsfigur des Bottom-Up Gonzo-Journalismus. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Inzwischen ist der Dokumentarfilmer selbst Teil dessen geworden, was er einst dokumentierte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In aktuellen Diskussionen wird Callaghan vorgeworfen, die These zu vertreten, Israel habe Charlie Kirk ermorden lassen. Zuschauer seiner Sendung berichten, sie hätten das Material genau an dieser Stelle abgeschaltet. Tatsächlich gibt es ein Gespräch in dem Callaghan eine krude These ausbreitet, wonach Kirk ermordet wurde um zu sehen was passieren würde wenn Trump ermordet wird und bestätigt dass er diese Theorie für plausibel hält. </p>



<figure class="wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-block-embed-youtube wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio"><div class="wp-block-embed__wrapper">
<iframe title="Is JD Vance the Clavicular of politics?" width="500" height="281" src="https://www.youtube.com/embed/rGnBDQeFBmE?feature=oembed" frameborder="0" allow="accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share" referrerpolicy="strict-origin-when-cross-origin" allowfullscreen></iframe>
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<p class="wp-block-paragraph"><strong>Das wäre schon grotesk genug.</strong> Noch bemerkenswerter ist, dass ausgerechnet<strong> Hunter Biden, </strong>Sohn des ehemaligen US-Präsidenten Joe Biden, inzwischen in einem ähnlichen Milieu auftritt. Im Gespräch mit der rechtsaußen-konservativen Verschwörungspublizistin <strong>Candace Owens</strong>, langjährige Wegstreiterin von Charlie Kirk bei Turning Point USA, stellte er sich hinter deren insistierendes Fragen zur Ermordung Kirks und erklärte, die heftige Kritik dafür, überhaupt Fragen zu stellen, sei absurd. Owens hat wiederholt behauptet, die offizielle Darstellung der Ermordung sei unglaubwürdig und unter anderem eine mögliche israelische Beteiligung ins Spiel gebracht. <strong>Für eine tatsächliche israelische Beteiligung gibt es keinerlei belastbare Belege.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Man muss sich den Irrsinn dieser Konstellation kurz vor Augen führen: Ein ehemals progressiver Dokumentarfilmer und der Sohn eines demokratischen Präsidenten finden sich plötzlich in einem politischen Raum wieder, in dem <strong>Candace Owens, Tucker Carlson</strong> und andere Figuren der amerikanischen Rechten ebenfalls verkehren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Charlie Kirk war kein geschützter Staatschef, kein Geheimagent und kein Mann, dessen Ermordung eine komplizierte internationale Operation vorausgesetzt hätte. Er stand auf einer Bühne, sichtbar und vergleichsweise ungeschützt. Ein einzelner Schütze konnte ihn töten. Genau das ist nach derzeitigem Stand der Anklage geschehen. Gegen Tyler Robinson läuft ein Kapitalmordverfahren; die Staatsanwaltschaft hat unter anderem Videoaufnahmen, DNA-Spuren und weitere Beweismittel präsentiert, die Robinson klar mit dem Schuss in Verbindung bringen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Verschwörung braucht hier also nicht nur Beweise, die fehlen.<em> Sie braucht eine komplizierte Erklärung für einen Vorgang, der überhaupt keine komplizierte Erklärung benötigt.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ist der Punkt, an dem aus Skepsis gegenüber einer Regierung eine Verschwörungstheorie wird. Die USA hat in den letzten 20-30 Jahren einen bemerkenswerten Aufschwung von <em>&#8222;Alternativen Erklärmustern</em>&#8220; hingelegt. In seinem Buch <strong><a href="https://ia800808.us.archive.org/4/items/comparative-studies-in-religion-and-society-michael-barkun-a-culture-of-conspira/%28Comparative%20Studies%20in%20Religion%20and%20Society%29%20Mich%C3%A6l%20Barkun%20-%20A%20Culture%20of%20Conspiracy_%20Apocalyptic%20Visions%20in%20Contemporary%20America-University%20of%20California%20Press%20%282013%29.pdf" target="_blank" rel="noopener">&#8222;A Culture of Conspiracy &#8211; Apocalyptic Visions in Contemporary America&#8220;</a></strong> behandelt und Analysiert Michael Barkun genau diese Bewegungen &#8211; und warum sie die gegenwärtige USA so sehr im Griff haben. </p>



<h2 class="wp-block-heading">Antisemitismus als populäre Strategie &#8211; Links wie Rechts</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Man kann die israelische Regierung scharf kritisieren, Netanjahus Kriegspolitik für verbrecherisch halten. Man kann die Besatzung, Siedlungspolitik, Gaza-Politik, Waffenlieferungen oder die Behandlung der Palästinenser fundamental ablehnen. Der Vorwurf des Völkermords stammt aus dem Bericht der UN-Untersuchungskommission vom September 2025; Der Internationalen Gerichtshof behandelt ein von Südafrika eingebrachtes Verfahren. Der Internationale Strafgerichtshof wiederum hat Haftbefehle unter anderem gegen Netanjahu und Gallant erlassen &#8211; wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. <em>Nichts davon ist antisemitisch.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Behauptung, Israel habe Charlie Kirk ermorden lassen, ist wiederum etwas völlig anderes.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Problem ist nicht die bloße Erwähnung Israels. Das Problem entsteht dort, wo <strong>Israel zur geheimen Erklärung für Ereignisse wird, die sich nicht mehr durch überprüfbare Interessen, Handlungen und Kausalitäten erklären lassen</strong>: Israel kontrolliert Medien, beeinflusst Geheimdienste, beseitigt politische Gegner, steuert Kriege, manipuliert Wahlen und steht hinter Attentaten. Was manchmal stimmen mag ist keine allgemeine Erklärung oder ein verifizierbares Muster. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ist die klassische Struktur des Verschwörungsdenkens: Eine reale Institution oder ein realer Machtfaktor wird zum allmächtigen verborgenen Akteur.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und genau hier kann aus Antizionismus Antisemitismus werden &#8211; nicht bei der Kritik an Israel als Staat, sondern bei der Übertragung klassischer antisemitischer Vorstellungen von einer geheimen jüdischen Macht auf „Israel“, „Zionisten“ oder „Mossad“.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ist eine wichtige Grenze.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Ebenso falsch wäre die Gegenbewegung:</strong> jede Kritik an Israel als Antisemitismus zu behandeln. Gerade diese Gleichsetzung beschädigt den Kampf gegen echten Antisemitismus. Wie umstritten die Definitionsfrage tatsächlich ist, zeigt der Konflikt zwischen der IHRA-Arbeitsdefinition und der Jerusalemer Erklärung zum Antisemitismus, die 2021 von rund 200 Antisemitismus- und Judaistikforschern unterzeichnet wurde &#8211; ausdrücklich deshalb, weil sie die IHRA-Beispiele für unscharf und politisch instrumentalisierbar hielten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hannah Arendt hat zwischen dem religiös grundierten Judenhass älterer Jahrhunderte und dem modernen Antisemitismus unterschieden: einer politischen Ideologie des 19. Jahrhunderts, der man &#8211; anders als dem älteren Judenhass &#8211; durch Assimilation nicht mehr entkommen konnte. Arendt entwickelte diese Unterscheidung, um die Entstehung des Totalitarismus zu erklären, nicht um heutige Definitionsstreitigkeiten zu entscheiden. Überträgt man sie dennoch, folgt daraus: Wer den Begriff dehnt, verliert genau die Trennschärfe, die ihn brauchbar macht. Der Vorwurf verliert sein Spezifikum, und die Öffentlichkeit kann immer schwerer zwischen tatsächlichem Antisemitismus und gewöhnlicher Kritik an israelischer Politik unterscheiden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Israel kann also gleichzeitig Opfer antisemitischer Verschwörungstheorien sein <strong>und selbst durch seine politische Kommunikation dazu beitragen, dass die Grenze zwischen Staatlichem Interesse und jüdischer Identität verwischt wird</strong>.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Der amerikanische Identitätskrieg</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Amerika verliert zunehmend die Fähigkeit, politische Konflikte materialistisch zu beschreiben.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was verdient ein Arbeiter? Wem gehört das Land? Wer besitzt die Wohnungen? Wer profitiert von Monopolen? Warum explodieren Gesundheitskosten? Welche Unternehmen haben welche politischen Interessen? Welche Lobby beeinflusst welche Gesetzgebung? Welche ökonomischen Interessen stehen hinter welcher außenpolitischen Entscheidung?</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Das wären materialistische Fragen &#8211; Stattdessen lautet die Frage immer häufiger:</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Wer steckt dahinter?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Linke hat ihre eigenen Antworten darauf gefunden: <em>Kapitalisten, Zionisten, CIA, Militärindustrie, AIPAC, Epstein-Netzwerke, „the elites“.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Rechte hat ihre eigenen: <em>Globalisten, WEF, Soros, Deep State, Migranten, NGOs, Trans-Lobby, „the elites“.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Und dann treffen sich beide auf bemerkenswerte Weise. Denn sobald die Wirklichkeit nur noch als Kampf verborgener Gruppen verstanden wird, spielt die ideologische Herkunft keine entscheidende Rolle mehr.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die populistische Rechte sagt:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Die Globalisten kontrollieren Amerika.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Die populistische Linke sagt:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Israel und die Militärindustrie kontrollieren Amerika.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Der Verschwörungstheoretiker sagt:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Eine geheime Elite kontrolliert Amerika.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Und alle drei haben denselben <em>epistemischen</em> Fehler begangen: <strong>Sie haben aus komplizierten gesellschaftlichen Prozessen eine handelnde Person gemacht.</strong> <em>Damit wird Politik zur Identität.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Es geht nicht mehr darum, ob eine Aussage wahr ist, sondern <strong>wer sie sagen darf</strong>. Die eigene Gruppe besitzt Wahrheit. Die gegnerische Gruppe besitzt Propaganda. Ein Gegenbeweis wird nicht zum Anlass für Korrektur, sondern zum Beweis dafür, wie mächtig die Gegenseite angeblich ist. Das ist eine politische Sackgasse.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und sie betrifft inzwischen auch Menschen, die einmal als rationale oder progressive Stimmen galten. Callaghan ist dafür ein besonders interessantes Beispiel. Seine Stärke lag ursprünglich darin, Menschen zuzuhören, ohne sie sofort in ein fertiges Schema zu pressen. Nun scheint aus dieser Offenheit teilweise eine epistemische Wehrlosigkeit geworden zu sein: Wer allen zuhört, muss irgendwann auch entscheiden, <strong>welche Behauptungen wahr sind</strong>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das bloße „Ich stelle Fragen“ ist keine journalistische Methode mehr, wenn die Antwort auf jede Frage automatisch eine Verschwörung sein darf.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Exportierte disfunktionale Diskurse</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Hier wird die Sache für uns interessant. Warum importieren europäische Gesellschaften eigentlich so obsessiv amerikanische politische Diskurse?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Antwort ist überraschend banal: <strong>weil sie auf Englisch stattfinden.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Internet ist formal global. Die tatsächlich erfahrene digitale Öffentlichkeit ist es nicht. Ein deutschsprachiger Nutzer bekommt TikToks, Reels, YouTube-Videos und Podcasts aus den USA in einer Größenordnung, die mit der Sichtbarkeit portugiesischer, indischer, brasilianischer, französischer, türkischer oder chinesischer Debatten kaum vergleichbar ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nicht weil die USA notwendigerweise interessanter wären. Sondern weil Englisch die dominante Verkehrssprache des globalen Internets ist. Das erzeugt eine absurde Wahrnehmungsverzerrung:<br>Ein europäischer Teenager sieht amerikanische Debatten über Transpersonen, Rassismus, Abtreibung, Polizeigewalt, Waffen, „White Supremacy“, christlichen Nationalismus oder Israel und erlebt diese Inhalte nicht als <strong>amerikanische Innenpolitik</strong>, sondern als <strong>Teil der digitalen globalen Normalität.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Algorithmus sagt nicht:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Hier ist ein amerikanischer Kulturkampf, der für dein Leben in einer europäischen Provinz möglicherweise völlig irrelevant ist.“</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Er sagt:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Das ist gerade relevant.“</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Und weil der nächste Beitrag ebenfalls aus Amerika kommt, entsteht eine sich selbst verstärkende Illusion. Wir sehen Amerika, bis wir glauben, wir sähen die Welt. Das ist der eigentliche Import der amerikanischen Identitätspolitik.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In meinem vorhergehenden Kommentar behandle ich ähnliche Mechaniken<strong>; <a href="https://www.pesterlloyd.net/das-geschaeft-mit-der-empoerung-wie-politische-influencer-diskurse-zu-marketingzwecken-kapern/">Das Geschäft mit der Empörung – wie politische Influencer Diskurse zu Marketingzwecken kapern</a></strong>. Dort ging es um die ökonomische Verwertung politischer Empörung. <br><strong><br>Im Diskurs <em>Charlie Kirk</em> wird ein amerikanischer Identitätskampf algorithmisch zum europäischen Informationsprodukt.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Identitätspolitik funktioniert dabei besonders gut, weil sie universelle Fragen durch die Perspektive einer vermeintlich privilegierten oder marginalisierten Gruppe betrachtet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Damit wird der politische Diskurs zwangsläufig partikular. Im Zentrum steht immer weniger die Frage, was gerecht oder wahr ist und welche materiellen Interessen hinter einem politischen Konflikt stehen. Stattdessen wird gefragt, was eine Entwicklung „für uns“ bedeutet, aus welcher Position jemand spricht und welcher Identität der Sprecher angehört. Nicht mehr das Argument entscheidet über die Qualität einer Aussage, sondern zunehmend die soziale oder politische Position desjenigen, der sie äußert. Damit verschiebt sich auch die politische Auseinandersetzung: von der Frage nach Interessen und Tatsachen hin zu einem Kampf konkurrierender Identitäten und Deutungshoheiten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Darum ist Identitätspolitik als alleinige politische Methode so gefährlich: <strong>Sie kann keine universelle Gesellschaft mehr denken.</strong></p>



<h2 class="wp-block-heading">Israels Politik als Brandbeschleuniger</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die israelische Regierung verschärft dieses Problem erheblich. Die militärische Gewalt in Gaza, die Besatzung, die Siedlungspolitik, die Behandlung der Palästinenser und die politische Rhetorik der israelischen Regierung liefern reale Gründe für Empörung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gleichzeitig reagiert Israel und reagiert die proisraelische Lobby häufig auf Kritik mit einer immer engeren Verknüpfung von Israel, Zionismus und jüdischer Identität. Selbst dort, wo Kritik tatsächlich legitim ist, entsteht dadurch ein diskursives Vakuum: Wer jeden Vorwurf als Antisemitismus zurückweist, stärkt ungewollt jene, die behaupten, Israel dürfe überhaupt nicht kritisiert werden. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Das ist politisch fatal.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Denn wenn legitime Kritik blockiert wird, verschwindet die Kritik nicht. Sie wandert ins Internet; dort landet sie neben Verschwörungstheorien. Das entschuldigt Antisemitismus nicht;  macht ihn aber politisch erklärbar.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Der düstere Ausblick</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Das vielleicht Beunruhigendste an Amerika ist deshalb nicht, dass die Rechte radikaler wird &#8211; Es ist, dass <strong>die gemeinsame Wirklichkeit zerfällt</strong>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sowohl die Linke als auch die Rechte suhlen sich in Verschwörungstheorien und Idenitätspolitischen Grabenkämpfen &#8211; die universale Perspektive auf Probleme scheint nicht mehr existent. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Amerikanische <em>Tankies</em> können sich wieder an Stalinismus annähern, während ehemals progressive Journalisten in Narrativen über Mossad, Epstein und geheime Machteliten abdriften. Figuren wie Tucker Carlson können plötzlich beinahe rational erscheinen &#8211; nicht weil Carlson rational geworden wäre, sondern weil die Umgebung um ihn herum so weit nach außen driftet dass seine Kritik plötzlich gemäßigt erscheint. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ist der eigentliche Sumpf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es fehlt eine starke materialistische Gegenkraft &#8211; ein rationales Korrektiv der Diskurse &#8211; ein nicht primär durch Social Media exportierter Kulturkampf. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine vernünftige Linke müsste über <em>Eigentum, Löhne, Klassen, Kapital, Monopole, Wohnraum, öffentliche Infrastruktur und Macht </em>reden &#8211; Eine vernünftige Rechte müsste über <em>Staat, Institutionen, Grenzen, Sicherheit, Produktivität und gesellschaftliche Ordnung</em> reden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Stattdessen reden beide darüber, <strong>wer heimlich hinter allem steckt</strong>. Das ist keine Politik mehr, die die Welt erklären will oder sie ändern &#8211; es ist eine Seifenoper. Es ist Politik als Identitätskampf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die USA können sich diesen Luxus eigentlich nicht leisten: Sie sind die militärisch stärkste Macht der Welt, das Zentrum des globalen Finanzsystems, eine der wichtigsten Technologie- und Wissenschaftsmächte und nach wie vor der entscheidende Sicherheitsgarant großer Teile Europas und Asiens.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Wenn ein solcher Staat irrational wird, bleibt seine Irrationalität nicht innerhalb seiner Grenzen.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Politik wird durch Netflix, TikTok, Instagram, Meta, Google, X, Youtube und andere global dominante Informationskanäle exportiert und so zur normativen Wirklichkeit &#8211; auf Englisch, einer Sprache die wir alle verstehen. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ist vielleicht die gefährlichste Form amerikanischer Hegemonie: <strong>Nicht nur amerikanische Macht wird globalisiert, sondern auch amerikanischer Wahnsinn.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die eigentliche Frage aus europäischer Sicht sollte lauten: </p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Können wir aufhören, Amerika mit der Welt zu verwechseln?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Quellen: </strong>Channel 5, All Gas no Brakes, Turning Point USA, &#8222;A culture of Conspiracy&#8220; Michael Barkun (2013)<br><strong>Photo:</strong> Illustration PL</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Das Geschäft mit der Empörung &#8211; wie politische Influencer Diskurse zu Marketingzwecken kapern - Kommentar </title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jasper Reichardt]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 21 Aug 2026 10:07:00 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gesellschaft]]></category>
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					<description><![CDATA[Zwei virale Reels gegen tote progressive K&#252;nstler, viel Emp&#246;rung und ein vollkommen nutzloser Diskurs. &#220;ber eine Entr&#252;stung, die niemanden sch&#252;tzt, aber zuverl&#228;ssig Reichweite abwirft &#8211;&#8230;]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><em>Zwei virale Reels gegen tote progressive Künstler, viel Empörung und ein vollkommen nutzloser Diskurs.</em> <em>Über eine Entrüstung, die niemanden schützt, aber zuverlässig Reichweite abwirft – und über die Frage, warum wir uns kaum weiterbewegen</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Internet/Wien.</strong> Christine Nöstlinger war Antifaschistin. Georg Danzer hat sein Leben lang gegen Unterdrückung in allen Formen gearbeitet. Ludwig Hirsch machte das Verschwiegene und Verdrängte der österreichischen Nachkriegsgesellschaft zum Material seiner Lieder, als das Publikum davon nichts hören wollte. Alle drei sind tot. Alle drei wurden im Sommer 2026 auf Instagram als unabsichtliche Rassisten oder als Pädophilie-Verherrlicher angeklagt &#8211; von Accounts, die sich der progressiven Sache zurechnen und ihre Reichweite gewerblich verwerten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ist kein Kulturkampf zwischen links und rechts. Es ist ein Vorgang innerhalb der Linken, und er verdient eine Antwort von dort. Denn der Schaden trifft nicht die Rechte, die sich über die Sache halbtot lacht. Er trifft den Antirassismus und den Kinderschutz, und zwar messbar.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Angeklagt wurden die eigenen Leute</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Anfang August verlangte die deutsche Bildungsinfluencerin Gina Waibel, bekannt als @frau_waibel, Nöstlinger<em>s Wir pfeifen auf den Gurkenkönig</em> aus dem Schulunterricht zu entfernen. Fünfzehn rassistische Stellen habe sie gezählt, darunter das N-Wort.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Gurkenkönig, erschienen 1972, ist eine Parabel auf autoritäre Herrschaft. Ein anmaßendes Wesen aus dem Keller drängt sich in eine Familie, der Vater unterwirft sich ihm sofort, die Kinder durchschauen ihn. Es ist ein Buch über den kleinbürgerlichen Untertanen, geschrieben von einer Autorin, die im Wien der Nazis in einem dezidiert nationalsozialismusfeindlichen Haushalt aufwuchs. Die diskriminierende Sprache im Text ist mitnichten Haltung der Autorin gewesen &#8211; sie kennzeichnet im Gegenteil die Figuren, die entlarvt werden sollen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Widerspruch kam prompt, und er kam aus Waibels eigener Leserschaft. Florian Klenk, Chefredakteur des Wiener Falter, schrieb, man möge sich mit Werk und Biografie befassen, bevor man solche Vorwürfe erhebe: </p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">&#8222;Christine Nöstlinger ist eine antifaschistische und antirassistische Wiener Autorin.&#8220;</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Entscheidend ist jedoch, dass Nöstlinger sich zu genau dieser Frage längst selbst geäußert hat. In der Debatte um bereinigte Kinderbuchklassiker von 2013 plädierte sie gegenüber Zeit Online und dem Tagesspiegel dafür, die betreffenden Begriffe zu markieren und mit den Kindern zu besprechen, statt sie zu tilgen. Kinder verstünden, dass in einem alten Buch niemand ein Handy besitze; ebenso ließe sich erklären, dass verändertes Bewusstsein veränderte Sprache hervorbringe. <em>Rassismus sei eine Gesinnung, an der sich wenig ändere, wenn man Wörter abschaffe.</em> </p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ist die materialistische Position: Sprache ist Symptom, nicht Ursache. Wer die Verhältnisse ändern will, muss die Verhältnisse angreifen, nicht das Vokabular ihrer Beschreibung. Nöstlinger hat damit dreizehn Jahre vor dem Vorwurf die anspruchsvollere Antwort gegeben &#8211; annotieren, historisieren, den Sprachwandel selbst zum Unterrichtsgegenstand machen. Die Forderung nach Entfernung ist dagegen vulgäre Zensur ohne Erklärung oder progressive Dynamik.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Der Austropop-Fall und eine Zeugin</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Wenige Tage zuvor hatte die Wiener Musikerin Rahel, auf Instagram @radikalrahel, Ludwig Hirschs <em>Spuck den Schnuller </em>aus und Georg Danzers <em>Vorstadtcasanova</em> vorgeworfen, Pädophilie zu zelebrieren; Falco nannte sie misogyn. Als Belege dienten ausgerechnet zwei Lieder, die als besonders kritisch gegenüber der fehlenden Thematisierung von Pädophilie und Misogynnie in der damaligen Gesellschaft gelten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Klenk widersprach auch hier: Hirsch habe Pädophilie nicht zelebriert, sondern thematisiert. Es gehe nicht um die Tarnung von Übergriffen als Kunst, sondern um Kunstfreiheit.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die vernichtendste Antwort aber kam nicht von einem Journalisten. Nicola Werdenigg, ehemalige Skirennläuferin, die 2017 die sexualisierte Gewalt im österreichischen Skisport öffentlich machte und dafür jahrelang angefeindet wurde, meldete sich zu Wort: <em>Sie habe Hirschs Lied als Befreiung vom andauernden Schweigen empfunden.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Damit ist das Verfahren beschrieben. Ein Werk, das Betroffenen eine Sprache gab, wird im Namen von Betroffenen angeklagt &#8211; und die tatsächlich Betroffene muss es verteidigen. Wer #MeToo ernst nimmt, muss diesen Satz aushalten.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Was Rahel richtig gemacht hat</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Und dann geschah etwas, das in diesem Geschäft selten ist. Rahel korrigierte. Im <em>Standard</em> nannte sie ihr Video einen Schnellschuss und erklärte, sie sei froh über die Richtigstellung. An ihrem allgemeinen Befund, Sexismus sei im Austropop ein Thema, hielt sie fest &#8211; was niemand bestreiten muss, der die Siebzigerjahre kennt. Ihrem Beitrag fügte sie eine Notiz über die unzureichende Recherche an, statt ihn stillschweigend zu löschen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das verdient Respekt ohne Fußnote. Öffentlich einen Irrtum einzuräumen kostet in der Aufmerksamkeitsökonomie unmittelbar Substanz: Glaubwürdigkeit als Anklägerin, Autorität gegenüber der Gefolgschaft, meist auch Reichweite. Wer das tut, handelt zumeist gegen das eigene Geschäftsinteresse.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nur war die ursprüngliche Aktion deshalb wahrscheinlich noch kein Zufall. Sie war das erwartbare Produkt eines Formats. Die Empfehlungsalgorithmen belohnen Verweildauer und Interaktion; ein Beitrag, dem alle zustimmen, ist ökonomisch uninteressant, ein Beitrag, über den gestritten wird, ein Vermögenswert. So funktioniert der <em><strong>Ragebait</strong></em>. Das Reel erzwingt die zugespitzte Behauptung in dreißig Sekunden &#8211; Entstehungszeit, ironische Brechung, Perspektivwechsel im Text passen dort nicht hinein. Was hineinpasst, ist der Vorwurf.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Man muss also niemandem böse Absicht unterstellen, um zu erklären, wie ein solches Video entsteht. </em>Es entsteht, weil jede Person in dieser Position denselben Anreizen unterliegt und die Mehrheit ihnen folgt. Der Fehler war persönlich, die Struktur, die ihn hervorbringt, ist es nicht. Das ist keine Entlastung, sondern die schwerere Anklage: Sie zeigt nicht auf eine Person, sondern auf ein Verwertungssystem, dem inzwischen ein großer Teil des politischen Sprechens unterworfen ist &#8211; <em><strong>Instagram und TikTok sind a priori ein toxisches Format.</strong></em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Rahels Korrektur zeigt dass man zumindest gut reparieren kann -Sie macht sichtbar, was im zweiten Fall unterblieben ist.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Warum die Toten das ideale Ziel sind</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Verstorbene Künstler sind für dieses Geschäft der optimale Rohstoff, aus vier Gründen zugleich.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie widersprechen nicht. Keine Gegendarstellung, keine Klage, kein unangenehmes Interview, in dem der Beschuldigte den eigenen Text erklärt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie sind bekannt. <strong>Nöstlinger, Hirsch, Danzer</strong> und <strong>Falco</strong> sind kanonisiert; ihre Namen garantieren Aufmerksamkeit, die kein lebender, unbekannter Gegner erzeugen würde.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sie sind geliebt. Deshalb ist der Widerspruch garantiert &#8211; und mit ihm die zweite, größere Welle. Der empörte Kommentarstrang ist nicht der Kollateralschaden der Aktion, er ist ihr Produkt.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Und sie sind rechtlich ungefährlich. </strong>Der postmortale Persönlichkeitsschutz ist schwach, ein Erbenprozess unwahrscheinlich. Lebende Künstler würden vermutlich Klagen wenn ihnen fälschlicherweise Rassismus unterstellt wird oder gar, Pädophilie zu verherrlichen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Darin liegt die politische Pointe. Der Angriff richtet sich nach hinten, nie nach oben. Ein Kultusministerium klagt zurück. Ein Schulträger hat eine Pressestelle. Eine tote Kinderbuchautorin hat nichts.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Der Betrieb</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Gina Waibel wird von der Agentur Gräfensteiner Management vertreten, die sie als &#8222;engagierte Lehrerin und Bildungsinfluencerin&#8220; führt &#8211; im Präsens, obwohl Waibel den aktiven Schuldienst nach eigenen Angaben verlassen hat. Der Beruf, den sie nicht mehr ausübt, bleibt der Beglaubigungsrahmen der Marke: Er verleiht der Kritik fachliche Autorität.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Parallel verkauft sie derzeit ihr Buch &#8222;Schule, aber stabil&#8220; und betreit den Onlineshop frauwaibelshop.de mit Stickern und Merchandise, Newsletter-Rabattcodes und Versandkostenfreiheit ab fünfzig Euro, dazu Fortbildungen, Auftritte und Produktkooperationen im laufenden Feed. Frau Waibel bewirkt auf ihrem Instagram Kanal unter anderem halal-zertifizierten Fruchtgummi &#8211; empfohlen als Beitrag zu einem Klassenzimmer, in dem <em>alle Kinder</em> mitnaschen können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">An dem Produkt ist nichts auszusetzen, und niemand sollte sich daran stören, dass muslimische Kinder auch Gummibärchen naschen. Bemerkenswert ist, was mit der Inklusion geschieht, sobald sie zur Sortimentsfrage wird: Sie hört auf, eine Frage an die Verhältnisse zu sein, und wird zur Kaufentscheidung. <strong><em>Wer die richtigen Gummibärchen bestellt, hat das Seinige getan.</em></strong> Die Sache hat überdies einen Haken, der die Logik entlarvt &#8211; Halal-Gelatine ist Gelatine, also ein Schlachtnebenprodukt. Das als inklusiv beworbene Naschwerk schließt vegetarisch und vegan lebende Kinder weiterhin aus. Nur bilden die keine identitätspolitisch adressierbare Zielgruppe in diesem Moment und stehen deshalb nicht im Angebot. Inklusion reicht exakt so weit wie eine Marktnische.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dazu kommt die Formsprache, und sie ist kein Beiwerk, sondern Produktionsmittel. Antirassistische Aufklärung erscheint auf diesen Kanälen in derselben Bildregie wie Kosmetikwerbung: weiches Licht, enger Ausschnitt, Schnittfrequenz für den Algorithmus, dazu die Zeichensprache des Lifestyle-Segments. Der Shop-Newsletter verspricht „geheime Rabattcodes <img src="https://s.w.org/images/core/emoji/17.0.2/72x72/1f485.png" alt="💅" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" /><img src="https://s.w.org/images/core/emoji/17.0.2/72x72/1f92b.png" alt="🤫" class="wp-smiley" style="height: 1em; max-height: 1em;" />&#8220;; der Nagellack-Emoji ist keine Laune, er ist eine Zielgruppenadresse. Sarah Banet-Weiser hat diesen Mechanismus für den Popfeminismus beschrieben: Zirkulation gewinnen jene Varianten, die sich am leichtesten in Ware übersetzen lassen &#8211; die gut aussehen, die ins Raster passen, die neben einem Produkt stehen können. Die Varianten, die Geld, Personal und Arbeitszeit verlangen, haben diesen Vorteil nicht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Damit ist die Doppelbindung benannt, und man sollte sie aussprechen, statt sie als Charakterfrage zu verhandeln. Waibel hat einen unterbezahlten, chronisch unterausgestatteten Beruf verlassen, in dem sie sich im Stich gelassen sah. Dass sie ihre Reichweite verwertet, ist kein moralisches Versagen, sondern ein verfügbares Geschäftsmodell für jemanden in ihrer Lage. Eine Forderung nach Entfernung eines Kinderbuchs liefert. Eine sechsteilige Erklärstrecke über kommunale Schulfinanzierung liefert nicht so direkt. Es geht darum welche Formen politischer Rede der Markt auswählt, und er wählt jene, die ein Produkt tragen können.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Pester Lloyd hat Waibel und ihrem Management am 5. August 2026 einen Fragenkatalog vorgelegt: zur Begründung des Rassismusvorwurfs, zum Interessenkonflikt zwischen Aktivismus und Reichweitenverwertung, zur Verantwortung gegenüber jugendlichem Publikum, zum Status als Lehrkraft und zur wirtschaftlichen Größenordnung von Shop und Kooperationen. Eine Antwort der Agentur ist zwar; aber eine Stellungnahme von Gina Waibel bis Redaktionsschluss nicht eingegangen. Über Umsätze liegen uns daher keine Zahlen vor; wir behaupten keine.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Das Vampirschloss und sein Franchise</h2>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Mark Fisher</strong> war einer der schärfsten Diagnostiker des <em>Spätkapitalismus</em> und hat 2013 einen Text geschrieben, der dieser Empörungsökonomie wie eine Vorwegnahme liest. E<em>xiting the Vampire Castle</em> beschreibt eine linke Netzöffentlichkeit, die ihre Energie nicht mehr gegen das Kapital richtet, sondern gegen die eigenen Leute &#8211; ein Milieu, das aus dem Aufspüren von Verfehlungen bei Verbündeten seine Identität bezieht. Den zugrundeliegenden Impuls nannte Fisher priesterlich: die <em>Lust an Verurteilung und Exkommunikation</em>, verkleidet als Analyse. <br><br>Der Nöstlinger-Eklat ist dessen kommerzialisierte Fassung. Der priesterliche Reflex wurde nicht überwunden, sondern monetarisiert; der Ablasshandel hat jetzt einen Onlineshop.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Möglich wurde das durch eine Verschiebung, die <strong>Nancy Fraser </strong>beschrieben hat: von der Umverteilung zur Anerkennung. Fraser hat nie bestritten, dass Anerkennung notwendig ist. Ihr Einwand war, dass sie die Umverteilung ersetzte statt sie zu ergänzen &#8211; und dass in dieser Lücke wuchs, was sie später <em>progressiven Neoliberalismus</em> nannte: ein Bündnis aus emanzipatorischer Symbolik und unangetasteten Eigentumsverhältnissen. Greenwashing, Pinkwashing &#8211; Des Kaisers neue Kleider. Die eigentliche Frage nach den Wurzeln von Rassismus verschwindet, das Vokabular der Befreiung bleibt und wird werbetauglich. <strong>Olúfẹ́mi Táíwò </strong>hat für den nächsten Schritt den Begriff der <em>elite capture </em>geliefert: Identitätsdiskurse werden regelmäßig von den privilegiertesten Angehörigen einer benannten Gruppe übernommen und so geführt, dass sie deren Interessen dienen, nicht denen, in deren Namen gesprochen wird. <br><br><strong>Die Auseinandersetzung über Rassismus wandert vom Wohnungsmarkt, vom Sozialsystem und Bildungssystem zur verkürzten Frage, welches Kinderbuch im Regal stehen darf</strong>.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Slavoj Žižek</strong> hat die Konsumseite dieser Bewegung benannt: den entkoffeinierten Anderen, das Fremde befreit von allem, was tatsächlich stört, überführt in Sortiment und Sortierung. Sein weiterreichender Einwand trifft den Kern: Je nachdrücklicher auf partikularer Identität bestanden wird, desto gründlicher wird der Einzelne auf eben jene Zuschreibung festgelegt, von der er befreit werden sollte. <strong>Emanzipation heißt nicht, dass Weiße weiß und Schwarze schwarz denken, sondern dass keine dieser Zuschreibungen über Rechte entscheidet &#8211; </strong>auch nicht in wohlmeinender Absicht. Dass die Kulturindustrie noch ihre eigene Kritik in Ware verwandelt, wussten Adorno und Horkheimer schon 1947.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Wie weit das trägt, zeigt der Vorwurf, der Klenk in der Auseinandersetzung entgegengehalten wurde: Seine Position sei Ausdruck von <em><strong>White Fragility</strong></em>, nach der US-Autorin <strong>Robin DiAngelo </strong>die defensive Reaktion weißer Menschen auf Rassismuskritik. Der Einwand ist unwiderlegbar konstruiert &#8211; wer widerspricht, bestätigt ihn, wer schweigt, stimmt zu. Ein Argument, das jede Erwiderung als Beleg verbucht, ist kein Argument, sondern ein Verfahren zur Beendigung von Gesprächen. In einer Debatte über die Deutung eines Kinderbuchs hat es so nichts verloren. Zur Diskussion steht primär, was in dem Buch steht, nicht <em>wer es liest.</em><br><br>Wer diesen Begriff gegen einen progressiven Journalisten in Stellung bringt, importiert nicht Radikalität, sondern das Vokabular der Personalabteilung.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Eine rechte Methode, und wer davon profitiert</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Es lohnt sich, die Forderung selbst anzusehen, unabhängig von ihrer Begründung. Ein Buch soll aus Unterricht und Schulbibliothek verschwinden, weil einzelne Passagen als verletzend gelten. Dieses Verfahren ist der Linken nicht fremd, weil sie es anwendet, sondern weil sie sein Opfer ist. In Florida, Texas und einer Reihe weiterer US-Bundesstaaten fliegen<strong> Toni Morrison, Maya Angelou </strong>und <strong>Art Spiegelman</strong> aus den Regalen, mit exakt derselben Begründungsfigur: <em>Der Text könnte Schülerinnen und Schüler verstören.</em> Die Form ist identisch, nur das Vorzeichen wechselt.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dabei ist der Befund, von dem Waibel ausgeht, nicht falsch. Rassismus an deutschen und österreichischen Schulen existiert und ist ein gesamtgesellschaftliches Problem. Sie hat darüber Dinge gesagt, die stimmen und die man ungern hört: dass Diskriminierung selten mit Beleidigungen beginnt, dass Lehrkräfte sie oft nicht erkennen, dass Kinder mit arabisch klingenden Nachnamen anders beurteilt werden. Sie hat dafür Anfeindungen einstecken müssen, ihre Videos wurden von einem AfD-Abgeordneten gegen sie verwendet, rechte Onlineportale haben sie zur Zielscheibe gemacht.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Dieselben Portale feiern nun den Gurkenkönig-Fall. Auf <em><strong>unzensuriert</strong></em> und im <em><strong>eXXpress</strong></em> liest man dieser Tage genüsslich, wie die <em>woke Blase </em>sich selbst zerlege. Das ist keine Randnotiz, das ist der Ertrag der Aktion: Sie hat der Rechten geliefert, was diese sich selbst nie hätte herstellen können &#8211; einen Fall, in dem eine Antirassismus-Referentin eine Antifaschistin des Rassismus bezichtigt und von der eigenen Anhängerschaft korrigiert wird.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Was es kostet</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Jeder Vorwurf, der sich als unhaltbar erweist, wird zur Munition gegen alle folgenden, auch die berechtigten. Nach dem Gurkenkönig wird die nächste dokumentierte Diskriminierung an einer Schule schwerer durchdringen. Nach &#8222;Spuck den Schnuller aus&#8220; wird der nächste ernsthafte Hinweis auf sexualisierte Gewalt im Kulturbetrieb ein Achselzucken mehr überwinden müssen. Es gibt keine Empörung ohne Kosten; sie werden nur nicht von denen getragen, die sie auslösen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und niemand ist geschützt worden. Kein Kind ist vor einem Übergriff bewahrt worden, weil Ludwig Hirsch posthum angeklagt wurde. Kein Schüler hat weniger Rassismus erlebt, weil Christine Nöstlinger aus einer Bibliothek verschwinden soll. Die einzige messbare Wirkung ist Reichweite, und Reichweite ist in diesem Geschäft eine Währung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Ein Tauschgeschäft: politische Glaubwürdigkeit gegen Aufmerksamkeit, ausgezahlt in Rabattcodes. Diese Strategie ist schlecht. Am schlechtesten für jene, die sie anbieten, und für die Sache, in deren Namen sie es tun.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Eine Stellungnahme von Gina Waibel ist trotz schriftlicher Anfrage und gesetzter Frist bis zum Redaktionsschluss nicht eingegangen. Die Redaktion veröffentlicht sie im Nachgang</em>, <em>falls sie noch eintrifft.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Quellen:</strong> Der Standard, Kurier, Krone, oe24, heute.at, FM4/ORF, taz, Zeit Online (2013), unzensuriert, eXXpress, Wikipedia, Gräfensteiner Management, frauwaibelshop.de, eigene Anfrage der Redaktion</p>



<p class="wp-block-paragraph">Mark Fisher, Exiting the Vampire Castle (2013); Nancy Fraser, From Redistribution to Recognition? (1995) und Progressive Neoliberalism versus Reactionary Populism (2017); Olúfẹ́mi O. Táíwò, Elite Capture (2022); Sarah Banet-Weiser, Empowered (2018); Slavoj Zizek, Multikulturalismus oder die kulturelle Logik des multinationalen Kapitalismus (1997); Horkheimer/Adorno, Dialektik der Aufklärung (1947)</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Photo: </strong>Illustration des Pester Lloyd &#8211; keine real existierenden Personen abgebildet</p>
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