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Das Geschäft mit der Empörung – wie politische Influencer Diskurse zu Marketingzwecken kapern - Kommentar

Zwei Kampagnen gegen tote linke Künstler, viel Empörung und ein vollkommen nutzloser Diskurs. Über eine Entrüstung, die niemanden schützt, aber zuverlässig Reichweite abwirft – und über die Frage, warum wir uns kaum weiterbewegen

Internet/Wien. Christine Nöstlinger war Antifaschistin. Georg Danzer hat sein Leben lang gegen Unterdrückung in allen Formen gearbeitet. Ludwig Hirsch machte das Verschwiegene und Verdrängte der österreichischen Nachkriegsgesellschaft zum Material seiner Lieder, als das Publikum davon nichts hören wollte. Alle drei sind tot. Alle drei wurden im Sommer 2026 auf Instagram als unabsichtliche Rassisten oder als Pädophilie-Verherrlicher angeklagt – von Accounts, die sich der progressiven Sache zurechnen und ihre Reichweite gewerblich verwerten.

Das ist kein Kulturkampf zwischen links und rechts. Es ist ein Vorgang innerhalb der Linken, und er verdient eine Antwort von dort. Denn der Schaden trifft nicht die Rechte, die sich über die Sache halbtot lacht. Er trifft den Antirassismus und den Kinderschutz, und zwar messbar.

Angeklagt wurden die eigenen Leute

Anfang August verlangte die deutsche Bildungsinfluencerin Gina Waibel, bekannt als @frau_waibel, Nöstlingers Wir pfeifen auf den Gurkenkönig aus dem Schulunterricht zu entfernen. Fünfzehn rassistische Stellen habe sie gezählt, darunter das N-Wort.

Der Gurkenkönig, erschienen 1972, ist eine Parabel auf autoritäre Herrschaft. Ein anmaßendes Wesen aus dem Keller drängt sich in eine Familie, der Vater unterwirft sich ihm sofort, die Kinder durchschauen ihn. Es ist ein Buch über den kleinbürgerlichen Untertanen, geschrieben von einer Autorin, die im Wien der Nazis in einem dezidiert nationalsozialismusfeindlichen Haushalt aufwuchs. Die diskriminierende Sprache im Text ist mitnichten Haltung der Autorin gewesen – sie kennzeichnet im Gegenteil die Figuren, die entlarvt werden sollen.

Der Widerspruch kam prompt, und er kam aus Waibels eigener Leserschaft. Florian Klenk, Chefredakteur des Wiener Falter, schrieb, man möge sich mit Werk und Biografie befassen, bevor man solche Vorwürfe erhebe:

„Christine Nöstlinger ist eine antifaschistische und antirassistische Wiener Autorin.“

Entscheidend ist jedoch, dass Nöstlinger sich zu genau dieser Frage längst selbst geäußert hat. In der Debatte um bereinigte Kinderbuchklassiker von 2013 plädierte sie gegenüber Zeit Online und dem Tagesspiegel dafür, die betreffenden Begriffe zu markieren und mit den Kindern zu besprechen, statt sie zu tilgen. Kinder verstünden, dass in einem alten Buch niemand ein Handy besitze; ebenso ließe sich erklären, dass verändertes Bewusstsein veränderte Sprache hervorbringe. Rassismus sei eine Gesinnung, an der sich wenig ändere, wenn man Wörter abschaffe.

Das ist die materialistische Position: Sprache ist Symptom, nicht Ursache. Wer die Verhältnisse ändern will, muss die Verhältnisse angreifen, nicht das Vokabular ihrer Beschreibung. Nöstlinger hat damit dreizehn Jahre vor dem Vorwurf die anspruchsvollere Antwort gegeben – annotieren, historisieren, den Sprachwandel selbst zum Unterrichtsgegenstand machen. Die Forderung nach Entfernung ist dagegen vulgäre Zensur ohne Erklärung oder progressive Dynamik.

Der Austropop-Fall und eine Zeugin

Wenige Tage zuvor hatte die Wiener Musikerin Rahel, auf Instagram @radikalrahel, Ludwig Hirschs Spuck den Schnuller aus und Georg Danzers Vorstadtcasanova vorgeworfen, Pädophilie zu zelebrieren; Falco nannte sie misogyn. Als Belege dienten ausgerechnet zwei Lieder, die als besonders kritisch gegenüber der fehlenden Thematisierung von Pädophilie und Misogynnie in der damaligen Gesellschaft gelten.

Klenk widersprach auch hier: Hirsch habe Pädophilie nicht zelebriert, sondern thematisiert. Es gehe nicht um die Tarnung von Übergriffen als Kunst, sondern um Kunstfreiheit.

Die vernichtendste Antwort aber kam nicht von einem Journalisten. Nicola Werdenigg, ehemalige Skirennläuferin, die 2017 die sexualisierte Gewalt im österreichischen Skisport öffentlich machte und dafür jahrelang angefeindet wurde, meldete sich zu Wort: Sie habe Hirschs Lied als Befreiung vom andauernden Schweigen empfunden.

Damit ist das Verfahren beschrieben. Ein Werk, das Betroffenen eine Sprache gab, wird im Namen von Betroffenen angeklagt – und die tatsächlich Betroffene muss es verteidigen. Wer #MeToo ernst nimmt, muss diesen Satz aushalten.

Was Rahel richtig gemacht hat

Und dann geschah etwas, das in diesem Geschäft selten ist. Rahel korrigierte. Im Standard nannte sie ihr Video einen Schnellschuss und erklärte, sie sei froh über die Richtigstellung. An ihrem allgemeinen Befund, Sexismus sei im Austropop ein Thema, hielt sie fest – was niemand bestreiten muss, der die Siebzigerjahre kennt. Ihrem Beitrag fügte sie eine Notiz über die unzureichende Recherche an, statt ihn stillschweigend zu löschen.

Das verdient Respekt ohne Fußnote. Öffentlich einen Irrtum einzuräumen kostet in der Aufmerksamkeitsökonomie unmittelbar Substanz: Glaubwürdigkeit als Anklägerin, Autorität gegenüber der Gefolgschaft, meist auch Reichweite. Wer das tut, handelt zumeist gegen das eigene Geschäftsinteresse.

Nur war die ursprüngliche Aktion deshalb wahrscheinlich noch kein Zufall. Sie war das erwartbare Produkt eines Formats. Die Empfehlungsalgorithmen belohnen Verweildauer und Interaktion; ein Beitrag, dem alle zustimmen, ist ökonomisch uninteressant, ein Beitrag, über den gestritten wird, ein Vermögenswert. So funktioniert der Ragebait. Das Reel erzwingt die zugespitzte Behauptung in dreißig Sekunden – Entstehungszeit, ironische Brechung, Perspektivwechsel im Text passen dort nicht hinein. Was hineinpasst, ist der Vorwurf.

Man muss also niemandem böse Absicht unterstellen, um zu erklären, wie ein solches Video entsteht. Es entsteht, weil jede Person in dieser Position denselben Anreizen unterliegt und die Mehrheit ihnen folgt. Der Fehler war persönlich, die Struktur, die ihn hervorbringt, ist es nicht. Das ist keine Entlastung, sondern die schwerere Anklage: Sie zeigt nicht auf eine Person, sondern auf ein Verwertungssystem, dem inzwischen ein großer Teil des politischen Sprechens unterworfen ist – Instagram und TikTok sind a priori ein toxisches Format.

Rahels Korrektur zeigt dass man zumindest gut reparieren kann -Sie macht sichtbar, was im zweiten Fall unterblieben ist.

Warum die Toten das ideale Ziel sind

Verstorbene Künstler sind für dieses Geschäft der optimale Rohstoff, aus vier Gründen zugleich.

Sie widersprechen nicht. Keine Gegendarstellung, keine Klage, kein unangenehmes Interview, in dem der Beschuldigte den eigenen Text erklärt.

Sie sind bekannt. Nöstlinger, Hirsch, Danzer und Falco sind kanonisiert; ihre Namen garantieren Aufmerksamkeit, die kein lebender, unbekannter Gegner erzeugen würde.

Sie sind geliebt. Deshalb ist der Widerspruch garantiert – und mit ihm die zweite, größere Welle. Der empörte Kommentarstrang ist nicht der Kollateralschaden der Aktion, er ist ihr Produkt.

Und sie sind rechtlich ungefährlich. Der postmortale Persönlichkeitsschutz ist schwach, ein Erbenprozess unwahrscheinlich. Lebende Künstler würden vermutlich Klagen wenn ihnen fälschlicherweise Rassismus unterstellt wird oder gar, Pädophilie zu verherrlichen.

Darin liegt die politische Pointe. Der Angriff richtet sich nach hinten, nie nach oben. Ein Kultusministerium klagt zurück. Ein Schulträger hat eine Pressestelle. Eine tote Kinderbuchautorin hat nichts.

Der Betrieb

Gina Waibel wird von der Agentur Gräfensteiner Management vertreten, die sie als „engagierte Lehrerin und Bildungsinfluencerin“ führt – im Präsens, obwohl Waibel den aktiven Schuldienst nach eigenen Angaben verlassen hat. Der Beruf, den sie nicht mehr ausübt, bleibt der Beglaubigungsrahmen der Marke: Er verleiht der Kritik fachliche Autorität.

Parallel verkauft sie derzeit ihr Buch „Schule, aber stabil“ und betreit den Onlineshop frauwaibelshop.de mit Stickern und Merchandise, Newsletter-Rabattcodes und Versandkostenfreiheit ab fünfzig Euro, dazu Fortbildungen, Auftritte und Produktkooperationen im laufenden Feed. Frau Waibel bewirkt auf ihrem Instagram Kanal unter anderem halal-zertifizierten Fruchtgummi – empfohlen als Beitrag zu einem Klassenzimmer, in dem alle Kinder mitnaschen können.

An dem Produkt ist nichts auszusetzen, und niemand sollte sich daran stören, dass muslimische Kinder auch Gummibärchen naschen. Bemerkenswert ist, was mit der Inklusion geschieht, sobald sie zur Sortimentsfrage wird: Sie hört auf, eine Frage an die Verhältnisse zu sein, und wird zur Kaufentscheidung. Wer die richtigen Gummibärchen bestellt, hat das Seinige getan. Die Sache hat überdies einen Haken, der die Logik entlarvt – Halal-Gelatine ist Gelatine, also ein Schlachtnebenprodukt. Das als inklusiv beworbene Naschwerk schließt vegetarisch und vegan lebende Kinder weiterhin aus. Nur bilden die keine identitätspolitisch adressierbare Zielgruppe in diesem Moment und stehen deshalb nicht im Angebot. Inklusion reicht exakt so weit wie eine Marktnische.

Dazu kommt die Formsprache, und sie ist kein Beiwerk, sondern Produktionsmittel. Antirassistische Aufklärung erscheint auf diesen Kanälen in derselben Bildregie wie Kosmetikwerbung: weiches Licht, enger Ausschnitt, Schnittfrequenz für den Algorithmus, dazu die Zeichensprache des Lifestyle-Segments. Der Shop-Newsletter verspricht „geheime Rabattcodes 💅🤫“; der Nagellack-Emoji ist keine Laune, er ist eine Zielgruppenadresse. Sarah Banet-Weiser hat diesen Mechanismus für den Popfeminismus beschrieben: Zirkulation gewinnen jene Varianten, die sich am leichtesten in Ware übersetzen lassen – die gut aussehen, die ins Raster passen, die neben einem Produkt stehen können. Die Varianten, die Geld, Personal und Arbeitszeit verlangen, haben diesen Vorteil nicht.

Damit ist die Doppelbindung benannt, und man sollte sie aussprechen, statt sie als Charakterfrage zu verhandeln. Waibel hat einen unterbezahlten, chronisch unterausgestatteten Beruf verlassen, in dem sie sich im Stich gelassen sah. Dass sie ihre Reichweite verwertet, ist kein moralisches Versagen, sondern ein verfügbares Geschäftsmodell für jemanden in ihrer Lage. Eine Forderung nach Entfernung eines Kinderbuchs liefert. Eine sechsteilige Erklärstrecke über kommunale Schulfinanzierung liefert nicht so direkt. Es geht darum welche Formen politischer Rede der Markt auswählt, und er wählt jene, die ein Produkt tragen können.

Der Pester Lloyd hat Waibel und ihrem Management am 5. August 2026 einen Fragenkatalog vorgelegt: zur Begründung des Rassismusvorwurfs, zum Interessenkonflikt zwischen Aktivismus und Reichweitenverwertung, zur Verantwortung gegenüber jugendlichem Publikum, zum Status als Lehrkraft und zur wirtschaftlichen Größenordnung von Shop und Kooperationen. Eine Antwort der Agentur ist zwar; aber eine Stellungnahme von Gina Waibel bis Redaktionsschluss nicht eingegangen. Über Umsätze liegen uns daher keine Zahlen vor; wir behaupten keine.

Das Vampirschloss und sein Franchise

Mark Fisher war einer der schärfsten Diagnostiker des Spätkapitalismus und hat 2013 einen Text geschrieben, der dieser Empörungsökonomie wie eine Vorwegnahme liest. Exiting the Vampire Castle beschreibt eine linke Netzöffentlichkeit, die ihre Energie nicht mehr gegen das Kapital richtet, sondern gegen die eigenen Leute – ein Milieu, das aus dem Aufspüren von Verfehlungen bei Verbündeten seine Identität bezieht. Den zugrundeliegenden Impuls nannte Fisher priesterlich: die Lust an Verurteilung und Exkommunikation, verkleidet als Analyse.

Der Nöstlinger-Eklat ist dessen kommerzialisierte Fassung. Der priesterliche Reflex wurde nicht überwunden, sondern monetarisiert; der Ablasshandel hat jetzt einen Onlineshop.

Möglich wurde das durch eine Verschiebung, die Nancy Fraser beschrieben hat: von der Umverteilung zur Anerkennung. Fraser hat nie bestritten, dass Anerkennung notwendig ist. Ihr Einwand war, dass sie die Umverteilung ersetzte statt sie zu ergänzen – und dass in dieser Lücke wuchs, was sie später progressiven Neoliberalismus nannte: ein Bündnis aus emanzipatorischer Symbolik und unangetasteten Eigentumsverhältnissen. Greenwashing, Pinkwashing – Des Kaisers neue Kleider. Die eigentliche Frage nach den Wurzeln von Rassismus verschwindet, das Vokabular der Befreiung bleibt und wird werbetauglich. Olúfẹ́mi Táíwò hat für den nächsten Schritt den Begriff der elite capture geliefert: Identitätsdiskurse werden regelmäßig von den privilegiertesten Angehörigen einer benannten Gruppe übernommen und so geführt, dass sie deren Interessen dienen, nicht denen, in deren Namen gesprochen wird.

Die Auseinandersetzung über Rassismus wandert vom Wohnungsmarkt, vom Sozialsystem und Bildungssystem zur verkürzten Frage, welches Kinderbuch im Regal stehen darf.

Slavoj Žižek hat die Konsumseite dieser Bewegung benannt: den entkoffeinierten Anderen, das Fremde befreit von allem, was tatsächlich stört, überführt in Sortiment und Sortierung. Sein weiterreichender Einwand trifft den Kern: Je nachdrücklicher auf partikularer Identität bestanden wird, desto gründlicher wird der Einzelne auf eben jene Zuschreibung festgelegt, von der er befreit werden sollte. Emanzipation heißt nicht, dass Weiße weiß und Schwarze schwarz denken, sondern dass keine dieser Zuschreibungen über Rechte entscheidet – auch nicht in wohlmeinender Absicht. Dass die Kulturindustrie noch ihre eigene Kritik in Ware verwandelt, wussten Adorno und Horkheimer schon 1947.

Wie weit das trägt, zeigt der Vorwurf, der Klenk in der Auseinandersetzung entgegengehalten wurde: Seine Position sei Ausdruck von White Fragility, nach der US-Autorin Robin DiAngelo die defensive Reaktion weißer Menschen auf Rassismuskritik. Der Einwand ist unwiderlegbar konstruiert – wer widerspricht, bestätigt ihn, wer schweigt, stimmt zu. Ein Argument, das jede Erwiderung als Beleg verbucht, ist kein Argument, sondern ein Verfahren zur Beendigung von Gesprächen. In einer Debatte über die Deutung eines Kinderbuchs hat es so nichts verloren. Zur Diskussion steht primär, was in dem Buch steht, nicht wer es liest.

Wer diesen Begriff gegen einen progressiven Journalisten in Stellung bringt, importiert nicht Radikalität, sondern das Vokabular der Personalabteilung.

Eine rechte Methode, und wer davon profitiert

Es lohnt sich, die Forderung selbst anzusehen, unabhängig von ihrer Begründung. Ein Buch soll aus Unterricht und Schulbibliothek verschwinden, weil einzelne Passagen als verletzend gelten. Dieses Verfahren ist der Linken nicht fremd, weil sie es anwendet, sondern weil sie sein Opfer ist. In Florida, Texas und einer Reihe weiterer US-Bundesstaaten fliegen Toni Morrison, Maya Angelou und Art Spiegelman aus den Regalen, mit exakt derselben Begründungsfigur: Der Text könnte Schülerinnen und Schüler verstören. Die Form ist identisch, nur das Vorzeichen wechselt.

Dabei ist der Befund, von dem Waibel ausgeht, nicht falsch. Rassismus an deutschen und österreichischen Schulen existiert und ist ein gesamtgesellschaftliches Problem. Sie hat darüber Dinge gesagt, die stimmen und die man ungern hört: dass Diskriminierung selten mit Beleidigungen beginnt, dass Lehrkräfte sie oft nicht erkennen, dass Kinder mit arabisch klingenden Nachnamen anders beurteilt werden. Sie hat dafür Anfeindungen einstecken müssen, ihre Videos wurden von einem AfD-Abgeordneten gegen sie verwendet, rechte Onlineportale haben sie zur Zielscheibe gemacht.

Dieselben Portale feiern nun den Gurkenkönig-Fall. Auf unzensuriert und im eXXpress liest man dieser Tage genüsslich, wie die woke Blase sich selbst zerlege. Das ist keine Randnotiz, das ist der Ertrag der Aktion: Sie hat der Rechten geliefert, was diese sich selbst nie hätte herstellen können – einen Fall, in dem eine Antirassismus-Referentin eine Antifaschistin des Rassismus bezichtigt und von der eigenen Anhängerschaft korrigiert wird.

Was es kostet

Jeder Vorwurf, der sich als unhaltbar erweist, wird zur Munition gegen alle folgenden, auch die berechtigten. Nach dem Gurkenkönig wird die nächste dokumentierte Diskriminierung an einer Schule schwerer durchdringen. Nach „Spuck den Schnuller aus“ wird der nächste ernsthafte Hinweis auf sexualisierte Gewalt im Kulturbetrieb ein Achselzucken mehr überwinden müssen. Es gibt keine Empörung ohne Kosten; sie werden nur nicht von denen getragen, die sie auslösen.

Und niemand ist geschützt worden. Kein Kind ist vor einem Übergriff bewahrt worden, weil Ludwig Hirsch posthum angeklagt wurde. Kein Schüler hat weniger Rassismus erlebt, weil Christine Nöstlinger aus einer Bibliothek verschwinden soll. Die einzige messbare Wirkung ist Reichweite, und Reichweite ist in diesem Geschäft eine Währung.

Ein Tauschgeschäft: politische Glaubwürdigkeit gegen Aufmerksamkeit, ausgezahlt in Rabattcodes. Diese Strategie ist schlecht. Am schlechtesten für jene, die sie anbieten, und für die Sache, in deren Namen sie es tun.

Eine Stellungnahme von Gina Waibel ist trotz schriftlicher Anfrage und gesetzter Frist bis zum Redaktionsschluss nicht eingegangen. Die Redaktion veröffentlicht sie im Nachgang, falls sie noch eintrifft.

Quellen: Der Standard, Kurier, Krone, oe24, heute.at, FM4/ORF, taz, Zeit Online (2013), unzensuriert, eXXpress, Wikipedia, Gräfensteiner Management, frauwaibelshop.de, eigene Anfrage der Redaktion

Mark Fisher, Exiting the Vampire Castle (2013); Nancy Fraser, From Redistribution to Recognition? (1995) und Progressive Neoliberalism versus Reactionary Populism (2017); Olúfẹ́mi O. Táíwò, Elite Capture (2022); Sarah Banet-Weiser, Empowered (2018); Slavoj Zizek, Multikulturalismus oder die kulturelle Logik des multinationalen Kapitalismus (1997); Horkheimer/Adorno, Dialektik der Aufklärung (1947)

Photo: Illustration des Pester Lloyd – keine real existierenden Personen abgebildet

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