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	<title>Verschwörungstheorien &#8211; Pester Lloyd</title>
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	<description>Deutschsprachige Nachrichten aus Ungarn und Osteuropa - seit 1854</description>
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	<title>Verschwörungstheorien &#8211; Pester Lloyd</title>
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		<title>Importierte Identitätspolitik &#8211; Amerika im irrationalen politischen Sumpf - Kommentar </title>
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		<dc:creator><![CDATA[Jasper Reichardt]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 06 Sep 2026 20:25:22 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Kommentar]]></category>
		<category><![CDATA[USA]]></category>
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					<description><![CDATA[Wie Andrew Callaghan und Hunter Biden in der Verschw&#246;rung um Charlie Kirk landen &#8211; und warum der amerikanische Identit&#228;tskrieg l&#228;ngst Europas politische Wirklichkeit &#252;berlagert. Amerikanische&#8230;]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[
<p class="wp-block-paragraph"><em>Wie Andrew Callaghan und Hunter Biden in der Verschwörung um Charlie Kirk landen – und warum der amerikanische Identitätskrieg längst Europas politische Wirklichkeit überlagert.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Amerikanische Politik wird von Verschwörungserzählungen, Identität und algorithmischer Empörung bestimmt. Bemerkenswert ist dabei nicht nur die Radikalisierung der Rechten &#8211; Auch Teile der populistischen Linken verlieren den Boden materialistischer Analyse und übernehmen Erzählungen, in denen Israel, Geheimdienste, Eliten und verborgene Netzwerke zur universellen Erklärung werden. Wenn diese Entwicklung aus den USA &#8211; der mächtigsten politischen, militärischen, finanziellen und technologischen Macht der Welt &#8211; nach Europa schwappt, ist das nicht nur ein amerikanisches Kuriosum  &#8211; Es ist ein Problem für alle, die ihre politische Wirklichkeit durch einen amerikanischen Bildschirm betrachten.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Ein Mord, der keinen Geheimdienst braucht</h2>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Andrew Callaghan</strong> ist das Gesicht eines neuen, rohen amerikanischen Journalismus. Mit der Kamera auf der Straße, zwischen Obdachlosen, Aktivisten, Demonstranten, Verschwörungstheoretikern und politischen Randfiguren, war <strong>Channel 5</strong> gerade deshalb interessant, weil Callaghan Menschen reden ließ, die im etablierten Journalismus kaum vorkamen. Angefangen als kommentarloser Interviewpartner von gelinde gesagt &#8222;Verrückten&#8220; Personen in den USA über seinen Channel<strong> All Gas No Brakes</strong>, entwickelte sich Callaghan zu einer Galionsfigur des Bottom-Up Gonzo-Journalismus. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Inzwischen ist der Dokumentarfilmer selbst Teil dessen geworden, was er einst dokumentierte.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In aktuellen Diskussionen wird Callaghan vorgeworfen, die These zu vertreten, Israel habe Charlie Kirk ermorden lassen. Zuschauer seiner Sendung berichten, sie hätten das Material genau an dieser Stelle abgeschaltet. Tatsächlich gibt es ein Gespräch in dem Callaghan eine krude These ausbreitet, wonach Kirk ermordet wurde um zu sehen was passieren würde wenn Trump ermordet wird und bestätigt dass er diese Theorie für plausibel hält. </p>



<figure class="wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-block-embed-youtube wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio"><div class="wp-block-embed__wrapper">
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<p class="wp-block-paragraph"><strong>Das wäre schon grotesk genug.</strong> Noch bemerkenswerter ist, dass ausgerechnet<strong> Hunter Biden, </strong>Sohn des ehemaligen US-Präsidenten Joe Biden, inzwischen in einem ähnlichen Milieu auftritt. Im Gespräch mit der rechtsaußen-konservativen Verschwörungspublizistin <strong>Candace Owens</strong>, langjährige Wegstreiterin von Charlie Kirk bei Turning Point USA, stellte er sich hinter deren insistierendes Fragen zur Ermordung Kirks und erklärte, die heftige Kritik dafür, überhaupt Fragen zu stellen, sei absurd. Owens hat wiederholt behauptet, die offizielle Darstellung der Ermordung sei unglaubwürdig und unter anderem eine mögliche israelische Beteiligung ins Spiel gebracht. <strong>Für eine tatsächliche israelische Beteiligung gibt es keinerlei belastbare Belege.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Man muss sich den Irrsinn dieser Konstellation kurz vor Augen führen: Ein ehemals progressiver Dokumentarfilmer und der Sohn eines demokratischen Präsidenten finden sich plötzlich in einem politischen Raum wieder, in dem <strong>Candace Owens, Tucker Carlson</strong> und andere Figuren der amerikanischen Rechten ebenfalls verkehren.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Charlie Kirk war kein geschützter Staatschef, kein Geheimagent und kein Mann, dessen Ermordung eine komplizierte internationale Operation vorausgesetzt hätte. Er stand auf einer Bühne, sichtbar und vergleichsweise ungeschützt. Ein einzelner Schütze konnte ihn töten. Genau das ist nach derzeitigem Stand der Anklage geschehen. Gegen Tyler Robinson läuft ein Kapitalmordverfahren; die Staatsanwaltschaft hat unter anderem Videoaufnahmen, DNA-Spuren und weitere Beweismittel präsentiert, die Robinson klar mit dem Schuss in Verbindung bringen.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Verschwörung braucht hier also nicht nur Beweise, die fehlen.<em> Sie braucht eine komplizierte Erklärung für einen Vorgang, der überhaupt keine komplizierte Erklärung benötigt.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ist der Punkt, an dem aus Skepsis gegenüber einer Regierung eine Verschwörungstheorie wird. Die USA hat in den letzten 20-30 Jahren einen bemerkenswerten Aufschwung von <em>&#8222;Alternativen Erklärmustern</em>&#8220; hingelegt. In seinem Buch <strong><a href="https://ia800808.us.archive.org/4/items/comparative-studies-in-religion-and-society-michael-barkun-a-culture-of-conspira/%28Comparative%20Studies%20in%20Religion%20and%20Society%29%20Mich%C3%A6l%20Barkun%20-%20A%20Culture%20of%20Conspiracy_%20Apocalyptic%20Visions%20in%20Contemporary%20America-University%20of%20California%20Press%20%282013%29.pdf" target="_blank" rel="noopener">&#8222;A Culture of Conspiracy &#8211; Apocalyptic Visions in Contemporary America&#8220;</a></strong> behandelt und Analysiert Michael Barkun genau diese Bewegungen &#8211; und warum sie die gegenwärtige USA so sehr im Griff haben. </p>



<h2 class="wp-block-heading">Antisemitismus als populäre Strategie &#8211; Links wie Rechts</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Man kann die israelische Regierung scharf kritisieren, Netanjahus Kriegspolitik für verbrecherisch halten. Man kann die Besatzung, Siedlungspolitik, Gaza-Politik, Waffenlieferungen oder die Behandlung der Palästinenser fundamental ablehnen. Der Vorwurf des Völkermords stammt aus dem Bericht der UN-Untersuchungskommission vom September 2025; Der Internationalen Gerichtshof behandelt ein von Südafrika eingebrachtes Verfahren. Der Internationale Strafgerichtshof wiederum hat Haftbefehle unter anderem gegen Netanjahu und Gallant erlassen &#8211; wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. <em>Nichts davon ist antisemitisch.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Behauptung, Israel habe Charlie Kirk ermorden lassen, ist wiederum etwas völlig anderes.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Problem ist nicht die bloße Erwähnung Israels. Das Problem entsteht dort, wo <strong>Israel zur geheimen Erklärung für Ereignisse wird, die sich nicht mehr durch überprüfbare Interessen, Handlungen und Kausalitäten erklären lassen</strong>: Israel kontrolliert Medien, beeinflusst Geheimdienste, beseitigt politische Gegner, steuert Kriege, manipuliert Wahlen und steht hinter Attentaten. Was manchmal stimmen mag ist keine allgemeine Erklärung oder ein verifizierbares Muster. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ist die klassische Struktur des Verschwörungsdenkens: Eine reale Institution oder ein realer Machtfaktor wird zum allmächtigen verborgenen Akteur.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und genau hier kann aus Antizionismus Antisemitismus werden &#8211; nicht bei der Kritik an Israel als Staat, sondern bei der Übertragung klassischer antisemitischer Vorstellungen von einer geheimen jüdischen Macht auf „Israel“, „Zionisten“ oder „Mossad“.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ist eine wichtige Grenze.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Ebenso falsch wäre die Gegenbewegung:</strong> jede Kritik an Israel als Antisemitismus zu behandeln. Gerade diese Gleichsetzung beschädigt den Kampf gegen echten Antisemitismus. Wie umstritten die Definitionsfrage tatsächlich ist, zeigt der Konflikt zwischen der IHRA-Arbeitsdefinition und der Jerusalemer Erklärung zum Antisemitismus, die 2021 von rund 200 Antisemitismus- und Judaistikforschern unterzeichnet wurde &#8211; ausdrücklich deshalb, weil sie die IHRA-Beispiele für unscharf und politisch instrumentalisierbar hielten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Hannah Arendt hat zwischen dem religiös grundierten Judenhass älterer Jahrhunderte und dem modernen Antisemitismus unterschieden: einer politischen Ideologie des 19. Jahrhunderts, der man &#8211; anders als dem älteren Judenhass &#8211; durch Assimilation nicht mehr entkommen konnte. Arendt entwickelte diese Unterscheidung, um die Entstehung des Totalitarismus zu erklären, nicht um heutige Definitionsstreitigkeiten zu entscheiden. Überträgt man sie dennoch, folgt daraus: Wer den Begriff dehnt, verliert genau die Trennschärfe, die ihn brauchbar macht. Der Vorwurf verliert sein Spezifikum, und die Öffentlichkeit kann immer schwerer zwischen tatsächlichem Antisemitismus und gewöhnlicher Kritik an israelischer Politik unterscheiden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Israel kann also gleichzeitig Opfer antisemitischer Verschwörungstheorien sein <strong>und selbst durch seine politische Kommunikation dazu beitragen, dass die Grenze zwischen Staatlichem Interesse und jüdischer Identität verwischt wird</strong>.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Der amerikanische Identitätskrieg</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Amerika verliert zunehmend die Fähigkeit, politische Konflikte materialistisch zu beschreiben.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><em>Was verdient ein Arbeiter? Wem gehört das Land? Wer besitzt die Wohnungen? Wer profitiert von Monopolen? Warum explodieren Gesundheitskosten? Welche Unternehmen haben welche politischen Interessen? Welche Lobby beeinflusst welche Gesetzgebung? Welche ökonomischen Interessen stehen hinter welcher außenpolitischen Entscheidung?</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Das wären materialistische Fragen &#8211; Stattdessen lautet die Frage immer häufiger:</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Wer steckt dahinter?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Linke hat ihre eigenen Antworten darauf gefunden: <em>Kapitalisten, Zionisten, CIA, Militärindustrie, AIPAC, Epstein-Netzwerke, „the elites“.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Rechte hat ihre eigenen: <em>Globalisten, WEF, Soros, Deep State, Migranten, NGOs, Trans-Lobby, „the elites“.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Und dann treffen sich beide auf bemerkenswerte Weise. Denn sobald die Wirklichkeit nur noch als Kampf verborgener Gruppen verstanden wird, spielt die ideologische Herkunft keine entscheidende Rolle mehr.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die populistische Rechte sagt:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Die Globalisten kontrollieren Amerika.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Die populistische Linke sagt:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Israel und die Militärindustrie kontrollieren Amerika.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Der Verschwörungstheoretiker sagt:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">Eine geheime Elite kontrolliert Amerika.</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Und alle drei haben denselben <em>epistemischen</em> Fehler begangen: <strong>Sie haben aus komplizierten gesellschaftlichen Prozessen eine handelnde Person gemacht.</strong> <em>Damit wird Politik zur Identität.</em></p>



<p class="wp-block-paragraph">Es geht nicht mehr darum, ob eine Aussage wahr ist, sondern <strong>wer sie sagen darf</strong>. Die eigene Gruppe besitzt Wahrheit. Die gegnerische Gruppe besitzt Propaganda. Ein Gegenbeweis wird nicht zum Anlass für Korrektur, sondern zum Beweis dafür, wie mächtig die Gegenseite angeblich ist. Das ist eine politische Sackgasse.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Und sie betrifft inzwischen auch Menschen, die einmal als rationale oder progressive Stimmen galten. Callaghan ist dafür ein besonders interessantes Beispiel. Seine Stärke lag ursprünglich darin, Menschen zuzuhören, ohne sie sofort in ein fertiges Schema zu pressen. Nun scheint aus dieser Offenheit teilweise eine epistemische Wehrlosigkeit geworden zu sein: Wer allen zuhört, muss irgendwann auch entscheiden, <strong>welche Behauptungen wahr sind</strong>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Das bloße „Ich stelle Fragen“ ist keine journalistische Methode mehr, wenn die Antwort auf jede Frage automatisch eine Verschwörung sein darf.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Exportierte disfunktionale Diskurse</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Hier wird die Sache für uns interessant. Warum importieren europäische Gesellschaften eigentlich so obsessiv amerikanische politische Diskurse?</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Antwort ist überraschend banal: <strong>weil sie auf Englisch stattfinden.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Das Internet ist formal global. Die tatsächlich erfahrene digitale Öffentlichkeit ist es nicht. Ein deutschsprachiger Nutzer bekommt TikToks, Reels, YouTube-Videos und Podcasts aus den USA in einer Größenordnung, die mit der Sichtbarkeit portugiesischer, indischer, brasilianischer, französischer, türkischer oder chinesischer Debatten kaum vergleichbar ist.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Nicht weil die USA notwendigerweise interessanter wären. Sondern weil Englisch die dominante Verkehrssprache des globalen Internets ist. Das erzeugt eine absurde Wahrnehmungsverzerrung:<br>Ein europäischer Teenager sieht amerikanische Debatten über Transpersonen, Rassismus, Abtreibung, Polizeigewalt, Waffen, „White Supremacy“, christlichen Nationalismus oder Israel und erlebt diese Inhalte nicht als <strong>amerikanische Innenpolitik</strong>, sondern als <strong>Teil der digitalen globalen Normalität.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Der Algorithmus sagt nicht:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Hier ist ein amerikanischer Kulturkampf, der für dein Leben in einer europäischen Provinz möglicherweise völlig irrelevant ist.“</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Er sagt:</p>



<blockquote class="wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow">
<p class="wp-block-paragraph">„Das ist gerade relevant.“</p>
</blockquote>



<p class="wp-block-paragraph">Und weil der nächste Beitrag ebenfalls aus Amerika kommt, entsteht eine sich selbst verstärkende Illusion. Wir sehen Amerika, bis wir glauben, wir sähen die Welt. Das ist der eigentliche Import der amerikanischen Identitätspolitik.</p>



<p class="wp-block-paragraph">In meinem vorhergehenden Kommentar behandle ich ähnliche Mechaniken<strong>; <a href="https://www.pesterlloyd.net/das-geschaeft-mit-der-empoerung-wie-politische-influencer-diskurse-zu-marketingzwecken-kapern/">Das Geschäft mit der Empörung – wie politische Influencer Diskurse zu Marketingzwecken kapern</a></strong>. Dort ging es um die ökonomische Verwertung politischer Empörung. <br><strong><br>Im Diskurs <em>Charlie Kirk</em> wird ein amerikanischer Identitätskampf algorithmisch zum europäischen Informationsprodukt.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Identitätspolitik funktioniert dabei besonders gut, weil sie universelle Fragen durch die Perspektive einer vermeintlich privilegierten oder marginalisierten Gruppe betrachtet.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Damit wird der politische Diskurs zwangsläufig partikular. Im Zentrum steht immer weniger die Frage, was gerecht oder wahr ist und welche materiellen Interessen hinter einem politischen Konflikt stehen. Stattdessen wird gefragt, was eine Entwicklung „für uns“ bedeutet, aus welcher Position jemand spricht und welcher Identität der Sprecher angehört. Nicht mehr das Argument entscheidet über die Qualität einer Aussage, sondern zunehmend die soziale oder politische Position desjenigen, der sie äußert. Damit verschiebt sich auch die politische Auseinandersetzung: von der Frage nach Interessen und Tatsachen hin zu einem Kampf konkurrierender Identitäten und Deutungshoheiten.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Darum ist Identitätspolitik als alleinige politische Methode so gefährlich: <strong>Sie kann keine universelle Gesellschaft mehr denken.</strong></p>



<h2 class="wp-block-heading">Israels Politik als Brandbeschleuniger</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Die israelische Regierung verschärft dieses Problem erheblich. Die militärische Gewalt in Gaza, die Besatzung, die Siedlungspolitik, die Behandlung der Palästinenser und die politische Rhetorik der israelischen Regierung liefern reale Gründe für Empörung.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Gleichzeitig reagiert Israel und reagiert die proisraelische Lobby häufig auf Kritik mit einer immer engeren Verknüpfung von Israel, Zionismus und jüdischer Identität. Selbst dort, wo Kritik tatsächlich legitim ist, entsteht dadurch ein diskursives Vakuum: Wer jeden Vorwurf als Antisemitismus zurückweist, stärkt ungewollt jene, die behaupten, Israel dürfe überhaupt nicht kritisiert werden. </p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Das ist politisch fatal.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Denn wenn legitime Kritik blockiert wird, verschwindet die Kritik nicht. Sie wandert ins Internet; dort landet sie neben Verschwörungstheorien. Das entschuldigt Antisemitismus nicht;  macht ihn aber politisch erklärbar.</p>



<h2 class="wp-block-heading">Der düstere Ausblick</h2>



<p class="wp-block-paragraph">Das vielleicht Beunruhigendste an Amerika ist deshalb nicht, dass die Rechte radikaler wird &#8211; Es ist, dass <strong>die gemeinsame Wirklichkeit zerfällt</strong>.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Sowohl die Linke als auch die Rechte suhlen sich in Verschwörungstheorien und Idenitätspolitischen Grabenkämpfen &#8211; die universale Perspektive auf Probleme scheint nicht mehr existent. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Amerikanische <em>Tankies</em> können sich wieder an Stalinismus annähern, während ehemals progressive Journalisten in Narrativen über Mossad, Epstein und geheime Machteliten abdriften. Figuren wie Tucker Carlson können plötzlich beinahe rational erscheinen &#8211; nicht weil Carlson rational geworden wäre, sondern weil die Umgebung um ihn herum so weit nach außen driftet dass seine Kritik plötzlich gemäßigt erscheint. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ist der eigentliche Sumpf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Es fehlt eine starke materialistische Gegenkraft &#8211; ein rationales Korrektiv der Diskurse &#8211; ein nicht primär durch Social Media exportierter Kulturkampf. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Eine vernünftige Linke müsste über <em>Eigentum, Löhne, Klassen, Kapital, Monopole, Wohnraum, öffentliche Infrastruktur und Macht </em>reden &#8211; Eine vernünftige Rechte müsste über <em>Staat, Institutionen, Grenzen, Sicherheit, Produktivität und gesellschaftliche Ordnung</em> reden.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Stattdessen reden beide darüber, <strong>wer heimlich hinter allem steckt</strong>. Das ist keine Politik mehr, die die Welt erklären will oder sie ändern &#8211; es ist eine Seifenoper. Es ist Politik als Identitätskampf.</p>



<p class="wp-block-paragraph">Die USA können sich diesen Luxus eigentlich nicht leisten: Sie sind die militärisch stärkste Macht der Welt, das Zentrum des globalen Finanzsystems, eine der wichtigsten Technologie- und Wissenschaftsmächte und nach wie vor der entscheidende Sicherheitsgarant großer Teile Europas und Asiens.</p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Wenn ein solcher Staat irrational wird, bleibt seine Irrationalität nicht innerhalb seiner Grenzen.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die Politik wird durch Netflix, TikTok, Instagram, Meta, Google, X, Youtube und andere global dominante Informationskanäle exportiert und so zur normativen Wirklichkeit &#8211; auf Englisch, einer Sprache die wir alle verstehen. </p>



<p class="wp-block-paragraph">Das ist vielleicht die gefährlichste Form amerikanischer Hegemonie: <strong>Nicht nur amerikanische Macht wird globalisiert, sondern auch amerikanischer Wahnsinn.</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph">Die eigentliche Frage aus europäischer Sicht sollte lauten: </p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Können wir aufhören, Amerika mit der Welt zu verwechseln?</strong></p>



<p class="wp-block-paragraph"><strong>Quellen: </strong>Channel 5, All Gas no Brakes, Turning Point USA, &#8222;A culture of Conspiracy&#8220; Michael Barkun (2013)<br><strong>Photo:</strong> Illustration PL</p>
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