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„Null Verkehrstote“ – Budapests riskanter Plan gegen den Tod auf der Straße

Kameras, Algorithmen und Tempo 30: Mit einem ehrgeizigen Programm will die Hauptstadt tödliche Unfälle vollständig verhindern. Erste Zahlen sind vielversprechend – doch der Weg ist weit.

Budapest. Es ist ein Ziel, das in Europas Großstädten selten laut ausgesprochen wird – und in Budapest inzwischen offizielles Programm ist: Kein Mensch soll mehr im Straßenverkehr sterben. „Zéró haláleset” – null Todesfälle – lautet die Formel, die Oberbürgermeister Gergely Karácsony 2020 ins Zentrum seiner Verkehrspolitik stellte. Auch aus persönlichem Grund: Sein Vater kam bei einem Unfall ums Leben.

Seither verfolgt die Stadt ein mehrgleisiges Konzept, das klassische Verkehrsüberwachung mit datenbasierter Prävention verbindet. Der Einsatz von Kameratechnik wurde massiv ausgeweitet, das Tempolimit flächendeckend gesenkt, ein KI-gestütztes Frühwarnsystem eingeführt. Hinter dem ambitionierten Plan steht nicht nur Moral, sondern auch politische Absicht: Sicherheit als urbanes Versprechen.

Neue Technik an alten Gefahrenpunkten

Seit Herbst 2024 sind an 26 bekannten Unfallschwerpunkten feste Radarkameras installiert – unter anderem an der Árpád-, Rákóczi- und Petőfi-Brücke sowie an wichtigen Ausfallstraßen. Die Geräte sind rund um die Uhr in Betrieb, auch bei schwierigen Lichtverhältnissen, und erfassen Geschwindigkeitsüberschreitungen vollautomatisch.

Die ersten Ergebnisse fielen drastisch aus: In den ersten vier Tagen wurden knapp 10000 Verstöße registriert – allein an der Petőfi-Brücke über 2000, an mehreren anderen Standorten jeweils mehr als 1700. Trotz öffentlicher Ankündigung durch Stadt und Polizei offenbarte sich ein strukturelles Problem: massenhafte Missachtung der Tempolimits.

In Verbindung mit mobilen Kontrollen und sogenannten „Traffic Enforcement Boxes“ konnte der Trend jedoch binnen weniger Monate gebrochen werden. Die Zahl der erfassten Verstöße sank von rund 53000 im November 2024 auf unter 22000 im Februar 2025. Im Rathaus verweist man stolz auf den Durchschnitt: 805 tägliche Übertretungen – im Vergleich zu 1490 zum Startzeitpunkt.

Algorithmen statt Generalverdacht

Neben technischer Überwachung setzt die Stadt auf gezielte Tempoanpassungen – basierend auf statistischer Vorhersage. Das Budapesti Közlekedési Központ (BKK) nutzt dazu ein KI-Modell, das polizeiliche Unfallzahlen mit anonymisierten Fahrtdaten (u.a. von Navigations-Apps wie Waze) kombiniert. Nach eigenen Angaben liegt die Prognosegenauigkeit bei über 90 Prozent.

Auf dieser Grundlage wurden Dutzende Straßenabschnitte neu bewertet – etwa die Andrássy út, die Váci út und die Bécsi út. Statt pauschaler Temporeduktion orientiert sich das System an tatsächlichen Risikoprofilen. BKK spricht von einem „lernenden Verkehrsnetz“, das auf mögliche Gefahren antizipativ reagiert – etwa durch temporäre 30er-Zonen oder digitale Warnhinweise.

Rückgang bei Unfällen mit Personenschaden

Laut Budapester Polizei (BRFK) ist die Zahl der Verkehrsunfälle mit Verletzten oder Toten von über 3800 im Jahr 2019 auf rund 2900 im Jahr 2024 gesunken. Die Zahl tödlicher Unfälle lag zuletzt bei 38 – ein Rückgang um rund 12 Prozent im Jahresvergleich.

Auch andere Kennzahlen sprechen für eine zunehmende Wirksamkeit der Maßnahmen: 2024 wurden mehr als 311000 Alkoholkontrollen durchgeführt – dreimal so viele wie noch 2020. Über 3000 Fahrende wurden dabei aus dem Verkehr gezogen. Gleichzeitig steigen Zahl und Dichte der Polizeikontrollen, insbesondere in den Nachtstunden.

Zwischen Fortschritt und Frustration

Dass sich das Sicherheitsniveau messbar verbessert, ist unbestritten. Doch der politische Preis ist hoch: Tempo 30, Kameraüberwachung und algorithmische Kontrolle stoßen nicht nur auf Zustimmung. Kritiker sprechen von Überregulierung, von Gängelung und technokratischer Stadtplanung. Besonders Autofahrerverbände und konservative Oppositionsparteien werfen der Stadtspitze ideologische Steuerung vor – zulasten individueller Mobilität.

Karácsony verteidigt den Kurs mit Verweis auf die europäische Vision Zero-Initiative, die bis 2050 flächendeckend null Verkehrstote anstrebt. Budapest gehe lediglich „einen Schritt entschlossener voran als andere Städte“. Entscheidend werde sein, ob sich der Rückgang über Jahre halten lässt – und ob es gelingt, auch die öffentliche Akzeptanz dauerhaft zu sichern.

Denn technische Systeme mögen messen und reagieren können. Doch ob aus präventiver Kontrolle auch dauerhaft verändertes Verhalten wird, entscheidet sich nicht an Sensoren, sondern auf der Straße selbst.

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