Budapest. Zwischen regierungsnahen Umfrageinstituten und freien Wettmärkten öffnet sich in Ungarn eine statistische Schere, die politisch kaum noch zu kaschieren ist. Während über MTI Meldung eines verbündete US Thinktanks ein komfortables Übergewicht von Fidesz-KDNP beschwört wird, signalisieren internationale Wettmärkte das Gegenteil: Viktor Orbán ist dort Aussenseiter, Péter Magyar und seine Tisza-Partei Favoriten.
Ausgangspunkt der jüngsten Runde ist eine MTI-Aussendung, in der Levente Szikra vom regierungsnahen Center for Fundamental Rights unter Berufung auf das US-Institut McLaughlin and Associates erklärt, Fidesz bleibe „die populärste politische Kraft“ Ungarns. Zweifel an der Aussagekraft regierungsnaher Umfragen werden routiniert abgewehrt, linksliberalen Instituten Manipulation unterstellt. Das Muster ist bekannt und gut dokumentiert.
Orbán als Aussenseiter der Wahl
Demgegenüber stehen Plattformen wie Polymarket oder Betfair, die mit realem Kapitaleinsatz arbeiten.

Dort liegt Tisza seit Wochen stabil vorne. Auf Polymarket wird der Wahlsieg 2026 mit rund 60 Prozent Wahrscheinlichkeit für Tisza bewertet, Fidesz kommt auf etwa 40 Prozent. Beim Markt „Next Prime Minister“ führt Péter Magyar mit deutlichem Abstand vor Viktor Orbán. Das Handelsvolumen geht in die Millionen. Diese Märkte lassen sich weder durch Medienmacht noch durch politische Loyalität steuern. Wer falsch liegt, verliert Geld.
Die strukturelle Differenz ist zentral: Umfragen messen deklarierte Präferenzen in einem hochgradig verzerrten öffentlichen Raum, Wettmärkte bündeln Erwartungen über Machtverschiebungen, Mobilisierung, Erosion von Apparaten. Propaganda ist dort kein Vorteil, sondern ein Kostenfaktor.
Systematische Verzerrung der Wahlumfragen
Dass diese Abweichungen kein Einzelfall sind, zeigt auch die systematische Aufarbeitung unabhängiger Erhebungen. Der Wikipedia-Überblick zu den Meinungsumfragen für die Parlamentswahl 2026 dokumentiert detailliert die wiederkehrende Diskrepanz zwischen regierungsnahen und unabhängigen Instituten – inklusive methodischer Auffälligkeiten und politischer Nähe. Der Befund ist eindeutig: Je näher die Institute an Fidesz stehen, desto stabiler erscheint Orbáns Macht.
Über diesen Widerspruch hat der Pester Lloyd bereits berichtet. Während die Regierung weiter Unvermeidbarkeit simuliert, preist der Markt Unsicherheit ein. Und genau diese Erwartung ist politisch gefährlich: Orbáns System lebt von der Annahme des Sieges. Kippt sie, beginnt der Loyalitätsverlust, der möglicherweise, so man Polymarkets Propehezeiungen Glauben schenken will, bereits in Gange ist.
Eine Umfrage unter unseren LeserInnen zeigt ein angespanntes Klima vor der Wahl, aber auch Optimismus.

László Toroczkai und István Kapitány werden wie Klára Dobrev und János Lázár nur Prozentbruchteile der Chance auf den nächsten Ministerpräsidenten zugestanden.
Die Botschaft der Märkte ist nüchtern: Eine weitere Amtszeit Orbáns gilt nicht mehr als wahrscheinlich. Daran ändern auch wohlwollende Umfragen und propagandistische Dauerbeschallung nichts.
Quellen: MTI.hu, Index.hu, Polymarket, Betfair, Wikipedia
Photos: Polymarket Screenshot



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