Budapest. Die ungarische Regierung hat angekündigt, der neuen EU-Erasmusstrategie die Zustimmung zu verweigern. Minister Balázs Hanko erklärt, Studierende und Forschende würden nicht erhalten, was ihnen „zusteht“. Hinter dieser Formulierung steckt eine Entwicklung, die seit Jahren die akademische Landschaft des Landes prägt und Ungarn aus dem europäischen Hochschulrhythmus herauslöst.
Seit die Regierung dutzende Universitäten in Stiftungen überführt hat, bleibt die Frage der institutionellen Unabhängigkeit ungelöst. Die formale Abwesenheit aktiver Politiker in den Kuratorien ändert wenig daran, dass die Konstruktion selbst politisch gewollt, politisch initiiert und politisch bewacht ist. Brüssel hat darauf reagiert, indem Erasmus- und Horizon-Mittel für jene Einrichtungen gesperrt wurden, deren Governance nicht den Kriterien europäischer Fördermechanismen entspricht. .
Die Auseinandersetzung trägt eine historische Schwere, die sich nicht kaschieren lässt. Vor kaum mehr als einem Jahrzehnt galt die Central European University als Symbol eines offenen, intellektuell vernetzten Ungarns. Ihr erzwungener Wegzug nach Wien war der Moment, in dem die europäische Hochschulwelt begriff, dass akademische Institutionen im Land keinen strukturellen Schutz mehr genießen. Corvinus, einst ein Zentrum wirtschaftspolitischer Debatte, wurde später zur Vorzeigestiftung, ein Instrument in einem System, das Autonomie verspricht, aber Steuerbarkeit erzeugt. Dagegen stehen nur wenige Ausnahmen – etwa die Andrássy Universität Budapest – die aus historischen und internationalen Gründen weniger angreifbar sind, aber allein nicht als Gegengewicht taugen.
Für Studierende entsteht ein paradoxes Bild: Ein EU-Mitgliedstaat, der seit Jahrzehnten von Austauschprogrammen profitiert, ist plötzlich nur noch über Umwege erreichbar. Viele wählen alternative Bildungswege, etwa über die FernUniversität Hagen, deren Unabhängigkeit vom ungarischen Politikbetrieb ein Argument für sich ist. Dass junge Ungarn ihre europäische Mobilität über deutsche Fernstudiengänge sichern müssen, wäre in den 2000er Jahren unvorstellbar gewesen. Heute erscheint es fast folgerichtig.
Hanko behauptet, Brüssel wolle künftig selbst Einfluss auf Rektorenwahlen nehmen und ungarische Universitäten über NGOs steuern. Diese Rhetorik erinnert an die Argumentationsmuster, die schon im CEU-Konflikt bemüht wurden: ein äußerer Gegner, der die nationale Souveränität bedroht, während die eigentliche Ursache im eigenen institutionellen Umbau liegt. Dass die EU lediglich rechtsstaatliche und organisatorische Standards einfordert, spielt in der ungarischen Darstellung keine Rolle.
Der Konflikt wird sich am Donnerstag nicht lösen. Die Regierung hat entschieden, den Streit mit Brüssel als politischen Vorteil zu nutzen, selbst wenn die akademischen Kosten im Inland steigen. Erasmus wird zum Druckmittel, die Studierenden werden zu Statisten eines Konflikts, den sie nicht verursacht haben. Während die Regierung auf Zeit spielt, verlieren sie Semester, Forschungspartner, Austauschplätze. Europa schaut zu und registriert, wie ein Land, das einst als Vorzeige-Beitrittskandidat galt, Schritt für Schritt aus seinem eigenen akademischen Umfeld herausrutscht.
Quellen: MTI.hu
Photo: Andrassy Universität, Wikicommons, CC-ASA 3.0, User Thaler


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