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Ungarn 1967 – Erinnerungen an ein Land zwischen Aufbruch, Kontrolle und ungebrochener Herzlichkeit

Ein wiederentdeckter Reisebericht des jungen fränkischen Journalisten Mike Wuttke zeigt das Ungarn der 1960er Jahre in einem Moment stiller Öffnung – und im Schatten des Oktober 195

Budapest. Aus der Perspektive einer Jugendgruppe aus Oberfranken und Mittelfranken entsteht ein seltenes Zeitdokument: ein Blick auf ein Land, das elf Jahre nach dem niedergeschlagenen Aufstand zwischen staatlicher Kontrolle, vorsichtiger Liberalisierung und einer unverkennbaren Wärme seiner Bewohner schwankt. Der Bericht des damaligen Pfarrführers Mike Wuttke, den Roland Betz der Redaktion übermittelt hat, führt zurück in eine Epoche, in der der Tourismus in Ungarn gerade erwachte und doch vieles noch im Bann des Kádár-Systems stand.

Die Reisegruppe steigt an einem klaren Sommertag auf den Gellértberg. Die junge Stadtluft, der Blick auf Burgviertel, Fischerbastei, Matthiaskirche und das mächtige Parlamentsgebäude – Wuttke beschreibt Budapest als unverhofften Gegenentwurf zu den Klischees aus Operette und Puszta-Romantik. Romantik gibt es, aber sie wirkt kuratiert, dargeboten in verwahrlosten Kinos, gespielt von Tänzerinnen und Tänzern, die Volksgut im Dauereinsatz präsentieren. Dass die Sehnsucht nach Ursprünglichkeit ein touristisch gefragtes Produkt war, entging der Gruppe nicht. Doch die Aufführung berührte sie augenscheinlich – ein Moment, in dem das Offizielle, wenn auch arrangiert, menschlich durchbrach.

Margareteninsel Freibad

Der Ausflug in die Puszta wirkt ebenfalls wie eine Annäherung an ein Land, das sich erst langsam wieder öffnete. Barackpálinka aus Kecskemét, Gruppenfotos mit Musikern in Tracht, ein Mittagessen in der Bugac Csárda – vieles bestand aus erwartbaren Motiven. Doch die Begegnungen am Wegesrand hinterließen das stärkste Echo. Ungarn, so beschreibt Wuttke es, blieb ein Land auffallender Gastfreundschaft. Viele ältere Menschen kannten Deutschland aus der Vorkriegszeit, Bamberg wurde mehrfach erwähnt, und immer wieder tauchte die Figur des Hl. Stephan auf, in ungarischer Erinnerung vertraut, in deutscher Erinnerung museal, hier aber als kulturelle Brücke genutzt.

Besonders eindrücklich sind jene Szenen, in denen Gegenwelt und Gegenwartsrealität aufeinanderprallen. Ein junger Kaplan, der „Lebenskünstler“ genannt wird, trifft die Gruppe im Studentenheim „Hotel Akadémia“. Offiziell begleitet von einem Ibusz-Reiseleiter, inoffiziell jedoch mit dem Bedürfnis, ein anderes Ungarn zu zeigen. Hinter vorgehaltener Hand spricht er über Schweigepflichten, über die Spielräume und Grenzen unter dem kommunistischen Regime, über die allgegenwärtige Selbstzensur. Die Revolution von 1956 ist noch präsent, die Angst ebenso. Gebäude mit Einschusslöchern bleiben Mahnmale neben neuen Selbstbedienungsläden und Baustellen. Die Gruppe erlebt ein Land, das nicht vom Kommunismus geprägt ist, wie Wuttke formuliert, aber von ihm gezeichnet.

In Kleinstszenen verdichten sich diese Spannungen: Die ältere Dame in der Straßenbahn, die überrascht ist, als ihr ein Sitzplatz angeboten wird, spricht leise über Glauben, Jugend und politische Nachteile. Andere Gespräche drehen sich um Beatmusik, Mode, Schule. Die Jugend wirkt unbeschwerter, weltzugewandter, westlicher als das offizielle Ungarn. Eine russische Urlauberin am Balaton beklagt, wie kurz die Begegnung ausfällt. Ein Fußballspiel unter Freunden endet mit einem „berühmten“ 3:2, Revanche für Bern 1954 – eine kleine ironische Geste inmitten großer politischer Spannungen.

Eine ungarische Musikgruppe, aufgenommen von Mike Wuttke

Die Figur des ungarischen Kaplans zieht sich durch den Bericht wie ein Leitfaden. Er verkörpert eine Generation, die zwischen Loyalität und persönlicher Wahrheit oszilliert, zwischen Anpassung und dem Bedürfnis, hinter verschlossenen Türen frei sprechen zu können. Es sind diese Schattenräume, die Wuttkes Erzählung historisch wertvoll machen. Ein Land im „Gulaschkommunismus“, das modernisieren will, das Investitionen anzieht, das sich aber zugleich auf ein stilles Einvernehmen stützt: schweigen, durchhalten, hoffen.

Bemerkenswert ist die Offenheit, für die sich die Menschen Zeit nehmen. „Bitte grüßt Deutschland und kommt wieder“, heißt es mehrfach. Der Wunsch nach Austausch erscheint als stiller Widerstand gegen staatliche Enge, als Bedürfnis nach Normalität. Dass die Gruppe mit Perlonstrümpfen oder Kugelschreibern tauscht, erinnert an die materiellen Asymmetrien jener Jahre und zugleich an die naive Pragmatik jugendlicher Begegnungen.

Wuttkes Bericht ist kein touristischer Text, sondern ein kulturhistorisches Dokument. Er vermittelt Eindrücke aus einer Übergangsphase, in der sich die Wunden von 1956 noch nicht geschlossen hatten und dennoch ein unübersehbarer Wille zur Westorientierung sichtbar wurde. Dass Roland Betz diesen Fund heute erneut zugänglich macht, ist mehr als eine nostalgische Geste. In Zeiten, in denen die politischen Beziehungen zwischen Deutschland und Ungarn schwieriger denn je sind, lohnt sich ein Blick auf jene Begegnungen, in denen Menschen jenseits der staatlichen Selbstinszenierung kommunizieren wollten – neugierig, freundlich, manchmal verwundet, immer menschlich.

Den ganzen Bericht gibt es in der letzten Ausgabe des Zeitfensters:

Quellen: Bericht von Mike Wuttke, übermittelt von Roland Betz
Photo: Im Nepstadion Budapest, links im Bild: Mike Wuttke

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