Drücken Sie „Enter“, um den Inhalte zu überspringen

Ungarns Literatur – staatliche Kontrolle und kultureller Abwanderung

Die Auszeichnung von László Krasznahorkai wird im ganzen Land gefeiert. Doch viele Schriftsteller sehen darin kein Signal der Erneuerung sondern einen Kontrast zur politischen Realität Ungarns.

Gyula/Budapest. Als im ostungarischen Gyula, einer Kleinstadt nahe der rumänischen Grenze, die Nachricht vom Literaturnobelpreis für László Krasznahorkai eintraf, reagierte die Stadt mit Stolz. Plakate priesen den „ersten Nobelpreisträger aus Gyula“, Lesungen und Ausstellungen würdigten das Ereignis, im holzgetäfelten Saal der Stadtbibliothek verfolgten Besucher die Verleihung live aus Stockholm. Die Gemeinde plant eine Gedenktafel am Elternhaus des Autors, sogar thematische Stadtführungen stehen zur Diskussion.

Der Geehrte selbst blieb fern. Krasznahorkai lebt seit Jahren außerhalb Ungarns – wie viele andere Schriftsteller, Künstler und Intellektuelle. Der Nobelpreis, so berichten Beobachter, fällt in eine Phase, in der das kulturelle Klima des Landes von zunehmender politischer Kontrolle und ideologischer Polarisierung geprägt ist. Der Guardian hat diese Entwicklung in einer Reportage nachgezeichnet.

In einem Interview mit dem schwedischen Sender SVT beschrieb Krasznahorkai sein Verhältnis zu Ungarn mit einem drastischen Bild. Das Land gleiche einem alkoholkranken Elternteil: verletzend, selbstzerstörerisch, und dennoch geliebt. Die Metapher ist bezeichnend für das ambivalente Verhältnis vieler Kulturschaffender zur Heimat.

Seit dem Machtantritt von Fidesz im Jahr 2010 habe sich, so Autoren und Menschenrechtsorganisationen, das Umfeld für unabhängige Literatur spürbar verschlechtert. Staatliche Akteure kontrollieren inzwischen Universitäten, Kultureinrichtungen und große Teile der Medienlandschaft. Fördermittel werden vermehrt an regierungsnahe Akteure umgeleitet, während unabhängige Zeitschriften und Verlage mit sinkenden Einnahmen kämpfen.

Gergely Péterfy, ein vielfach ausgezeichneter Autor, hat Ungarn verlassen und lebt heute in Süditalien, wo er eine Künstlergemeinschaft gegründet hat. Seine Entscheidung sei nicht allein privat motiviert gewesen. „In den vergangenen 15 Jahren ist es sehr schwierig geworden, in Ungarn zu leben – wegen Orbáns anti-kultureller Haltung“, sagte er dem Guardian.

Besonders junge Autoren spüren den Druck. Csenge Enikő Élő, 32, veröffentlichte ihr erstes Buch bei einem unabhängigen Verlag. Vom Schreiben leben könne in ihrer Generation kaum jemand. Die Literatur sei politisch gespalten, sagt sie: ein Teil erhalte überproportional viel Förderung, der andere werde marginalisiert.

Ein zentrales Symbol dieser Entwicklung ist der Aufstieg des Mathias Corvinus Collegium (MCC), einer konservativen Bildungsinstitution unter dem Vorsitz von Orbáns politischem Direktor. Mit massiven staatlichen Mitteln ausgestattet, übernahm MCC 2023 fast vollständig den größten Verlag und Buchhändler des Landes, Libri. Kurz darauf wurden in den Filialen Bücher mit Darstellungen gleichgeschlechtlicher Beziehungen in Plastikfolie eingeschweißt – eine direkte Folge des sogenannten Kinderschutzgesetzes, das die Sichtbarkeit von Homosexualität einschränkt.

Krisztián Nyáry, Schriftsteller und kreativer Leiter des konkurrierenden Verlags Líra, sprach von einer faktischen Verbannung zahlreicher Werke aus dem öffentlichen Raum. Líra wurde wegen Verstößen gegen das Gesetz mehrfach mit Geldstrafen belegt und klagt dagegen vor nationalen und internationalen Gerichten. Nyáry warnt dennoch vor vorschneller Entwarnung. Die Machtmittel seien vorhanden, sie müssten nur eingesetzt werden.

Auch der staatliche Umgang mit literarischem Kanon und Erinnerungspolitik sorgt für Konflikte. 2020 löste die Aufnahme des antisemitischen Schriftstellers József Nyírő in die Pflichtlektüre Empörung aus, während Imre Kertész, Holocaust-Überlebender und bislang einziger ungarischer Literaturnobelpreisträger, fehlte. Die Entscheidung galt vielen als politisch groteskes Signal.

Vor diesem Hintergrund erscheint die landesweite Anerkennung Krasznahorkais bemerkenswert. Obwohl er die Regierung offen kritisiert und sie jüngst als „psychiatrischen Fall“ bezeichnete – insbesondere wegen ihrer ambivalenten Haltung zu Russland und zur Ukraine – wurde sein Nobelpreis parteiübergreifend gefeiert. Sein langjähriger Lektor János Szegő sieht darin einen Moment kollektiver Selbstvergewisserung: eine Bestätigung für eine kleine Sprache, die stets um ihre Sichtbarkeit fürchtet.

Auch lokale Fidesz-Politiker in Gyula betonen den unpolitischen Charakter des Stolzes. Es gehe um kulturelle Zugehörigkeit, nicht um Ideologie, sagt Bürgermeister Ernő Görgényi. Eine ältere Einwohnerin formuliert es schlichter: Entscheidend sei, dass Krasznahorkai aus Gyula stamme – und Ungar sei.

Der Kontrast bleibt jedoch bestehen. Ein international gefeierter Autor, dessen Werk weltweit gelesen wird, lebt fern der Heimat. Die Ehrung beleuchtet weniger eine kulturelle Renaissance als vielmehr die wachsende Kluft zwischen staatlicher Kulturpolitik und literarischer Realität.

Quellen: The Guardian
Photo: Gyula Castle (Wikipedia)

Gib den ersten Kommentar ab

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Unabhängig - Pluralistisch - Traditionsreich - Europäisch - Die Zeitung für Ungarn und Osteuropa