Vom „Massaker von Meran“ bis zum Klubpokal in Budva: historische Dramen, moderne Vereinsduelle und ein neuer Altersrekord sorgen für reichlich Stoff. Auf dem Brett glänzen diese Woche vor allem Läuferpaare und stille Gewinnzüge.
Die Schachwoche. Die Schachwoche: In Budva wurden beim 41. European Chess Club Cup die Vereinsmeister gekrönt: Bayegan Pendik Sports Chess Club (Türkei) gewann dank besserer Wertung vor Novy Bor (Tschechien), Rishon LeZion A (Israel) holte Bronze; bei den Frauen verteidigte Cercle d’Échecs de Monte‑Carlo den Titel knapp vor CE Gambit Bonnevoie. Dort erspielte die elfjährige Bodhana Sivanandan ihre dritte IM‑Norm und unterbot Judit Polgárs Altersrekord. In den USA sicherte sich Wesley So im Stichkampf seinen vierten Landesmeistertitel, Rachael Li gewann erstmals die Frauenmeisterschaft. Die FIDE verlängerte zugleich die Befreiung von Elo‑Gebühren für Schnell‑ und Blitzturniere bis 2027.
Budva, Saint Louis, Samarkand – die Meldungen dieser Woche spannen den Bogen von traditionsreichen Vereinswettbewerben bis zu Rekorden eines elfjährigen Ausnahmetalents. Während Wesley So und Rachael Li in den USA nationale Titel holen, sorgt Bodhana Sivanandan in Budva für eine neue Marke, ausgerechnet dort, wo Europas Klubs um Punkte ringen. Auf unseren Diagrammen mischen sich dazu historische Bilder – Viktor Kortschnoi gegen Anatoli Karpow – mit frischen Momentaufnahmen aus dem laufenden European Club Cup: Läuferpaare entfalten ihre ganze Kraft, übersehene Zwischenschachs entscheiden Mannschaftskämpfe, und im Endspiel genügt manchmal ein einziger stiller Zug.
Kortschnoi gegen Karpow in Meran
Viktor Kortschnoi gilt zu Recht als einer der stärksten Spieler, die nie den Weltmeistertitel errangen. Viermal gewann er die Sowjetmeisterschaft, zehnmal stand er in Kandidatenturnieren, noch 1990 im Alter von sechzig Jahren. 1981 durfte er Anatoli Karpow in Meran ein zweites Mal zum WM‑Kampf herausfordern – der Champion verteidigte den Titel klar, das Match ging als „Massaker von Meran“ in die Geschichte ein.
Ganz so einseitig war es freilich nicht: In der 13. Partie gelang Kortschnoi mit Weiß ein voller Punkt. In der Diagrammstellung ist Karpows schwarze Stellung heikel: Ein Läufer hängt, eine schwarze Leichtfigur droht durch einen Turmzug an die Dame gefesselt zu werden. Karpow übersah in der Verteidigung eine wichtige Ressource und spielte stattdessen das schwache Le7??, wonach Weiß den Vorteil festhielt und die Partie gewann.
Die Aufgabe lädt ein, diese verborgene Möglichkeit zu finden: Trotz des Drucks auf die schwarze Königsstellung steckt hier noch eine präzise Rettungsidee, mit der Schwarz die Partie im Gleichgewicht halten kann.

Die Aufgabe: Schwarz am Zug hält die Partie remis – welche Ressource übersah er?
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Lehrstück vom Läuferpaar in Budva
Ein gut harmonierendes Läuferpaar gilt als feine langfristige Waffe – im European Club Cup in Budva präsentierte Anton David Guijarro ein beinahe lehrbuchhaftes Beispiel. In der ersten Runde traf der spanische Großmeister für Novy Bor auf den jungen Luxemburger Cedric Reymann vom CE Gambit Bonnevoie. Reymann griff im 20. Zug mit e4?? beherzt ins Zentrum, offenbar mit der Idee, im nächsten Zug e5 hinterherzuschieben.
Doch die Stellung ist bereits sehr offen, und genau das lieben Läuferpaare: Guijarros Läufer auf der langen Diagonale beginnen plötzlich, über die weißen Türme und Felder rund um den König herzufallen. Unabhängig davon, wie Weiß sich verteidigt, kann Schwarz mindestens einen Turm – also einen ganzen Austausch – erzwingen.
Die Diagrammstellung zeigt den Moment vor Guijarros Antwort: Mit welchem Zug setzt Schwarz seine Läufer ideal in Szene, so dass Weiß dem materiellen Aderlass nicht mehr ausweichen kann?

Die Aufgabe: Schwarz am Zug nutzt die Kraft des Läuferpaars und erzwingt Materialgewinn – wie?
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Drei Taktikblitze aus Budva
Nach der vierten Runde des European Club Cup in Budva lag das ungarische Team Tuxera Aquaprofit Nagykanizsa auf einem starken fünften Platz. Im dritten Match hatten zwei Siege den Ausschlag gegeben, einer davon gelang Benjamin Gledura – sein Gegner Theodor Kenneskog stand in der Schlussstellung völlig auf Gewinn. Für Schwarz gab es mehrere vielversprechende Züge, doch einer stach durch seine Zwangswirkung besonders hervor und wurde in der Partie auch gespielt.
Ein zweites Diagramm stammt aus der Partie Richard Pert gegen Jorden van Foreest. Der englische Internationale Meister traf auf den niederländischen Spitzenmann, derzeit Nummer zwei seines Landes und unter den Top 25 der Welt. Nach dem unvorsichtigen Zug Td6?? von Schwarz bot sich Weiß eine überraschende taktische Wendung, mit der Pert die Partie an sich riss.
Schließlich eine ruhige, fast unscheinbare Stellung aus Rauf Mamedov – Dragisa Blagojevic. Auf den ersten Blick scheinen die schwarzen Figuren solide zu stehen, doch bei genauerem Hinsehen sind sie erstaunlich passiv. Weiß verfügt über eine konkrete Möglichkeit, diese Passivität in einen unmittelbaren Vorteil umzumünzen.



Die Aufgabe: In allen drei Stellungen hat die Seite am Zug eine taktische Lösung – was würden Sie in den jeweiligen Diagrammen spielen?
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Dreimal Klubkampf – und ein stiller Schlag
Noch einmal Budva, diesmal aus der vierten Runde: Der Schweizer FIDE‑Meister Moritz Collin traf auf Ugur Barkin Tahaoglu. Schwarz glaubte, auf c4 einen unverteidigten Bauern schlagen zu können, und spielte selbstbewusst Dxc4??. Doch der vermeintliche Gratisbauern öffnete weiße Linien – Collin hatte bereits berechnet, wie sich diese Aktivierung der Schwerfiguren gegen den schwarzen König ausnutzen ließ.
Im nächsten Diagramm sehen wir Matthias Blübaum, der für ein ungarisches Spitzenteam antritt. Sein Gegner, der erfahrene französische Großmeister Etienne Bacrot, erlaubte sich mit Lxh2?? einen seltenen Lapsus: Der Bauernraub am Königsflügel stellte sich als taktische Katastrophe heraus. Mit präzisem Spiel verwandelte Blübaum die geschwächte schwarze Königsstellung in einen vollen Punkt für die Mannschaft.
Die dritte Stellung schließlich gehört Richard Rapport. Der ungarische Supergroßmeister ist bereits auf der Siegerstraße, doch Schwarz besitzt noch Springer und Turm, die dem weißen f‑Bauern den Weg zur Umwandlung erschweren könnten. Rapport findet eine ruhige, aber sehr kraftvolle Lösung: Mit einem einzigen Zug nimmt er dem Gegner die Gegenchancen und verbessert gleichzeitig sein eigenes Materialverhältnis.



Die Aufgabe: In allen drei Stellungen ist Weiß am Zug: Wie gewinnt Collin nach …Dxc4??, wie nutzt Blübaum …Lxh2?? aus, und mit welchem stillen Zug vergrößert Rapport seinen materiellen Vorsprung?
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Die Auflösungen
Wie immer lohnt es sich, die Stellungen zunächst selbst am Brett oder im Kopf zu durchdringen – oft entdeckt man dabei mehr, als die Musterlösung zeigt. Die Partien aus Budva und die Klassiker aus Meran liefern dafür reichlich Anregung.
Lösung: Kortschnoi gegen Karpow in Meran
Zu dieser Stellung verraten wir die Lösung nicht – Lösungsvorschläge gern in die Kommentare oder direkt unter dem Beitrag auf vise.social.
Lösung: Lehrstück vom Läuferpaar in Budva
Zu dieser Stellung verraten wir die Lösung nicht – Lösungsvorschläge gern in die Kommentare oder direkt unter dem Beitrag auf vise.social.
Lösung: Drei Taktikblitze aus Budva
Zu dieser Stellung verraten wir die Lösung nicht – Lösungsvorschläge gern in die Kommentare oder direkt unter dem Beitrag auf vise.social.
Lösung: Dreimal Klubkampf – und ein stiller Schlag
1. Txd3
Im Endspiel ist der schwarze Springer auf d3 der einzige ernsthafte Störfaktor gegen die Umwandlung des f‑Bauern – und zudem völlig ungedeckt. Weiß schlägt deshalb einfach zu: 1.Txd3 entfernt den Springer ohne jede Gegenchance auf Rückgewinn. Schwarz bleibt mit König und Turm gegen König, Turm, Läufer und Bauern zurück; der weiße f‑Bauer lässt sich nun in Ruhe unterstützen und schließlich zur Dame führen.
Die Schachecke erscheint wöchentlich; neue Aufgaben gibt es fast täglich auf vise.social/@chesstactics.
Quellen: FIDE, Chess.com, ChessBase
Diagramme: Thomas Wagner
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