Vom romantischen Opferrausch Adolf Anderssens bis zur Nervenprobe im WM-Stechen zwischen Ding Liren und Gukesh D: Vier Aufgaben führen diese Woche durch 170 Jahre Schachgeschichte – und zeigen, wie ein einziger präziser Zug alles entscheidet. Dazu die wichtigsten Meldungen von US-Meisterschaft bis Europäischem Klubpokal.
Die Schachwoche. Die US-Meisterschaft 2026 sieht Wesley So nach sieben Runden mit 5 Punkten als einzigen ungeschlagenen Spitzenreiter vor Fabiano Caruana und Andy Woodward mit je 4½ Punkten; im Frauenturnier führen Rachael Li und Alice Lee mit 5½ Zählern, während Thalia Cervantes ihre erste Niederlage kassierte und Irina Krush auf 5 Punkte kam. In Budva begann der 41. Europäische Klubpokal mit 107 offenen und 22 Frauenteams, bei dem sich mehrere Spitzenmannschaften für die neue European Chess Super League 2027 qualifizieren können. Die FIDE öffnete den Ticketverkauf für den Weltmeisterschaftskampf Gukesh–Sindarov in Genf und unterstützt zugleich eine Resolution zu verkürzten klassischen Bedenkzeiten. Der elfjährige Roman Shogdzhiev erzielte in der serbischen Superliga seine zweite Großmeisternorm und liegt nur noch eine Norm und 29 Elo-Punkte vom Altersrekord Abhimanyu Mishras entfernt.
Was bleibt von einer Schachpartie im Gedächtnis? Nicht die lange Verteidigungsarbeit, sondern jener eine Moment, in dem ein Spieler den Mut hat, seine Figuren auf eine unwiderrufliche Bahn zu schicken. Anderssens „Immergrüne“ Kombination von 1852, ein präziser Königszug in Sackmanns Studie von 1913, der Nervenverlust in der letzten WM-Partie zwischen Ding Liren und Gukesh D und Karpows eiskalter Konter gegen Kortschnoi – sie alle leben von diesem Augenblick. Während heutzutage auf Verbandskongressen über verkürzte Bedenkzeiten gestritten und Nachwuchsstars wie Roman Shogdzhiev auf Rekordjagd gehen, lohnt der Blick auf Aufgaben, in denen sich die ganze Dramatik eines Turniers in wenigen Zügen verdichtet.
Anderssens Immergrün in der Entscheidung
Mitte des 19. Jahrhunderts wurde Schach anders gespielt als heute. Positionsverständnis, prophylaktische Züge, fein justierte Endspiele – all das trat hinter die Lust am offenen Schlagabtausch zurück. 1852, im Zeitalter des sogenannten Schachromantizismus, saßen sich in Berlin Adolf Anderssen und der Hamburger Meister Jean Dufresne gegenüber. Aus ihrer Begegnung erwuchs eine der berühmtesten Partien der Geschichte, die später den poetischen Namen „Immergrüne Partie“ erhielt: eine Kombination, die auch nach Jahrzehnten nicht verwelkt.
Unser Diagramm zeigt den kritischen Moment dieser Evans-Gambit-Partie. Auf den ersten Blick scheint Schwarz klar im Vorteil: zwei Mehrfiguren, offene Linien gegen den weißen König und das gefürchtete „Horwitz-Läuferpaar“, beide Läufer auf langen Diagonalen Richtung Königsflügel. Die schwarze Dame hat sich bereits bedrohlich bis nach f3 vorgearbeitet, der König steht noch sicher in der Mitte, und viele Lehrbücher würden hier guten Gewissens „schwarz steht auf Gewinn“ notieren.
Doch Anderssen hat seine Figuren so harmonisch auf die schwarzen Felder gestellt, dass aus dem scheinbar hoffnungslosen Angriffsziel plötzlich der Angreifer wird. Im richtigen Moment entfesselt er eine Abfolge von Opfern, die bis heute als Musterbeispiel für Angriffskunst gilt. Weiß ist am Zug und kann die Partie mit einer forcierten Kombination entscheiden – wie findet er den Gewinn?

Die Aufgabe: Weiß am Zug und gewinnt – wie?
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Sackmanns Königstour im Bauernendspiel
Endspielstudien leben von der Präzision. Der Berliner Problemmeister Franz Sackmann veröffentlichte 1913 eine kleine, aber einflussreiche Studie, die in vielen Lehrbüchern wiederkehrt, weil sie einen grundlegenden Gedanken des Bauernendspiels auf den Punkt bringt: Der König allein entscheidet, ob die Bauern marschieren dürfen oder nicht.
In der Stellung des Diagramms scheinen beide Seiten über ähnlich viele Ressourcen zu verfügen: je drei Bauern auf dem Damenflügel, die Könige dicht beieinander. Weiß steht aktiver, doch ein unbedachter Schritt lässt den Vorteil sofort entgleiten – dann erreicht Schwarz mit präziser Gegenspiel-Führung problemlos das Remis. Nur ein einziger Königszug hält den Gewinn fest.
Wer sich mit Opposition, „Reserve-Tempi“ und dem Kampf um Einbruchsfelder beschäftigt hat, wird die verborgene Logik dieser Studie besonders schätzen. Die Aufgabe belohnt genaues Rechnen und ein Gefühl dafür, wie knapp Sieg und Unentschieden im reinen Bauernendspiel beieinanderliegen.

Die Aufgabe: Weiß am Zug – nur ein Zug gewinnt, alle anderen führen zum Remis. Welcher ist es, und warum?
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Ding gegen Gukesh: der letzte Patzer
Von der romantischen Opferphantasie springen wir direkt in die Gegenwart: zu einem zermürbenden Weltmeisterschaftskampf zwischen Ding Liren und dem jungen Inder Gukesh Dommaraju. Vor dem Match war Ding außer Form, während Gukesh das Kandidatenturnier dominiert hatte – nicht wenige erwarteten einen klaren Durchmarsch des Herausforderers. Die Realität war ein harter, ausgeglichener Zweikampf; nach langen Positionsduellen und zähen Verteidigungen gingen beide Spieler mit 6½:6½ in die letzte Partie, sichtlich ausgelaugt.
In der Schlussrunde gelang Ding mit den weißen Steinen eine weitgehende Vereinfachung ins Endspiel. Auf dem Brett blieb eine scheinbar harmlose Stellung mit je einem Turm, einem Läufer und einigen Bauern – genau die Art Endspiel, in der der Weltmeister seine Technik normalerweise ausspielen kann. Doch Müdigkeit macht auch Weltklassemenschen anfällig: ein grober Patzer ließ die schwarze Antwort praktisch erzwungen erscheinen, so klar war der Gewinnzug.
Im Diagramm sehen wir die Stellung nach Dings Fehlgriff. Weiß droht mit seinem Freibauern auf b6, doch die Koordination seiner Figuren ist brüchig, der König auf b8 von seinen Helfern abgeschnitten. Gukesh findet eine taktische Abwicklung, nach der nur noch ein technisch gewonnenes Endspiel übrig bleibt – und mit ihm der Titel des jüngsten Weltmeisters der Geschichte. Schwarz ist am Zug: Wie verwandelt er diesen Moment in einen sicheren Sieg?

Die Aufgabe: Schwarz am Zug – wie gewinnt er und sichert sich damit den Weltmeistertitel?
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Karpow–Kortschnoi: Hypnose, Joghurt und Matt
Zum Abschluss geht es zurück ins Jahr 1978, zu einem Wettkampf, der Schachgeschichte und Kalten Krieg verband: Anatoli Karpow verteidigt in Baguio seine Weltmeisterschaftskrone gegen Viktor Kortschnoi, der aus der Sowjetunion geflohen war. Der Wettkampf, auf sechs Gewinnpartien angesetzt, wurde von politischen Spannungen und bizarren Nebenkriegsschauplätzen begleitet. Kortschnoi misstraute jeder Geste des gegnerischen Lagers: ein zugeschobener Heidelbeerjoghurt erschien ihm wie ein geheimer Code, Karpows Delegation brachte einen Hypnotherapeuten mit, worauf Kortschnoi zwei orange gekleidete Ananda-Marga-Gurus als „Gegenzauberer“ engagierte – die später ausgeschlossen wurden, weil sie wegen versuchten Mordes auf Kaution frei waren. Sogar Kortschnois Stuhl wurde im Krankenhaus geröntgt, um nach versteckten Strahlungsquellen zu suchen.
Auf dem Brett lieferten sich die beiden eine zähe Materialschlacht: Bei neun entschiedenen Partien gewann Karpow am Ende knapp mit 6:5 Siegen und 21 Remisen – eine der dramatischsten Titelverteidigungen überhaupt. Besonders berühmt wurde die 17. Partie, in der Kortschnoi mit den weißen Steinen eine aussichtsreiche Stellung erreichte, nur um sie dann mit einem einzigen unglücklichen Turmzug aus der Hand zu geben.
Genau diesen Moment zeigt unser Doppel-Diagramm. Nach langer Verteidigung hat Schwarz seine beiden Springer und den Turm mustergültig koordiniert; der weiße König steht auf g1, seine Türme auf a1 und h7, und soeben ist der Turm auf a1 gezogen worden – ein schwerer Fehler, mit dem Weiß in ein fertiges Mattnetz hineinschreitet. Karpow fand eine elegante Forcierung, die in nur drei Zügen zum Matt führt.


Die Aufgabe: Nach Ra1?? ist Schwarz am Zug und setzt in drei Zügen matt – wie?
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Die Auflösungen
Wie immer lohnt es sich, die Stellungen zunächst selbst am Brett zu erforschen, bevor man einen Blick auf die Lösungen wirft. Vielleicht entsteht dabei ja die eine oder andere eigene Kombination, die irgendwann einmal als „immergrün“ gilt.
Lösung: Anderssens Immergrün in der Entscheidung
20. Txe7+ Sxe7 21. Dxd7+ Kxd7 22. Lf5+ Ke8 23. Ld7+ Kf8 24. Lxe7#
Weiß opfert zunächst den Turm auf e7, um den Springer als wichtigsten Verteidiger abzulenken. Nach 20.Txe7+ Sxe7 21.Dxd7+ Kxd7 folgt das berühmte Läuferkarussell: 22.Lf5+ Ke8 23.Ld7+ Kf8 24.Lxe7#. Die schwarzen Figuren auf den langen Diagonalen stehen sich gegenseitig im Weg, der König findet aus dem Mattnetz keinen Fluchtweg mehr.
Lösung: Sackmanns Königstour im Bauernendspiel
Zu dieser Stellung verraten wir die Lösung nicht – Lösungsvorschläge gern in die Kommentare oder direkt unter dem Beitrag auf vise.social.
Lösung: Ding gegen Gukesh: der letzte Patzer
1. … Txc7 2. bxc7 Lf5 3. c8=D Lxc8 4. Kxc8
Schwarz beginnt mit 1…Txc7 und opfert seinen Turm gegen den weißen Turm, um den Freibauern von b6 nach c7 zu locken. Nach 2.bxc7 folgt 2…Lf5 – der Läufer übernimmt die Kontrolle über das Umwandlungsfeld c8. Auf 3.c8D Lxc8 4.Kxc8 bleibt ein Endspiel König und zwei verbundene Freibauern gegen König und weit abseits stehenden Läufer übrig, ein typischer technisch gewonnener Fall für die Bauernseite.
Lösung: Karpow–Kortschnoi: Hypnose, Joghurt und Matt
1. … Sf3+ 2. gxf3 Tg6+ 3. Kh1 Sf2#
Schwarz beginnt mit 1…Sf3+ und opfert den Springer, um die g-Linie zu öffnen; nach 2.gxf3 steht der weiße König schutzlos in der Ecke. Es folgt 2…Tg6+ und der König wird mit 3.Kh1 auf das Mattfeld getrieben. Der Schlusszug 3…Sxf2# nutzt die Springergabel: Von f2 aus kontrolliert der Springer h1, und der weiße König hat weder Fluchtfelder noch eine Figur, die den Springer schlagen könnte.
Die Schachecke erscheint wöchentlich; neue Aufgaben gibt es fast täglich auf vise.social/@chesstactics.
Quellen: Chess.com, ChessBase, FIDE
Diagramme: Thomas Wagner
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