Warum Washington Ungarn als ideologischen und institutionellen Hebel gegen die EU einsetzt
Budapest/München. Wer Marco Rubios Auftritt auf der Münchner Sicherheitskonferenz als freundlich verpackte Reparatur der transatlantischen Beziehungen verstanden hat, hörte vor allem den Ton, nicht den Inhalt. Der Inhalt war Kulturkampf. Und er bekam zwei Tage später in Budapest seinen praktischen Anwendungsfall: Viktor Orbán, im ungarischen Wahlkampf unter Druck, wurde vom US-Außenminister öffentlich geadelt, als hinge das amerikanische Interesse an Ungarns Zukunft an einer einzigen Person.
Die Kolumnistin des MediaRes Magazin des Deutschlandfunk Marina Weisband hat in einem Kommentar den zentralen Reflex vieler Medien beschrieben: das Ausweichen vor klaren Begriffen, die Angst, das Offensichtliche als Offensichtliches zu benennen. Im Fall Rubios ist diese Feigheit nicht nur semantisch unerquicklich, sie ist politisch gefährlich. Vielerorts wurde in Medien von „Erleichterung“ gesprochen, dass Rubios Rede Partnerschaftsbereitschaft und Rückbesinnung auf gemeinsame „westliche“ Werte signalisiert. Aber welche Art der Partnerschaft und welche Art der „westlichen Werte“ sind hier zentral gemeint? Rubios Münchner Rede operiert mit Bausteinen, die in Europa seit den 1920ern bekannt sind: Zivilisation als Blut-und-Boden-Erzählung, innere Feinde als Erosion, die Nation als bedrohte Schicksalsgemeinschaft, internationale Regeln als Fessel, „Dekadenz“ als Diagnose. Der anschließende Besuch bei Orbán zeigt, wozu diese Sprache taugt: zur Aufwertung eines EU-Störfaktors, der Brüssel lähmen kann.
Under President Trump, the United States of America will once again take on the task of renewal and restoration, driven by a vision of a future as proud, as sovereign, and as vital as our civilization’s past. And while we are prepared, if necessary, to do this alone, it is our preference and it is our hope to do this together with you, our friends here in Europe.
Die Vision von westlicher Vorherrschaft durch Donald Trumps Handschrift ist inkompatibel mit dem was gemeinhin als Europas Werte verstanden wird: Demokratie, Frieden, Zivilgesellschaftliche Partizipation, Sozialer Ausgleich und Jahrtausendealte reichhaltige Kulturen und Traditionen.
München: Der Westen als Schicksalsgemeinschaft, nicht als Rechtsraum
Rubio zeichnet in München nicht die NATO als Zweckbündnis. Er zeichnet „Western civilization“ als quasi natürliche Einheit, zusammengehalten durch Begriffe wie „Christian faith“ , „heritage & culture“ und dem völkisch anmutenden „ancestry“. In dieser Erzählung ist der Pluralismus Europas nicht Stärke, sondern Problem: Migration wird zur existenziellen Bedrohung stilisiert – Dabei ist Europa zeitlebens durch Flucht geprägt – das betrifft alle Völker und Kulturen Europas, ergibt das Mosaik das Europa ist. Themen wie Klimapolitik werden zu Randthemen und als Sektentum abgetan, internationale Institutionen seien Selbstentmündigung – warum sich an die UN, EU, WTO, WHO oder andere halten, wenn man es doch selber als Nation eh besser weiß.
Die faschistische Qualität liegt nicht in einem einzelnen Schimpfwort, sondern in der Dramaturgie: Erst wird eine kulturell homogene Gemeinschaft behauptet, dann werden „Grenzen“ davon als Überlebensfrage markiert, dann folgt der moralische Ausnahmezustand, in dem Gegenargumente als naiv oder verräterisch erscheinen. Genau deshalb ist die Rede so anschlussfähig an europäische Rechtsaußen-Programme, die seit Jahren von „civilisational erasure“ und „Demise of Christian culture“ sprechen. Der Guardian hat diese Linie ausdrücklich herausgearbeitet: Rubios Angebot sei Freundschaft „on white, Christian, MAGA terms“.
Diese Rhetorik ist funktional. Sie verschiebt die Konfliktachse weg von konkreten Politikfragen hin zur identitären Grundsatzfrage: Wer so spricht, baut keine Koalitionen, er sortiert Menschen. Das ist der Kern.

Budapest: Eine Wahlkampfrede auf Staatskosten
Am 16. Februar 2026 steht Rubio in Budapest neben Orbán und sagt Sätze, die in klassischen Demokratien als Grenzüberschreitung gelten müssten: Trump setze sich „mit Nachdruch“ für Orbáns Erfolg ein, „Ihr Erfolg ist auch unser Erfolg“, es liege im „nationalen Interesse“ der USA, dass Ungarn erfolgreich sei, „insbesondere, solange Sie Ministerpräsident und Führer dieses Landes sind“.
Das ist nicht Diplomatie. Das ist Einmischung. Sie trifft ein Land, in dem Orbán Umfragen um acht bis zehn Prozentpunkte hinter der TISZA-Partei von Péter Magyar liegt, also dort verwundbar wirkt, wo Fidesz seit 2010 unverwundbar sein wollte.
Der Subtext lautet: Washington will nicht Ungarn, Washington will Orbán. Und Orbán bekommt damit genau das, was er innenpolitisch am dringendsten braucht: das Bild internationaler Rückendeckung, das die Erzählung von der angeblich isolierten Regierung dreht. Nicht Orbán ist isoliert, so soll es wirken, sondern Brüssel.
Was Trump von Ungarn will
Ungarn ist klein. Aber Ungarn hat in der EU etwas, das größer ist als seine Wirtschaftskraft: die Fähigkeit zur Blockade. In einem System, das bei zentralen Fragen Einstimmigkeit kennt, wird der Störenfried zur Schlüsselressource. Orbán hat diese Rolle perfektioniert: als Bremser bei EU-Linien zur Ukraine, als dauernder Querulant in Rechtsstaatfragen, als politischer Importeur von Kreml-Narrativen.
Für Trump ist das wertvoll, weil es die EU als geopolitischen Akteur schwächt, ohne dass Washington formell gegen Europa antreten muss. Man unterstützt schlicht jene Kräfte, die Europa von innen sowieso angreifen. Genau das ist die Sorge in Brüssel, die auch in internationalen Analysen offen benannt wird: Rubio verstärke Ängste, die USA wollten „disunity“ fördern so der Guardian in seiner Analyse.
Dazu kommt der ideologische Nutzen: Orbán liefert die europäische Testversion des MAGA-Kulturkampfs, inklusive Anti-Woke-Politik, Anti-Migrationsrhetorik, Feindbild-Brüssel. Rubio liefert die amerikanische Hochsprache dafür, mit Western Civilisation statt Parteiparolen.
Was Ungarn von Trump will
Orbán braucht zwei Dinge: Legitimität und Zeit.
Legitimität, weil sein System seit Jahren nicht nur als illiberal, sondern als institutionell verzerrt beschrieben wird. Ákos Hadházy nennt es sogar ein „hybrides Regime“ ähnlich der Türkei: Wahlen ja, aber mit struktureller Dominanz über Ressourcen, Öffentlichkeit und Medien und dem stark ausgerichteten Staat im Rücken. Für ein solches System ist Anerkennung aus Washington eine innenpolitische Währung. Sie ersetzt, was Brüssel nicht mehr liefert. Das Narrativ der bösen EU ist abgenützt.
Zeit, weil der Wahlkampf ungewöhnlich hart geführt wird. Orbán erklärt die Opposition zur Schöpfung des Auslands, fantasiert von Herren in Brüssel, kündigt an, gegen „pseudozivile Organisationen“ und „gekaufte Journalisten“ vorzugehen und spricht von einer „Unterdrückungsmaschinerie“, die man mit der man nach der Wahl im April aufräumenw erde.
Rubios Auftritt in Budapest passt da perfekt hinein: Wer Orbán öffentlich als „Führer dieses Landes“ umwirbt, normalisiert genau jene Personalisierung der Macht, die Orbán im Inneren betreibt.
Der Deal hinter der Pose
Der eigentlich Deal ist banal und zynisch.
Ungarn verkauft sich als ideologisches Vorfeld und als institutioneller Hebel: ein EU-Mitglied, das EU-Entscheidungen blockieren kann und zugleich den Kulturkampf gegen woke und globalistisch in offizieller Regierungssprache führt. Die USA gewinnen damit Einfluss auf die EU, ohne selbst EU-Akteur zu sein.
Orbán gewinnt die Erzählung, die er im Wahlkampf braucht: dass seine Politik nicht die Marotte eines isolierten Provinzfürsten ist, sondern Teil einer neuen westlichen Achse. Rubio liefert dafür den Segen, München die Bühne, Budapest die Fototermine.
Wer das nicht „faschistisch“ nennen will, darf das. Welches andere Wort die Mischung aus Zivilisationsmythos, innerer Feindmarkierung, Anti-Pluralismus und personenzentrierter Machtästhetik präziser trifft ist dem Pester Lloyd nicht klar. Marina Weisband hat recht: Nicht die Härte des Begriffs ist das Problem, sondern die Bequemlichkeit, ihn zu vermeiden.
Quellen: MTI.hu, ORF.at, The Guardian, Deutschlandfunk @mediasres, Deutschlandfunk-Audio (Weisband-Kommentar), U.S. Department of State
Photo: Secretary of State Marco Rubio mit Viktor Orbán, U.S. Department of State.





