Vom klassischen Mattbild über Anands frühesten Albtraum bis zu Dings Weltmeister-Kombination – große Namen prägen die Aufgaben dieser Woche.
Die Schachwoche. Für den WM-Kampf zwischen Weltmeister Gukesh D und Herausforderer Javokhir Sindarov in Genf (ab 24. November) hat der Ticketverkauf begonnen. Die FIDE-Generalversammlung wählte Timur Turlov zum Präsidenten und Viswanathan Anand zu seinem Stellvertreter, bestätigte die Suspendierung der Verbände Russlands und Ruandas und ebnete per Resolution den Weg zu kürzeren klassischen Bedenkzeiten bis hinunter zu 60+30. Bei den US-Meisterschaften in St. Louis glänzten Fabiano Caruana und Wesley So, im Frauenturnier Alice Lee; in Shenzhen gewann Yu Yangyi das Nanshan Masters.
Wenn der Weltverband den nächsten WM-Kampf ausruft und zugleich ein Ex-Weltmeister zum Vizepräsidenten gewählt wird, erinnert das daran, wie sehr die Geschichte des Schachs von großen Persönlichkeiten getragen wird. Die Aufgaben dieser Woche führen von Emanuel Laskers Fallenbau über einen jungen Viswanathan Anand und Magnus Carlsens New Yorker Titelverteidigung bis zu Ding Lirens kühner Entscheidung im jüngsten Match – gerahmt von einem klassischen Lehrmatt, das seit Generationen in Taktikbüchern steht.
Ein Klassiker zum Auftakt
Zum Aufwärmen ein Bild, das in unzähligen Taktikbüchern herumgereicht wird: Der schwarze König ist auf a8 in die Ecke gedrängt, umgeben von eigenen Figuren, die ihm die Luft nehmen. Wie könnte man eine Schachkolumne sonst beginnen als mit einem solchen Klassiker? Weiß ist am Zug und setzt in vier Zügen matt – mehr sei im Vorfeld nicht verraten.
Auffällig ist, wie harmonisch die weißen Kräfte bereits bereitstehen: Dame und Turm peilen die a-Linie an, der Springer lauert auf b5, der Läufer auf d3 kontrolliert die Diagonalen zum König. Schwarz verfügt zwar noch über Dame, Türme und einen Springer, doch der Monarch hat kaum sichere Felder. Gefragt ist eine präzise Abfolge, in der vor allem der Springer eine Hauptrolle spielt und den König Schritt für Schritt ins Mattnetz treibt.

Die Aufgabe: Weiß am Zug setzt in vier Zügen matt – wie?
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Viswanathan Anands frühe Kurzpartie
Fünfmaliger Weltmeister, Schnellschach- und Computerpionier, nun auch frisch gewählter FIDE-Vizepräsident: Viswanathan Anand hat das moderne Spitzenschach geprägt wie nur wenige. Berühmt ist er für seine Rechengeschwindigkeit und Anpassungsfähigkeit – Eigenschaften, die ihn durch ganz unterschiedliche WM-Formate trugen, vom K.-o.-Turnier 2000 bis zu den klassischen Wettkämpfen gegen Kramnik, Topalow und Gelfand.
Doch selbst ein künftiger Weltmeister ist nicht vor frühen Katastrophen gefeit. In der Partie gegen Alonso Zapata 1988 – damals war Anand der erste indische Großmeister und gerade auf dem Sprung zur Weltspitze – griff er mit Schwarz zur Russischen Verteidigung (Petroff). Nach nur sechs Zügen entstand die Diagrammstellung: Der Springer auf e4 hängt, Anand plante, ihn mit …De7 solide zu decken und eine zweite Verteidigerin heranzuziehen.
Noch bevor er die Hand von der Figur nahm, erkannte er jedoch, dass dieser scheinbar logische Zug eine sofortige, taktisch zwingende Antwort zulässt, gegen die es keine Rettung gibt. Anand unterschätzte einen einfachen Entwicklungszug des Gegners, der gleichzeitig einen Mehrangriff auf die schwarze Dame und den Springer entfacht – Anlass genug, die Partie ohne weitere Züge aufzugeben.


Die Aufgabe: Welchen vernichtenden Zug hätte Weiß nach dem geplanten …De7 zur Verfügung gehabt, den Viswanathan Anand in dieser Partie völlig übersehen hatte?
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Emanuel Laskers Falle im Albin-Gegengambit
Der Name des einzigen deutschen und zugleich am längsten regierenden Weltmeisters, Dr. Emanuel Lasker, ist nicht nur mit WM-Matches, sondern auch mit einer ganzen Reihe von Eröffnungsvarianten verbunden. Lasker war ein Meister der praktischen Chancen, ein Psychologe des Bretts, der seine Gegner gern in ungewohnte Situationen lockte.
Eine seiner bekanntesten Fußnoten in der Eröffnungstheorie ist die sogenannte Lasker-Falle im Albin-Gegengambit. Nach 1.d4 d5 2.c4 e5 opfert Schwarz früh einen Bauern, um aktives Figurenspiel zu bekommen. In der Diagrammstellung hat sich sein e-Bauer bereits bis nach e3 vorgekämpft, und ein schwarzer Läufer steht scheinbar ungeschützt auf b4 – eine Einladung für Weiß, der es in der Praxis nur zu gern „einfach nimmt“.
Gerade dieses scheinbar kostenlose 1.Lxb4? entpuppt sich jedoch als grober Fehlgriff. Schwarz verfügt über eine versteckte taktische Ressource, die auf einem Konzept beruht, das man eher aus Studien als aus praktischen Partien kennt: Ein Bauer spielt die Hauptrolle und verwandelt sich auf der Grundreihe nicht etwa in eine Dame, sondern in etwas Bescheideneres – mit umso größerer Wirkung.

Die Aufgabe: Weiß am Zug kann scheinbar ungestraft den Läufer auf b4 schlagen – wie weist Schwarz nach 1.Lxb4? dank eines seltenen Bauernmotivs nach, dass Weiß damit eine ganze Figur verliert?
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Carlsens verpasste Mattführung gegen Karjakin
Die Weltmeisterschaft 2016 in New York war für Magnus Carlsen ein erster echter Härtetest als Titelverteidiger. Gegen den russischen Großmeister Sergey Karjakin geriet er nach acht Partien mit einer Niederlage ins Hintertreffen, glich erst in der zehnten Partie aus und rettete sich mit 6:6 in den Schnellschach-Stichkampf, den er schließlich klar für sich entschied.
Die Stellung unseres Diagramms stammt aus der letzten, vierten Schnellpartie dieses Matches. Mit den weißen Steinen hat Carlsen soeben die Chance erhalten, 49.Tc8+ zu spielen und den schwarzen König in die Defensive zu zwingen. Karjakin betrachtete zwei Verteidigungszüge: den blockierenden Läuferzug und den Königslauf nach h7 – und kam zum Schluss, dass letzterer sicher sei.
Tatsächlich versteckt sich hinter 49.Tc8+ Kh7 eine forcierte Mattführung, die von einem starken weißen Folgetempo getragen wird und Karjakins König auf der offenen h-Linie festnagelt. In der Partie kam diese Variante nicht aufs Brett; sie zeigt aber exemplarisch, wie eng im Spitzenschach brillante Verteidigung und versäumte Gelegenheit beieinanderliegen.

Die Aufgabe: Nach 49.Tc8+ Kh7 hätte Weiß mit welcher präzisen Fortsetzung den schwarzen König zwangsläufig mattsetzen können?
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Ding Liren plant drei Züge voraus
„Er sieht es. Das ist der bemerkenswerte Teil: er sieht etwas Hübsches – aber was ist die Vollendung?“ so kommentierte Großmeister Anish Giri live den sechsten WM-Kampf 2023 zwischen Ding Liren und Ian Nepomniachtchi. Die Kommentatoren, Computer inklusive, konnten zunächst kaum nachvollziehen, was der chinesische Titelverteidiger mit seinem nächsten Zug beabsichtigte.
In der ersten Diagrammstellung entschied sich Ding mit den weißen Steinen für 41.d5 – einen unspektakulären Bauernvorstoß auf den ersten Blick. Dahinter verbarg sich jedoch eine tiefere Idee: Der d-Bauer schränkt die schwarze Schwerfigur entscheidend ein und bereitet ein harmonisches Zusammenwirken von Dame, Turm und Springer vor. Drei Züge später war die Stellung so zugespitzt, dass Nepomniachtchi seine Verteidigungsmöglichkeiten erschöpft sah.
Die zweite Stellung zeigt den kritischen Moment dieser Sequenz: Der Bauer steht inzwischen fest auf d5, der weiße Springer ist in die Nähe des Königs gesprungen, und die Dame hat sich ideal postiert. Nun genügt eine präzise Folge, um den schwarzen König endgültig aus dem sicheren Bereich zu treiben und die Partie für Weiß zu entscheiden.


Die Aufgabe: Wie setzt Ding Liren seine Idee nach 41.d5 fort, sodass in der zweiten Stellung mit dem Bauern auf d5 eine zwingende Gewinnsequenz entsteht, die Ian Nepomniachtchi zur Aufgabe zwingt?
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Die Auflösungen
Wie immer lohnt es sich, die Stellungen zunächst ohne technische Hilfe am Brett oder Bildschirm selbst zu durchrechnen. Die Lösungen finden Sie im Anschluss – zum Vergleichen der eigenen Varianten und zum Genuss der verborgenen Ideen.
Lösung: Ein Klassiker zum Auftakt
1. Sc7+ Kb8 2. Sa6+ Ka8 3. Db8+ Txb8 4. Sc7#
Weiß nutzt ein klassisches Springermanöver: 1.Sc7+ Kb8 2.Sa6+ Ka8 zwingt den König wieder auf a8. Mit 3.Db8+ opfert Weiß die Dame, um die schwarze Turmdeckung von der achten Reihe abzulenken: 3…Txb8 4.Sc7# beendet die Partie, der Springer setzt allein matt, weil alle Fluchtfelder durch Springer und Türme kontrolliert sind.
Lösung: Viswanathan Anands frühe Kurzpartie
Zu dieser Stellung verraten wir die Lösung nicht – Lösungsvorschläge gern in die Kommentare oder direkt unter dem Beitrag auf vise.social.
Lösung: Emanuel Laskers Falle im Albin-Gegengambit
Zu dieser Stellung verraten wir die Lösung nicht – Lösungsvorschläge gern in die Kommentare oder direkt unter dem Beitrag auf vise.social.
Lösung: Carlsens verpasste Mattführung gegen Karjakin
Zu dieser Stellung verraten wir die Lösung nicht – Lösungsvorschläge gern in die Kommentare oder direkt unter dem Beitrag auf vise.social.
Lösung: Ding Liren plant drei Züge voraus
Zu dieser Stellung verraten wir die Lösung nicht – Lösungsvorschläge gern in die Kommentare oder direkt unter dem Beitrag auf vise.social.
Die Schachecke erscheint wöchentlich; neue Aufgaben gibt es fast täglich auf vise.social/@chesstactics.
Quellen: FIDE, ChessBase, Chess.com
Diagramme: Thomas Wagner
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Dass ausgerechnet der einzige deutsche Weltmeister, Lasker, eine Falle im Albin-Gegengambit hinterlassen hat, zeigt schön, wie leise und zäh unsere Herkunft auch im Spiel der Könige weiterwirkt. Ich wünsche mir, dass die deutschsprachigen Kinder in Ungarn diese Namen wieder kennenlernen, statt sie nur in alten Vereinschroniken zu suchen.