Während Ungarn die Ukraine rhetorisch als Gegner darstellt, verknüpfen neue Industrieallianzen Ungarns Rüstungssektor mit Unternehmen, die zentrale Lieferanten der ukrainischen Streitkräfte sind.
Budapest/Zalaegerszeg/Kyiv. Die ungarische Regierung inszeniert sich seit Beginn des Ukrainekrieges als scharfer Kritiker Kyivs. Ministerpräsident Viktor Orbán hat den Ukrainekrieg zur Schicksalsfrage Ungarns erklärt. Hinter den Kulissen gibt es eine andere Realität: zentrale Akteure der ungarischen Rüstungsindustrie kooperieren mit internationalen Unternehmen, die unmittelbar an der Aufrüstung der ukrainischen Armee beteiligt sind.
Ausgangspunkt dieser Konstellation ist eine Reihe von Vereinbarungen der 4iG Űr és Védelmi Technológiák Zrt. mit internationalen Rüstungsunternehmen. Wie das Investigativportal Átlátszó berichtet, gehören dazu neben dem US-Konzern Lockheed Martin und dem türkischen Hersteller Nurol Makina auch die tschechische Czechoslovak Group (CSG) sowie deren Tochterunternehmen Tatra Trucks. Letztere erwarb im Zuge dieser Kooperation einen Anteil von 37 Prozent an der traditionsreichen ungarischen Rába Nyrt., einem der letzten bedeutenden Rüstungsbetriebe mit ungarischer Geschichte.
Ministerpräsident Orbán bezeichnete die Kooperation öffentlich als Teil einer „umfassenden geopolitischen Strategie“.
Privatisierung der Rüstungsindustrie
Die neuen Eigentümerstrukturen sind Ergebnis einer weitreichenden Privatisierungswelle im ungarischen Verteidigungssektor. Das Verteidigungsministerium hatte bereits im vergangenen Jahr große Teile der verbliebenen staatlichen Rüstungsindustrie verkauft.
Zunächst gingen Anteile des tschechischen Flugzeugherstellers Aero Vodochody an Investoren aus dem Umfeld des MOL-Konzerns sowie an ein Unternehmen von Árpád Habony. Danach folgte ein weit größerer Schritt: Die inzwischen stark gewachsene Unternehmensgruppe 4iG übernahm die Mehrheitsbeteiligung an der staatlichen Holding N7, die zuvor zentrale Rüstungsunternehmen verwaltet hatte.
Auch die traditionsreiche Lastwagenfabrik Rába blieb zunächst im Staatsbesitz, wurde jedoch wenige Monate später ebenfalls mehrheitlich von 4iG übernommen. Mit dem Einstieg der Czechoslovak Group ist der ausländische Einfluss weiter gewachsen.
Der deutschen Rüstungskonzerns Rheinmetall hält über ein Viertel der Aktien von 4iG und zählt damit zu den wichtigsten ausländischen Akteuren im ungarischen Verteidigungssektor.
Im regionalen Vergleich ist diese Struktur ungewöhnlich: Staaten wie Rumänien, die Slowakei oder Bulgarien haben ihre großen Waffenhersteller weitgehend in staatlicher Hand behalten.
Die Regierungsrethorik clasht mit der Realität
Die Czechoslovak Group, die nun an der ungarischen Rüstungsindustrie beteiligt ist, zählt zu den wichtigsten Lieferanten der ukrainischen Streitkräfte. Nach Angaben des Unternehmens war die Ukraine im Jahr 2025 der größte Absatzmarkt der Gruppe. Mehr als ein Viertel der Einnahmen stammte aus ukrainischen Militärbestellungen.
Auch Tatra Trucks, ebenfalls Teil der CSG-Gruppe, ist seit Jahren ein wichtiger Lieferant für die ukrainischen Streitkräfte. Das türkische Unternehmen Nurol Makina lieferte laut eigenen Angaben Schutzplatten und persönliche Schutzausrüstung.
Rheinmetall, der wichtigste ausländische Investor im ungarischen Verteidigungssektor, baut derzeit Produktionskapazitäten in der Ukraine auf und arbeitet dort in Joint Ventures mit staatlichen Rüstungsunternehmen.
Der Lynx
In Zalaegerszeg produziert Rheinmetall seit 2023 den Schützenpanzer Lynx. Das Werk gehörte ursprünglich zu gleichen Teilen dem ungarischen Staat und dem deutschen Konzern, später wurde der staatliche Anteil ebenfalls an 4iG übertragen.
Laut einem Bericht des regierungsnahen englischsprachigen Magazins Hungarian Conservative wurde eines dieser Fahrzeuge 2024 zur Erprobung in die Ukraine geliefert. Nach den Tests habe sich das ukrainische Militär für das Modell als zukünftige Plattform entschieden.
Warum ist das interessant?
Die im Wahlkampf 2026 vorherrschende Strategie der regierenden Fidesz Partei ist es, eine unmittelbare Kriegsbeteiligung Ungarns in der Ukraine als Drohgespenst aufzubauen. Bereits im letzten Wahlkampf wurde damit ein Umfragetief überwunden und die Wahl gewonnen – die Opposition erfolgreich auf Plakatwäldern als Kriegtstreiber inszeniert.
Die besonders in den Ukrainekrieg verwobene ungarische Rüstungsindustrie steht dazu im deutlichen Widerspruch: es zeigt, dass die Rhetorik der ungarischen Regierung vorwiegend Symbolpolitik und Stimmungsmache ist und als Instrument im Wahlkampf diehnt – weniger ernstgemeinte Politik ist: Wenn Ungarn dem vorgeblichen Feind Ungarns Waffen liefert und seine Rüstungsindustrie in die Kriegswirtschaft dieses vorgeblichen Feindes integriert, kann das kein wirklicher Feind sein.
Quellen: atlatszo.hu
Photo: KI-generiert











