Wie Fidesz die Angst vor einer Verwicklung in der Ukraine systematisch zum zentralen Narrativ der Wahl 2026 formt
Budapest. Der Wahlkampf der Regierungspartei Fidesz hat sein Thema gefunden. Nach Monaten diffuser Angriffe auf „Brüssel“, Genderpolitik, Migration oder internationale Finanzinteressen kristallisiert sich nun eine klare Botschaft heraus: Ungarn steht angeblich am Rand eines Krieges – und nur Viktor Orbán könne das Land davor bewahren, hineingezogen zu werden.
Diese Fokussierung ist kein Nebengeräusch. Sie ist orchestriert.
Ein Blick auf die jüngsten Verlautbarungen der staatlichen Nachrichtenagentur MTI genügt. Kaum ein Tag vergeht ohne neue Warnung vor militärischer Eskalation, ohne Verweis auf angebliche Kriegspläne der EU oder der Opposition. Die Tonlage ist apokalyptisch, die Argumentationsstruktur schlicht: Wer nicht Fidesz wählt, riskiert Krieg.

Auf einer Wahlkampfveranstaltung in Sukoró erklärte Ministerpräsident Viktor Orbán, Ungarn brauche eine Regierung, „die Nein sagen kann – wenn wir gedrängt werden, unser Geld der Ukraine zu geben oder gemeinsam einen Kredit aufzunehmen, der am Ende zur Stationierung von Truppen in der Ukraine führt“. Die Opposition werde „uns in den Krieg drängen“ und „unser Geld nach Ukraine schicken“.
Adressat dieser Angriffe ist vor allem die Partei Tisza unter Péter Magyar, die in aktuellen Umfragen und Prognosemärkten deutlich vor Fidesz liegt. Internationale Wettplattformen wie Polymarket sehen – Stand dieser Woche – einen komfortablen Vorsprung für Tisza.
Die Regierungspartei reagiert mit maximaler Polarisierung.

Die strategische Verschiebung ist deutlich. Noch vor wenigen Monaten dominierte eine breite Anti-EU-Rhetorik, flankiert von innenpolitischen Kulturkampfthemen. Nun wird die Opposition systematisch als ukrainisch gesteuert oder zumindest als verlängerter Arm einer „Kriegskoalition“ in Brüssel dargestellt. Fidesz-Europaparlamentarier Csaba Dömötör sprach in Brüssel von einer „Resolution zur Fortsetzung des Krieges“, getragen von einer „Großkoalition“, der auch Tisza angehöre. Die EU plane höhere Militärausgaben, Angriffe auf russische Infrastruktur und ein vollständiges Energieembargo – Maßnahmen, die Ungarn ruinieren würden.
Parallel inszeniert sich Orbán selbst als Friedensapostel. Seine Auftritte schwanken zwischen geopolitischem Pragmatismus und fast esoterischer Symbolik, wenn er von der „Kraft der Liebe“ als politischem Prinzip spricht. Die Botschaft bleibt jedoch konstant: Ungarn dürfe sich nicht hineinziehen lassen.
Diese Dramaturgie ist nicht neu. Bereits 2022 gewann Fidesz mit dem Vorwurf, die Opposition wolle Waffen liefern und Ungarn in den Krieg führen. Die damalige Kampagne funktionierte. Ob sie 2026 erneut trägt, ist fraglich. Die wirtschaftliche Lage ist angespannter, die soziale Unzufriedenheit gewachsen.
Auffällig ist, wie umfassend der Staatsapparat auf dieses Narrativ eingeschworen wird. Innenstaatssekretär Bence Rétvári erklärte bei einer Gedenkveranstaltung, „Ungarn darf an keinem Krieg teilnehmen“ – Geschichte lehre, dass man sich heraushalten müsse. Außenminister Péter Szijjártó verbindet jede energiepolitische Debatte mit dem Krieg. Diversifizierung ja, aber nicht um den Preis „ideologischer“ Entscheidungen aus Brüssel. Man werde keine günstigen und verlässlichen Quellen ersetzen. Gemeint ist vor allem russisches Gas, das über TurkStream und die Druschba-Pipeline ins Land gelangt.
Energiepolitik erscheint dabei nur noch als Unterkapitel des Kriegsthemas. Die nach 2022 versäumte strukturelle Diversifizierung wird rhetorisch in eine Zwangslage umgedeutet: Geografie sei Schicksal, Pipelinekapazitäten seien physikalische Fakten. Dass andere Staaten deutlich schneller alternative Lieferquellen erschlossen haben, bleibt unerwähnt.
Selbst internationale Kooperation wird in diese Erzählung integriert. Szijjártó betonte in Washington eine „neue goldene Ära“ der Beziehungen zu den USA, lobte die pragmatische Sicht auf Energiesicherheit und hob Ausnahmen von Russland-Sanktionen hervor. Die Botschaft: Washington verstehe Ungarns Lage – Brüssel nicht.
Die jüngsten Spannungen mit Kyiv – von Spionagevorwürfen über Drohnenmeldungen – liefern zusätzliches Material. Jede bilaterale Krise fügt sich nahtlos in das große Narrativ ein: Ungarn als bedrohte, aber besonnene Nation zwischen den Fronten.
Das Kalkül wirkt fast paradox. Implizit lautet die Botschaft an die Wählerschaft: Ja, das Land hat wirtschaftliche Probleme, strukturelle Defizite im Bildungs- und Gesundheitswesen, stagnierende Reallöhne. Aber all das verblasst gegenüber der existenziellen Gefahr eines Krieges. Wir haben vielleicht wenig zu verteilen – aber die anderen würden euch sogar in den Krieg schicken.
Es ist eine Form der Negativmobilisierung, die auf Angst setzt statt auf Zukunftsversprechen. Eine masochistische Variante politischer Kommunikation: Dankbarkeit nicht für Fortschritt, sondern für das Ausbleiben der Katastrophe.
Ob dieses Narrativ trägt, hängt von zwei Faktoren ab. Erstens von der realen Entwicklung des Krieges in der Ukraine. Jede Eskalation, jede neue Waffenlieferung, jede Diskussion über europäische Truppenkontingente kann innenpolitisch ausgeschlachtet werden. Zweitens davon, ob es der Opposition gelingt, das Thema zu entkräften und auf soziale und institutionelle Fragen zurückzuführen.
Der Wahlkampf 2026 wird nicht nur über Programme entscheiden, sondern über Deutungshoheit. Fidesz hat sich festgelegt: Der Krieg ist das Zentrum. Alles andere – Wirtschaft, Korruption, Infrastruktur – wird diesem Zentrum untergeordnet.
Quellen: MTI.hu, Wahlkampfrede in Sukoró, internationale Prognosemärkte
Photo: MTI/Miniszterelnöki Kommunikációs Főosztály/Kaiser Ákos












