In der ungarischen Regierung ist weibliche politische Macht faktisch verschwunden – als Ergebnis eines strukturellen Modells der Unterdrückung. Gleichzeitig kritisierte der Rechnungshof einen vermeintlich zu hohen Anteil von Frauen an Universitäten.
Formal sind Männer und Frauen in Ungarn gleichgestellt. In der politischen und gesellschaftlichen Realität zeigt sich jedoch ein anderes Bild: Die Gleichstellung stagniert – in einigen Bereichen wickelt sie sich sogar zurück. Besonders sichtbar wird dies in der weiblichen Repräsentation in der Politik. Ungarn ist in der Statista Studie von 2024 das einzige EU-Land ohne weibliche Regierungsmitglieder. Genderparität (ein ausgewogenes Verhältnis zwischen den Geschlechtern) oder sogar ein Übergewicht von Frauen in nationalen Regierungen war im Jahr 2024 lediglich in vier der 27 EU-Mitgliedstaaten zu beobachten. In Ungarn hingegen gehörte seit 2024 keine einzige Frau mehr der Regierung an. Damit bildet das Land mit einem Frauenanteil von 0 % das absolute Schlusslicht in der Statista-Erhebung (Stand 2024). Auch im nationalen Parlament sind Frauen deutlich unterrepräsentiert. Ebenfalls für das Jahr 2024 veröffentlichte das Statista Research Department Daten zum Frauenanteil in den nationalen Parlamenten der EU-Mitgliedstaaten. Ungarn lag mit 14,6 % auf dem vorletzten Platz, nur Zypern wies mit 14,3 % einen noch geringeren Wert auf.
Betrachtet man den Frauenanteil über den gesamten Erhebungszeitraum der Statista-Studie von 2003 bis 2023, fällt eine deutliche Verschlechterung auf. Der vergleichsweise höchste Anteil an Frauen in der Regierung wurde in den Jahren 2020 und 2021 erreicht. Davor gab es innerhalb des Zeitraums zwischen 2009 und 2020 insgesamt 7 Jahre völliger Abwesenheit von Frauen in der Regierung. Die Problematik wiederholt sich. In 8 der 9 Regierungsjahre ohne jegliche Frauenbeteiligung geschah dies während der Amtszeit von Viktor Orbán.
Frauen sind in autoritären Regierungen oft nur symbolisch vertreten
Laut einem Beitrag von Gabriele Abels in Der Politische Gender Gap von Holtkamp und Wiechmann können auch autoritäre Systeme einen vergleichsweise hohen Anteil an Frauen in Parlamenten aufweisen, etwa durch die gezielte Besetzung symbolischer Positionen mit loyalen Funktionären. So wurde die frühere Familienministerin Katalin Novák von der Fidesz für das überwiegend repräsentative Amt der Staatspräsidentin nominiert. Dieser Schritt kann als Versuch interpretiert werden, das internationale Image Ungarns angesichts der geringen weiblichen politischen Repräsentation zu verbessern und zugleich die langfristige Machtbasis der Regierungspartei Fidesz zu stabilisieren.
Historisch betrachtet ist die Entwicklung besonders auffällig: Während der Frauenanteil im ungarischen Parlament in den 1980er-Jahren noch bei rund 30 % lag, fiel der Anteil im postsowjetischen Ungarn drastisch und erholte sich nie. Die politische Transformation ging vielerorts mit einer Maskulinisierung der öffentlichen Sphäre einher – ein Trend, der bis heute nachwirkt.
Rechnungshof deklariert Frauenanteil an Universitäten als nationales Problem
Während Frauen im ungarischen Parlament kaum vertreten sind und die Regierung vollständig ohne weibliche Mitglieder auskommt, identifiziert ausgerechnet der staatliche Rechnungshof ein anderes Problem: zu viele Frauen an ungarischen Universitäten. Die akademische Ausbildung beeinflusse die Partnerwahl und Familiengründung von Frauen, was letztlich den Wohlstand der Nation gefährden könne. Im Bildungsbereich sind Frauen (Stand 2023) stärker vertreten als Männer. Etwas mehr als die Hälfte der Studierenden in Ungarn ist weiblich (54,55 %). Eine Studie mit dem Titel „Zeichen von pinker Ausbildung“ aus dem Jahr 2022 argumentiert sogar, dass eine vermeintliche Überrepräsentation von Frauen „männliche“ Interessen und Sichtweisen verdrängen würde. Doch dieser Vorsprung spiegelt sich weder in politischen noch in wirtschaftlichen Führungspositionen wider. Dass im Kabinett von Viktor Orbán keine einzige Frau vertreten ist und Ungarn zu den Ländern mit dem niedrigsten Frauenanteil im Parlament gehört, bleibt dabei weitgehend unbeachtet. Statt die Unterrepräsentation von Frauen in Politik und Führung als Problem zu benennen, wird weibliche Bildung problematisiert. Im Narrativ von Fidesz gelten Frauen, die höhere Bildungswege einschlagen, mitunter als Mitverursacherinnen des demografischen Wandels.
Wenn Bildung nicht in Einflusspositionen mündet
Der hohe Anteil von Frauen an Universitäten schlägt sich weder in Karriereverläufen noch in Führungspositionen nieder. Auch ein vergleichsweise hoher Gender Pay Gap ist ein fester Bestandteil der ungarischen Arbeitswelt. Mit durchschnittlich 17,8 % weniger Bruttostundenlohn hat sich diese Lohnlücke seit 2020 stetig vergrößert und liegt deutlich über dem EU-Durchschnitt von rund 12 %.
Im vergangenen Jahrzehnt unter Orbán wurden mehrere politische Entscheidungen getroffen, die als Rückschritt für Frauenrechte gewertet werden. Dazu zählen die Verschärfung des Abtreibungsrechts, die Weigerung, die Istanbul-Konvention zum Schutz vor Gewalt gegen Frauen zu ratifizieren, sowie das Verbot von Gender Studies an Universitäten.
Eine Regierung, die weibliche Bildung als Risiko darstellt und deren Politik sich gegen Frauen in politischen Machtpositionen und im Alltag richtet erklärt, warum Frauen in ihrer Institution nicht nur unterrepräsentiert, sondern faktisch nicht mehr vorhanden sind.
Ob sich diese strukturelle Unterrepräsentation von Frauen nach der Wahl am 12. April 2026 unter einer möglichen Regierung der Tisza Partei nun ändert, ist unklar.
Quellen: Georg-August-Universität Göttingen, Statista. de, Der politische Gender Gap (Holtkamp/
Wiechmann), Süddeutsche Zeitung
Photos: Titelbild Montanasuffragettes – Own work, CC BY SA 4.0,
Anna Katharina Breitling / Pester Lloyd – www.PesterLloyd.net
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