Drücken Sie „Enter“, um den Inhalte zu überspringen

Fidesz inszeniert sich bei den DPK-Tagen von Lakitelek

Während Péter Magyar im Parlament seine erste Haushaltsrede vorbereitet, trifft sich Fidesz im Hungarikum-Liget – beim ersten landesweiten Camp der „Digitális Polgári Körök“ (DPK) mit altbekannter Rhetorik und in neuer ungewohnter Oppositionsrolle.

Lakitelek ist erneut Schauplatz eines Treffens der ungarischen Rechten. Auf dem Gelände der Lakiteleki Népfőiskola, heute Teil des Hungarikum-Liget, findet Mitte Oktober 2026 das erste landesweite Camp der „Digitális Polgári Körök“ (DPK) statt. Die Organisatoren erwarten nach eigenen Angaben rund tausend Besucher, der Zugang erfolgt gegen Eintrittskarte.

Seit der Wahl im April ist Fidesz Oppositionspartei, während Ministerpräsident Péter Magyar für Montag seine erste große Haushaltsrede zur Vorstellung des Budgets 2027 angekündigt hat. Parallel dazu treten im DPK-Camp zahlreiche Fidesz-Politiker und rechtskonservative Medienpersönlichkeiten auf.

„Rombolás“ und „biztos pont“

Am Sonntag spricht Viktor Orbán im Kárpátia-Rendezvényház des Hungarikum-Liget. In einem Gespräch mit Journalisten wirft der frühere Ministerpräsident, heute Fidesz-Vorsitzender, der Tisza-Regierung vor, die Ergebnisse „der vergangenen 16 Jahre Regierungsarbeit“ zu zerstören. „Heute findet Zerstörung statt“, zitiert ihn MTI. Alles, was die Vorgängerregierung geschaffen habe, „wird zerstört“, und „ein ernsthafter Mensch“ könne derzeit nicht sagen, ob daraus je wieder Aufbau werde; er sehe dazu keine Pläne.

Orbán bezeichnet Fidesz als „große historische Regierungspartei“. Die Tisza-Partei nannte er demgegenüber „vorerst nur ein vorübergehendes Phänomen“. Theoretisch könne auch sie zu einer historischen Regierungspartei werden, wenn sie eine neue geistige Grundlage schaffe und rekordverdächtige wirtschaftliche Leistungen vorweise – derzeit erkenne er jedoch nur „Rombolás“, Abrissarbeit.

Einen Tag zuvor betont Tamás Deutsch, Europaabgeordneter der Fidesz, die Kontinuität seiner Partei. „Fidesz ist der sichere Punkt in der ungarischen Politik, auf den die Ungarn in den vergangenen vier Jahrzehnten immer zählen konnten“, sagt er nach MTI-Angaben im Panel „Lakitelek ’89-’26“. Er verweist darauf, dass frühere Akteure wie die MSZMP, die Nachfolgeparteien und die SZDSZ „heute alle der Vergangenheit angehören“, während Fidesz als „politische Familie“ zugleich für das „Lakitelek-Erbe“, die ungarische Christdemokratie und einen bürgerlichen Wertekanon stehe.

Lakitelek als Erinnerungsrahmen und DPK als loses Netzwerk

Panels wie „Lakitelek ’89–’26“ verweisen ausdrücklich auf die Geschichte des Ortes und die Entwicklung des rechten Lagers. Hintergrund ist auch das frühere Netz der Polgári Körök, das Fidesz nach der Wahlniederlage 2002 aufgebaut hatte: Laut späteren Rekonstruktionen entstanden damals binnen Monaten über 11.000 solcher Bürgerkreise mit geschätzt rund 160.000 Beteiligten, die Kandidaten und Aktivisten für Kommunalwahlen stellten und Fidesz als Bewegungspartei verankerten.

Die DPK wirken demgegenüber deutlich amorpher. In amtlichen Registern findet sich keine einheitliche landesweite Rechtsform „Digitális Polgári Körök“, verlässliche Mitgliederzahlen sind nicht veröffentlicht. Bekannt sind bislang eher thematische oder lokale Kreise, die an Fidesz-nahe Akteure oder Institutionen andocken. Dass das erste große DPK-Treffen im von der Lakiteleki Népfőiskola geprägten Hungarikum-Liget stattfindet, unterstreicht die symbolische Verbindung zur älteren Bürgerkreis-Tradition.

EU-Gelder, Kinderschutzgesetz, Ukraine

Im Panel „Önkénnyel szemben“ verknüpft der Fidesz-Fraktionsvorsitzende János Bóka die europäischen Finanzströme mit der innenpolitischen Agenda der neuen Regierung. Nach MTI-Angaben erklärte er, die Auszahlung von EU-Geldern an Ungarn sei an „ernsthafte politische Bedingungen“ geknüpft gewesen. Nach der Abstimmung über die Änderung des Kinderschutzgesetzes seien 2,5 Milliarden Euro für Ungarn freigegeben worden – „auf diesen Betrag“ habe die Tisza-Regierung die ungarischen Kinder taxiert, formuliert Bóka.

Zugleich relativiert er die wirtschaftliche Bedeutung der Mittel. Die EU-Gelder würden nur „marginal“ zum Wachstum beitragen, sagte Bóka. Als Beispiel nannte er Windkraftprojekte, bei denen ein erheblicher Teil der Gelder für in Deutschland produzierte Anlagen ausgegeben werde. Aus seiner Sicht müssten die EU-Quellen vor allem der Stärkung ungarischer Wirtschaftsakteure dienen, andernfalls drohe Ungarn in der EU an den Rand zu geraten.

Bóka stellt auch einen Zusammenhang zwischen der Haltung der Regierung in europäischen Fragen und dem EU-Beitrittsprozess der Ukraine her. Seit Amtsantritt der Tisza-Regierung seien von sechs vier Verhandlungskapitel mit der Ukraine geöffnet worden, unter den früheren Fidesz-KDNP-Regierungen sei hingegen kein einziges Kapitel aufgegangen, sagte er. Die Tisza-Regierung bestreite zwar einen Zusammenhang mit den EU-Geldern, doch Bóka hält diese Themen für politisch verknüpft. Die Einladung des ukrainischen Präsidenten Volodymyr Selenskyj zu den Feierlichkeiten am 23. Oktober bezeichnete er als „empörend“.

Wertekampf im digitalen Gewand

Deutsch nutzt seinen Auftritt in Lakitelek, um eine Wertedebatte anzustoßen. Er wendet sich laut MTI gegen „Wertepessimismus“ und widerspricht Auffassungen, wonach grundlegende menschliche und gemeinschaftliche Werte „verdampft“ seien. Die grundlegenden Werte seien selbst für jene Akteure wichtig, die sie nach eigener Darstellung angreifen, sagte Deutsch. Als Beleg führt er an, dass liberale und progressive Kreise für die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare kämpften. Wenn die Ehe eine „überholte Einrichtung“ ohne Wert wäre, würden sie nicht um den Zugang zu dieser Institution ringen. Für Deutsch ist dies ein Hinweis darauf, dass die Ehe als auf eine lebenslange Partnerschaft zwischen Mann und Frau gegründete Institution ein „lebendiger Wert“ bleibe.

Haushaltsrede und Gegen-Erzählung

Parallel zu den DPK-Tagen bereitet Péter Magyar im Parlament seine erste große Budgetrede vor. In einem Facebook-Beitrag kündigt der Ministerpräsident an, das Budget 2027 werde ein „Haushalt der Gerechtigkeit und der Entwicklung“ sein und von „der Wiederaufbauarbeit Ungarns“ handeln. Er schreibt, seine Regierung wolle weniger für die bisherigen Begünstigten des NER, für Oligarchen, multinationale Unternehmen und Lobbyisten ausgeben und stattdessen mehr Mittel für Familien, ungarische Unternehmen, Rentner, Bildung und Gesundheitswesen bereitstellen. Einsparungen seien beim Staatsapparat vorgesehen, zudem sollten Milliardäre und umweltschädliche Unternehmen stärker belastet werden; die EU-Milliarden sollten „beispiellose Investitionen“ in Wohnungsbau, Verkehr und Wasserwirtschaft ermöglichen.

Quellen: MTI
Photo: Orban im Wahlkampf 2026, Digital Civic Circles, via MTI

Titelseite der aktuellen Pester-Lloyd-Wochenzeitung

Neu · Jeden Freitag als PDF

Der Pester Lloyd als Wochenzeitung – wie früher am Kiosk, nur digital

Ausgabe 5.–11. Oktober 2026, 11 Seiten im großen Zeitungsformat. Darin unter anderem:

• Tschechien wächst, Österreich rostet• Rumänien und Ungarn nähern sich an – Neue Sachlichkeit trotz alter Konflikte

Zeitung ansehen – 2,50 €

In eigener Sache – Ihr Kauf unterstützt unabhängigen Journalismus ohne Paywall.

0 0 Bewertungen
Beitragsbewertung
Abonnieren
Benachrichtigen bei
guest
0 Kommentare
Älteste
Neueste Meistbewertet
0
Deine Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x