Am 25. Oktober wählt Serbien ein neues Parlament und zum ersten Mal seit 2012 könnte Aleksandar Vučić die Macht verlieren. Gegen ihn tritt keine Partei an, sondern eine Bewegung ohne Anführer, ohne Studenten auf der Liste und ohne Haltung zu den heikelsten Fragen des Landes. Gerade das macht sie so gefährlich für den letzten großen Autokraten im demokratischen Europa.
Novi Sad. Als die Radfahrer Novi Sad erreichen, ist es bereits dunkel. Hunderte Menschen warten am Universitätscampus, sie halten Fackeln, weiße Luftballons mit der Aufschrift „Studenti pobeđuju“ – „Die Studenten gewinnen“ -, über ihnen Feuerwerk. Tagelang sind die jungen Leute bei Regen und Gegenwind durch Serbien geradelt, jeder von ihnen mit einem Exemplar der Verfassung im Gepäck. Eine stille Botschaft an ein Land, in dem Recht seit Jahren nach Gutsherrenart gilt. „Alles ist klar – am 25. Oktober gewinnen die Studenten“, ruft einer der Radfahrer von der Bühne. Die Menge brüllt zurück.
In Novi Sad fällt der Empfang überschwänglich aus. Hier, in Serbiens zweitgrößter Stadt, hat am 1. November 2024 alles begonnen. Und hier entscheidet sich, symbolisch zumindest, ob eine Protestbewegung, die das Land seit fast zwei Jahren in Atem hält, den Sprung von der Straße ins Parlament schafft.
Wer in diesen Wochen durch Serbien reist, sieht zwei Wahlkämpfe, die nichts miteinander zu tun haben. Der eine findet auf den Straßen statt, in Dörfern, an Haustüren, auf Fahrradsätteln. Der andere im Fernsehen, an den Ständen der regierenden Serbischen Fortschrittspartei SNS – und in Bussen, die Anhänger aus dem ganzen Land zu Vučićs Kundgebungen karren. Das ARD-Feature von Oliver Soos, das Ö1 am Montag im Journal-Panorama ausgestrahlt hat, bringt das Duell auf eine einfache Formel: Die Studentenliste hat das Volk auf der Straße hinter sich, Vučić den Machtapparat.
Die Rochade: Vom Präsidentenpalast ins Regierungsamt
Aleksandar Vučić hat in den vergangenen 14 Jahren fast jedes Amt bekleidet, das Serbien zu vergeben hat: Verteidigungsminister, Vizepremier, Premier, Präsident. Nach zwei Amtszeiten verbietet ihm die Verfassung eine dritte Kandidatur als Staatsoberhaupt. Seine Antwort darauf ist so simpel wie aus anderen Systemen bekannt: Er wechselt den Stuhl.
Am 9. September löste Vučić das Parlament auf und rief Neuwahlen für den 25. Oktober aus. Am 27. September trat er als Präsident zurück – acht Monate vor dem regulären Ende seiner Amtszeit -, um als Spitzenkandidat der Liste „Aleksandar Vučić – Vereinigtes Serbien“ selbst Premierminister zu werden. Interimistisch führt nun Parlamentspräsidentin Ana Brnabić, eine enge Vertraute, die Staatsgeschäfte. Laut Verfassung ist der Premierminister in Serbien formal ohnehin mächtiger als der Präsident; Vučić hat die Partei auch aus dem Präsidentenpalast heraus stets fest im Griff gehalten. Der Wiener Politologe Vedran Džihić hatte das Manöver schon im Juni als das bezeichnet, was es ist: eine Absicherung der Macht durch Ämtertausch.
Der Lehrling von Pale
Um zu verstehen, warum dieser Mann so meisterhaft mit Bildern, Feindbildern und Medien umgeht, muss man zurück in die Neunzigerjahre. Vučić begann seine Laufbahn in der ultranationalistischen Serbischen Radikalen Partei von Vojislav Šešelj – jenem Šešelj, der später in Den Haag wegen Kriegsverbrechen verurteilt wurde. Mit 23 saß Vučić für die Radikalen im Parlament, mit 24 war er Generalsekretär der Partei.
In den Kriegsjahren 1992/93 hielt er sich, nach eigenen Angaben als Journalist und Übersetzer, in Pale auf – dem Machtzentrum von Radovan Karadžićs Republika Srpska, von dem aus die Belagerung Sarajevos gelenkt und propagandistisch begleitet wurde. Šešelj selbst nannte ihn damals einen „Freiwilligen“. Im Juli 1995, neun Tage nach dem Fall Srebrenicas, stand Vučić am Rednerpult des serbischen Parlaments und drohte der NATO: „Tötet einen Serben, und wir töten hundert Muslime.“ Jahrzehnte später behauptete er, das Zitat sei aus dem Kontext gerissen. Das veröffentlichte Stenogramm der Sitzung lässt daran wenig Zweifel.
1998 machte Slobodan Milošević ihn zum Informationsminister. In dieser Funktion zeichnete Vučić für eines der repressivsten Mediengesetze Europas verantwortlich, unabhängige Medien bezeichnete er damals als „von ausländischen Regierungen abhängig“. Wer heute hört, wie die Regierung kritische Journalisten, NGOs und Studenten als „ausländische Agenten“ brandmarkt, hört dieselbe Stimme, nur dreißig Jahre älter. Vučić hat das Propagandahandwerk nicht nur erlent, er hat es selber mitgeprägt.
Das Vordach, das ein Narrativ begrub
Am 1. November 2024, kurz vor Mittag, stürzte am frisch renovierten Bahnhof von Novi Sad ein tonnenschweres Betonvordach ein. Menschen, die auf Bänken saßen oder gerade durch den Eingang gingen, wurden unter dem Beton begraben. 16 Menschen starben, darunter ein sechsjähriges Kind.
Der Bahnhof war kein beliebiges Gebäude: Er war Teil des Prestigeprojekts der Schnellbahn Belgrad-Budapest, gebaut von einem chinesischen Konsortium, finanziert mit chinesischen Krediten. Im März 2022 hatten Aleksandar Vučić und Viktor Orbán den renovierten Bahnhof feierlich eröffnet – mitten im Wahlkampf beider Länder. Die Renovierung um rund 16 Millionen Euro galt Experten schon damals als überteuert; später veröffentlichte Unterlagen deuteten darauf hin, dass das Präsidialamt sich ohne Befugnis in die Koordinierung einmischte und auf kürzere Fristen drängte.
Vučićs erste Reaktion war Abwehr. Man habe dieses Vordach seit sechzig Jahren nicht angefasst, ließ er wissen; die Schuld liege beim „Berufsstand“, nicht bei der Korruption. Doch dieses Narrativ hielt nicht. Die Staatsanwaltschaft klagte 13 Personen an, darunter den ehemaligen Bauminister Goran Vesić. Recherchen unabhängiger Medien zeichneten ein dichtes Geflecht aus SNS-nahen Auftragnehmern, intransparenten Vergaben und politischem Zeitdruck. Das Vordach wurde sehrwohl renoviert – nur die Trägerseile nicht, eine statische Untersuchung blieb aus.
Das dieses Unglück eine ganze Generation politisiert hat, ist leicht zu verstehen: Korruption war in Serbien jahrzehntelang ein abstraktes Übel – etwas, das man beklagt, mit dem man aber lebt. In Novi Sad wurde sie plötzlich konkret, sichtbar, tödlich. „Korruption tötet“ wurde zum Leitspruch der Proteste. Und das Bild des allwissenden, allgegenwärtigen Präsidenten, der jede Baustelle persönlich eröffnet und über alles wacht, bekam einen Riss, der sich nicht mehr kitten ließ. Wer für jeden Erfolg die Verantwortung beansprucht, kann sie für die Katastrophe nicht abstreiten.
Orbáns Drehbuch – und wie es endete
Wer den serbischen Wahlkampf verfolgt, erlebt ein Déjà-vu. Fast jede Szene könnte aus Ungarns Frühjahr stammen. Wie Orbán gegen die Tisza-Partei von Péter Magyar inszeniert sich Vučić als einziger Garant der Stabilität in unruhigen Zeiten. Wie Orbán stilisiert er die Opposition zum Werkzeug fremder Mächte. Bei seinem Wahlkampfauftakt in der Belgrad-Arena Anfang Oktober erklärte er, ohne Belege zu nennen, die Studenten würden von ausländischen Diensten gesteuert: „Ohne Intervention eines ausländischen Dienstes werden wir sie besiegen.“
Und wie in Ungarn ist der Wettbewerb von Anfang an schief. Die OSZE-Wahlbeobachter von ODIHR und die EU-Kommission dokumentieren seit Jahren dieselben Muster: Missbrauch staatlicher Ressourcen, Druck auf Beschäftigte im öffentlichen Dienst, Einschüchterung von Wählern, Stimmenkauf. Die vom Parlament der EU vermittelten Reformen des Wahlrechts hat die SNS nie umgesetzt. Rund 500.000 Wähler ohne nachvollziehbare Adresse stehen laut dem European Council on Foreign Relations im Wählerverzeichnis; eine mit Spannung erwartete Prüfung des Registers scheiterte vor wenigen Tagen an mutmaßlicher Obstruktion.
Das schärfste Werkzeug aber sind die Medien. Experten schätzen, dass rund 90 Prozent der serbischen Medien unter staatlicher Kontrolle stehen. Im Pressefreiheitsindex von Reporter ohne Grenzen ist Serbien 2026 auf Platz 104 abgestürzt – Schlusslicht unter allen 40 Staaten der EU- und Westbalkanregion. Reporter ohne Grenzen führt Vučić persönlich als „Feind der Pressefreiheit“. Eine Auswertung der Berichterstattung im Wahlkampf ergab, dass 86 Prozent der Beiträge über die Studentenliste negativ waren. Unabhängige Stimmen wie der Sender N1, das Wochenmagazin Vreme oder das Recherchenetzwerk BIRN mit seinem Portal Balkan Insight, auf dessen Arbeit sich auch der Pester Lloyd regelmäßig stützt, sind die Ausnahme – und stehen entsprechend unter Beschuss.
Dazu kommt eine Strategie, die in Belgrad seit Jahren perfektioniert wird: die Demobilisierung. Über die pro-europäischen Parteien herrschte in den regierungsnahen Medien über Jahrzehnte entweder Schweigen oder Häme. Die Botschaft lautete stets: Alle Politiker sind gleich, alle sind korrupt, Wählen ändert nichts. Für ein Regime, das sich auf einen verlässlichen Kern aus Staatsangestellten, Pensionisten und Parteiklientel stützen kann, ist eine niedrige Wahlbeteiligung die halbe Miete.
In Ungarn hat genau dieses System versagt. Am 12. April gewann die Tisza-Partei mit rund 53 Prozent und einer Zweidrittelmehrheit, die Wahlbeteiligung erreichte mit fast 80 Prozent einen Rekord. Orbán räumte seine Niederlage noch am Wahlabend ein. Die Analysten des ECFR ziehen die Parallele ausdrücklich: Eine unfaire Wahl und kleinere Manipulationen reichen womöglich nicht, um einen Stimmungsumschwung aufzuhalten. Seit Orbáns Abgang ist Aleksandar Vučić der dienstälteste und mächtigste autoritäre Machthaber unter jenen Staaten, die sich selbst als europäische Demokratien verstehen.
Trump-Tower, Staatsanwälte, Spähsoftware
Wie weit das System zu gehen bereit ist, zeigt eine Geschichte, die der Guardian am Dienstag veröffentlichte. Sie führt zum Generalštab, dem ehemaligen jugoslawischen Generalstabsgebäude im Zentrum Belgrads: 1999 von NATO-Bomben getroffen, seit 2005 geschütztes Kulturdenkmal, ein nationales Symbol. Auf diesem Grundstück wollte eine von Jared Kushner, dem Schwiegersohn von Donald Trump, gegründete Investmentfirma ein Luxushotel samt Wohnturm errichten, Projektvolumen rund 500 Millionen Dollar. Der Pachtvertrag über 99 Jahre: kostenlos.
Dafür musste der Denkmalschutz fallen. Dass dabei Dokumente gefälscht wurden, hat ein Beteiligter bereits gestanden. Die Staatsanwaltschaft für organisierte Kriminalität klagte Ende 2025 Kulturminister Nikola Selaković und drei weitere Personen an; Kushner zog sich daraufhin aus dem Projekt zurück. Vučić schäumte, sprach von einem Schaden von 1,5 Milliarden Euro und kündigte Strafanzeigen gegen alle an, die das Projekt „sabotiert“ hätten. Eine Woche zuvor hatte der Guardian anhand geleakter Dokumente und Zeugenaussagen berichtet, dass Vučić persönlich die Aufhebung des Denkmalschutzes betrieben habe.
Jetzt kommt die nächste Wendung: Rade Bajić, einer der Ankläger im Generalštab-Verfahren, erhielt am 13. August eine Warnung von Apple, dass sein iPhone mit staatlicher Söldner-Spyware angegriffen worden sei. Die Forscher des kanadischen Citizen Lab und der serbischen SHARE Foundation werten das als starkes Indiz für einen gezielten Angriff. Im November 2025 war Bajić von dem Fall abgezogen worden. Er selbst sagt, seine Arbeit an diesem Verfahren sei aus seiner Sicht der einzige Grund für die Attacke. Zugleich wiesen die Forscher „mit hoher Sicherheit“ nach, dass das Telefon von Vladan Đokić, Rektor der Universität Belgrad und prominenter Unterstützer der Studenten, mit der israelischen Pegasus-Software infiziert wurde. Mindestens 16 Vertreter der Zivilgesellschaft sind inzwischen als Ziele solcher Angriffe bekannt.
Passend dazu: Mit den sogenannten Mrdić-Gesetzen hat das Parlament Anfang 2026 die Sonderstaatsanwaltschaft für organisierte Kriminalität einer Behörde unterstellt, die von einem Vučić-Loyalisten geführt wird. In einem Staat, so formulierte es die Staatsanwältin Bojana Savović bei einer Großkundgebung im Mai, in dem Gesetze nur selektiv gelten, werde aus dem Staat eine Mafia-Organisation.
Die Liste ohne Gesicht
Die Studenten selbst stehen nicht zur Wahl. Das ist kein Versehen, sondern Kalkül. Auf der Liste „Studentenliste – Studenten gewinnen“, Nummer drei auf dem Stimmzettel, stehen 250 Kandidaten, ausgewählt in einem monatelangen Prüfverfahren an den Plenumsversammlungen aller Universitäten des Landes. Es sind Ärzte, Professorinnen, Agrarexperten, Kulturschaffende, Gewerkschafter, Vertreter der Zivilgesellschaft. Nach dem Selbstverständnis der Studenten sind es genau jene Spezialisten, die es braucht, um eine dysfunktionale Demokratie zu reparieren.
An der Spitze steht Ilija Srdanović, Kardiologe und Professor an der Medizinischen Fakultät in Novi Sad – ein Spitzenplatz, aber ausdrücklich kein Spitzenkandidat im klassischen Sinn. Einen Anführer gibt es nicht, und auch das ist Programm. Eine Bewegung ohne Gesicht bietet der Schmutzkampagnenmaschine der Boulevardpresse keine Zielscheibe. Und es ist eine direkte Antwort auf das System Vučić. „Dieses Land darf nie wieder einen Boss haben“, sagte Srdanović, als die Radfahrer Ende September in Kragujevac einrollten, empfangen von tausenden Menschen, viele mit Tränen in den Augen.
Wie gut die Expertenliste in der direkten Konfrontation funktioniert, zeigte die erste TV-Debatte des Wahlkampfs auf N1. Ana Brnabić, Nummer drei auf Vučićs Liste, traf auf Mirjana Nikolić, Rektorin der Kunstuniversität Belgrad. Nach einem Schlagabtausch über das Bildungssystem beschied ihr Nikolić trocken: „Als Professorin muss ich Ihnen sagen – Ana, Sie sind durchgefallen.“ Für ein Publikum, das jahrelang nur Monologe der Regierung zu sehen bekam, war das ein kleines Erdbeben.
Der eigentliche Wahlkampf der Studenten findet aber nicht im Fernsehen statt, sondern an der Haustür. Unter dem Motto „Ein Student in jedem Dorf“ haben Aktivisten nach eigenen Angaben in nur 20 Tagen 170.000 Haushalte besucht. Der Wahlkampf ist bewusst fröhlich, kreativ, oft humorvoll – und damit genau das Gegenteil der düsteren Bedrohungsrhetorik, mit der die Regierung arbeitet. Die Analysten des ECFR sehen darin den Grund, warum die Studenten die Fallen der regierungsnahen Medien bisher umgangen haben.
Das strategische Schweigen
Auffällig ist, worüber die Studenten nicht reden. Zur EU, zu Russland, zu Kosovo, zur Republika Srpska verweigert die Liste konsequent eine klare Positionierung – sehr zum Ärger der Regierungsmedien und auch mancher Oppositionsparteien, die genau das immer wieder einfordern. Man darf sich auch im demokratischen Europa darüber wundern – es ist Strategie.
Dahinter steht eine nüchterne Rechnung. Serbien ist in diesen Fragen tief gespalten. Laut einer Umfrage des European Policy Centre vom März befürworten nur 39,8 Prozent der Bürger einen EU-Beitritt, ein Drittel ist dagegen. Unter den 18- bis 29-Jährigen liegt die Zustimmung zwar bei über 63 Prozent, bei den über 60-Jährigen aber nur bei rund 30 Prozent. In einer Eurobarometer-Erhebung gaben 58 Prozent an, Russland zu vertrauen, nur 40 Prozent der EU. Wer in diesem Land eine Mehrheit gegen Vučić zimmern will, kann es sich nicht leisten, mit der EU-Fahne zu wedeln.
Am deutlichsten wurde das beim Begräbnis von Ratko Mladić Anfang September. Der als „Schlächter von Bosnien“ bekannte Ex-General, wegen des Völkermords von Srebrenica zu lebenslanger Haft verurteilt, war in Den Haag gestorben. Die Regierung ließ seinen Leichnam mit einer Staatsmaschine nach Belgrad überführen, eine Ehrengarde der Armee trug den Sarg, Patriarch Porfirije leitete die Totenmesse, Tausende säumten die Straßen. Im Stadion von Roter Stern zeigten Fans eine riesige Choreografie mit Mladićs Porträt. Vučić selbst blieb dem Begräbnis fern, sprach sich aber für ein „würdiges“ Begräbnis aus – sein Sohn Danilo war anwesend. EU-Erweiterungskommissarin Marta Kos sagte ihren geplanten Besuch in Belgrad ab. Zwei Tage nach der Beerdigung rief Vučić die Neuwahlen aus.
Die Studenten schwiegen. Das ist bitter, aber erklärbar: Mladić gilt vielen Serben bis heute als Volksheld, und jede Stellungnahme hätte die Bewegung gespalten oder der Regierung die gewünschte Vorlage geliefert. Dasselbe gilt für die EU: Vučić, der vor gut einem Jahrzehnt noch als Brüssels Hoffnungsträger auf dem Balkan galt, schießt heute bei jeder Gelegenheit gegen die Union, pflegt enge Beziehungen zu Moskau und ließ sich im Mai 2025 bei der Siegesparade auf dem Roten Platz an der Seite Vladimir Putins blicken. Die Studenten wollen ihm keinen Anlass liefern, sie als Brüsseler Marionetten zu diffamieren.
Das Ziel ist maximale Breite: eine Liste, auf der sich der konservative Dorfbewohner ebenso wiederfindet wie die liberale Belgrader Studentin. Nach der Wahl, so die verbreitete Erwartung, könnte die Liste mit pro-europäischen Kräften koalieren – sofern diese den Einzug ins Parlament schaffen. Ein Teil der klassischen Opposition hat seine eigenen Listen bereits zurückgezogen und unterstützt die Studenten, die liberale Bewegung PSG etwa ausdrücklich unter der Bedingung, dass keine Politik gegen europäische Werte betrieben wird. Das Bündnis „Europäisches Serbien“ rund um Marinika Tepić, Zdravko Ponoš und den früheren Belgrader Bürgermeister Dragan Đilas tritt dagegen eigenständig an und kämpft laut ECFR darum, die Drei-Prozent-Hürde zu überspringen – und bietet sich proaktiv als zukünftiger logisher Kooalitionspartner für die Studentenliste an. Man habe 80% Überschneidung in den Wahlprogrammen.
Glatzen, Stände, Gewalt – die Repressionsmaschine
Je enger das Rennen wird, desto nervöser reagiert die SNS. Balkan Insight dokumentierte in der vergangenen Woche eine ganze Serie von Übergriffen: In Užice prügelten SNS-Anhänger bei einem Vučić-Besuch auf Protestierende ein, während die Polizei zusah. In Belgrad griff eine Gruppe von Männern einen offiziellen Beobachter der staatlichen Antikorruptionsbehörde an, der an einem SNS-Stand Wahlkampfaktivitäten dokumentierte. In Novi Sad versuchten SNS-Anhänger unter Führung eines eigenen Parlamentskandidaten, Aktivisten der Studentenliste ihr Transparent zu entreißen. In Niš wurde ein Journalist beim Filmen einer SNS-Veranstaltung verletzt, die Polizei griff nicht ein. In der ARD-Reportage berichtet ein Oppositionspolitiker, dass Autos von Parteikollegen angezündet und Aktivisten verprügelt worden seien. Der Europarat warnt vor einem hochpolarisierten Umfeld, in dem die Sicherheit von Wählern und Wahlbeobachtern nicht garantiert sei.
Das Personal dieser Einschüchterung ist seit Jahren dasselbe: Männer mit Glatzen und Kurzhaarschnitt, Hooligans aus dem Umfeld von Roter Stern und anderen ultranationalistischen Fanszenen, Polizisten außer Dienst. Seit Beginn der Proteste stehen sie, oft schützend vor dem Zeltlager regierungstreuer Anhänger vor dem Parlament, für die dunkle Seite des Systems. Die Politikwissenschaftlerin Aleksandra Krstić von der Universität Belgrad sieht in Gewalt und Repression vor allem ein Zeichen der Angst des Regimes.
Der bemerkenswerteste Befund der ARD-Reportage ist allerdings ein anderer: Diese Einschüchterung verfängt nicht mehr. Die Menschen weichen nicht mehr zurück. Wer durch Serbiens Städte geht, sieht vor den SNS-Ständen oft gähnende Leere und um die Radfahrer und Haustürwahlkämpfer der Studenten Trauben von Menschen. Wo früher Angst war, ist heute Trotz.
Keine verlässlichen Umfragen
Wie knapp es am Sonntag wird, kann niemand seriös sagen. Verlässliche Umfragen gibt es in Serbien nicht; die vorhandenen widersprechen sich und spiegeln oft eher die Nähe der Institute zur Macht als die Stimmung im Land. Das Institut Faktor Plus, dessen Zahlen das Boulevardblatt Blic verbreitete, sah Vučićs Liste im September bei 48,6 Prozent und die Studenten bei 37,1. Eine Umfrage der Plattform Nova srpska politička misao kam fast zur selben Zeit auf 44,4 Prozent für die Studenten und 41,7 Prozent für die SNS. Für eine Regierungsmehrheit braucht es 126 der 250 Sitze.
Auf der Straße ist das Bild eindeutiger als in den Tabellen. Am Donnerstag wollen die Studenten auf dem Belgrader Slavija-Platz ihre Abschlusskundgebung abhalten, erwartet werden Zehntausende. Beobachter sind sich einig, dass am Wahltag vor allem eines zählt: eine massive Wahlbeteiligung, die jede Manipulation überdeckt. Genau das hat in Ungarn den Ausschlag gegeben.
Die Szenarien für die Zeit nach dem Wahlabend reichen von einem klaren Sieg der Studenten bis zu einem knappen, von Unregelmäßigkeiten überschatteten Erfolg Vučićs, der neue Massenproteste und womöglich Gewalt nach sich ziehen würde. Das ECFR mahnt die EU, sich auf jeden Fall vorzubereiten und deutlich zu machen, dass sie ein manipuliertes Ergebnis nicht akzeptieren wird – anders als in der Vergangenheit, als Brüssel Vučić aus geopolitischem Kalkül noch vieles durchgehen ließ.
Zurück nach Novi Sad
Am Bahnhof von Novi Sad erinnern bis heute Kerzen, Blumen und 16 Namen an den 1. November 2024. Fast zwei Jahre lang haben die Studenten gefordert, dass jemand die Verantwortung übernimmt. Sie haben Fakultäten blockiert, sind nach Straßburg geradelt, haben Hunderttausende auf die Straßen gebracht. Erst als klar war, dass keine ihrer Forderungen erfüllt werden würde, kam eine neue hinzu: Neuwahlen.
Am Sonntag bekommen sie, was sie verlangt haben. Ob es reicht, hängt davon ab, ob die Serben der Botschaft von Novi Sad mehr glauben als der Botschaft des Fernsehens: dass Korruption kein Naturgesetz ist, sondern eine politische Entscheidung und dass man sie abwählen kann. Viktor Orbán hat im April erfahren, wie schnell ein scheinbar unerschütterliches System fallen kann, wenn genug Menschen nicht mehr daran glauben. Aleksandar Vučić, der alte Propagandist, weiß das eigentlich besser als jeder andere; nun könnte er es selber erfahren.
Quellen: ARD / Ö1 Journal-Panorama „Serbien: Übernehmen die Studierenden das Ruder?“ The Guardian; Balkan Insight / BIRN; Citizen Lab / SHARE Foundation;
Photo: Graphik, Pester Lloyd
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