Ein Geheimdienstpapier soll zeigen, wie Moskau den ungarischen Wahlkampf zugunsten Orbáns drehen wollte. Die Affäre trifft einen nervösen Amtsinhaber im empfindlichen Moment.
Moskau/Budapest/Washington. Die Washington Post berichtet unter Berufung auf westliche Nachrichtendienste über ein internes Papier des russischen Auslandsgeheimdienstes SVR. Darin sei erwogen worden, einen Anschlag auf Viktor Orbán zu inszenieren, um den ungarischen Wahlkampf aus der wirtschafts- und korruptionspolitischen Defensive in ein Sicherheitsnarrativ zu kippen. Das seit rund 2 Jahren von Amazon Gründer Jeff Bezos übernommene Blatt datiert die Überlegung auf Februar und beschreibt sie als Versuch, das „Paradigma des Wahlkampfs“ grundlegend zu verändern. Öffentlich einsehbar ist das Dokument nicht.
Orbán geht in die Wahl vom 12. April 2026 so angeschlagen wie seit Jahren nicht. Oppositionsführer Péter Magyar und seine Tisza-Partei liegen in Umragen seit Monaten vor Fidesz. Für Moskau wäre ein Machtverlust Orbáns strategisch teuer: Ungarn blockiert EU-Entscheidungen, bremst Ukraine-Hilfen und hält den Draht nach Russland offen.
Mutmaßliche Spionage Szijjártós für Lawrow
Zum Bericht gehört noch ein zweiter, womöglich schwerer wiegender Vorwurf. Laut Washington Post soll Außenminister Péter Szijjártó bei EU-Treffen wiederholt seinen russischen Amtskollegen Sergej Lawrow über interne Beratungen informiert haben. Polens Premier Donald Tusk erklärte am Sonntag, ihn überrasche das nicht. AP und Reuters berichten übereinstimmend über die Empörung in Warschau, in Brüssel und im ungarischen Oppositionslager.
Die Regierung lanciert direkt zum Gegenangriff: Szijjártó sprach laut Telex von „absurden Verschwörungstheorien“, Orbán ließ laut Reuters eine Untersuchung zu angeblichem Abhören seines Ministers anordnen. Die Regierung bestreitet also nicht nur den Kern des Berichts, sondern versucht, den Skandal in eine Affäre über Geheimdienstmethoden umzulenken. Das ist politisch naheliegend: Wer über Inflation, Vetternwirtschaft und Realpolitik nicht reden will, redet lieber über Bedrohung von außen und Souveränität.
Ob Russland tatsächlich solche Pläne umsetzen wollte, ist nicht falsifizierbar. Fest steht aber, dass ein solches Szenario in einem westlichen Geheimdienstbericht steht, von der Washington Post veröffentlicht wurde und mitten im Wahlkampf eine naheliegende Frage stellt: Wie tief reicht der russische Einfluss in Orbáns System?
Quellen: Washington Post, Reuters, The Guardian, Telex
Photo: AI-Generierte Illustration






