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(c) Pester Lloyd / 03 - 2010  BUDAPEST 22.01.2010

 

Einmal Slum, immer Slum?

Gerechtigkeit für den VIII. Bezirk von Budapest: auf Spurensuche jenseits von Sightseeing

Die Józsefváros: Das ist Armut, Kriminalität, Drogen und Prostitution. Das zumindest sind die Assoziationen, die ein durchschnittlicher Ungar mit diesem Bezirk, dem VIII. von Budapest, hat. Fast alles Humbug, sagt Gyuri Baglyas, der mit „Budapest Beyond Sightseeing“ Touristen durch diesen angeblich so gefährlichen Bezirk führt und ihnen ein anderes, anekdotischeres Gesicht der Josephstadt zeigt. Wir begleiteten ihn.

Was sind die drei einzigen Gesetze im 8. Bezirk Budapests? „Pénz, pénz, pina“ („money, money, pussy“) ist die Antwort, die der beliebt-berüchtigte Film „nyócker“ (ein Slangausdruck, nyolcadik kerület = achter Bezirk, englischer Titel: the ) district) auf diese Frage gibt. In bunten, an das Mad-Magazine erinnernden Animationsbildern malte die Komödie den 8. Bezirk in den Farben der Kriminalität, des Drogensumpfes, der Korruption und der Prostitution (Foto oben). „Das ist es, was die Ungarn über den 8. Bezirk denken. Das war vielleicht teilweise wahr Anfang der 90er. Aber inzwischen ist es nur noch ein realitätsfernes Stigma“, sagt Gyuri Baglyas. „Der 8. Bezirk, das ist für die Ungarn die Welt, in der ein schlechtes, heruntergekommenes Leben endet.“

Jenseits von Sightseeing

Baglyas betreibt mit seiner Partnerin, Mano Domjan, ein Tourismusunternehmen, das Stadtführungen durch Józsefváros, den 8. Bezirk anbietet. Es geht ihnen aber nicht um die visuellen Höhepunkte einer Stadt, deren Fassaden zu den entzückensten in Europa gehören, sondern um die verborgenen Geschichten, die sich hinter hoheitlichen Mauern, unter einfachen Schildern oder in Wohnhäusern des 8. Bezirks verbergen. „Budapest Beyond Sightseeing“ nennt sich das Unternehmen dementsprechend, und die Stadtführung ist nicht einfach eine Stadtführung, sondern ein „sozio-kultureller Rundgang“. Damit sind sie, zusammen etwa mit „Artur“ und „Imagine Budapest“, Teil einer neuen Tourismuskultur, die thematische Stadtrundgänge, intime Einsichten in Teile des Stadtlebens und Erlebnisse jenseits des mainstreams anbietet. Das Wissen über den 8. Bezirk haben sie sich aus zahlreichen Büchern angelesen, aber vor allem durch Befragungen und mündliche Zeugnisse der Bewohner zusammengetragen.

Follow the red cap

Die Tour beginnt auf den Stufen des gigantischen Nationalmuseums. Bezeichnenderweise geht es aber nicht hinein, sondern, in einem kleinen Spaziergang durch die schöne, das Museum umgebende Parkanlage, hinter das Nationalmuseum – wo man, nach einer kurzen Einführung in die Geschichte des Bezirk und die Abschnitte der Tour, auch die Statue des maßgeblichen Museumsgründers Graf Ístvan Szécheny besucht und erfährt, wie es zur Gründung des Museums kam, und welcher Geist unter den reformwilligen Aristokraten dieser Zeit herrschte – 1844, 4 Jahre vor der versuchten Revolution. Es folgt ein kurzes Frage- Antwort- Spiel, wie es dergleichen immer wieder geben wird, die Teilnehmer sollen sich kennenlernen und einbringen. Und dann setzt sich der Zug in Bewegung – immer dem Mann mit der roten Mütze hinterher, 100, 200 Meter, bis es zum nächsten Haltepunkt kommt und die nächste Anekdote erzählt wird.

Baglyas, ein Mann von durchschnittlicher Größe und sportlicher Statur, in Jeans und Funktionsjacke, erzählt spannend und pointiert: vom katastrophalen Hochwasser 1838, einem entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte des Bezirks, vom Erfinder des Sicherheitsstreichholzes und wie er von einem findigen österreichischen Unternehmer übers Ohr gehauen wurde, vom Palastbezirk, einst der unter der Aristokratie und dem entstehenden Bürgertum begehrteste Wohnort, vom Weltkrieg, der die meisten historischen Gebäude zerstört (und natürlich zahlreichen Bewohnern das Leben gekostet) hatte, oder vom Rákosi-Regime, das anstelle der „bourgeoisen“ Residenzen einen bombensicheren Bunker inklusive zentralem Funküberwachungssystem „wieder“aufbaute.

Später geht es zum staatlichen Fernsehsender, wo 1956 der erste Freiheitskämpfer niedergeschossen wurde, zum Roma-Parlament, einem selbstverwalteten Sozial- und Kulturzentrum, wo auch eine Kunstausstellung von Roma-Künstlern zu sehen ist. Die Tour endet in der Wohnung von Éva Néni und Kis Kálmán, einem Roma-Ehepaar, das mit warmem Tee und Herzlichkeit empfängt, ein paar Stücke auf der Geige vorführt und Small-talk mit den Gästen betreibt.

Reich und arm

Der achte Bezirk, das ist ein Stadtteil voller Widersprüche. Der ehemalige Palastbezirk gehört inzwischen wieder zu den begehrtesten – und teuersten – Wohngegenden Budapests. Jenseits des József-körúts herrscht jedoch immer noch spürbare Armut, die man etwa an den heruntergekommenen Markthallen erahnt und an den alten Häuserfassaden, die noch immer Einschusslöcher der Maschinengewehrsalven von 1956 sieht. „Natürlich gibt es hier auch soziale Probleme“, sagt Baglyas später im Café. Geringe Einkommen, viel Arbeitslosigkeit. Eine Menge älterer Menschen, die keinen Job mehr bekommen und an Krankheiten und Altersschwäche leiden. Niedrige Bildung, wenig ausgebildete kommunale Strukturen, die Zusammenhalt schaffen könnten, und eine Heerschar an Wohnungslosen.

Das hat allerdings einen anderen Grund, als man zunächst vermutet: Im Bezirk sind die meisten Obdachloseneinrichtungen. Überhaupt wird in Jozsefvaros mehr Geld in die Sanierung und in soziale Projekte gesteckt als irgendwo sonst. Prostitution gibt es hier so viel oder so wenig wie in vielen anderen Bezirken auch. Und in Sachen Kriminalitätsrate ist der Bezirk vorbildlich: er hat eine der geringsten der ganzen Stadt. Baglyas erzählt von Bekannten, die im Park abends ein, zwei Bier trinken wollten. Sie saßen noch keine zehn Minuten, dann kam die Polizei, um sie in die umliegenden Lokale zu bitten; das Konsumieren alkoholischer Getränke in der Öffentlichkeit sei verboten. Der 8. Bezirk macht mit am extensivsten Gebrauch von Überwachungskameras – so viel Sicherheit ist fast wieder zum Fürchten.

Das Spektakel Kriminalität

Dennoch halten sich die Gerüchte über die ghettoartigen Zustände in dem Stadtteil hartnäckig. Das liegt an Filmen wie „Nyócker“, aber vor allem an der täglichen Medienpräsenz. Jedes Ereignis, das nach Kriminalität oder Prostitution riecht, wird von den Medien schön breitgetreten; denn was man sowieso schon weiß, liest man immer noch am liebsten, und bei den ganzen Berichten über die brutalen Zustände anderswo fühlt sich die eigene Trostlosigkeit umso heimeliger an.

Auch die ungarische Garde ist ja bekannt dafür, auf der Welle der Kriminalität zu reiten, um ihre Popularität zu erhöhen. Kurz nach Gründung der Garde gab es im 8. Bezirk eine Massenschlägerei, an der auch Roma beteiligt waren. Schnell fühlte sich die Garde dazu berufen, mit ihrem martialischen Auftreten wieder für etwas ungarische Sicherheit zu sorgen. Doch der damalige Bürgermeister des Bezirks, Béla Csécsei, schrieb ihnen einen Brief, in dem er klarmachte, dass es im Bezirk immer gelungen sei, Konflikte auf friedliche Art zu lösen, und dass die Garde die Gewalt eher anstacheln als befrieden würde. Woran es auch immer liegt, ein Aufmarsch der Garde im 8. Bezirk blieb bisher aus.

Józsefváros – ein Projekt der Aufklärung

Eines aber war der 8. Bezirk, bei allen anderen Widersprüchen, schon immer: Multiethnisch. Die Besiedelung des heutigen Bezirks begann 1710, als eine kleine Ansammlung von Viehtreibern, bald aber auch Handwerkern nicht weit außerhalb der damaligen Stadtmauern eine Siedlung gründeten. Das Gebiet entwickelte sich rasch und sollte 1777 den heutigen Namen bekommen: Józsefváros. Das entsprechende Gesuch beantwortete Kaiserin Maria Theresia mit der Bedingung, dass sich in der neuen Siedlung Handwerker aller 15 Nationalitäten bzw. Minderheiten – Roma, Juden, Serben, Deutsche etc. - niederlassen sollten.

Józsefváros entwickelte sich durch diese handwerkliche Kompetenz zum Bauherren der ganzen Stadt, was sich 1838 nach der Flut, als zum Wiederaufbau eigens eine große Ziegelbrennerei erbaut wurde, noch einmal intensivierte. Und sogar die Aufwertung Ungarns von der Reichsprovinz zum gleichberechtigten Königreich 1867 ist zum Teil dieser multiethnischen Kompetenz zu verdanken. Denn den Aufbau des ersten Parlamentsgebäudes Ungarns – das ebenfalls im 8. Bezirk steht – innerhalb von nur vier Monaten machten die Österreicher zur Bedingung für diesen politischen Schritt. Das gelang nur, so erzählt es zumindest Baglyas und so kann man es ihm glauben oder nicht, weil es die in unterschiedlichen Traditionen wurzelnden Künste der Handwerker des Bezirks vermochten, diese Aufgabe zu leisten.

Entwicklung und Verdrängung

Auch die Zukunft malt, daraufhin befragt, Gyuri Baglyas in schönen Farben. Durch den Zuzug wohlhabender Bürger und Unternehmen in den ehemaligen Palastdistrikt würde viel Geld in die Kassen des Bezirks gespült, was dieser wiederum für soziale Projekte und Sanierungsmaßnahmen auch im andern Teil des Bezirks ausgeben könne. Die Arbeitslosigkeit würde sinken, der Tourismus zunehmen, der Bezirk florieren... Baglyas weiß, wovon er spricht, er hat Sozialpolitik studiert. Doch er kennt auch die Folgen, die diese Entwicklung für andere haben wird. Denn die Mieten werden nicht nur im westlichen Teil steigen, sondern, sind die ganzen Sanierungsmaßnahmen einmal Realität geworden, auch im Osten.

Diejenigen, die heute dort leben, und die keinen Anschluss an die neuen Entwicklungen finden werden – und das werden sie nicht, weil auch die neuen Unternehmer in der Mehrzahl keine Roma oder Obdachlosen beschäftigen wollen – müssen dann umziehen, hinaus in die Vorstädte, die noch billiger sind, oder in Nischen, die sie finden müssen, oder, wenn es derer keine mehr gibt, in Obdachlosenheime. „Darauf wird jede Sanierungsmaßnahme letztlich hinauslaufen. Das ist der normale ökonomische Kreislauf“, versucht Baglyas zu relativieren. „Jeder ist jetzt für sich selbst verantwortlich, und wer sich weigert, in die eigene Bildung und die finanzielle Situation zu investieren, der muss die Konsequenzen tragen“, fügt er, jetzt energisch werdend, noch hinzu. Das so friedliche Bild, das Baglyas eben noch vom Nyócker zeichnete, bekommt wieder die alten Schatten.

Frederic Heine

Infos unter www.beyondbudapest.hu
Touren kosten 3500 HUF (ca. 14 €); nach Möglichkeit eine Woche im Voraus reservieren. Andere Anbieter thematischer Rundwanderungen:
www.imaginebp.hu oder www.artur.org.hu
 

 

 

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