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(c) Pester Lloyd / 03 - 2010 OSTEUROPA 19.01.2010
Tabula rasa in Bukarest
Rumänien will in einem Jahr bis zu 100.000 Angestellte des öffentlichen Dienstes abbauen
Die Bukarester Ministerien rechnen die Zahl der einzusparenden Stellen nur mehr zu Zehntausenden. Alles geschieht Hals über Kopf, einen wirklichen
Abwicklungsplan gibt es nicht. Während Gewerkschaften alarmiert sind, empfehlen Medien und Arbeitsamt den Weg ins Ausland. Ein Zusammenbrechen des Staates befürchtet dennoch niemand, man ist Kummer
gewohnt in Rumänien.
Die für dieses Spark-Projekt verantwortlichen Politiker erklären, dass es nicht in
erster Linie die Notkreditgeber vom Internationalen Währungsfonds gewesen seien, die diese rigide Sparmaßnahme gefordert haben. Ursprünglich sollten aufgrund
dringend notwendiger Sparmaßnahmen rund 80.000 Angestellte den öffentlichen Dienst bis Ende 2010 verlassen, doch der Finanzminister des Landes, Sebastian
Vladescu, meint, dass es bis zu 100.000 werden könnten.
Der überdimensionierte Parlamentspalast in Bukarest. Politiker überlegen ernsthaft, aus dem
Ceauvescu-Monster eines der größten Shopping-, Kongress- und Entertainmentcenter Europas zu machen. Denn so kostet er nur Geld, bringt aber keins.
Dass der Großteil der Stellenstreichungen durch "natürliche
Fluktuation" zu schaffen sein wird, glauben zwar nicht einmal die Kabinettsmitglieder, der Finanzminister behauptet es aber trotzdem. Verkehrsminister Radu Berceanu kündigte hingegen an,
dass er 10.000 Mitarbeiter seines Ressorts kündigen muss, um die Planzahlen zu erreichen. Die meisten sollen bei der Cargo Abteilung der rumänischen Bahn gehen, das sind 6.500, weitere
1.800 Stellen werden beim Personenverkehr gestrichen, nur die U-Bahn bleibt vorerst ungeschoren, zumindest solange sie ausgebaut
wird. Abfindungen soll es dabei nur für diejenigen geben, die keinen neuen Job finden, was die Arbeitssuchbereitschaft sicher in die Höhe treiben wird.
Das Innenministerium werden rund 17.000 Menschen verlassen müssen, besser
gesagt, die an dieses zentralistische Monsterministerium angeschlossenen Lokalverwaltungen. Der Minsiter Vasile Blaga hat drei Szenarien ausgearbeitet, die
er in der nächsten Regierungssitzung vorlegen will, um klar zu machen, welche Konsequenzen die Maßnahmen haben könnten. Schon jetzt beklagen sich etliche
Städte und Gemeinden über einen enormen Mangel an Lehrern. Die Abwanderung von Ärzten und hochqualifiziertem Personal ist ein weiteres großes Problem.
Rumänische Medien rechnen indes die Jobchancen der Entlassenen auf dem
europäischen Arbeitsmarkt aus und kommen zu dem Schluss, dass es ja möglich sein müsste, von einem Gehalt im Westen von rund 1.000 Euro die Hälfte nach
Hause zu schicken, womit allen geholfen wäre. Das Arbeitsamt veröffentlicht verschiedene Jobangebote. Da werden ein paar hundert Erntehelfer in Spanien und
Dänemarkt gesucht, aber auch qualifizierte Techniker, z.B. in Großbritannien oder etliche Ärzte und Pflegepersonal in Deutschland. Finnland sucht Holzfäller, Österreich Automechaniker.
Rumäniens öffentlicher Dienst ist zweifllos aufgebläht und längst nich annähernd
zeitgemäß, auch ein Erbe Ceaucescus. Eine umfassende Reformierung war überfällig, wurde bisher aber in einer Art parteiübgreifendem Sozialkonsens
vermieden, man wusste schlicht nicht, wohin mit den Massen. Das geht nun nicht mehr, die Reformstaumauer wurde durch die Krise und die daraus folgende
Finanznot eingerissen. Der Staat wird deshalb nicht zusammenbrechen, doch soziale Härten werden steigen. Ob die Empfehlung, die gut Qualifizierten könnten ja ihr
Glück in der EU suchen, dem Land helfen wird, ist jedoch stark zu bezweifeln.
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