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(c) Pester Lloyd / 33 - 2010  POLITIK 20.08.2010

 

Doppelpass mit Blutgrätsche

Nationale Identität zwischen Pappdeckeln: Ungarn und das neue Staatsbürgerschaftsrecht

Glaubt man der ungarischen Regierung, werden ab kommendem Jahr hunderttausende Landsleute formal in den Schoß Ungarns zurückkehren können, Dank eines neuen Gesetzes der nationalkonservativen Mehrheit im Parlament. Dass dieser Pass für die meisten wenig praktischen Nutzen umfasst, den nachbarschaftlichen Beziehungen dafür aber viel Ärger brachte und noch bringen kann, ficht die Macher nicht an, Wille und Symbolismus im Kampf um den Erhalt des "Ungarntums" überwiegen. Nun werden die Trommeln gerührt, denn es wäre blamabel, wenn man auf den Pappen zweiter Klasse sitzenbliebe.

Die ungarische Regierung wird im Oktober eine umfangreiche "Informationskampagne" zum neuen Staatsbürgerschaftsrecht starten, die mögliche Antragsteller über ihre Rechte und Pflichten zur Erlangung der ungarischen Staatsbürgerschaft informieren soll. Nach dem neuen Gesetz hat dann jeder, der eine ungarische Abstammung (Blutlinie), genügende Kenntnisse der ungarischen Sprache nachweisen kann, nicht vorbestraft ist und kein Sicherheitsrisiko für das Land darstellt, das Recht, binnen drei Monaten den ungarischen Pass zu erhalten. (schon hier stellt sich die Frage, warum ein vorbestrafter Ungar kein Ungar sein darf?, nicht die einzige Unklarheit im Gesetz...) Dazu will das Innenministerium eine entsprechende Webseite einrichten, bei der auch gleich Anträge heruntergeladen werden können, "Presse-Briefings" durchführen und andere Informationsveranstaltungen in den Ländern mit ungarischen Minderheiten abhalten. Das entsprechende Büro wird Mitte Oktober eröffnet und soll "rund 200 Menschen Arbeit" bieten, wie betont wird.

Geliebte, verwandte Nachbarn können auch Bedrohung sein

Die Regierung geht von 250.000 bis 400.000 Anträgen im ersten Jahr aus, könnte sich damit aber auch sehr täuschen. Immerhin berechtigt der an die ethnischen Brüder und Schwestern ausgegebene Pass weder zur Inanspruchnahme von Sozialleistungen in Ungarn, noch wird ihnen das aktive oder passive Wahlrecht gewährt. Zu beidem müssten Wohnsitz und Steuerpflicht nach Ungarn verlegt werden, vor allem letzteres werden sich vor allem die ersparen, die etwas zu versteuern haben. Nach inoffiziellen Angaben laufen derzeit - also nach altem Recht - nur einige wenig hundert Anträge auf Erlangung der ungarischen Staatsbürgerschaft, gerade knapp 200 aus der Slowakei.

Lediglich für Angehörige der Vojvodina (Serbien) und der Karpato-Urkaine könnte der Pass überhaupt attraktiv sein, immerhin werden diese so umstandslos zu Bürgern der EU, was aber wiederum Probleme in den Ländern bringen wird, Neid und Missgunst sind bekanntlich keine guten Nachbarn. Ob aber die Liebe zur alten Heimat und gesamtmagyarischer Patriotismus oder dann viel mehr die Möglichkeit des Reisens und Arbeitens im "Westen" die Motivation für die Neuen darstellen, sei dahingestellt. Slowaken und Rumänen, die zahlenmässig die meisten ethnischen Ungarn bei den Nachbarn stellen, sind ohnehin in der EU, erstere sogar im Schengen-Raum, genießen also jede denkbare Freizügigkeit. Etliche slowakische Ungarn arbeiten z.B. in der Autozuliferindustrie im Norwesten Ungarns und anderswo, sie waren - Landsleute hin oder her - in der Krise auch die ersten, die ihre Zeit-Jobs wieder verloren. Man darf nicht vergessen, dass rumänische, serbische und slowakische Ungarn eine reale Bedrohung für die Arbeitsplätze der Einheimischen darstellen können.

Register auf der Orbánschen Propagandaorgel

Das Gesetz über die erweiterte Staatsbürgerschaft ist also von fraglichem sozialen und ökonomischem Nutzen und Einfluss, hat Ungarn aber schon großen Ärger mit der Slowakei eingebracht und seinen Ruf in Europa nicht unbedingt erhellt. Die Slowaken sahen in dem neuen Gesetz - freilich auch nationalistisch überbetont - einen Angriff auf die Souverenität und Staatlichkeit des Landes gesehen, sozusagen einen Doppelpass als Blutgrätsche. Immerhin gibt es solche oder ähnliche Gesetze auch in anderen Ländern, man denke nur an jene Ex-Jugoslawiens, die Drohung der Slowaken, jeden Antragsteller sofort des slowakischen Passes zu berauben, war eine maßlose Übertreibung.

Wer allerdings, wie z.B. auch der Korrepsondent der renommierten Franfurter Allgemeine, so tat, als würde Ungarn lediglich internationalen Gepflogenheiten folgen und sich weigert darzustellen, dass das ganze Nationalgefasel eigentlich ausschließlich zur Machtischerung im Inneren diente, handelte unseriös. Auch, wenn ein in der Zeitung fast zärtlich befragter Außenminister Martonyi jeden Revanchismus von sich wies, die Zeichen in Ungarn sprechen gegen ihn. Sicher sind die Ungarn in den Nachbarländern keine 5. Kolonnen, aber sehr wohl - ob sie übrigens wollen oder nicht - ein Register auf der Orbánschen Propagandaorgel.

Die Slowaken hatten auch kein Fettnäpfchen ausgelassen

Die Slowakei - unter Fico und Slota - hatten Ihrerseits auch kein Fettnäpfchen ausgelassen, ihre europäische Unreife zu demonstrieren, und u.a. ein "Gesetz zum Schutz der slowakischen Sprache" varabschiedet, dass Ungarn als Verstoss gegen die Rechte der ethnischen Minderheiten zum freien Gebrauch ihrer Sprache einstufen musste und international erfolglos bekämpfte. Der damals besonders laut agierende Premier Robert Fico ist mittlerweile jedoch abgewählt, der ungarnhassende Schreihals Slota abgemeldet, die konservative Nachfolgekoalition gesprächs- und komromissbereiter, wenn auch sehr zerbrechlich. Wie es nun aussieht, hat man sich im Nachbarland mit den Gegebenheiten abgefunden und hofft nun, weitere Provokationen durch Kommunikation ersetzen zu können.

Unabhängig dieser bilateralen Zerwürfnisse und der berechtigten Zweifel am praktischen Nutzen dieser erweiterten Staatsbürgerschaft, feiern die Erschaffer des Gesetzes sich und ihre Idee weiterhin überschwenglich. Zur Eröffnung der (ersten) "Ungarischen Tage" in Cluj (18.-22.8.), Rumänien, eine Art Hauptstadt des ungarisch (früher auch deutsch) geprägten Siebenbürgen, sprach ein hoher Vertreter des ungarischen Außenministeriums am 18. August von "einem Neubeginn" in den Beziehungen zur "Ungarnschaft", der "Notwendigkeit" und Willen zum "nationalen Zusammenhalt" dokumentiert.

Bei diesem Treffen betonten die Ungarn-Vertreter von beiden Seiten der Grenze, dass nur die "Erlangung von Kollektivrechten" die weitere Reduktion und Assimilisation der Minderheit verhindern könne. Dabei steht - neben vielen anderen - die Frage unbeantwortet im Raum, ob bei der Assimilisation der Minderheiten tatsächlich noch staatliche Diskriminierungen einen so großen Anteil tragen oder ob es sich nicht einfach um den natürlichen Lauf der Dinge handelt, den so viele hierzlande schwer akzeptieren können. Es könnte sogar sein, dass man den Ungarn bei den Nachbarn (Stichwort kulturelle und lokale Autonomie) einen Bärendienst erweist.

Am Ende dürfte jedenfalls die ernüchternde Erkenntniss stehen, dass die ganze Passgeschichte im praktischen Leben nichts verändert hat, ein paar hundert weitere Bürokraten ernährt, Ärger mit den Nachbarn heraufbeschwor und den Regierenden als dauerhafte Wahlkampagne auf Steuerkosten dient. Ein hoher Preis für Pappdeckel zweiter Klasse.

-red. / ms.

Zum Thema:

Eiszeit an der Donau - Mai 2010
Ungarn beschließt "Trianon-Pass", Slowakei droht mit Ausbürgerung von Antragstellern.
http://www.pesterlloyd.net/2010_21/21trianonpass/21trianonpass.html

Stellvertreterkrieg - Mai 2010
Eskalation zwischen Slowakei und Ungarn wegen doppelter Staatsbürgerschaft
http://www.pesterlloyd.net/2010_19/19slowakei/19slowakei.html

Hintergrund:

Nein! Nein! Niemals!! - KOMMENTAR - Aug 2010
Bremsender Nationalballast: Ungarn und das Erbe von Trianon
http://www.pesterlloyd.net/2010_32/32kommentartrianon/32kommentartrianon.html

 

 

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