Mit Viktor Orbáns Sturz verliert die internationale Rechte einen der stärksten Verbündeten wie auch ihr europäisches Vorzeigemodell. Die Reaktionen reichen von pflichtschuldiger Höflichkeit bis zu offenen Phantomschmerzen.
Budapest. Der Wahlsieg von Péter Magyar ist auch eine internationale Zäsur für die Rechte. Mit dem Ende von Orbáns 16-jähriger Herrschaft und der Zweidrittelmehrheit für TISZA bricht dem internationalen Rechts- bis Rechtsaußen-Lager ein zentrales Machtzentrum weg – jenes Labor, in dem man beobachten konnte, wie man Medien, Justiz, Wahlrecht und Staatsapparat formt, ohne den demokratischen Anstrich gänzlich abzuschleifen. Dass Orbán verlor, war für Trump, Vance, Kickl, Meloni, Fico und die übrigen Bewundererdie schwere Niederlage eines Partners und der Zusammenbruch eines Modells.
Am unerquicklichsten klingt es in Prag. Ex-Präsident Václav Klaus erklärte in einem offenen Brief, mit Orbáns Niederlage verschlechtere sich die Lage nicht nur Ungarns, sondern ganz Europas. Orbán sei einer der letzten europäischen Politiker gewesen, der konsequent für Freiheit und Souveränität eingetreten sei. Das ist die alte Chiffre der illiberalen Internationale: Mit „Freiheit“ ist der Abbau liberaler Gegengewichte gemeint, mit „Souveränität“ das Recht, europäische Regeln nur dann zu achten, wenn sie dem eigenen Machtapparat nützen.
In Wien fiel der Schmerz kaum weniger theatralisch aus. Herbert Kickl, der Orbán seit Jahren als Blaupause verkauft, lobte nach der Niederlage dessen „historische Verdienste“ bei Grenzschutz, Kampf gegen „EU-Zentralismus“ und gegen den von ihm sogenannten „LGBTIQ-Kult“. Der Kurier spricht deshalb zu Recht von einer „krachenden Niederlage“ auch für Kickl. Wer in Österreich permanent „Machen wir’s dem Orban nach!“ ruft, steht nun vor dem unerquicklichsten Detail jeder politischen Imitation: dem Original ist die Wählerschaft davongelaufen.
In Rom und Paris bemühte man sich um Schadensbegrenzung. Giorgia Meloni dankte ihrem „Freund Viktor Orbán“ für die Zusammenarbeit und stellte in Aussicht, er werde seinem Land auch aus der Opposition dienen. Frankreichs Rassemblement National formulierte ähnlich vorsichtig und vermied jede offene Panik. Das ist aufschlussreich. Orbáns Partner wissen sehr genau, dass sein Sturz symbolisch weit über Budapest hinausreicht. Orbán war für sie der Beweis, dass man die EU von innen blockieren, Russland freundlich behandeln, innenpolitisch einen Kulturkampf inszenieren und sich dafür auch noch als „Souveränist“ feiern lassen kann. Dieser Beweis ist seit Sonntag beschädigt.
Aus Bratislava kam kein Wehklagen, sondern ein politisch aufschlussreiches Ausweichmanöver. Robert Fico gratulierte bereits dem Sieger Péter Magyar und erklärte seine Bereitschaft zur „intensiven Zusammenarbeit“, verbunden mit Lob für Orbáns bisherige Verdienste. Auch der Kreml bemühte die Sprache pragmatischer Routine. Dmitri Peskow sagte, Moskau respektiere die Wahl und hoffe auf weiterhin „hochgradig pragmatische“ Beziehungen. Wo man gestern noch auf einen verlässlichen Störenfried in der EU bauen konnte, redet man heute plötzlich technokratisch. Das klingt nicht nach Gelassenheit, sondern nach Schadensbegrenzung.
In Washington bleibt es ziemlich still. Die Trump-Administration, die Orbán offen unterstützt hatte und JD Vance sogar nach Budapest zum Wahlkampf schickte, reagierte zunächst nicht. Gerade diese Leerstelle ist beredt. Orbán galt in MAGA-Kreisen als Musterfall eines rechten Staatsumbaus – als Beweis, dass man kulturelle Polarisierung, Feindbildpolitik und institutionelle Aushöhlung erfolgreich miteinander verbinden kann. Dass selbst diese massiv unterstützte Konstruktion in Ungarn unter Rekordbeteiligung kollabierte, hat Signalwirkung weit über das Land hinaus. Der Independent sprach bereits vom „kiss of death“ durch Trumps Unterstützung, AP von deutlichen Nachwirkungen für Trump und die US-Konservativen.
Das Gegenbild formulierte ausgerechnet Friedrich Merz in Berlin ungewöhnlich klar. Der Kanzler sprach von einer schweren Niederlage des Rechtspopulismus und sah in der ungarischen Wahl ein Signal, dass demokratische Gesellschaften widerstandsfähiger seien, als es die Kreml-Propaganda und ihre westlichen Verstärker gern behaupten.
Das ist der eigentliche Nerv dieses Wahlabends. Nicht bloß Orbán ist gefallen. Gefallen ist auch die Behauptung, das ungarische Modell sei zwangsläufig die Zukunft Europas. Die internationalen Rechten verlieren in Budapest ihr Schaufenster, ihr Versuchslabor und ihren stärksten Mythos zugleich. Der Rest ist nun Trauerarbeit, schreibt der Independent.
Quellen: Reuters, AP, The Guardian, The Independent, Kurier
Photo: Trump mit Orbán zu besseren Zeiten, The White House











