Zu Besuch in der Public Library von Antonia Burrows in Budapest
Budapest. Auf der Suche nach einem Ort, der dem ungarischen Buch-Mainstream trotzt, treffe ich Antonia Burrows, 77, in ihrer eigenen Bibliothek zwischen ihren Büchern zum Interview. Antonia, ursprünglich aus England stammend, studierte Politikwissenschaft an der London School of Economics. Bevor sie in Ungarn lebte, reiste sie seit den 1970er-Jahren regelmäßig in das damalig sozialistische Ungarn, wo sie enge persönliche Bindungen aufbaute und ihren Lebensmittelpunkt fand.
Politisch geprägt wurde sie durch die Protestbewegungen ihrer Generation. Zwischen 1975 und 1980 lebte sie in München, wo sie erstmals Teil der Aktivistenszene wurde. Nach ihrer Rückkehr nach Großbritannien Anfang der 1980er-Jahre – während der Regierung Margaret Thatchers – war sie Teil einer aktiven Hochschulbewegung, engagierte sich intensiv in Studierenden-, Frauen- und Solidaritätskampagnen.
Ende der 1980er-Jahre zog Burrows nach Ungarn, wo ihr bewusst wurde, dass die offiziell propagierte Gleichberechtigung im sozialistischen Ungarn, ihren Erfahrungen zufolge, in der Praxis kaum umgesetzt wurde. In Budapest arbeitete sie als Sprachdozentin und beteiligte sich in den frühen 1990er-Jahren an der Gründung einer feministischen Organisation, engagierte sich 1991 und 1992 erfolgreich gegen ein Abtreibungsverbot und bewirkte später den Aufbau erster Hilfsstrukturen für von Gewalt betroffene Frauen mit. Im Jahr 2000 zog sie für längere Zeit in die USA, bevor sie ihre Verbindung zu Ungarn erneut aufnahm und ihre „Public Library“ gründete.
Ich habe Politikwissenschaft studiert, aber ich habe viel mehr praktisch als theoretisch gearbeitet. Es gab einfach so viel zu tun

Antonia, welche Identität hat diese Bibliothek und was ist ihre Geschichte?
Ich habe 15 Jahre lang gebraucht, um all diese Bücher hier zu sammeln. Einige habe ich schon seit meiner Kindheit. In Kalifornien habe ich angefangen, gezielt Bücher zu sammeln, von denen ich wusste, dass es sie hier nicht gibt. Als ich dann beschlossen habe zu gehen, habe ich meine Wohnung verkauft, alles eingepackt und die Bücher hergebracht. Ich habe diesen Ort 2015 gefunden – es war eine komplette Ruine – ihn renoviert und das war’s.
Diese Bibliothek ist nicht im klassischen Sinne „public“, da sie nicht vom Staat unterstützt wird. Sie ist viel mehr „public“ durch ihre offene Community Funktion- es ist eine Community-Bibliothek. Das heißt, sie funktioniert tagsüber als Bibliothek und abends als Gemeinschaftsraum und Treffpunkt für Austausch. Unter Fidesz lief es für Frauen und die Zivilgesellschaft insgesamt nicht gut. Ich wollte einen Ort schaffen, an dem Frauen sich immer willkommen fühlen, gerade weil es gesellschaftlich schwierig war. Ein Raum, in dem Menschen – Frauen, LGBTIQ-Personen, alle – einfach sein können, sich treffen und vielleicht die nächste Revolution planen können. Ich betreibe diesen Ort allein, aber mit Freiwilligen. Finanziert wird er durch Mitgliedschaften für das Ausleihen von Büchern und durch die Vermietung der Räume. Bücher können für zwei Wochen ausgeliehen werden, gegen eine Kaution, weil ich sie nicht ersetzen kann. Da wir keine externe Finanzierung haben, ist das Vermieten der Räume entscheidend, um alles am Laufen zu halten. Ich kann die Räume also vermieten und darüber Einnahmen erzielen, denn wir haben keinerlei externe Förderung, weil wir genau die Art von Ort sind, die wir sind. Ich habe Politikwissenschaft studiert, aber ich habe viel mehr praktisch als theoretisch gearbeitet. Es gab einfach so viel zu tun
Das eigentliche Problem ist jedoch die Kluft zwischen der intellektuellen Schicht und den sogenannten „alltäglichen Frauen“

In Ungarn gibt es nicht die Möglichkeiten, geeignete Bücher für diese Bibliothek zu beschaffen?
Wenn ich nach England zurückgehe, besuche ich Secondhand- und Charity-Buchläden, um Bücher zu finden, die hier wahrscheinlich nicht übersetzt werden, die aber meiner Meinung nach verfügbar sein sollten.
Budapest ist sehr anders als der Rest des Landes, weil sich hier die Intellektuellen und Universitäten konzentrieren. Viele von ihnen stehen nicht hinter der Regierung, aber es entsteht trotzdem eine Art urbane Blase, in der bestimmte liberale Ideen zwar bekannt sind, aber nicht unbedingt breite gesellschaftliche Wirkung entfalten. Das eigentliche Problem ist jedoch die Kluft zwischen dieser gebildeten Schicht und den sogenannten „alltäglichen Frauen“, die oft keinen Zugang zu internationalen Diskursen oder englischsprachigen Quellen haben. Für sie bestimmen vor allem staatliche Medien und soziale Netzwerke die Wahrnehmung von Gesellschaft und Geschlechterrollen. Feministische Inhalte bleiben dadurch häufig abstrakt oder fremd, fast wie aus einer anderen Welt. Es gibt zwar akademische feministische Debatten, doch sie erreichen viele ungarische Frauen nicht im Alltag.
Deshalb braucht es neue Formen der Vermittlung – etwa durch zugängliche Bücher und Übersetzungen klassischer feministischer Texte , um überhaupt eine breitere Diskussion über Frauenrechte und Lebensrealitäten in Ungarn zu ermöglichen.
In Ungarn gibt es gesetzliche und strukturelle Einschränkungen in Bezug auf LGBTIQ-Inhalte in Büchern. Diese dürfen beispielsweise nur unter bestimmten Bedingungen verkauft werden. Welche Herausforderungen und Bedrohungen erleben sie in ihrer Arbeit?
Weil ich keine Bücher verkaufe und alles auf Englisch ist, laufen wir größtenteils unter dem Radar. Aber es gab Vorfälle. Während des Pride Month zum Beispiel wurden wir bei verschiedenen Events hier in dieser Bibliothek belästigt. Unter anderem einmal, als ein Mann die ganze Zeit still mit uns im Raum war und am Ende eine Rede darüber gehalten hat, wie kaputt wir als Gruppe sind und dass wir hier nicht existieren sollten. Bei anderen Gelegenheiten sind Menschen in feministische oder LGBT-Veranstaltungen gekommen und haben angefangen zu schreien. Das war sehr einschüchternd.
Bei einer Veranstaltung im Zusammenhang mit Black Lives Matter, bei der wir Plakate für die Demonstration gestalteten, kam eine Gruppe junger Männer herein, zuerst sehr ruhig, sie begannen, alles zu beobachten, zu filmen und zu fotografieren. Später haben wir entdeckt, dass sie an den Wänden Nazi-Symbole hinterlassen haben und dass die Plakate, die sie neben uns für die Demo gestalteten, sich auf extremistische Figuren bezogen. Es stellte sich heraus, dass die zitierten Personen auf ihren Demoschildern Personen waren, die das Töten von Juden propagierten. Sie waren bedrohlich interessiert an allem hier – sie zeigten auf die Stellen, wo feministische Theorie und LGBTIQ-Bücher stehen, und filmten alles mit ihren Kameras.
Mittlerweile kommen Polizeibeamte während des Pride Month und stehen außerhalb des Gebäudes, nur um sicherzustellen, dass nichts passiert. Es gibt Schutz, aber auch ein ständiges Bewusstsein, dass es Feindseligkeit oder Überwachung geben kann.
Ich bin diesem Land absolut verbunden, weil ich so wunderbare Freundinnen und Freunde hatte. Mittlerweile sind einige von ihnen zu Fidesz gewechselt – Menschen in meinem Alter
Welche Konsequenzen fürchten Sie heute noch – leben Sie noch in Angst oder hat sich Ihr Sicherheitsgefühl im Laufe der Zeit verändert?
Ich bin unglaublich privilegiert, dass ich keine Ungarin bin. Und deshalb können sie mir eigentlich nichts wirklich anhaben, außer mir die Aufenthaltserlaubnis zu verweigern, die ich jedes Jahr beantragen muss. Ich habe meine eigene Wohnung und bin finanziell abgesichert und kann diesen Ort unterstützen. Außerdem baue ich eine Stiftung auf für die Zeit, wenn ich nicht mehr bin.
Ich fühle mich heute in einer viel sichereren Position als jüngere feministische Frauen in Ungarn, die unglaublich mutig und aktiv sind. Ich glaube nicht, dass ich wirklich noch ein Ziel bin – das war in den 1990er-Jahren anders, als alles viel schwieriger und feindlicher für mich war. Ich bin diesem Land absolut verbunden, weil ich so wunderbare Freundinnen und Freunde hatte. Mittlerweile sind einige von ihnen zu Fidesz gewechselt – Menschen in meinem Alter

Erzählen Sie mir von Ihren Besucher*innen – wie erfahren die Menschen von diesem Ort?
Viele Menschen kommen hierher und sagen, dass sie nicht einmal wussten, dass dieser Ort existiert. Ich bin ziemlich nutzlos bei Social Media, also verlasse ich mich auf zwei Freiwillige, die die Facebook-Seite, Instagram und den Newsletter betreuen und die Veranstaltungen ankündigen. Das eigentliche Leben dieses Ortes findet abends statt. Wir haben feministische Filmabende, LGBT-Filmabende, politische Treffen, Buchclubs – meist einmal im Monat, manchmal öfter. Die Filmabende sind auf Englisch, die LGBT-Veranstaltungen auf Ungarisch, sodass wir unterschiedliche Zielgruppen erreichen.
Dieser Ort ist für manche Menschen nicht radikal genug, da bin ich mir sicher. Ich denke, er ist intellektuell radikal, aber es gibt immer unterschiedliche Erwartungen. Wir haben auch Verbindungen zu aktivistischen Gruppen, die diesen Ort als eine Art Basis genutzt haben.
Ich bewundere vor allem zwei Gruppen von Menschen: Künstlerinnen auf der einen Seite und Aktivistinnen auf der anderen. Und ich bin von beiden sehr bewegt, davon, dass es noch so viele Frauen gibt, die gegen dieses unmögliche System kämpfen.

Photos: Anna Katharina Breitling / Pester Lloyd
Lizenz: CC BY-SA 4.0, Bei Verwendung bitte als Quelle angeben:
Anna Katharina Breitling / Pester Lloyd – www.PesterLloyd.net
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